F95-Jahreshauptversammlung 2015: Wo geht’s lang, Fortuna?

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Wer sich wundert, dass offiziell mal von „Jahreshauptversammlung“ und mal von „Mitgliederversammlung“ die Rede ist, sollte sich einmal die Vereinssatung zu Gemüte führen, denn dort heißt es: „eine ordentliche Mitgliederversammlung als Jahreshauptversammlung“. Aber schon dieser Sprachgebrauch symbolisiert den inhaltlichen Riss, der durch diesen Verein geht. JHV ist ein Begriff, den man eher mit einer AG verbindet, was bei der Existenz eines „Aufsichtsrats“ auch naheliegt; dass sich heute Abend im CCD aber Mitglieder versammeln und keine Aktionäre, macht einen wesentlichen Unterschied: Die Mitglieder sind der Verein. Und die sind dank der Satzung, die seinerzeit von Fans erarbeitet wurde, der Souverän und haben entsprechende Mitwirkungsrechte. Um aber möglichem Populismus vorzubeugen, wurde auch die Macht der Gremien klar definiert. Und weil das so ist, sind irgendwelche dramatischen Ereignisse während der JHV kaum zu erwarten. Denn gewählt wird „nur“ der – allerdings immer stark unterschätzte – Wahlausschuss.

Den haben die Satzungsväter als eine Art regulierende Zwischeninstanz eingebaut, um zu verhindern, dass Populisten – von denen es ja in der F95-Historie einige gab – mit einer Mannschaft den Durchmarsch zelebrieren, indem sie dem Mitgliedervolk die Champions-League versprechen. Erstens selektiert der liebevoll WA genannte Ausschuss die Kandidaten, die von den Mitglieder überhaupt gewählt werden können, zweitens spricht er dabei Empfehlungen aus und drittens bestellt der WA drei der insgesamt neun Aufsichtsratssitze direkt. Das hat in der Vergangenheit immer dazu geführt, dass sich innerhalb des Aufsichtsrates Fraktionen bilden, die genau den Widerspruch repräsentieren, der die aktuelle Ära des Fußballs an sich repräsentieren. Hier diejenigen, die Fußball als Geschäft verstehen und sich selbst für Realisten halten, dort die eigentlichen Fans, denen Fußball Kultur und Heimat ist und die gern als Romantiker verunglimpft werden. Auch wenn letztere Position nicht immer von Personen vertreten wurden, die als „Fanvertreter“ betrachtet wurden, zieht sich dieser Konflikt von Beginn an durch dieses Gremium. Ja, manchmal geht die Grenzlinie auch durch einzelne Personen hindurch…

Verstärkt wurde die Teilung in Realos und Fundis vor allem durch die wirtschaftliche Situation der Fortuna unter dem Joch des Sportwelt-Darlehens, als dem Verein kaum noch der eigene Name gehörte. Ab etwa 2004 zogen daher in Sachen Finanzen fast durchweg alle Aufsichtsräte an einem Strang, der die finanzielle Gesundung bringen sollte. Folgerichtig wurde der Aufsichtsrat durch die Mitglieder, aber auch durch den Wahlausschuss vor allem mit Männern (Ja, mit Dagmar Starke gab es auch einmal eine Frau im AR, die aber von Männerseite teils heftig gemobbt wurde…) der Wirtschaft besetzt. Da war der vom Sportausschuss bestellte Vertreter eher der Exot, denn sowohl die vom WA bestimmten Aufsichtsräte, als auch die von den Mitgliedern gewählten wurden in der Regel wegen ihrer „wirtschaftlichen Kompetenz“ bestimmt. Wobei die manchmal auch darin bestand (siehe den zwischenzeitig Vertreter des Textildiscounters Kik), dass man von ihm Sponsorengelder erhoffte.

Und weil die schönste Stadt am Rhein ein Dorft ist, spielten auch die verschiedenen Klüngel immer eine Rolle. Im vergangenen Jahr spielten die Vereinsmitglieder bei den Wahlen der fünf von ihnen bestellten Aufsichtsräte nicht mit. Stattdessen kam es zu einer Protestwahl, mit der der alte Aufsichtsrat abgestraft wurde, der in einem Anfall von Hirnrissgkeit den Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Dirk Kall auf den gut dotierten Sessel des Vorstandsvorsitzenden hievte – den er, wie wir wissen, kürzlich räumen musste. In den AR befördert wurden dabei zwei von starken Fangruppierungen unterstützte Vertreter, während der grüne Bürgermeister Günter Karen-Jungen, der kommissarische AR-Vorsitzende Burchard von Arnim und der eher blass gebliebene Gastronom Gerd Röpke rausgekegelt wurden. Neuer AR-Vorsitzender wurde der ewige Marcel Kronenberg, der vor vielen, vielen Jahren auf dem Fanticket in den Rat kam und sich – absolut zurecht – als Wahrer der Historie versteht. Hineingewählt wurde aber auch Dr. Reinhold Ernst, der 2009 nach kurzer Amtszeit als AR-Vorsitzender spektakulär zurücktrat und seitdem mit der Legende lebt, er habe den Deal mit der Sportwelt zugunsten der Fortuna gedreht.

Plötzlich waren die Fraktionen durcheinandergkegelt, und Ex-Air-Berlin Vorturner Achim Hunold (vom WA bestellt) stand ohne Spießgesellen da. Dies wird nicht der einzige Grund dafür sein, dass seit dem Oktober 2014 die Arbeit dieses wichtigen Aufsichtsgremiums einigermaßen hinkt. Und daran kann auch die heutige JHV nichts ändern, denn es stehen keine Wahlen zum Aufsichtsrat an. Möglich wäre nur, dass ein oder mehrere Mitglieder des AR zurücktreten. Auch dann würde nicht nachgewählt, sondern Nachrücker kämen ins Spiel – und Nachrücker Nummer Eins ist der erwähnte Burchard von Arnim, der einst auf Empfehlung des Henkel-Mannes Albrecht Woeste ins Gremium kam. Mehr kann in Sachen AR nicht passieren. Und: In Sachen Vorstand – der nach dem erzwungenen Rücktritt von Dirk Kall nur noch aus Paul Jäger und Sven Mühlenbeck besteht – kann an sich auch nichts geschehen. Es sei denn, der angeschlagene AR zaubert einen neuen Vorstandsborsitzenden aus der Kiste…

Bleibt ein Ding, das sich abspielen könnten und die sich schon bei anderen ordentlichen Mitgliederversammlungen abgespielt haben. Die anwesenden Mitgliedern könnten dem Aufsichtsrat und den Vorständen ihr Misstrauen aussprechen, indem sie den betreffenden Personen die Entlastung verweigern. Das ändert an den Zuständen in den Gremien nichts, übt aber einen gewissen Reformdruck auf die Funktionsträger aus. Und der ist bitter notwendig, denn dank der Fixierung auf die finanzielle Gesundung und der sich daraus ergebenen Personalpolitik schlingert die Fortuna seit dem Abstieg aus der Ersten Liga konzeptionslos durch den deutschen Fußball. Und wie damals in der ganze dunklen Zeit der Vierten Liga und der Hochverschuldung sind es die aktiven, organisierten Fans, die einen Neuanfang fordern. Die Nichtentlastung der Gremienvertreter könnte es sein, die diesen Neuanfang auslöst – wenn, ja, wenn Aufsichtsräte und Vorstände wie Paul Jäger die Zeichen richtig deuten und durch Rücktritte den Weg frei machen für neue Konzepte und neue Köpfe. Darum wird es heute gehen.

Ach ja: Neu gewählt werden die fünf Mitglieder des Wahlausschusses, die sich am Montag den interessierten Mitgliedern vorstellten. Neben dem F95-Urgeistein Werner Sesterhenn tritt dabei auch einer der Satzungsväter an. Thomas Bollien dürfte deshalb die größten Chancen haben, die wichtigen Interessen derjenigen im WA zu vertreten, die die ganze Geschichte ab 2000 kennen.

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