Es ist das Privileg der Fans, nach einer solchen Partie zu schimpfen und zu fluchen. Ja, sogar Spieler und Trainer zu beschimpfen und Entlassungen zu fordern. Das kommt während des Spiels und danach aus dem Bauch, das ist durchweg irrational und hilft deshalb nicht weiter. Zum üblichen Ritual gehört auch, damit zu drohen, beim nächsten Mal nicht mehr zu kommen oder die Dauerkarte nicht mehr zu verlängern. Und diejenigen, die Fußball für ein Geschäft halten, mahnen, sooooo liefen dem Club die Zuschauer und Sponsoren weg. Das kennt man alles, das ist weder neu, noch originell. In der aktuellen Situation der glorreichen Fortuna aber grenzt dieses Verhalten jedoch an gewisse neurotische Störungen. Denn auswärts liefert die Mannschaft rund um das Trainerteam Funkel/Hermann tolle Spiele ab, die dann von den Fans bejubelt werden. Und auch gestern war nicht alles schlecht – eher im Gegenteil.

Beginnen wir mit dem einzigen Tor des Abends. Der bei F95-Anhängern nicht sehr beliebte Liendl schlägt einen perfekten Freistoß, der Sechzehner ist dicht besetzt mit Blauen und mit Weißen. Da müssen also auch die Mittelfeldler ran. Genau zwei von denen versagen in dieser Situation: Käpt’n Oliver Fink und der hochbegabte Marcel Sobottka können sich nicht einigen, wer auf den 60er namens Aigner aufpassen soll. Prompt ist der am Rande des Fünfmeterraums frei und hat wenig Mühe, die Pille zu versenken. Typisch an dieser Szene: Die Viererkette hat auch in diesem Spiel nichts zugelassen. Denn alle weiteren Chancen für die sogenannten “Löwen” entstanden aus Kontern.

So etwas wollen besorgte Wut-Fans natürlich nicht wahrhaben. Kollektivschelte ist besonders beliebt bei denjenigen, die Kollektivstrafen für Fußballfans ablehnen. Schauen wir uns vorne um und blenden in die 65. Minute. Endlich, endlich, endlich einmal kommt ein Steilpass bei Rouwen Hennings an, der frei auf den gegnerischen Keeper zu läuft. Und das Ding versemmelt. Auch das typisch für einen in der Wolle gefärbten Torjäger: Bekommt er zu wenig Chancen, wird seine Ausbeute sinken. Gut, vielleicht hätte er besser auf den ebenfalls aussichtsreich positionierten Sobottka ablegen sollen – aber so etwas macht kein Goalgetter in Situationen wie diesen.

Nicht schlecht nicht gut

So richtig schlecht war kein einziger Fortuna-Akteur. So richtig gut aber auch keiner. Immer wenn die Tagesform so ausfällt, wird klar, dass es Fehler im System gibt. De facto gibt es neben Hennings nur Ihlas Bebou als Außenstürmer. Da der vorwiegend auf rechts agiert, findet links nur was statt, wenn Lukas Schmitz einen lichten Moment hat und Fink ebenfalls die Lampe anhat. Das geschah gestern über 90. Minuten kaum mehr als zwei- oder dreimal. Überhaupt hatte Fink wieder einen, ähem, glücklosen Tag. Man könnte auch sagen: Er war erneut außer Form. Bei all seinem Einsatz und seinen vielen Balleroberungen bringt er leider, leider keine Gefahr für den Gegner.

Richtig daneben lag gestern vor allem Kaan Ayhan. Nicht dass er größere Fehler gemacht hätte. Aber im Gegensatz zu seinen guten Tagen fand Kreativität bei ihm nicht statt. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass der Hype um seine Person, der ihn zu einem Schlüsselspieler der kommenden Saison macht, ihn bremst. Überhaupt ist das voreilige Transfergerede aktuell kontraproduktiv. Permanent predigt irgendwer, welche Spieler UNBEDINGT gehalten werden müssen, damit die glorreiche Diva in der Saison 17/18 nicht den Bach runtergeht. Ohne Akpoguma, Ayhan, Bebou und Hennings – so die Kassandragesänge – hätte F95 keine Chance. Folgerichtig plärren unbedarfte Fans dann, “der Verein” müsse “mal richtig Geld in die Hand nehmen”. Als wäre es nicht genau dieses Geld-in-die-Hand-Nehmen und teure Spieler kaufen der Grund für den tiefen Fall der Fortuna Anfang der Nullerjahre gewesen. Aber Fans sind in ihren Emotionen eben immer geschichtsvergessen.

Apropos Bebou: Sein Profil könnte man kurz so zusammenfassen – ein schneller und trickreicher Stürmer. Punkt. Mehr ist da nicht. Wer dem netten Kerl eingeredet hat, er könnte ein Superduper-Erstligakicker werden, gehört bestraft. Punkt. Wen haben wir bis hierher vergessen? Genau, den Julian Schauerte. Nachdem man ihm das besinnungslose Stürmen ausgetrieben hat, gibt er einen recht zuverlässigen Außenverteidiger. In einem System aber, in dem genau die beiden AVs quasi als Außenstürmer agieren sollen, nimmt man sich so selbst Offensivpower. Würde man Schauerte aber erneut Freiheiten nach vorne geben, käme die Viererkette ins Wanken. Ergo muss auf dieser Position etwas passieren – als Freund der Jugend denkt man sofort an Andy Lucoqui.

Wut-Fans gegen Funkel

Der Zorn der Wut-Fans entlädt sich mal wieder auf Friedhelm Funkel. Man wirft ihm vor, die Mannschaft in den Angsthasenfußball zu treiben. Dies angesichts der real abgelaufenen Partie zu äußern, ist mindestens crazy. Die Münchner gingen von Minute Null an wesentlich offensiver zu Werke als man vermuten musste. Und waren verdammt schnell. Da hatten die Weißen alle Hände voll zu tun, sich keine Chancen oder gar Tore einzufangen. Im Gegenzug lief es ähnlich. Nur Bebou kam einmal gefährlich in den Sechzehner, traf dann aber die falschestmögliche Entscheidung und machte die Möglichkeit so zunichte.

Es war kein schlechtes Spiel in der ersten Halbzeit, sondern ein unspektakuläres, weil sich die Teams weitgehend neutralisierten. Zudem brachen die 60er den fortunistischen Spielfluss – wenn denn mal einer aufkam – durch viele kleine Fouls und Nickeligkeiten, die dem berühmt-berüchtigten Schiri Manuel Gräfe nicht auffielen. Im Gegensatz zu seinen drei Kollegen hielt sich dessen Fehlerquote in Grenzen. Wieder einmal war es Fahnenmann auf der Haupttribünenseite, der durch kuriose Winkereien auffiel, und zwar samt und sondern zuungunsten der Fortunen. Völlig durchgeknallt gab sich das Männchen, das man so gern den “vierten Offiziellen” nennt. Der turnte bevorzugt in der Düsseldorfer Coaching-Zone herum und wedelte mit dem Zeigefinger. Als aber das halbe Funktionsteam der 60er ihren Käfig verließ, weil deren Insassen dem Team-Manager Sascha Rösler an die Wäsche wollten, übersah der Profilneurotiker das gänzlich.

Alles nicht spielentscheidend, aber lästig. So ging es zum – wie sagten Sportreporter früher? – Pausentee in die Kabinen. Bis dahin waren die Fortuna-Kicker vor allem durch Balleroberung und -verlust aufgefallen; wie so oft in dieser Saison. Der kämpferische Einsatz stimmte, und die Fehlerquote hielt sich im Rahmen. Das F95-Volk auf den Rängen war indes äußerst unzufrieden. Angeheizt durch den ewig gleichen Sermon vom “Heimfluch” und dem Tabellenstand hatte mancher damit gerechnet, das Team in Weiß würde die scheich-verseuchten Münchner abfieseln. Natürlich hatte niemand der Unzufriedenen sich weitergehend informiert oder sich gar Spiele mit Beteiligung der Weißblauen angesehen. Denn dann hätte man – ähnlich wie Trainer Funkel vor dem Spiel – ahnen können, dass die Partie alles andere als einfach würde. Natürlich sind die 60er dieser Saison bloß eine zusammengewürfelte Söldnertruppe, allerdings mit viel Qualität bei den einzelnen Akteuren.

Eingelullt im Ungefähren

Nach dem Wiederanpfiff versandete die Begegnung im Ungefähren. Auch und besonders, weil die ehemaligen “Löwen” durch übervorsichtiges Spiel jegliches Tempo herausnahmen. Und die Fortuna ließ sich einlullen. Fast bis zum Einschlafen. Die fürchterlichen Schlaflieder aus der Ultra-Ecke auf der Südtribüne taten ein Übriges. Und dann kam die 55. Minuten mit der oben beschriebenen Szene und dem Führungstor für die Münchner. Es dauerte weitere zehn Minuten bis endlich wieder so etwas wie Schwung in die Reihen der F95-Kicker kam. Ergebnis: Die 110-Prozent-Chance des Rouwen Hennings in der 65. Spielminute. Zuvor war unter dem Applaus des Publikums Emma Iyoha für den gestern schwachen Ayhan gekommen und sofort die linke Angriffsseite aufgemischt.

Aufmischen kann er gut, der Emma, Eckenschinden auch. Aber wenn aus jedem Flankenversuch von der Grundlinie immer nur eine Ecke entsteht, dann stimmt mit seinem Spielansatz auch irgendetwas nicht. Einen haben wir noch vergessen, den unzerstörbaren Adam Bodzek, der anscheinend auf die Rolle des Scheinlibero vor der Viererkette festgelegt ist, sich also komplett aufs Zerstören beschränkt. Vielleicht liegt hier der Faktor, der vielen Wut-Fans das Spiel der Funkel-Hermann-Truppe wie Angsthasenfußball vorkommen lässt, dass nämlich eine Mittelfeldposition ausschließlich defensiv ausgerichtet ist. Da entsteht natürlich keine vertikale Achse aus der Defensive über Bodzek zu Sobottka, Ayhan oder gar Fink. Das macht das Umschaltspiel langsam und damit ungefährlich.

Jedenfalls setzten die F95-Coaches nun (erst) auf volle Offensive und ließen den quirligen Özcan Yildirim für Bodzek auf den Rasen. Der quirlte auch, aber mit geringer Effizienz. Spätestens aber dieser 73. Minute gingen die Weißen aber in die Vollen und drückten mächtig. Allein, es fehlte der Plan. Die Muster wiederholten sich: Balleroberung Bebou, Doppelpässe mit Schauerte, Bebou in den Strafraum, Ende. Oder: Seitenwechsel auf Iyoha, rennen bis zur Grundlinie, Flanke, abgewehrt, Ecke. Hennings hing so völlig in der Luft, und man fragt sich, weshalb viele Experten unter den Fans ihn unbedingt halten wollen, wo er doch ein System bräuchte, das auf ihn zugeschnitten ist.

Geschichtsvergessene Trainerentlasser

Je offensiver die Fortunen wurden, desto gefährlicher die Konter der 60er. Einen davon entschärfte Michael Rensing, der bis dahin wenig zu tun hatte, auf sensationelle Weise. Weil aber die Offensive in Weiß eher harmlos war, lag eher ein 0:2 in der Luft. Dass in der 89. Minute – vier Minuten Extrazeit waren angezeigt – Alexander Madlung für den schon seit der Anfangsphase angeschlagenen Robin Bormuth kam, verstanden die üblichen Wut-Fans, die den langen Ex-Nationalspieler eh auf dem Kieker haben, überhaupt nicht. Dabei war der Plan der Trainer klar: Standards erarbeiten, Bälle auf den Elferpunkt servieren, Kopfball Madlung, Tor. Und tatsächlich wäre diese Taktik beinahe aufgegangen. Leider köpfte der Große das Ei genau in die Magengrube des 1860-Torwarts.

Wem genau das gewaltige Pfeifkonzert nach Abpfiff galt, war nicht so ganz klar. Die Stehplätzler auf der Süd waren da schon im Abmarsch und hatten anderes zu tun. Frustriert waren alle, deren Farben Rot und Weiß sind. Das ist verständlich und nach einer solchen Heimniederlage auch richtig. Aber die völlig entgrenzten Kommentare in den sozialen Netzen muss man als “voll daneben” charakterisieren. Und wer jetzt gar eine Trainerentlassung fordert, kennt die Geschichte der vergangenen vier Jahre nicht. Gut, dass die Mannschaft zumindest kämpferisch auftritt und die Sozialstruktur im Team stabil ist, denn sonst begänne der übliche Selbstzerfleischungsprozess – und den kann nun keiner haben wollen, dessen Herz für die Fortuna schlägt.

Download PDF

4 Kommentare

  1. Ich kann mir kaum vorstellen, dass du bei einem politischen Thema so moderat, ausgewogen-diplomatisch und vernünftelnd formulieren würdest, aber es ist ja TUNA, unser aller Herzensangelegenheit, und die darf man ja nicht (zusätzlich) “runterschreiben”.
    Ergo: Voll die Kreide gefressen, Wolf, und ein wirklich feiner Kommentar, der abwesende Schmoller bestens informiert – aber journalistisch befriedigend ist das letztlich nicht, oder?

    • Rainer Bartel am

      Du wirst lachen: Selbst in meiner Eigenschaft als Fan habe ich das Spiel unserer Rotweißen nicht annähernd so schlecht gesehen, wie es allerorten gemacht wurde.

  2. Jens Kellersmann am

    Ich bin ja oft ähnlicher Meinung. Dieses Mal hingegen nicht. Die Spielweise – lange Bälle in eine kopfballstarke Defensive des Gegners – bringt nur eins: Ballverlust. Kurzpassspiel? Flügelspiel? Bälle in die Schnittstellen? Fehlanzeige – einzig der immer gleiche, einfallsfreie und leicht zu berechnende lange (Diagonal)Ball nach vorn. Das ist keine Strategie, das ist ein Armutszeugnis. Und das hat sehr wohl etwas mit dem Trainer zu tun.
    Trainer raus? Nee, sicher nicht. Aber mehr Mut zu ungewöhnlichen Entscheidungen sowie mehr Zutrauen in den Nachwuchs? Ja bitte. Wir können selbst in der A Jugend keine wirklich schlechteren Fußballer als Fink und Bodzek haben. Weniger erfahren, klar, aber schlechter? Wohl kaum. Das geht ja gar nicht mehr. In jedem Fall muss das Trainer-Team sich etwas überlegen!
    Und übrigens: Gute Auswärtsspiele? Habe ich seit Kramer nicht mehr gesehen. Gut ist nicht gleich gewonnen! Nur weil andere Mannschaften tatsächlich noch bescheidener agieren als unsere Fortunen bedeutet das noch nicht, wir hätten guten Fußball gespielt. Eine Spielidee vermisse ich seit Kramer in jedem Spiel der Fortunen. Und trotzdem habe ich meine Dauerkarte noch…

  3. Ein bissken mehr als die aktuellen 1,08 Punkte/Heimspiel (nur der KSC ist derzeit einen Punkt heimschwächer) darf m.M.n. schon erwarten.

    Vielleicht dann so 3 bis 5 Angriffe, die nicht auf Zufall basieren, wären auch schön.

    Denn die Zuschauereinnahmen werden noch immer nicht auswärts verdient.

    42na95, einfach nur 15

Antworten