F95 vs Augsburg 1:2 – Erste Liga ist irgendwie doof

4

Vermutlich ist es das Ziel einiger Sportjournalisten keinem Gemeinplatz aus dem Weg zu gehen und Otto Normalbundestrainer zu verleiten, es ihnen nachzutun. Sonst könnte das Zauberwort des Tages nicht „Lehrgeld“ lauten. Nun ist das Zahlen von Lehrgeld an einen Lehrherrn in der EU unzulässig, insofern passt diese hohle Phrasen nie und schon gar nicht auf die Partie des Zweitligameisters 2017/18 gegen den Tabellenzwölften der vergangenen Erstligasaison. Rechnet man die beiden Liga spaßeshalber zusammen, dann lagen zwischen der glorreichen Fortuna und diesem Augsburger Club nur sechs Plätze – so viel wie zwischen F95 und Union Berlin. Genauso wie die meinungsbeereiten Fans ja gern nachbeten, dass die erste Liga eben anders sei. Na ja, Rasen, Ball, Schiri und je elf Akteure gibt es in beiden Ligen, nur den Videobeweis, den hatten wir letztes Jahr in Liga Zwo nicht. Und der macht den Unterschied.

Nun hatten wir Freunde des gekickten Rundballs ja nach der WM einige Hoffnung, dass sogar eine schwerfällige Organisation wie der DFB diese Sache mit dem Videoassistenten im Kölner Keller hinkriegen würde. Aber nach nicht einmal einem vollständigen Spieltag kann man diese Hoffnung getrost fahren lassen. Dass Videobeweise immer zugunsten der Bayern ausfallen werden, damit war zu rechnen. Dass aber Mannschaften, die von den Medien ohne jede fundierte Analyse zu Abstiegskandidaten gestempelt wurden, vom Videoschiri benachteiligt werden, das kommt ein bisschen überraschend. Überhaupt: Wenn ein Peter Ahrens von Spiegel Online die Tatsache, dass eine Funkel-Truppe in der obersten Spielklasse antritt als Beweis für den Rückfall des deutschen Fußballs ins Biedermeierzeitalter heranzieht, ist das bezeichnend. Die Mehrheit der Schreib- und Sprechfinken, die ihr Geld mit Rummeinen zum Fußball verdienen, sind offensichtlich zu faul und/oder zu blöde, sich ernsthaft mit den achtzehn Teams auseinanderzusetzen, weil sie den sogenannten „Großen“ und deren „Stars“ lieber den Speichel lecken.

Videobeweis – so völlig sinnlos

Was das mit dem Auftaktspiel zu tun hat? Nun, nach dem Ausgleich der Augsburger in der 57. Minute fasste sich der merkbefreite Schiri Schmidt ans Ohr, um dann an die Außenlinie gegenüber der Haupttribüne zu wetzen. Dort betrachtete er einen Monitor und beließ es dann bei seiner Entscheidung. Angemerkt hatte das Team im Kölner Souterrain, der FCA-Baier habe Benito Raman durchs Gesicht gewischt, was ein Foul sein könne, und da hätte der Treffer nicht zählen dürfen. Nun kann man mit der rotweißesten aller Brillen schon auch sagen: Ein Muss-Pfiff war das nicht, aber immerhin hatten die Jungs am Fernseher was gesehen. Nicht gesehen hatten sie dann allerdings ein ziemlich klares Handspiel eines Augsburgers im eigenen Strafraum, das zumindest für die Zuschauer auf dem westlichen Teil der Süd überdeutlich zu erkennen war. Wenn eine geradezu plumpe Schwalbe des FCB-Unsympathen Ribery dem Videotest standhält, und diese Regelwidrigkeit nicht einmal geprüft wird, dann führt dies zur völligen Sinnlosigkeit des Videobeweises. Im Gegenteil: Die Konsequenzen von Fehlentscheidungen werden immer beliebiger.

Und da hatten die Fans nicht ganz unrecht, die nach dieser Szene in der 82 Minute lauthals „Ihr macht unseren Sport kaputt“ sowie „Scheiß-DFB“ skandierten. Wie die Engagierten unter den knapp 41.000 Anwesenden auch sonst mehrfach ein feines Gespür für die Umgebungsbedingungen des Fußballs zeigten. Herzzerreißend die wunderbare Choreo der Ultras zum Gedenken an Wolf Werner, der vor wenigen Wochen unerwartet gestorben ist und der nicht nur zu den Vätern der Fortuna-Rückkehr zu zählen ist, sondern sich immer wieder in den Dialog mit den aktiven Fans eingelassen hat. Toll auch, dass ihm zu Ehren nicht einfach geschwiegen wurde, sondern das Stadion ihn mit anhaltendem und donnernden Applaus würdigte. Und dass ein Roulettespiel in der Halbzeitpause von einem gellenden Trillerpfeifkonzert begleitet wurde, zeigt, dass sich die Freunde der Fußballsoziokultur noch lange nicht jeden Glücksspieldreck gefallen lassen.

Sehr defensive Anfangsaufstellung

Kommen wir zum Spiel, das mit einer einigermaßen überraschenden Startaufstellung der Fortunen begann. Die Anwesenheit von Alfredo Morales sowie die Abwesenheit von Marvin Duksch neben Rouwen Hennings deuteten auf ein defensives System hin, das sich dann weniger als das beinahe schon klassische 4-3-2-1 entpuppte, als eine Art 4-1-4-1 mit einer Raute zwischen Abwehr und einziger Sturmspitze. Leider schien es sich um die am wenigsten eingeübte Variante zu handeln, denn die Kicker in Rot hatten gut 20 Minuten lang erhebliche Probleme mit dem Stellungsspiel. Hoffmann, Ayhan und auch Sobottka wurden nicht müde, den Kollegen zu zeigen, was sie zu tun hatten. Diese taktische Unsicherheit bei gleichzeitig massiven Offensivdruck durch die Augsburger nagelte die Fortunaspieler in der eigenen Hälfte fest und brachte dem Gegner drei ziemlich fette Chancen.

Das Tolle am Kader 18/19 ist die ungeheure Flexibilität. Schon um die 25. Minute herum stellte das Trainerteam sanft um, sodass ständig zwischen einer Dreier- und einer Viererkette hin- und hergeschaltet wurde, was den beiden nominellen Außenverteidigern, Nico Gießelmann und Jean Zimmer, die Gelegenheit bot, sich ins Angriffsspiel einzuschalten. Gießelmann, der in der Vorbereitung so überzeugt hatte, fand den stärkeren Gegenspieler und blieb vollkommen wirkungslos. Zimmer brachte dagegen ordentlich Schwung in die Bude. Das im Verein mit einem wie aufgedreht agierenden Benito Raman, machte das Team in Rot immer stärker. Raman wechselte nicht nur mehrfach die Seiten, sondern arbeitete geradezu vorbildlich in der Defensive mit – dass der kleine Belgier so bis zur 80. Minute durchhielt, spricht für eine gute Kondition.

Im Tor nichts Neues

In der Mitte und im Tor nichts Neues: Andre Hoffmann und Kaan Ayhan sind sicher, und Michael Rensing wohnt auf der Linie und verlässt den eigenen Fünfmeterraum nur, wenn zur Pause oder zum Ende abgepfiffen wird. Zwei irre Dinger fischte er heraus, aber ein mitspielender Tormann wird der mit seinen Abschlägen auch nicht mehr. Was man Kevin Stöger ins Müsli gegeben hatte, bleibt zu klären. Der Mann, der in den Testspielen mehr als einmal Neuhaus vergessen machte, irrte herum, spielte schlampig und kam erst nach der 60. Minute zu halbwegs brauchbaren Ideen. Und Käpt’n Marcel Sobottka war defensiv so eingespannt, dass man ihn kaum dem Mittelfeld zurechnen konnte.

Über alles gerechnet stehen aber Alfredo Morales und Matthias Zimmermann für das Dunkle und das Helle im Spiel der Fortuna gegen dieses Augsburg. Während Morales die ganze Partie hindurch am ehesten durch Abspielfehler und Probleme in der Ballannahme auffiel, fiel Zimmermann deshalb nicht auf, weil er absolut fehlerfrei spielte – ja, insgesamt war er der beste Spieler im roten Hemd mit dem weißen Keil. Tja, und Hennings? Der tat, was ein Hennings eben so tut: Wühlen, Kopfballduelle gewinnen, aber kaum je im gegnerischen Sechzehner an aussichtsreicher Stelle stehen. Trotzdem ergaben sich aber Chancen für ihn, die er sich allerdings selbst erarbeiten musste. Bei der klassischen Flanke von der Grundlinie, die einige Male von Raman und Zimmer in den Strafraum kamen, war er jedenfalls nicht im Zentrum zu finden.

Beeindruckender kollektiver Willen

Das alles hört sich schlechter an als es war. Im Gegenteil: Die Art und Weise wie sich Funkels Jungs nach dem schwierigen Beginn in das Spiel kämpften und arbeiteten und den anfangs überlegenen Augsburger die Partie aus der Hand nahmen, war beeindruckend, und der feine Kopfnicker von Raman, der die Führung in der 38. Minute markierte, muss als verdienter Lohn für diesen starken kollektiven Willen gewertet werden. So war man in der Halbzeitpause auf den Rängen auch ganz zufrieden – aber weder euphorisch, noch siegessicher. Und mancher hoffte, Funkel würde in Hälfte Zwei durch Einwechslungen auf offensiv umschalten; nun ist der Faltige aus Neuss niemand, der in der Pause wechselt, aber mit Dodi Lukebakio und Marvin Ducksch rechnete man spätestens zur 60. Minute. Zumal in der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit klar wurde, dass sich das Spiel ohne neue Impulse im Mittelfeld festfahren würde.

So um die 50. Minute herum hatte sich ein Augsburger verletzt und blieb liegen. Wie es sich für Sportsleute gehört, spielten die Fortunen den Ball ins Aus, um die Spielunterbrechung zur medizinischen Versorgung des Spielers zu forcieren. Wenige Minute vor dem (natürlich nicht unverdienten) Ausgleich durch die Gäste war Raman nach der Berührung durch Baier zu Boden gegangen und liegengeblieben. Die Augsburger – ganz die abgewichsten Erstligisten, vor denen man sich ekeln mag – spielten aber weiter und machten die Bude gegen zehn Düsseldorfer. Wenn das Wort „Lehrgeld“ passt, dann in Bezug darauf, bitte nicht fair aufzutreten, weil der Zweck in der ersten Bundesliga ja die Mittel heiligt. Der Ex-Fortuna Giefer machte sich auch keine neuen Freunde, weil er Ayhan, der ihn mehr so pro forma am Abschlag hindern wollte, heftig schubste – eine Situation, die der verwirrte Referee wenigstens für eine didaktische Ansprache hätte nutzen sollen.

Zu spät offensiv?

Nachdem irgendein Ex-Gladbacher im Kopfballkampf gegen Gießelmann mehr Härte zeigte und zum 2:1 einnickte, drehte F95 noch einmal auf – jetzt ausgerüstet mit Kenan Karaman (für den erschreckend schwachen Stöger), Marvin Ducksch (für den ausgepowerten Hennings) und Dido Lukebakio (für seinen platten Kumpel Raman). Leider konnte Karaman in keinster Weise seinen Anspruch auf einen Stammplatz rechtfertigen, sondern fiel vor allem durch geradezu amateurhafte Ballannahmen und sinnloses Herumirren vor dem Strafraum auf. Ducksch stand da schon besser, bekam aber zu wenig Bälle, und Dodi wusste in seinen zehn Minuten auf dem Platz kaum, wie er seine Beine entknoten sollte. Und trotzdem: Die bis dahin starken Akteure trieben das Spiel unermüdlich an, aber die routinierten Augsburger ließen einfach nichts mehr anbrennen.

Ja, ein Unentschieden wäre gerecht gewesen. Aber in der ersten Bundesliga gibt es noch weniger Gerechtigkeit als ein, zwei, drei Etagen tiefer. Dafür aber mehr und blödere Reklame am und im Stadion. Und vor allem: Noch mehr hohle Phrasen, sinnentleerte Wörter und vor allem daumendicke Ressentiments seitens der Medienvertreter. Dass die Fortuna sich mit all ihren Bestandteilen darauf wird einstellen müssen, ist klar. Ob aber die engagierten Fans, denen noch ein Rest Fußballromantik im Herzen steckt, das mitmachen werden, wird sich zeigen. Schon heute hörte man auf der Süd nicht selten „Zweite Liga war irgendwie geiler.“

Download PDF

4 Kommentare

  1. Unterschreib ich alles, bis auf die hin und wieder auftretenden Zeichen- und Satzfehler. 😉
    Für mich bleibt noch zu ergänzen, dass mir Kaan Ayhan ausgezeichnet gefallen hat. Er ließ sich durch keine noch so dumme Provokation der Augsburger aus der Ruhe bringen und blieb immer diszipliniert. Ich meine auch, dass es Ayhan war, den Giefer über den Haufen rannte, aber vielleicht brauche ich bald eine Brille. Egal, Ayhan hat sich persönlich hervorragend entwickelt und offenbar viel an sich gearbeitet.

    • Rainer Bartel am

      Danke. Fehler werden – wie immer – nach und nach korrigiert (Und, ja, es war Ayhan…).

  2. Diese Artikel tuen sehr gut, da sie das Spiel und die Umgebung sauber analysieren und damit dem Leser das Selbstvertrauen in die eigene Sichtweise fein wiedergeben. Ein dickes Dankeschön dafür

  3. Diese verdammten Ex-Gladbacher..
    2 davon machen die Augsburger Tore (ja, auch der eigentlich blinde Hinteregger war mal ’ne Raute, wenn auch nur eine ausgeliehene), der Dritte wird der Fortuna-Spieler des Spieltages.. 😉
    Tja, und das mit dem Ballausspielen bei „Verletzten“, das seh ich mittlerweile anders.
    Was mir in den letzten Jahres zunehmend auf den Senkel gegangen ist, ist das sofortige Rausspielen des Balles, wenn sich jemand neymarnesk über den Platz wälzt, aber schon 10 Sekunden später wieder rumflitzt.
    Der Schiedsrichter hat das Spiel zu unterbrechen, wenn er eine Behandlung eines Spielers für nötig und richtig erachtet. Wenn er das nicht macht, wird weiter gespielt. Punkt.

Antworten