Die allerschönste Nachricht: Im Tor stand, ganz in Grün, Raphael Wolf, einer der besten F95-Torhüter der letzten Jahre, der so viel Pech mit einer schlimmen Krankheit hatte. Auch wenn die Partie auch in diesem Punkt nicht sehr aussagekräftig war, scheint es, als sei er wieder ganz der alte. Die zweitschönste Nachricht: Kevin Danso hat als Innenverteidiger ein blitzsauberes Spiel abgeliefert. Ansonsten würde man den Rest der Geschichte in schlechten Nachrichten unterbringen, aber, hey, es war doch bloß ein Testspiel!

Früher hießen diese Veranstaltungen “Freundschaftsspiele”, weil die Kicker untereinander weniger rau rangingen. Heute gehören eben Testspiele zur Saisonvorbereitung. Deshalb geht es in keinem Testspiel um das Ergebnis, ja, nicht einmal um die individuellen Leistungen oder um die Qualität des Spiels der Mannschaft. Wenn dann irgendwelche Typen, die sich für Fans halten, in den sozialen Medien plärren, sie hätten gerade die schlechteste Halbzeit der Fortuna der letzten zig Jahre gesehen, outen sie sich damit nur als Nullchecker.

Wie funktionieren die Koalitionen?

Es geht um etwas anderes. Zum Beispiel darum, ob alte Koalitionen im Team noch funktionieren – also eine wie die zwischen Kenan Karaman und Rouwen Hennings. Würde man nach gestern wohl sagen: No jo, geht so. Während der gute Kenan immerhin bewies, dass er keine Scheu vor defensiven Aufgaben hat, war der ebenso gute Rouwen nicht wirklich in der Partie. Es geht aber auch darum, ob und wie sich Kicker entwickelt haben, die in der Vorsaison nicht so recht zum Zuge kamen. Zum Beispiel Thomas Pledl, der zumindest 30 Minuten lang zeigte, dass er es drauf hat.

Solche Vorbereitungsspiele haben auch den Sinn und Zweck, am taktischen Konzept zu feilen bzw. Varianten auszuprobieren. Seit Uwe Rösler amtiert hieß es ja in aller Regel: 3-5-2; gestern gegen die Pöttler gab’s ein ganz ungewohntes 4-4-2, ein System, von dem manche Theoretiker sagen, es sei wieder im Kommen. Warum das? So flexibel die 3-5-Kombi in Bezug auf die Defensive ist, so variantenreich kann es offensiv mit dem 4-2 vorne laufen. Dass sich die Coaches damit befassen, könnte darauf hindeuten, dass die Fortuna 2020/21 deutlich offensiver auftreten könnte.

Das neue 4-4-2, eine spannende Sache

Auch wenn gestern vieles müde und ungehobelt wirkte, gab es einige Male Einblicke in die Möglichkeiten dieses Systems. Es geht dabei immer ums Einlaufen Richtung gegnerischer Sechzehner. Dabei spielen die beiden Mittelfeldmänner auf der jeweiligen Seite die Hauptrolle, denn entweder läuft der Außen bis an die Grundlinie oder der Innen auf die Ecke des Strafraums zu – beide mit dem Ziel a) die beiden Spitzen zu bedienen oder b) auf die heranstürmenden Kollegen aus dem Mittelfeld oder einen der Innenverteidiger zurückzulegen. Gestorben ist damit die Rolle, die im 5er-Mittelfeld die beiden Außen als Linienstürmer gespielt haben. Und: In diesem System hängt nicht alles von einem Spielmacher im Mittelfeld (wie Stöger) ab.

Im Gegenteil: Die Spieleröffnung verteilt sich auf mehrere Schultern. Bei langen Bällen sind es die beiden Innenverteidiger. Nicht nur in dieser Hinsicht harmonierten Danso und Andre Hoffmann wunderbar. Aus dem Mittelfeld heraus können beide Außenverteidiger und die beiden zentralen Mittelfeldmänner diese Rolle übernehmen. Und damit genug Taktikgelaber…

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Eine weitere, wenn auch ältere gute Nachricht ist, dass Andre Hoffmann und Matthias Zimmermann bei der glorreichen Diva geblieben sind. Beide standen gestern für Stabilität, und Zimmermann (der mit seiner neuen Frisur von hinten aussieht wie Alfredo Morales) spielte die Rolle des gelegentlichen Spielmachers schon sehr, sehr gut. Und noch mehr Schönes. Nicht nur Danso zeigte, dass er aller Wahrscheinlichkeit eine nützliche Neuverpflichtung darstellt, auch Jakub Piotrowski zeigte eine Halbzeit lang gute Ansätze, auch wenn er noch müder wirkte als die anderen. Schließlich lieferte auch Neuzugang Florian Hartherz eine grundsolide Partie ab und zeigte über gut eine Stunde auf seiner Seite eine ähnliche Leistung wie Zimmermann auf rechts.

Die modifizierten Rollen im Mittelfeld

Leider fallen die Beurteilungen Ihres extremst ergebenen Beobachters bei Marcel Sobottka und Alfredo Morales nicht so positiv aus. Beiden merkte man an, dass sie mit ihren modifizierten Rollen im Mittelfeld nicht so recht klarkamen. Wie so oft tendierte der gute Marcel eher nach hinten, während der ebenso gut Alfredo viel zu oft auf die rechte Seite rutschte, wo sich die Jungs dann auf den Füßen standen. Wie es aussieht, könnte das zentrale Mittelfeld zu der Ecke im System werden, an der Rösler & Co. am meisten rumdoktern müssen.

Erfreulich die Einwechslung von drei Youngstern in der zweiten Halbzeit; wobei ja Shinta Appelkamp im Prinzip kein Neuling mehr ist. Der kam für Pledl und ersetzte ihn 1:1, ja, hätte man die Laufwege der beiden markiert, hätten sich die Spuren vermutlich nahtlos überdeckt. Apropos: Noch vor zehn Jahren waren diese Laufwege ein heißes Thema. Sie müssten eingeübt werden, die Spieler müssten sie im Schlaf beherrschen, hieß es. Schon damals ließen viele außer Acht, dass doch manchmal Gegner genau im einstudierten Laufweg stehen. Deshalb geht es heute eher um Konstellationen, also, wie soll ein Spieler laufen, wie soll ein anderer passen, wie soll sich ein Dreieck aus Kickern bewegen – gut, auch bei dieser Sache spricht man gern noch von den ominösen Laufwegen.

Einsatz für die Youngster

Während der gute Shinta schon sehr, sehr nah am Kader, ja, sogar an der Startelf ist, ist die Distanz dorthin für Gökhan Gül deutlich größer. Der ersetzte in der 77. Minute unseren Zimbo, was natürlich den Vergleich ermöglichte. Nun wird Matthias Zimmermann ja im Kaderbild der Abwehr zugeordnet, der gute Gökhan aber dem Mittelfeld. Tatsächlich aber trat der so lange Verliehene einen echten Außenverteidiger und trat im Mittelfeld kaum in Erscheinung; außerdem war der sichtbar nervös. Kein Wunder, geht es in dieser Saison doch wirklich um seine fußballerische Zukunft, denn so wie bisher kann es für ihn nicht weitergehen, er muss jetzt einfach irgendwo ankommen – es muss ja nicht die Fortuna sein.

Aus der U23 kommt Enrique Lofolomo, der dort eine prägende Rolle spielt. Für ihn ging in der 82. Minute Morales – und der Wechsel hatte keine Auswirkungen auf das Spiel … was ja gegen den guten Alfredo spricht. Enrique ist auch schon 20, und es wird Zeit für ihn, den Weg zu den Profis zu finden oder eben unterklassig zu spielen. Gestern hatte er nicht viel Gelegenheit sich auszuzeichnen, aber wer ihn öfter bei der U23 gesehen hat, weiß, was in ihm steckt.

Wer nicht dabei war…

Nicht vergessen hat Ihr Ergebener unseren Jean Zimmer, der einen waschechten Rechtsaußen gab und förmlich brannte. Klar, der will die durchwachsene Saisonleistung vergessen lassen und sich nicht wieder anhören müssen, er sei einer, der ruhig gehen könne. Es ist aber auch die einzige Position, die ihm wirklich liegt, und wenn die im System nicht vorgesehen ist, hat er keine Chance. Im 4-4-2 ist sie aber vorgesehen, und das ist eine Chance für den guten Jean.

Wen haben wir nicht gesehen? Zum Beispiel Flo Kastenmeier. Die Entscheidung, Raphael Wolf durchspielen zu lassen, ist ein klares Signal an beide, dass der Kampf um die Nummer 1 im Tor ausgerufen wurde. Nikell Touglo stand nicht im Kader, obwohl man den jungen Mann gern mal eine Halbzeit im Kreise der Altprofis sehen würde. Adam Bodzek fehlte verletzt, dürfte aber im 4-4-2 eher selten eine Rolle spielen. Da aber auch Rösler – wie alle Trainer der oberen Ligen – mindestens drei Systeme wird einüben lassen, wird Bodze spätestens im ollen 3-5-2 mit an Bord sein.

Vorne waren gleich vier Kollegen aus den bekannten Gründen nicht dabei: Dawid Kownacki, Kelvin Ofori, Emma Iyoha und Nana Ampomah. Rechnet man die beiden Stürmer, die gestern mitgetan haben, dazu, wird deutlich, dass die Zahl an Kombinationen für die Sturmspitzen-, für die Außenpositionen und für die Rollen im offensiven Mittelfeld schier unendlich sind. Ihr immer wieder vollkommen ergebene Analytiker sagt voraus, dass es mehr Spiele ohne Hennings und Karaman geben wird als mit, wobei er sich zudem sicher ist, dass 2020/21 DIE Saison des Emma Iyoha wird.

Öder Kick, Testspiel, halt…

Über den Kick in der bunten, aber leeren Arena muss niemand viel Worte verlieren – er war öde. Über die Leistung der Bochumer lässt sich ebenfalls wenig sagen – sie stecken auch in der Vorbereitung und müssen noch viel mehr Spieler testen als die Fortuna. Ein Lob muss man F95.TV aussprechen, denn der Live-Stream, der über die Fortuna-Website kam, hatte Profiqualität. Wenn man sich noch an Übertragungen per fixierter Action-Cam aus den Trainingslagern denkt, erkennt man den Unterschied. So weit bekannt, hat sich niemand ernsthaft verletzt, obwohl Alfredo Morales wegen Aua am Sprunggelenk nach Umknicken raus musste.

So betrachtet war es ein netter Nachmittag voller guter Nachrichten und einiger wertvoller Erkenntnisse. Was will man mehr, wenn es doch bloß ein Testspiel war?

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