Da haben wir den Salat. Wie sehr haben wir uns seit Beginn über und vor allem auf die vielen jungen Spieler im Team der glorreichen Fortuna gefreut. Und sogar gefordert, es müssten viel mehr davon in der Startelf stehen. Jetzt mussten die Trainer Funkel und Hermann einen Haufen Youngster aufbieten, weil wichtige Routiniers verletzt, gesperrt oder außer Form sind – und dann das. Es ist ja beinahe schon ein Treppenwitz, das Ihlas Bebou mit noch nicht einmal 23 Jahren zu diesen Routiniers gezählt werden muss. Oder dass die Säule der Innenverteidigung, Kevin Akpoguma, gerade einmal 22 ist. Kurz und gut: Die Mannschaft von Dynamo Dresden war einfach eine Nummer zu groß für die Bubentruppe in Weiß.

Tatsächlich spielten die Dynmamisten die Sache annähernd perfekt. Natürlich beflügelt durch den Führungstreffer in der ersten Minute. Ausgangspunkt war ein verlorenes Kopfballduell, bei dem Robin Bormuth noch nicht ganz wach wirkte, so wie ein schneller, kluger Querpass von … nein, es ist nicht mehr unser Käpt’n Lumpi, sondern der Dresdner Lumpi. Der freute sich sehr dezent über das Tor, wie es der Anstand nach 13 Jahren Fortuna-Zugehörigkeit gebietet. Dass man diese Nummer 17 Zweitligatauglichkeit abgesprochen und vom Hof gejagt hat, ist eine der schlimmsten Untaten des Herrn Schulte, der ja der Fortuna überhaupt eine Menge Schaden zugefügt hat. Jedenfalls legte Lumpi quer, und ein gewisser Hauptmann netzte ein. Zufälliger- und blöderweise ein gebürtiger Kölner, denn sein Vater hat der Fortuna in seiner Zeit beim Äff-Zeh schon einmal wehgetan.

Schlaf, Kindchen, schlaf

Was eine Truppe abgezockter Altprofis vielleicht schnell wieder aus den Trikots geschüttelt hätte, hinterließ bei den jungen Hüpfern tiefe Spuren. Zwar versuchten Akpoguma, Bormuth im Verein mit Adam Bodzek Struktur in die Sache zu bringen, aber die Jungs davor waren irgendwie durch. Und das erst recht nach dem 0:2 durch einen bezaubernden Sonntagsschuss, an dem für Torwart Michael Rensing nichts Haltbares war. Solche Dinger passieren. Und komme niemand auf die Idee, Rensing dafür verantwortlich zu machen! Der rettete über die gesamte Spielzeit gerechnet mindestens viermal auf Weltklasseniveau.

Fast wie in seinen ersten Partien für F95 hing der geborene Goalgetter Rouwen Hennings ein bisschen in der Luft. Und zwar so sehr, dass er gelegentlich auf die Flügel auswich. Zielgerichtet agierte allein Ihlas Bebou, aber ihm fehlte es meist an Partnern, die denselben Plan verfolgten. Möglicherweise lag die Torlosigkeit auch daran, dass Lukas Schmitz offensiv weniger tat als sonst und dabei auch ein wenig unglücklich agierte. Auf rechts mühte sich Jerome Kiesewetter, und Taylan Duman (jetzt schon als „Tyler Durden“ bespitznamt…) versuchte erfolglos Druck aufzubauen. Der Mann, der zu seinem ersten Zeitligaspiel kam, spielte aber gelegentlich ein wenig zu schön. Ein Attest, dass man leider auch dem hochbegabten Özcan Yildirim ausstellen kann.

Dribbeln, tricksen und was dann?

Überhaupt: Wann hat man je so viele Fortuna-Spieler so oft (und sogar erfolgreich) dribbeln und tricksen gehen? Es sah überhaupt nicht nach Fortuna aus, was da im offensiven Mittelfeld lief. Natürlich gab es Fehlpässe und Ballverluste, aber von einer extremen Fehlerquote kann keine Rede sein. Dagegen muss von einem misslungenen Spielplan gesprochen werden. Dynamo stand mit zwei eng gestaffelten Viererketten sehr hoch und war jederzeit Herrscher des Mittelfelds. Zudem agierten die Sachsen durchweg konzentriert und aggressiv. Ballführende Fortunen wurden IMMER angelaufen, jeder hohe Ball als Kopfballduell begriffen.

Man rannte sich also in der ersten Halbzeit durchgehend fest, Torchancen waren Mangelware. Das Ganze versetzte den fortunistischen Teil der über 31.000 Zuschauer in Schockstarre, und die Ultras fanden kein Mittel, das Publikum zu wecken. In der Pause herrschte weitgehend Ratlosigkeit, und die F95-Fans, die versuchten sauer oder wütend zu sein, fanden bei ihren Kumpels wenig Widerhall.

…und dann auch noch Pech

Wie erwartet kamen die Schützlinge von Funkel und Hermann mit Ambitionen aus der Kabine. Zwar standen weder sie, noch die Dresdner anders, aber man spürte den Geist des Widerstands bei den Jungs in Weiß. Und schon gab’s die nächste kalte Dusche. In der 50. Minute wurden sie nach einem eigenen Eckball gnadenlos ausgekontert. Den Schuh muss sich leider der ansonsten souveräne Akpoguma anziehen, der einfach zu spät den Rückzug antrat. Auch hier war Michael Rensing machtlos. Und trotzdem: Langsam, aber stetig erhöhten die 95er den Druck, die schwarz-gelben Viererketten verschoben sich immer weiter aufs eigene Tor zu, und auch die Konterverteidigung funktionierte nun.

Überhaupt war etwa ab der 75. Minute zu erkennen, wozu auch diese blutjunge Truppe in der Lage ist. Für den leicht angeschlagenen Schmitz war Anderson Lucoqui ins Spiel gekommen, der offensiv sehr viel aktiver wirkte. Ari Ferati musste nach einer Stunde den verletzten Duman ersetzen – bei ihm besteht Verdacht auf einen Wadenbeinbruch. Schließlich wechselten die Coaches auch noch Julian Koch für Yildirim ein, der sich einfach leergespielt hatte. Antreiber der Schussoffensive war eindeutig Ihlas Bebou, der nun auch mehr Partner für seine Ideen fand. Aber wie das so ist: Aus den sechs Torschüssen der zweiten Halbzeit ergab sich einfach kein Tor.

Natürlich hätte auch ein erfolgreiches Aufbäumen die Partie nicht mehr gedreht – dazu hätte es einen Anschlusstreffer noch in der ersten Halbzeit gebraucht. Aber es wäre für alle Rot-Weißen ein besseres Gefühl geblieben, hätte es am Ende nur 2:3 oder 1:3 gestanden. So schlichen dann die Fortuna-Fans unter den Besuchern im Nieselregen davon und wussten nicht genau, was sie fühlen sollten. Dass sie ihrem Käpt’n Lumpi bei dessen Auswechslung in der 74. Minute mit stehendem Applaus huldigten, war richtig und angemessen und zum Glück deutlich unterhalb einer überflüssigen Heldenverehrung.

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2 Kommentare

  1. Natürlich sind es sehr junge Spieler, die durch das Tor in der ersten Minute geschockt wurden, aber
    Quote gewonnene Kopfballduelle = 1%
    Quote gewonnene Zweikämpfe = 10%
    Quote Fehlpässe = 80%
    Werte nicht nachgewiesen, aber gefühlt

    • Rainer Bartel am

      Offiziell auf bundesliga.de – F95 vs Dynamo:
      Zweikämpfe: 46,52 : 53,48
      Fehlpässe: 92 : 79

      Alles relativ normale Werte…

      Zum Vergleich – Union vs F95:
      Zweikämpfe: 51,2 : 48,8
      Fehlpässe: 116 : 90

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