In der klassischen griechischen Tragödie kann der mehr oder weniger strahlende Held machen, was er will, solange die Götter gegen ihn sind, wird er nicht gewinnen. Nun hat ja der wunderschöne rotweiße Verein eine Göttin an seiner Seite, leider aber eine römische, und mit denen haben es Zeus & Konsorten nicht so. Ein weiterer Standard der ältesten aller Theaterformen besagt, dass der besagte Held schuldig ist, ganz egal wie er sich anstellt. So betrachtet sind Fortunaspieler tragische Helden.

So auch gestern gegen Hoffenheim: Sie taten und machten im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und anfangs (auch das typisch für eine Tragödie) sah das alles nicht so schlecht aus. Unsere Helden im weißen Dress führten schnell und zurecht mit 1:0, und dann ballerte ein Gästekicker Kaan Ayhan eine und wurde des Rasens verwiesen. Dass diese miese Ratte dann später lauthals im TV verkündete, der gute Kaan habe sich a) im Prinzip selbst eine geballert und b) theatralisch reagiert, ist an grober Unsportlichkeit kaum zu überbieten. Noch unsportlicher aber wieder einmal die Geisterspielversender und ihre Zweitverwerter, die den Schurken labern, das Opfer aber nicht zu Wort kommen lassen. Aber, so geht Theater eben.

F95-LESEBETEILIGUNG: 18,95 EURO FÜR TD
Dir gefällt, was The Düsseldorfer über die Fortuna schreibt? Und vielleicht auch die Artikel zu anderen Themen? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Kauf eine Lesebeteiligung in unserem Shop – zum Beispiel in Form von 18,95 Euro – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

Erster Akt: Alles gold

Also sah zur 10. Minute alles gold aus. Der Chor – das ist in der griechischen Tragödie die Menge der Bedenkenträger und Besserwisser – in den sozialen Netzen raunte und maunzte, ob das wohl gut gehen könne. Ihr erheblich ergebener Berichterstatter war dagegen frohen Mutes, weil die Krieger des Königs Uwe den dumpfen Sklaven des Fürsten Hopp deutlich überlegen waren. Übrigens: Das waren sie über die gesamte Spielzeit. Ein Novum im Drama der Spielzeit 2019/20: Das F95-Team war in ALLEN statistisch fassbaren Werten besser als der Gegner. Die Zahlen lassen mit der Zunge schnalzen: Passquote 90 Prozent (gab’s überhaupt noch gar nie), Laufdistanz 117,1 zu 105,7, 85 zu 84 gewonnene Zweikämpfe, Ballbesitz bei 65 Prozent.

Und wer jetzt meint, ja, die SAPisten wären ja mit einem weniger auf dem Platz gewesen, dem sei gesagt, dass diese Werte auch schon vorm Platzverweis bestanden. Kleiner Tipp: In diversen Bundesliga-Apps (u.a. der vom ehemaligen Fußballfachmagazin Kicker…) wird die Statistik fortlaufend aktualisiert – lenkt ab vom Spiel, ist aber sehr interessant. Wie auch immer: Der Held kann so gut sein wie er will, kann so viel richtig machen wie geht, wenn die Götter… usw. Das Positive begann ja schon mit der – aus Sicht des Ihrigen perfekten – Aufstellung. Der Rückkehrer Ayhan bildete mit Andre Hoffmann und Markus Suttner die Dreierkette, Adam Bodzek operierte davor als das, was inzwischen “moderner Libero” heißt.

Kevin Stöger und Valon Berisha bildeten das kreative Mittelfeld. Auf Außen – und zwar teils als Flügel einer Fünferkette, teils als echte Außenstürmer agierend – rannten Matthias Zimmermann und Erik Thommy rauf und runter. Die Doppelspitze bildeten natürlich Kenan Karaman und Rouwen Hennings. Irgendwas dran zu meckern, ihr Sofa-Coaches? Betrachten wir nur die Zeit bis zum Beginn der Überzahl, dann zeigten unsere Jungs dem Gegner sofort SPIELERISCH, wo der Hammer seine Locken hat. Das war modernes Offensivspiel wie es sonst nur Mannschaften bringen, die sich um das “europäische Geschäft” (Was für eine hassenswerte Formulierung!) bewerben.

Mit einem Feldkicker weniger stellten die Hoffenheimer ihr System auf Dreierkette um – was ihnen leichtfiel, weil sie zuvor mit VIER(!) Innenverteidigern die Defensivkette gebastelt hatten. Das änderte vergleichsweise wenig bis auf die Tatsache, dass sie zudem nun ebenfalls auf einen “modernen Libero” setzten und eigentlich so das Fortuna-System imitierten – natürlich mit nur einer Spitze. Das hatten unsere jedoch gut im Griff. Da musste es in der 16. Minute erst einen Freistoß für die anderen geben, irgendwo aus dem linken Halbfeld diagonal geschlagen. Der Mann, für den Zimmermann zuständig war, entwischt und schießt. Flo Kastenmeier schafft es gerade noch – leider nach vorn – abzuwehren. Zimmermann ist ins Straucheln gekommen und kann so den späteren Torschützen nicht am Einnetzen hindern.

Zweiter Akt: Das aberkannte Tor

Gut gemacht von den Hoffenheimern, nicht optimal verteidigt von den Fortuna – und dann noch ein bisschen Pech. Dieser Ausgleich ist ebenfalls typisch Tragödie: So richtig Scheiße baut der Held nicht, aber jeden winzigen Fehler bestrafen die Götter … und lachen sich kaputt im Olymp. Denn immer noch glaubt das Menschlein, es habe Einfluss auf sein Schicksal. Da kann man wenig tun, höchstens sich ein Beispiel am Sisyphos nehmen. Den hatten die Götter als Strafe dazu verdonnert, einen riesigen Felsen den Berg hinauf zu rollen. Aber jedes Mal, wenn der Kraftprotz das geschafft hatte, sorgten die Komiker im Olymp dafür, dass das Ding wieder runterkullerte. Das Sisyphos-Prinzip, das beherrschen Fortuna-Kicker schon seit Generationen aus dem Effeff.

Also hieß es nach diesem dummen Ausgleich: Weitermachen, Stein wieder hochschubsen. Pamm! Dauert keine drei Minuten, da rappelt’s im Kraichgau-Gehäuse. Hennings, wieder dieser Rouwen! Saisontor 14! Führung! Feiner Pass von Ayhan nach links raus auf Suttner, der perfekt flankt, über Karaman hinweg und auf die Birne von uns Rouwen. Tor, Tor, Tor… Nix da. Videobeweis. Angeblich hat der gute Kenan seinem Gegenspieler beim Aufstieg zum Kopfball bisschen wehgetan. Der ohnehin bisweilen mild verwirrte Schiri lässt sich von den Kölner Grottenolmen überzeugen und gibt den Treffer nicht.

Ihr Ergebener wagt die Prognose, dass die Jungs in Weiß das Spiel nach dieser Führung nach Hause gebracht hätten. Was da passiert ist, gehört aber auch in den Katalog der griechischen Tragödie. Der Held schöpft Hoffnung, die Götter lassen ihn eine Weile im guten Glauben, um ihm dann gnadenlos den Stinkefinger zu zeigen. Fußballerisch betrachtet war der Eingriff der Videbescheißassis übrigens regelkonform, im Rahmen der VAR-Regularien aber nicht korrekt, denn eingreifen sollen die Lemuren nur, wenn eine offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsmanns auf dem Platz vorliegt. Ein solches nicht allzu heftiges Foul nicht zu erkennen, fällt aber eben nicht in die Kategorie “offensichtliche Fehlentscheidung”. Das Verrückte ist ja, dass die Videobescheißer nach einer Situation Einspruch erheben können, dass aber ein Verein, der aufgrund eines solchen Regelverstoßes der VARs gegen die Wertung der Partie klagt, null Chance hätte.

Dritter Akt: Das Sisyphos-Prinzip

Okay, wir sind nun in der 21. Minute. Die Gottheiten haben die Fäden in der Hand und offensichtlich Spaß daran, der Fortuna so richtig fies mitzuspielen. Schwache Helden wären jetzt vielleicht in Trauer und Selbstmitleid verfallen, nicht aber Flo, Kaan, Andre, Markus, Adam, Kevin, Valon, Matthias, Erik, Kenan und Rouwen! Die haben nicht nachgelassen. Aber leider auch kein Rezept gegen die 3-5-Abwehr der Gäste gefunden. Sah teilweise aus wie Hallenhandball, wo der Ball eben auch minutenlang immer rund um den Kreis verteilt wird. Wenn es etwas zu kritisieren gab, dann, dass fast alles über die linke Seite ging, während Zimmermann auf rechts selten eingebunden wurde, obwohl er sich anbot.

Genauer: Suttner machte sein bisher bestes Spiel für F95 und harmonierte prächtig mit dem unvergleichlichen Thommy (der um jeden halbwegs vernünftigen Preis bei der Fortuna gehalten werden sollte und absolut wichtiger Teil des kommenden Kadergerüstes wäre). Wenn sich Berisha dazugesellte, spielten die drei Musketiere feine Doppelpässe und kamen zu guten Flanken. Oder – und so war das wunderbare 1:0 entstanden – Stöger tummelt sich seitenwechselnd im Halbfeld, um plötzlich nach außen auszuweichen. In besagter Situation erreicht er so die Strafraumecke und flankt daunensanft rein, exakt auf des Rouwens Rübe, der gegen die Bewegung des Tormanns kühl einlocht.

Über Kevin Stöger ist allerdings zu reden. Manchmal hat man den Eindruck, er sei sich seiner Möglichkeiten minutenlang nicht bewusst. Dann wirkt er fahrig und ideenlos. Kurz drauf aber hat er wieder alles im Griff und alle Positionen der Mitspieler im Blick, sodass er die Bälle bestens verteilen kann. Betrachtet man sein Wirken bei Bochum, scheint dies aber auch das Stöger-Prinzip zu sein, nämlich aus seinen Fähigkeiten nie das Optimale zu machen. Gestern war sein Anteil am prima Kick der Fortunen besonders in der ersten Halbzeit enorm hoch, in der zweiten Hälfte ließ seine Wirkung nach, und viele vermuteten, dass er ein mildes Kräfteproblem haben könne.

Verrückt genug, dass zwei der drei anderen Burschen (einer davon ist natürlich Thommy) mit dem F95 auf der Brust, die ähnlich kreativ agierten, Ayhan und Bodze waren. Beim guten Kaan wundert das nicht, der hat ja schon oft mit seinen Ideen und ihrer Umsetzung Tore vorbereitet. Beim ewigen Adam siegt die Sache ein bisschen anders aus. Es wird immer klarer, dass die Rolle als defensiver Mittelfeldler vor der Dreierkette wie maßgeschneidert für ihn ist. Es wird aber auch immer klarer, dass er inzwischen Spiel für Spiel das Beste aus seinen Möglichkeiten macht und dass ihm das Pfund an Erfahrung den Mut gibt, auch mal einen Angriffszug einzuleiten.

Dass sich Ayhan mehrfach vorne einschalten konnte, hatte auch mit der Langeweile hinten zu tun. Suttner war eigentlich dauernd offensiv, und Andre Hoffmann gab den Wachturm. Flo Kastenmeier hatte nicht viel zu tun, und wer auch nur im Geringsten meint, er trage eine Mitschuld am Ausgleich, der soll sich in die Ecke stellen um sich zu schämen. Überhaupt: Wer einen oder mehrere Schuldige an dem nicht erreichten Sieg in der Mannschaft oder im Trainer-Team sucht, wer zwingend nach einem Sündenbock sucht, der hat nix kapiert. Schuld sind die Götter! Immer!

Vierter Akt: Verpennt aus der Kabine

Nicht zum Prinzip der griechischen Tragödie gehört die Tatsache, dass das Fortuna-Team der laufenden Saison nach der Pause immer leicht verwirrt erscheint. Es wirkt, als hätten die in der Kabine ein Nickerchen gemacht und könnten sich an die erste Halbzeit nicht so richtig erinnern. Hoffenheim mit einem Mann weniger hatte sich aufs Kontern verlegt, und die Rotweißen lullten sich beim Spiel um den gegnerischen Sechzehner herum ein bisschen ein. Und, zack, ein Ball aus der Abwehr findet einen Renner, schnell entsteht Überzahl, und die Torchance ist da. Dies bis zur 61. Minute gleich dreimal – einmal davon erfolgreich. Der Pass kommt flach von außen in die Mitte, Thommy hatte seinen Mann verloren, der nimmt aus sechzehn Metern direkt, und das doofe Ei klatscht zwischen Flos Fingerspitzen und dem Pfosten in die Hütte.

Der Ausgleich bildet das Ende des vierten Aktes, das Epeisodion, in dem der Held so richtig eine aufs Maul kriegt. Jedoch – Hallo, Sisyphos-Prinzip! – er steht auf und macht weiter, immer weiter. Und das nach einem Vierfachwechsel. Ihr Ergebener hat dieses Corona-Regel endlich verstanden: Der Trainer darf insgesamt fünf Akteure auswechseln, aber nur drei Wechselaktionen durchführen, was bedeutet, dass alles zwischen einmal 1+1*4 und dem häufigen 1+2+2 alles drin ist. Wobei sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass man nicht fünfmal wechseln MUSS. Was sich Rösler, Kelly, Kleine und der Axel sich gedacht haben, bleibt bisschen unklar.

Niko Gießelmann für Andre Hoffmann erklärt sich nur aus der Tatsache, dass der blonde Recke schon Gelb hatte. Alfredo Morales für Adam Bodzek lässt sich am ehesten unter der Kategorie “genug gerannt” einsortieren. Jean Zimmer für Matthias Zimmermann … na, ja – positionstreue Sache. Und: Kelvin Ofori für Valon Berisha setzte das Zeichen für noch mehr Offensive. Allerdings hatte man dem jungen Burschen nicht so richtig erklärt, was genau er spielen sollte. Er hatte sich eher rechts einsortiert und stach dadurch hervor, dass er ständig dribbelnd den Zweikampf suchte und sich dabei gern in die Mitte treiben ließ. Sein Talent ist so offensichtlich, sein Mangel an Spielcleverness aber auch.

In der Situation, in der Hoffenheim wegen Wechselblödheit nur acht Feldspieler auf dem Gras hatte, und die Fortunen schön Zeit gehabt hätten, sich den Gegner zurechtzulegen, um dann die unvermeidbare Lücke zu finden, lässt sich der junge Kelvin zu einem sinnlosen Torschuss hinreißen. Sowas macht man aber eben mit achtzehn und ohne halbwegs zählbare Bundesligaerfahrung. Wer dieses fortunistische Großtalent dafür öffentlich in einem sozialen Medium als “Idiot” bezeichnet, sollte mit Geisterspielen bis ans Lebensende bestraft werden. Nein, es war richtig, einen dem Gegner noch völlig unbekannten Kicker reinzunehmen und das Risiko seiner Unerfahrenheit einzugehen.

Fünfter Akt: Hoffen und Bangen

Der letzte Akt, dass eher ein Merkmal moderner Dramen, war dann ein Hin und Her, ein Auf und Ab, ein Hoffen und Bangen. Ob es die Herren auf dem Rasen wussten? Mainz führte gegen Frankfurt, und es sah so aus als würden sie die drei Punkte vom Main an den Rhein bringen. Das dritte Tor hätte aus der Tragödie eine Komödie werden lassen. Oder zumindest ein Drama mit Happyend. War aber nicht so. Und damit bestätigte sich siebenhundertfünfundneunzigtausendsten Mal: Enttäuschung ist ein Fortuna-Prinzip.

Was soll werden? Wir lernen, dass es Spieler und Trainer nicht in der Hand haben. Vermutlich müssen wir die Götter im Fußballolymp durch Opfer gnädig stimmen. Man könnte ihnen beispielsweise einen Ziegenbock als Gabe anbieten. Wo es einen zu holen gibt, wissen wir ja alle ganz genau…

Download PDF

Antworten