Als sich nach Schlusspfiff die diversen Fortuna-Kicker und -Betreuer in der Mitte versammelten, sagte ein Ihrem ergebenen Berichterstatter gut bekannter Fortuna-Fan: “Ihren Scheiß-Gebetskreis können die sich auch in den Arsch schieben.” Was bei ihm Ausdruck erheblichen Zorns war, erleuchtete Ihren Ergebenen: Im gesamten Verein, vom Aufsichtsrat über den Rumpfvorstand, das Funktionsteam und den ganzen Kader hinweg herrschen nur noch banale Rituale. Macht man halt so: Einen Kreis bilden, alle packen sich an die Schultern und dann klopft irgendwer dümmliche Motivationssprüche. Macht man halt so: Floskeldreschen gegenüber den Medien. Macht man halt so: Die Schuld weit von sich weisen oder bei anderen suchen. Und eine Mehrheit der Fans ist noch viel, viel schlimmer, die geht nämlich keiner Banalität, keiner noch so blöden Phrase aus dem Weg. Macht man halt so: Wenn die Mannschaft verliert, Trainer und/oder Spieler beschimpfen. Macht man halt so: Die Kicker als Püppchen, Schwuchteln, ehrlos und von zweifelhafter Herkunft titulieren. Auch nicht viel besser dieser aufgesetzte Trotz, den dann immer diese Ultras an den Tag legen. Macht man halt so: “Scheißegal” singen, grölen und rufen. Macht man halt so: Beteuern, dass man in jeder Liga zum Verein hält. Macht man halt so…

Und während man halt so macht, düst das gesamte Konstrukt Profifußball bei Fortuna Düsseldorf auf der schiefen Ebene in Richtung Endstation. Auf dem Weg zum Parkplatz dann dieser haltlose Unfug “Gehen wir halt in die Dritte Liga, ist ohnehin netter”. Sagt man halt so. Dass aber der Abstieg der “Profis2 den Zwangsabstieg der Zwoten und mit hoher Wahrscheinlichkeit deren Auflösung zur Folge hätte, was das gesamte Konzept der so erfolgreich laufenden Nachwuchsarbeit von Markus Hirte, Taskin Aksoy und der Trainer der anderen U-Mannschaft über den Haufen wirft, das denkt man dann halt mal nicht so. Auch die real drohenden finanziellen Folgen, die sieht man halt mal nicht so. Und die “Verantwortlichen” ziehen kollektiv die Köpfe ein – machen die halt mal so.

Auch wenn eine Klärung der generellen Schuldfrage in der aktuellen Situation wenig bringt: Keiner, der in AR und/oder Vorstand verantwortlich war und ist für den rasanten Niedergang kommt mal auf die Idee zu sagen: Ja, wir haben Scheiße gebaut. Macht man halt nicht so. Ein völlig überforderter Manager, bei dem sich fragt, welchen Beruf er eigentlich ausübt, lächelt alles weg. Macht man halt so. Und der besonnene Trainer gibt besonnene Kalendersprüche von sich – machen Trainer halt so.

Am ekelhaftesten aber, was Fans inzwischen in Facebook-Gruppen und Fan-Foren halt so machen. Menschenverachtend ist ja auch nur eine Floskel, aber den Kickern alles abzusprechen – Können, Wollen, Fähigkeiten, Bereitschaft und und und – ist gegenüber Jungs, ja, Jungs im Alter von neunzehn bis knapp über dreißig einfach nur widerlich. Besonders widerlich, wenn aufgepimpt mit solchen beschissenen Neidsprüchen, dass die sich für viel Geld die Eier schaukeln. Gern auch dekoriert mit dieser wirklich abstoßenden Phrase vom Arschaufreißen. Da zerreißen sich irgendwelche Loser, die in der Schule nicht aufgepasst haben und deswegen so leben müssen wie sie leben, digital die Mäuler über junge Männer, die ständig ihre körperliche Gesundheit riskieren und damit auch ihre berufliche Zukunft, als sei dies dasselbe wie sich fünf Tage die Woche den Hintern auf irgendeinem Bürostuhl plattzusitzen. Natürlich kann man sagen: Was dieser XY da macht, ist einfach schlecht – ich will den verdammt nochmal nie wieder in Rot-Weiß sehen! Aber diesem XY zu unterstellen, er habe keinen Bock, lasse sich gehen oder ähnliches, ist absurd. Niemand, der je in einen engeren persönlichen Kontakt mit einem Fußballprofi gekommen ist, wir solche Dreck je wieder von sich geben. Und, ja, natürlich sind die meisten Kicker im Kader Söldner – also Kämpfer, die immer für den Dienstherrn kämpfen, der gerade bezahlt. Das machen Profis so, in jedem Beruf. Wenn dann mal einer dabei ist, bei dem die emotionale Bindung an den Verein größer ist als der Söldnergeist, dann ist das eine Ausnahme.

Besonders banal inzwischen die Rituale der Gruppe, die sich immer noch “Ultras” nennen. Man kommt dann halt mal ins Stadion. Dann hängt man halt mal die Fahnen auf. Dann trommeln die Trommler halt mal. Und dann macht der Kapo mal seine Ansagen. Macht man halt so. Und weil inzwischen in diesen Gruppen anscheinend keiner mehr auch nur eine Ahnung davon, was man halt anders machen könnte, machen die halt so weiter. So wie wir Fans auf den Steh- und Sitzplätzen, die einfach immer wieder kommen, weil wir das halt immer so gemacht haben. Banales Ritual hier ist es, sich was drauf einzubilden, dass man halt immer so wiederkommt.

Zugegeben: Ihr trotz allem schwer ergebener Berichterstatter hat nicht nur eine Blödheits-, sondern auch eine Banalitätsallergie. Weil er annimmt, das das ständige Wiederholen derselben banalen Rituale den Blick auf das verstellt, was nötig ist. Was beim TSV Fortuna Düsseldorf 1895 nötig ist: Alles auf den Prüfstand stellen, jede Funktion, jede Position, jeden Kopf und vor allem jedes Ritual. Nur dann macht es der neue Vorstandsvorsitzende eben nicht halt auch so. Nur dann kann in der nächsten Saison ein Kader entstehen, den nicht irgendwer halt mal so zusammengestellt hat. Nur dann kann sich die glorreiche, wenn auch launische Diva so von Grund auf erneuern wie sie es nach dem Tiefflug ab 2004 getan hat. Und nur dann hätten wir altgedienten Fans die Chance, noch einmal eine solch tolle Zeit mitzuerleben (und mitzugestalten) wie der Daueraufstieg von 2004 bis 2012.

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6 Kommentare

  1. Die noetige Objektivitaet, um wirklich alles und jede Position auf den Pruefstand zu stellen, hat nur ein unbeteiligter, aussenstehender Dritter. Aka “Unternehmensberater” … Wollen wir das? Aber alle anderen sind entweder zu lange dabei, um die Notwendigkeit fuer Veraenderungen zu sehen und in Gang zu bringen oder vertreten ganz “banal” ihre eigenen persoenlichen Interessen

    • Rainer Bartel am

      Das ist ein guter Einwand. Vielleicht wäre es aber schonmal ein Anfang, wenn jedes beteiligte Individuum – vom Fan bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden – sich ganz persönlich selbst hinterfragt und versucht, das eine oder andere Ritual aufzugeben…

  2. Man hört dass Insassen des Ultrablocks andere kritische Zuschauer mittlerweile anspucken. Soviel zu diesen Halbstarken.

  3. Alberich am

    Rainer Du sprichst mir aus der Seele … und ich hoffe inständig das Schäfer früher kommt und neuen Wind rein bringt!

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