F95 vs Mainz 0:1 – Fußball ist ein sehr, sehr ungerechter Sport

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Ach, es wäre aber auch zu einfach, würde jedes Mal die bessere Mannschaft gewinnen. Dann müsste man beim Fußball auf Punktrichter wie beim Eislaufen umstellen. Die Fortuna käme gestern vermutlich auf eine 5,9 in der B- und höchstens eine 5,1 in der A-Note. Denn: Vor allem in der ersten Halbzeit sah das nach richtig gutem Fußball aus, was die Jungs in Rot da auf dem Rasen zelebrierten. Mancher ließ sich vom Nachbarn kneifen und fragte sich: Ist das wirklich ein F95-Team, was den Gegner so unglaublich alt aussehen lässt? Da passte alles: Taktik, Laufwege, Passspiel, Balleroberung, Ballbehauptung, Variabilität und und und nur eines passte nicht: Keiner kriegte das Ei in die Hütte.

Chancen gab es genug, aber selbst Dodi Lukebakio, der in der ersten halben Stunde gleich viermal das Ding verwertungsreif auf den Flossen hatte, konnte nicht einnetzen. Nun muss man der Gerechtigkeit halber auch sagen, dass diese Mainzer an diesem Abend in diesen ersten 45 Minuten so richtig schlecht spielten. Da ging wenig, das war einfallslos und mit sehr, sehr wenig Mut vorgetragen. Diese Mannschaft hätte man in einer solchen Halbzeit auseinandernehmen MÜSSEN. Aber, am Ende zählen bekanntlich nur die erzielten Treffer. Und so ging es mit einem 0:0 vor 37.000 Zuschauern mit einem hohen Zufriedenheitsfaktor auf F95-Seite in die Kabinen.

Warum wurde das System verändert?

Warum in drei Graefes Namen das Trainerteam mit verändertem System auf den Rasen zurückkehren ließ, müssen die Herren Funkel, Kleine und Bellinghausen bei Gelegenheit nochmal erklären – es hatte doch so gut funktioniert. Und es funktionierte nach dem Wiederabpfiff über 20 Minuten lang nicht. Spannend war die Konstellation zu Spielbeginn. Die Coaches hatten eine Dreierkette mit Robin Bormuth und Marcin Kaminski sowie Adam Bodzek als Mittelmann serviert. Dazu gab’s mit Matthias Zimmermann und Kevin Stöger eine klasse Doppelsechs. Jean Zimmer und Nico Gießelmann wirkten als echte Außen, während die genaue Rollenverteilung zwischen Käpt’n Oliver Fink, Rouwen Hennings und dem Münchenheld Dodi wechselte. Das machte den Gegner phasenweise schier verrückt. Die Meenzer schienen so verwirrt, dass ihr Keeper in der ersten Halbzeit mehrfach danebengriff oder Bälle prallen ließ.

Derselbe Tormann übrigens, der in den zweiten 45 Minuten vier Hundertprozenter entschärfte und so seinen schwachen Vorderleuten den Sieg festhielt. Jedenfalls: In der Pause hatte Funkel auf ein etwas krummes 4-4-2 umstellen lassen. Was vor allem bedeutet, dass Hennings und Dodi eine Doppelspitze darstellen und Fink einen Achter geben sollte. Das funktionierte aber nicht, weil Hennings wieder einmal sein immergleiches Wühlspiel abzog. Der Mann sieht seinen eigenen Schlussmann öfter als den des Gegners, weil er ständig mit dem Rücken zum gegnerischen Tor agiert. Und Dodi? Der junge Herr Lukebakio hätte vielleicht besser in der Kabine bleiben und früher durch Benito Raman ersetzt werden sollen.

Dodi mit Glitzerknete im Kopf

Wohlgemerkt: Dodi ist ein wahnsinniges Fußballtalent, aber eben noch sehr jung, sehr fröhlich, sehr ballverliebt und hat manchmal einfach den Kopf voll Glitzerknete. So gestern von Beginn an. Bisweilen verknotet er sich die langen Beine, manchmal sucht er den Dribbelkampf, obwohl er längst am Gegner vorbei ist, und nicht selten vergisst er einfach, die Pille abzugeben. Ist ja klar, dass die Gegner ihn nach seinem Wahnsinnsauftritt in München jetzt genauer decken, ja, fast immer doppeln oder gar tripeln. Das übergeordnete Ziel ist dann aber nicht, sich selbst gegen vier Gegner durchzusetzen, sondern die Überzahlsituation der Kollegen zu nutzen, also im richtigen Moment zu passen. Das funktionierte gestern gar nicht, also zu null Prozent.

Dass die Niederlage vor allem aufs Konto der Coaches geht, kann man daran festmachen, dass die Mannschaft auf dem Platz mit dem neuen System überhaupt nicht zurechtkam. Die Ballsicherheit war weg, die Zweikämpfe gingen schief und insgesamt sank der Konzentrations-Level auf ein Niveau, von dem man gehofft hatte, es in dieser Saison nie wieder sehen zu müssen. Vor allem olle Bodzek schien heftig verwirrt: Bin ich noch Viererkette oder doch die 1 davor? Der junge Bormuth versuchte gleichzeitig mehrere Positionen zu spielen, und nur Kaminski behielt halbwegs den Überblick. Gleichzeitig standen sich im Mittelfeld Stöger und Fink bisweilen im Weg – hier kam nur der bärenstarke Zimmermann mit der Umstellung zurecht.

Bormuth und Rensing verschulden das Tor

Die Unsicherheit strahlte auch sichtbar auf unseren Torwart Michael Rensing aus. Und so kam, was kommen musste. In der 67. Minute ließ sich Bormuth austricksen, der Mainzer schoss scharf auf die lange Ecke, und Rensing reagierte zu spät und falsch. Um dieses Tor hatte die Fortuna zuvor schon mindestens zehn Minuten lang gebettelt – man kennt das ja von unserer launischen Diva, dass man aus dem Block heraus schon sehen kann, dass es demnächst klingelt. Nochmal zum Mitschreiben: Konkret geht das Tor auf die Konten von Bormuth und Rensing, möglich gemacht wurde es durch den Konzentrationsmangel des Teams nach einer Systemumstellung. Denn: Die Mainzer spielten keinen Deut besser als in der ersten Halbzeit, sie machten nur mehr.

Dann kam endlich und viel zu spät Raman, der aber bis zum Schluss keinen Anschluss an das Team fand, dass immer noch verwirrt, aber nun mit enormen Kampfeswillen agierte und die Mainzer in der Schlussviertelstunde nicht mehr zum Luftholen kommen ließ. Da war dann auch endlich und viel zu spät Taka Usami auf dem Platz, der ebenfalls keine Bindung fand. Und auch Kenan Karaman durfte ran, der sicher der potenziell bessere Knipser ist als Hennings in der Version 2018.2 und Marvin Ducksch zusammen, aber bewegungstechnisch doch oft an einen gewissen Herrn Kujovic erinnert. Und trotzdem: Jetzt brannte es vor dem gegnerischen Torhüter im Minutentakt. Es hätte ja auch gern einer der Eigentorversuche für den Ausgleich sein dürfen, aber selbst diese Überraschungsdinger fing der Blödmann in Weiß ab.

Graefe zum Abschied

Blödmann, weil der deutlich jenseits der Fairness-Grenze auf Zeit spielte. Wie sich überhaupt die halbe Mainzer Mannschaft als Haufen mieser Typen erwies und einer gar vom fehlerfreien Schiri Graefe wegen Schauspielerei eine gelbe Karte einfing. Fehlerfreier Graefe? Ja, in seiner letzten Saison scheint der ehemalige Referee des Grauens bei sich angekommen zu sein, leitet ruhig, lässt laufen, hilft Gefallenen auf die Beine und redet beruhigend auf Hitzköpfe ein. Dass den beiden Assistenten je zwei, drei kleine Fehler unterliefen – geschenkt. Und die sage-und-schreibe FÜNF Nachspielminuten kann man als Entschuldigungsgeschenk von Graefe dafür werten, dass er die glorreiche Fortuna nachweisbar dreimal bös verpfiffen hat.

Ob – wie vom ollen Neusser Funkel ausgerufen – wirklich mehr Menschen aus Quirinus-City im Stadion waren, lässt sich nicht nachweisen. Dafür war bei den Ultras eine gewisse Müdigkeit zu verspüren. So richtig wach wurden die Anfeurer vom Dienst erst in der Pause, als sie mithalfen, dieses widerwärtige Casino-Spiel niederzupfeifen. Stadionsprecher Andre Scheidt kann einem leidtun, dass er einen solchen Dreck wegmoderieren muss. Vermisst hat man vor allem DJ Opa, der krankheitsbedingt fehlte – auf diesem Wege sei ihm allerbeste Besserung gewünscht. Und der Dank geht an den Oberrang der Süd, der die Stümmungsdelle der Ultras ein ums andere Mal ausbügelte und Gesänge anzettelte, die dann sogar auf die Tribünen übergriffen. Es soll ja auch beim Support sein wie beim Spiel: Der eine bügelt die Schwäche des anderen aus, wenn’s nötig ist.

Nur die Tore zählen…

Wie gesagt: Nützt ja alles nichts, wenn die Pille nicht in den Maschen des Gegners zappelt. Und wenn man dann die offizielle Statistik zurate zieht, wird leider auch klar, dass die Männer in den roten Trikots mit dem weißen Traditionswinkel in Wahrheit nur besser wirkten als sie empirisch belegbar waren. Oder lernen wir daraus, dass Statistik nicht alles ist?

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5 Kommentare

  1. Tja, das war schon sehr frustrierend gestern Abend. Wir waren alle fassungslos, was für Chancen da ausgelassen wurden. Alleine in der Nahspielzeit, die für meinen Geschmack zu kurz war mit 5 Minuten, gab es noch zwei dicke Dinger, die man machen muss.

    Ich habe lange keinen unverdienteren Sieger mehr in der Arena gesehen, als die Mainzer gestern. Aber wenn man solch einen Wucher mit seinen Torchancen betreibt, dann ist die Kette von Fehlern beim 0:1 nicht zu bereinigen. Beim verdienten Sieg hätte keiner über das Abwehrverhalten beim Gegentor gesprochen.

    Trotzdem war es rund 75 Minuten lang eine tolle Leistung unserer Truppe. Das sie voll mithalten können in der 1. Liga, war gestern wieder zu sehen. Damit sie es auch verdient haben, zu bleiben, müssen die Hütten endlich gemacht werden. Vielleicht wären Karaman und/oder Raman mal eine Alternative für Hennings.

  2. So ganz ungerecht ist diese Sportart nun doch nicht, denn der Erfolg bemisst sich letztlich nach der Qualität der Einzelspieler – von der jeweiligen Taktik mal abgesehen. Aber ja – die erste HZ sah wirklich gut aus (sie WAR es nur nicht!).

    Es mag in manchen Ohren unfair klingen, aber ein Jean Zimmer erinnert mich immer mehr an jenen Spieler, der als Maskottchen jahrelang aufgestellt wurde und z.B. bei der RP regelmäßig sein Fleißkärtchen mit Dreiplus abholte, egal was er auf dem Platz zusammenstümperte. Jener Spieler ist für mich der Inbegriff des letzten BL-Scheiterns gewesen, bei dem auch ein gewisser Bozze unselig mitwirkte. Wenn man JZ gegen diesen völlig minderbemittelten Karnevalsverein erlebt hat, der gerechterweise (!) ebenfalls in Liga 2 gehört, so schien Lumpi live an Bord zu sein, eifrig, emsig, alibihaft und immer wieder zunichte machend, was den Spielaufbau anging. Der Mann verliert 75% seiner Bälle postwendend, weil er’s einfach nicht kann. Seine letzte gute Flanke ist z.B. Monate her und sein München war reines Zufallsprodukt. Bodzeck spielt heuer immerhin schon mal ’nen Pass über 40m – im Unterschied zu den Sicherheitsquerpässen über 15m im Mittelfeld, die man jahrelang genießen konnte. Aber wie der Bayern-Müller dürfen (müssen?) sie spielen und spielen und … Und der für den Trainer „wichtigste Spieler“ ist ein solider Zweitliga-Haudegen im besten Erstligaalter von 36 … Geht’s noch?!
    So. Who’s to blame? Wenn das Verletzungspech hinzukommt („ohne drei“), ist es eine Frage der Kaderplanung – nicht ungerecht, sondern schlecht offenbar. Bayern lässt grüßen.
    Munter wieder absteigen ist jetzt die Parole, der Boden der Tatsachen knistert schon böse – doch Hauptsache, man hat ein putziges Maskottchen immer auf dem Spielfeld – dann tut ja alles nur halb so weh und ist auch viel besser als ’ne doofe Ziege hinter’m Tor …

    P.S. Die Primaradonna Stöger ist tatsächlich deutlich besser geworden, aber – Himmel! – ist der in seiner Spielweise vielleicht eitel!

  3. Naja, den Fernsehbildern vom Freitagabend nach kam das Tor zu Stande, weil die Fortunen sich in den 5 Sekunden davor im Mittelfeld vor dem Pass von Quaison auf Maleta irgendwie im Halbschlaf befunden haben. Schon der Pass auf Quaison fand so unbedrängt statt, dass man gedacht hat, trauen die Fortunen den Mainzern gar nichts zu? Und weshalb Zimmermann auf einmal stehen geblieben ist, verstehe ich auch nicht.

    Bei der Vielzahl an Chancen hätte wenigstens ein Unentschieden rausspringen müssen. Und trotz Umstellung des Systems hat die Mannschaft besser als die Mainzer gespielt. Nur eben nicht gewonnen und mindestens einen Punkt liegen gelassen.

  4. Gestern habe ich mir dann die Zusammenfassung von Sky angeschaut. Wieder ein Beispiel dafür, dass man ein Spiel entweder im Stadion oder wenigstens komplett im TV sehen muss, um wirklich einen einigermaßen vollständigen Überblick zu bekommen. Die Zusammenfassung von Sky zeigte nichts von dem großen Chancenplus der Fortunen. Auch nichts von den teilweise schönen Spielzügen und dem Willen nach dem Gegentor, dass Spiel noch herumzureißen.

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