Analyse · Das hatten wir auch noch nicht, dass der Ergebene einen Spielbericht mit einer Eloge auf einen Spieler eröffnet. Muss aber sein, denn ausgerechnet Karaman, ja, der türkische Nationalspieler Kenan Karaman, der Typ, der in den letzten Wochen so oft so viel Zorn auf sich gezogen hat, war gestern bester Fortune auf dem Platz. Der gute Kenan war überall, war fleißig, konzentriert, bissig und voller Ideen. Auch wenn es einen Soccer-Gourmet bisweilen bei seinen Ballannahmen gruselt – wenn er will, kann er alles. Das macht die Sache nicht einfacher, zumal er gestern nicht der einzige Licht- und Schattenboxer in Rot blieb. [Lesezeit ca. 7 min]

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F95 vs SCP: Co-Trainer in kurzen Hosen (Foto: TD)

F95 vs SCP: Co-Trainer in kurzen Hosen (Foto: TD)

Der andere heißt Florian „Flo“ Kastenmeier, unser Kastenmeister, der immer wieder zeigt, wie ein moderner Torhüter sich an einer Partie beteiligt und nicht immer bloß seine Bude sauber hält – eine Spielweise, die auf Manuel Neuer zurückgeht, die der Flo aber so inhaliert hat, dass er inzwischen bei Ausflügen außerhalb seines Rechtecks fast wie ein Neuer-Double wirkt. Und dann wieder dieser Übereifer. Ein Rauslaufen, um eine hohe Flanke abzugreifen, ein Flug, der von den Körpern der Kollegen gebremst wird, ein daraus resultierendes Danebengreifen und dadurch ein Treffer für den Gegner. „Wenn er rauskommt, muss er den Ball haben,“ heißt eine dieser ewigen Wahrheiten im Rundballspiel.

Leichte Bedenken bei der Startaufstellung

Unter denen, die sich ein bisschen auskennen und/oder engagierte Beobachter der göttlichen Diva sind, fand die Startaufstellung keine hundertprozentige Zustimmung. Auch ihr enorm ergebener Berichterstatter murrte sanft angesichts der Personalien Peterson und Karaman. Während der lange Kenan den Ergebenen massivst Lügen strafte, konnte Kristoffer Peterson ihn erneut nicht überzeugen. Nicht einmal die Tatsache, dass er a) seine Seite durchweg fleißig beackerte und b) die Hütte zum 1:0 machte, reißt es da raus. Der junge Schwede wirkt bisweilen übermotiviert, agiert im Zweikampf oft fahrig und hat nicht wirklich immer ein Auge für den Nebenmann. Da hätten viele lieber Leon Koutris gesehen, der dann auch in der 61. Minute kam und zeigte, dass es auch anders geht.

F95 vs SCP: Rouwen gewinnt die Seitenwahl (Foto: TD)

F95 vs SCP: Rouwen gewinnt die Seitenwahl (Foto: TD)

Rund um den Sturm im engeren Sinne wird es bald schwierig werden durch die dräuende Qual der Wahl. Momentan ist Dawid Kownacki schon Opfer des Überflusses. Die Jokerrolle liegt dem netten Polen überhaupt nicht. Er kommt rein (dieses Mal erst in der 85. Minute) und will dann alles. Hektik ist die Folge, zum Erfolg führt das nicht. Wollen die Trainer den teuren Dawid nicht verbrennen, MÜSSEN sie ihn öfters von Beginn an mittun lassen. Und, was soll werden, wenn Emma Iyoha (Fußballgottseidank!) wieder voll fit ist? So lange Rouwen Henning gesetzt ist, wird immer nur ein Platz für einen der drei frei sein. Es sei denn, die Coaches gehen voll offensiv und spielen mit drei echten Spitzen…

Die beste halbe Stunde der Saison

Jedenfalls waren die ersten 30 Minuten der Partie gegen Paderborn in der eiskellerkalten Arena die beste halbe Stunde, die unsere Jungs in der laufenden Saison bisher aufs Parkett gelegt haben. Ab ging’s vom Anstoß mit voller Power und maximalem Speed. So schnell waren die Roten, dass die Paderborner gar nicht wussten, wie ihnen geschah, und es nach 90 Sekunden schon 1:0 stand … leider nicht wirklich, denn der gute Rouwen hatte sich deutlich im Abseits getummelt. Zack, 6. Minute, das zweite Tor. Dieses Mal durch Peterson, wieder Abseits. In der 13. Minute zockt Hennings einem Paderborner an deren Box die Pille, kriegt das Ding aber nicht am Paddeltormann vorbei. Angesichts des Feuerwerks staunten die Anwesenden; am meisten wohl der SCP-Trainer, der den Abend bei Frost im kurzärmeligen T-Shirt verbrachte und sich ziemlich Gedanken machte.

F95 vs SCP: Strafraumszene ohne Tor (Foto: TD)

F95 vs SCP: Strafraumszene ohne Tor (Foto: TD)

Auffällig die ständige und klug inszenierte Jagd nach dem Ball, mal als feines Pressing ganz vorne, dann wieder durch explosives Anlaufen im Mittelfeld und schließlich dauerhaft als sichtbaren Ausdruck des Willens, diese Kugel in den eigenen Besitz zu bringen. So wurden die Roten auch Könige der zweiten Bälle, und die statistischen Werte um die 25. Minute herum lasen sich mehr als erfreulich. Durch dieses aggressive Verhalten der Platzherren sahen die Paderborner schwächer aus als sie in Wirklichkeit waren. Das zeigte sich nach dem 1:0 in der 23. Minute durch Peterson. Karaman fängt einen Fehlpass ab, geht ein paar Meter und schlägt eine relativ steile Flanke in den Sechzehner, wo Hennings schon knapp verpasst, aber der hinter ihm laufende Kristoffer den Fuß im richtigen Moment hinhält und einlocht.

Viele Chancen, öfters Abseits

Kaum 8 Minuten später hätte es zum zweiten Mal klingeln können, weil Peterson kurz vorm Kasten abzog. Dem ging eine feine Aktion mit Shinta Appelkamp voraus, der beim vermeintlichen Tor aber im Abseits stand. Bis dahin hatten die fortunafreundlichen Menschen da draußen an den Streaming-Empfängern mit großen Kinderaugen eine auftrumpfende Mannschaft gesehen, die kaum je ernsthaft in der Defensive eingreifen musste. Um die 30. Minute herum änderte sich das Bild. Der Padertrainer hatte minimal umgestellt und ein höheres Pressing angeordnet, dass vor allem das F95-Mittelfeld umgehend verunsicherte. Plötzlich waren es die Gäste, die sich an zweiten Bällen erfreuten, plötzlich waren sie es, die mit schicken Spielzügen glänzten, und die Fortunen taten sich gut zehn Minuten lang schwer, damit umzugehen.

F95 vs SCP: Jubel nach dem Tor (Foto: TD)

F95 vs SCP: Jubel nach dem Tor (Foto: TD)

Zumal Kevin Danso nun vorzuführen begann, dass dieser Frostabend nicht sein Tag war. Ungewohnte Stellungsfehler und Unsicherheiten am Ball addierten sich; nichts Schlimmes, aber in der Summe eben doch besorgniserregend. Andre Hoffmann dagegen klar und deutlich und, im Verbund mit Flo Kastenmeier, lautstark Regie führend. Genauso sicher auch wieder Luka Krajnc auf links, der mit seinem ziemlich perfekten Stellungsspiel Geschwindigkeitsdefizite ausgleicht; der hatte durchgehend die unangenehmsten Paderborner gegen sich, sodass er offensiv schlicht nicht stattfand. Das sah bei Zimbo Zimmermann ganz anders aus, der aber auch die einfachere Seite für sich hatte.

Pressing-Meister Zimbo

Der wurde an diesem Abend zum Meister des Pressings und eroberte serienweise Bälle im Mittelfeld, die er nicht immer sauber weiterverarbeitete. Seine Vorbereitung des 2:0 war jedoch der Knüller des Spiels. Wie er erst bis zur Grundlinie durchdrang, dann dort auf engstem Raum erst einen, dann einen zweiten Gegner ausspielte, um die Pille dann perfekt querzulegen, sodass der gute Kenan sie zur Hütte verwerten konnte, das war eine glatte Eins mit Sternchen. Womit wir beim eigentlichen Goalgetter sind: Rouwen Hennings verhielt sich durchgehend unauffällig. Und das ist alles, was man zu ihm sagen kann.

F95 vs SCP: Ecke, kein Tor (Foto: TD)

F95 vs SCP: Ecke, kein Tor (Foto: TD)

Alfie Morales gab einen Sechser ohne spielaufbauende Ambitionen. Das tat er bis weit in die zweite Halbzeit solide, fand aber nach der großen Umstellung der Paderborner auf drei Stürmer zunehmend seltener die richtige Position für das ihm zugedachte Tun. Ja, leider ging die Schwäche der Fortunen in den letzten 20 Minuten recht stark auf sein Konto. Wenn der Trainer eine solche Sechser-Rolle anordnet, muss der dort agierende Kicker unabhängig vom gegnerischen Treiben auf der Höhe sein. Nein, das heißt nicht, dass Morales schlecht gespielt hat, nur eben nicht so wie er hätte sollen. Zum Glück gibt es mit Cello Sobottka (er kam in der 70. für Eddie Prib) ein echtes Double.

Eddie bisschen unrund

Apropos Prib: Irgendetwas lief beim Eddie gestern nicht ganz rund. Ideen, für die er ja mit zuständig ist, brachte er ungewohnt wenige ein, dafür überzeugte er in Sachen Einsatz und Kampf. Wie sehr das Spiel von Shinta Appelkamp von dieser Kooperation abhängt, konnte man daran ablesen, dass auch der gute Shinta relativ blass blieb. Mit Muskel-Aua blieb er zudem nach der Pause draußen, für ihn kam Toni Pledl, der auf derselben Position eine völlig andere Art Fußball vollführt. Man sieht dem blond Gefärbten ständig an, dass er will, dass er sich was ausdenkt, aber leider klappt das nicht oft genug. Mit einem nicht so dollen Eddie und einem bemühten Toni ist es Essig mit einem kreativen Mittelfeld, anders kann man das nicht sagen.

Und so wurde es ab der 70. Minute gegen nun rasant stürmende Paderborner recht knifflig. Die hatten jetzt drei schnelle und trickreiche (oft einen Hauch zu trickreich) Buben auf dem Platz, dazu ein offensives Mittelfeld, das Blut gerochen hatte, und setzten die Fortunen ernsthaft unter Druck. Gut, es ergaben sich einige Konter, die aber allesamt nichts brachten, zum Teil, weil sie zu langsam vorgetragen wurden. Die in dieser Saison hinlänglich erfahrene Schattenseite der Fortuna 20/21 wurde wieder sichtbar. Zur 80. Minute hin brannte es dann regelmäßig im Sechzehner vor Flo Kastenmeier. Dann das nicht gefangene Ding und dadurch das 2:1. Es begann das legendäre F95-Zittern. Die Paderborner Spielbeobachter, die auf der Pressetribüne ein paar Meter vom Ergebenen entfernt hockten, witterten Morgenluft und wurden laut.

Schlampigkeit austreiben!

Aber irgendwie schafften es die Jungs nach drei Nachspielminuten über die Ziellinie und brachten den fünften Sieg nacheinander in die Scheune. Das zählt erst einmal. Es wird aber in den nächsten Wochen die verdammte Pflicht der Coaches sein, diesen Licht- und Schattenboxern die Schlampigkeit auszutreiben, die sich offensichtlich immer ab einem gewissen Aggregatzustand der Partie einzuschleichen pflegt und die nicht an einzelnen Akteuren festzumachen ist. Richtiges Auswechseln könnte da auch ein wichtiger Faktor werden. Jetzt sollte es gegen die in dieser Saison schwachen Braunschweiger einen Auswärtssieg geben, das schwere Spiel in Aue sollten die Burschen möglichst schadlos überstehen, und dann ist sie wirklich drin im Aufstiegsrennen, die wunderbare, rotweiße, wenn auch launische Diva.

2 Kommentare

  1. Kastenmeier kann mal ein richtig Großer werden, wenn er denn seine „Aussetzer“ mal vermeidet. Aktuell ist mir bei Standards aber immer etwas bange. Andererseits hat er schon so machen Ball rausgeholt, der eigentlich drin sein müsste (im Laufe der Saison).

    Zum Glück hat die eine Riesenchance der Paderborner nicht zum Tor geführt. Laut TV hatte nämlich der Schiri vorher den Ball berührt, es hätte Freistoß geben müssen. So gerne, wie die Gestalten aus dem Keller ihre Entscheidungen zu Ungunsten der Fortuna treffen, hätte es wohl wieder Schaum vor Mund gegeben.

    Der Schiri war insgesamt eigentlich ganz gut, im Vergleich zu anderen, die wir schon ertragen mussten. Allerdings, die Gelbe gegen Bodzek war irgendwie wieder bezeichnend. Im TV war (in der Zeitlupe) genau zu sehen, wie er eben nichts gemacht hat. Der 11er der Paderborner aber wurde mehrfach ermahnt, foulte munter weiter, diskutierte mit dem Schiri, alles ohne Konsequenzen. Das bringt mich immer wieder auf die Palme, nicht nur bei Fortuna Spielen (aktuell zwar schon, denn andere Spiele gucke ich nicht mehr).

    Nach dem 2:0 führte leider wieder unser Schlendrian dazu, dass wir in Bedrängnis gerieten. Offensichtlich hat sich aber doch etwas geändert, früher konnte man darauf wetten, dass so ein Spiel noch gegen uns kippte. Aber gegen die „Großen“ der Liga, also die, welche derzeit oben über uns stehen, wird so etwas wie gestern in den letzten 30 Minuten nicht funktionieren. Aber lieber so wie gestern, als den Rumpelfußball zu Beginn der Saison.

  2. Für mich waren die fürchterlichen (!) letzten 30 Minuten wieder ein Rösler-Problem, um nicht zu sagen Beinahe-Fiasko. Während der SCP-Kollege gezielt und effektiv coachte und seine Elf zu einer krassen, andauernden (!) Überlegenheit motivierte, scheint UR die Mannschaft eher zu lähmen, wenn auf Umstellungen ad hoc und flexibel reagiert werden muss. Da wäre mindestens eine „Kastenmeier-Auszeit“ fällig gewesen, denn die Fortuna ist 20 Minuten kaum einmal über die Mittellinie gekommen.
    Es war der Offenbarungseid eines deutlich führenden Teams, das ich jedoch nie und nimmer dem „Schlendrian“ der Spieler, sondern der Unfähigkeit ihres Trainers anlaste. Die Verunsicherung hatte ihren Ausgangspunkt ganz sicher an der Seitenlinie. Vielleicht ist ja Baumgarts Kurzärmeligkeit ein zu kopierendes Muster 😉 ?

    Im Übrigen unterstreiche ich doppelt die Anmerkungen zu Koutris und Kownacki: Hennings-Tore fallen bestimmt auch ohne ihn! Hier ist UR auf dem besten Wege, große Talente einzudampfen und zu frustrieren.
    Und der unsägliche Bodzeck sollte gar nicht mehr eingesetzt werden, selbst wenn das letzte Foul keines gewesen sein mag.

    P.S.
    So etwas Peinliches wie „Muskel-Aua“ möchte ich bitte nie mehr lesen müssen: infantiles EXPRESS-Niveau à la „Bebou-Bubi-Bomber“. Und wo wir schon mal … : „Cello“ und „Alfie“ gehören sich für den Journalisten auf Dauer auch nicht – das wirkt zumindest auf mich unfreiwillig anbiedernd …

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