F95 vs Pissbirnen 1:2 – Mehr Platz für Zaunfahnen

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Das einschneidenste Fortuna-Ereignis der Woche war die schockierenden Nachricht von Ellens Tod. Ellen Vogt war unsere Ordnerin und ein Stück Paul-Janes-Stadion. Völlig überraschend ist sie mit nur 59 Jahren gestorben – Tom Koster hat auf der Fortuna-Website einen wunderbaren Nachruf verfasst. Wir alle, die wir Ellen seit Oberligazeiten kannten und mochten, hätten uns eine echte Schweigeminute gewünscht. Aber immerhin wurde die Nachricht – und auch die vom Tod unseres Ado Adomeit – verlesen, und DJ Opa spielte „Nur zu Besuch“ von den Toten Hosen. Ansonsten hätte es ein schöner Sommernachmittag werden können. Aber den hat uns die Truppe vermasselt. Dabei fing es perfekt an: Schon in der zweiten Minuten versenkte der schnelle Herr Bolly die Pille nach einem sehenswerten Spielzug im Tor der Paddelbirnen. Komischerweise dachten da viele schon an eine Revanche für die fürchterliche 1:6-Niederlage gegen den Retortenclub aus dem ödesten Teil NRWs („Der liebe Gott erschuf im Zorn Bielefeld und Paderborn“) von vor zwei Jahren. Aber anstatt nachzusetzen, gegen die völlig verunsicherte Defensive des Absteigers weitere Chancen rauszuspielen und zu vollstrecken, ließ die Konzentration der Herrn in Rot fast augenblicklich nach.

Und so wurden die hohen Erwartungen, die nicht nur Ihr sehr ergebener Berichterstatter mit ins Stadion getragen hatte, wieder einmal enttäuscht. Es wäre so schön, könnte man einen Schuldigen festnageln dafür, dass sich die Mannschaft von Trainer Kramer von einer kaum zweitligatauglichen Truppe hat schlagen lassen. Zuhause. Im ersten Heimspiel. Aber auch wenn Schiri Kircher nicht ganz sauber pfoff und an der Linie auf der Haupttribünenseite wie immer ein Vollarsch amtierte, hatte der Ausgang des Spiels nicht mit dem Referee-Team zu tun. Ja, die beiden Gegentore gehen noch nicht mal auf die Kappe irgendeines einzelnen F95-Kickers. Wobei der Siegtreffer für die Doofen aus Ostwestfalen auf eine Weise fiel, dass man dem gesamten Mittelfeld und den Abwehrleuten kollektiv Naivität vorwerfen muss. Anstatt den SCP-Stürmer an der Grundlinie umzusäbeln, lässt man ihn gewähren und in die Mitte flanken, wo ein anderer SCP-Söldner mutterseelenallein… Da konnte selbst der Herr Rensing, der wie in Berlin wieder zwei Hundertprozentige killte, nichts mehr machen.

Im Vergleich zum tollen Auswärtsspiel muss man bei der Einzelkritik drei Spieler nennen, die es heute nicht gebracht haben. Da war vor allem der junge Herr Akpoguma, der durchgehend überfordert war, seinen direkten Gegenspieler nie auch nur annähernd in den Griff bekam und folgerichtig kaum je mit nach vorne arbeiten konnte. Da mochte man nicht in der Haut von Coach Kramer stecken, der bereits Mitte der ersten Halbzeit den Herrn Schauerte zum Warmmachen schickte – als stille Mahnung an die Leihgabe aus Hoppenheim. Aber: Einen jungen Spieler in seinem ersten Heimspiel wegen schlechter Leistung auszuwechseln, hieße, ihn zu verbrennen – man erinnere sich daran, wie der begabte Herr Ramirez seinerzeit verbrannt wurde. Der zweite Ausfall war um einiges bitterer, denn der Herr Koch ist im Prinzip ein richtig großer Spieler, der Regie führt, der sich was traut und den Überblick hat. Heute hatte der Scheiße am Schuh, wie sonst konnte der so viele Fehlpässe erzeugen. Ebenfalls nicht so überzeugend wie in Köpenick der Herr Sararer, der wirklich begnadeter Kicker, der wunderbar mit der Pille umgeht, sich prima durchsetzen kann und kämpferisch viel zu geben hat. Der flüchtete sich mit zunehmender Dauer der Partie in Schönspielerei, auf die am besten die Floskel von der brotlosen Kunst passt. Leider war ab dem Ausgleich auch die Innenverteidigung, die auf dem Papier ein der besten der zweiten Liga sein müsste, nicht mehr sicher. Nun kann der Herr Haggui auch nicht alles selbst machen, denn der versuchte zu sichern, was zu sichern war.

Erheblich positiv fiel der Herr Liendl, der sich offensichtlich von seinem ML10-Wahn befreit hat und wieder fußballspielen will. Der ackerte, der kämpfte, der schlug kluge Pässe und war fast überall. Wenn der so weitermacht, werden wir ihn auch wieder Alpenmaradonna nennen. Sogar der schöngefönte Finne entdeckt langsam, dass Fußball ein Kampfsport ist. Leider stand er als Vollstrecker heute nicht ein einziges Mal richtig und hatte nie auch nur den Hauch einer Chance. Die hatte dagegen der Herr Ya Konan, der auch zweimal nur um Bierbecherbreite an Flanken vorbeisegelte. Kommen wir zum Herrn Bolly, dem unser sensationelles Trainerteam augenscheinlich den Sinn und Zweck des Fußballspiels beigebogen hat. Auch für den gilt: Wenn die Muskulatur hält, werden wir noch viel Freude an ihm kriegen. Unser Axel kam um die 60. herum für ebenjenen Herrn Bolly und wuselte auf bekannte Art, aber nicht halb so effektiv wie der norwegische Elfenbeinküstler. Auch der bullige Mijnherr van Duinen brachte keinen Fortschritt gegenüber dem Herrn Pohjanpalo, obwohl er sich körperlich sehr bemühte. Erst in der 84. erlöste Kramer den Herrn Akpoguma und ließ den Herrn Schauerte auf den flammneuen Rasen hoppeln.

Halten wir fest: Keiner war schuld, und so richtig verdient war der Sieg für die blaue Gürkchentruppe auch nicht, denn die hat außer einem bewundernswerten Kampfgeist wenig bis nichts zu bieten. Blödmänner wie den arroganten Herrn Ndjeng und den notorischen Frauenschläger Saglik möchte man eigentlich gar nicht mehr sehen und wünscht dem SCP schon allein deswegen den Abstieg in die dritte Liga. Möglicherweise hat unsere Fortuna denen aber heute so viel Mumm geschenkt, dass die gar nicht erst in den Abstiegskampf müssen. Ob unser Team dagegen überhaupt in irgendeiner Weise in Richtung Aufstieg schielen darf, wird man wohl erst nach dem Spiel in Nürnberg Ende August beurteilen können.

Aber vorher geht’s nach Essen zum Pokaldingsbums, für das schon jetzt die ganze Fortuna-Fangemeinde brennt. Ob es wirklich angemessen und/oder klug ist, mit dem Spruch „Alle nach Essen, auch ohne Karte“ einen auf Blocksturm zu machen und das Mottoshirt mit dem originellen Spruch „Scheiss RWE“ mit einem Fadenkreuz zu zieren, wird sich weisen. Dass bei einigen Buben im Block 42 das Testosteron immer wieder seltsame Blüten treibt, konnte man auch angesichts eines kleinen, privaten Schlägerei zwischen zwei Ultras erkennen. Vielleicht ist es eine merkwürdige Sehnsucht nach Bürgerkrieg, die gewisse Ultra-Kreise immer und immer wieder zu martialischen Sprüchen und Aktionen treibt; Gespräche mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten könnten eventuell bewirken, diese ganze Gewaltkacke eine Nummer kleiner zu fahren. Das Mottoshirt zum Spiel gegen RWE ist jedenfalls ausgemachte Scheiße.

Bleibt positiv nachzutragen, dass ein paar Änderungen der Stärke des Supports sehr gut getan haben. Der Kapo in 42b ist samt Trommlern nach unten gezogen und hat jetzt mehr Überblick über das, was die Fans so mitmachen und was nicht. Die Lautsprecheranlage hat niemand vermisst, denn jetzt pflanzen sich angestimmte Gesänge schneller fort, weil sie nicht überdröhnt werden. Und natürlich ist es sehr hilfreich, dass die Dissidenti jetzt unten im 39er stehen und so die Gesänge aus dem Ultras-Block schneller und besser übernehmen können und damit ein zweites Support-Zentrum bilden. Ob es mit diesen Dingen zusammenhängt, ist offen, aber etliche Male kamen die Anregungen für Gesänge aus drei, vier Ecken der Blöcke 39 bis 42, die dann vom Kapo prima übernommen wurden. Außerdem war die Zuschauerzahl von über 30.000 erfreulich. Wenigstens ein Themenfeld, das keine weitere Enttäuschungen mit sich brachte.

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2 Kommentare

  1. Selten so ne Scheisse gelesen. Von euch hätte ich mir wesentlich mehr erhofft. „Dass bei einigen Buben im Block 42 das Testosteron immer wieder seltsame Blüten treibt, konnte man auch angesichts eines kleinen, privaten Schlägerei zwischen zwei Ultras erkennen. Vielleicht ist es eine merkwürdige Sehnsucht nach Bürgerkrieg, die gewisse Ultra-Kreise immer und immer wieder zu martialischen Sprüchen und Aktionen treibt; Gespräche mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten könnten eventuell bewirken, diese ganze Gewaltkacke eine Nummer kleiner zu fahren“. Erstmal, dass war keine Schlägerei zwischen zwei Ultras. Die Ultras hatten damit gar nichts zu tun, außer dass sie geschlichtet haben. Und das Mottoshirt hätte schlimmer kommen können. Da habe ich schon von anderen Szenen viel unkreativeres gesehen.

    • Rainer Bartel am

      Manche Kommentare sind sooo vorhersehbar…

      Recht hast du in dem Punkt, dass tatsächlich einige mir gesichtsbekannte UDler SOFORT schlichtend eingegriffen haben.

      Ich bleibe dabei: Mit einem Fadenkreuz symbolhaft zu hantieren, heißt: Waffengewalt zu verniedlichen.

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