[Spielanalyse] “Wer issen das überhaupt, Eibar?” nörgelt einer rum. “Da spielen wir doch besser gegen TuS Nord als gegen irgendeinen internationalen Club, den keiner kennt.” Na ja, um ehrlich zu sein: Auch Ihr sehr ergebener Berichterstatter wusste wenig über den SD Eibar. Weil aber neben ihm auf der Süd im Paul-Janes-Stadion am Flinger Broich einer stand, der sich auskannte, konnte Ihr Ergebener eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass der SDE in der Primera Division in der vergangenen Saison eine ähnliche Rolle gespielt hat wie unsere glorreiche Fortuna. Denn auch die Eibaraner wurden zum Abstiegskandidaten Nr. 1 erklärt…

…und fieselt dann mal eben Real Madrid mit 3:0 ab. Da kann das epische 3:3 der Fortunen gegen den FCB kaum gegen anstinken. Außerdem, so der Experte, sei wichtig, immer von einem baskischen Club zu sprechen; die Leute aus der Waffenstadt an der Bizkaia seien da ziemlich eigen. Handgezählt waren übrigens drei SD-Anhänger am Broich – klar, hat das Örtchen ja gerade einmal rund 28.000 Einwohner. Und der Kenner wies dann noch daraufhin, dass aktuell unglaubliche FÜNF Vereine (Alaves, Bilbao, Eibar, Osasuna und San Sebastian) aus dem Baskenland in der ersten spanischen Liga kicken – für eine Region mit gerade einmal rund 2,2 Millionen Einwohner ist das erstaunlich. So viel zur Länder- und Völkerkunde, denn schließlich geht es ja um Fußball. Und vor allem um die glorreiche Fortuna.

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Der runderneuerte Kader

Die kommt ja mit einem runderneuerten Kader daher, den der von uns hochgelobte Lutz Pfannenstiel offensichtlich mit der Maßgabe zusammengestellt hat, dass die Herren Funkel, Kleine und Bellinghausen sich in Sachen Taktik und Systeme nicht groß umstellen müssen. Am auffälligsten ist das ja beim “Ersatz” für Dodi Lukebakio und Benito Raman (denen wir beiden nichts Schlechtes wünschen, die sich mit ihren Wechseln aber vermutlich voll verpreezt haben). Die Ähnlichkeit in den Fähigkeiten, in der Schnelligkeit, ja, selbst in den Bewegungsabläufen von Nana Ampomah und Bernard Tekpetey zu den beiden Helden der vergangenen Saison ist verblüffend.

Man muss das als Fortuna-Liebhaber ganz doll hoffen, dass beide möglichst ganz von Verletzungen verschont bleiben. Übrigens: Auch bei den Schwächen ähneln die beiden ihren Vorgängern. Während Tekpetey – gestern in engster Abstimmung mit dem kleinen Jean Zimmer – nach Kräften defensiv tätig wurde, scheut Nana das Überschreiten der Mittellinie wie Michael Rensing das Verlassen des Fünfmeterraums. Apropos: Rense, die arme Socke hat sich bei einem Radelsturz so bös verletzt, dass er wohl eine Weile pausieren muss. Da sieht man dann, wie klug es war, so viele Torhüter zu verpflichten. Und kann sich vorstellen, dass nun ein Zweikampf um den Startplatz in der Hütte zwischen Zack Steffen und Florian Kastenmeier entbrennt, wobei der US-Auswahl-Keeper aktuell wohl die Nase vorn hat.

Über den Zack und den Lewis

Gestern war er an den beiden Buden für die Basken völlig schuldlos. Auszeichnen konnte er sich zwei oder drei Mal. Ansonsten glänzte er durch ein perfektes Stellungsspiel und tolle Reaktionen. Damit, dass die Viererkette vor und in seinem Strafraum ab und an ein wenig wackelte, hatte er keine Probleme. Wobei Nico Gießelmann und Jean Zimmer so ziemlich genau den Stiefel spielten, den man von ihnen kennt – also: voller Einsatz bei spürbarem Offensivdrang. In der Innenverteidigung merkte man gerade Kaan Ayhan an, dass er quasi direkt aus dem Urlaub auf den ganz brauchbaren Rasen im PJS gekommen war, und Andre Hoffmann hatte ein paar Mal milde Abstimmungsprobleme mit ihm.

Hochinteressant aber war der Auftritt von Lewis Baker, dem Wanderpokal der englischen Ligen und Leihgabe von Chelsea. Der wuchtige Typ ist ja erst ein paar Tage an Bord, und das merkte man ihm in der ersten halben Stunde auch an. Denn in dieser Phase lief er teilweise rum wie Falschgeld. Ja, er versuchte mit seinen Kumpanen zu kommunizieren, aber weder mit Marcel Sobottka, noch mit den Flügelflitzer kam er ernsthaft in Kontakt. Noch vor der Pause änderte sich das, und Mister Baker wurde zum Regisseur. In der zweiten Halbzeit hatte er dann das Heft fast durchgehend in der Hand. Ähnlich wie Kevin Stöger, die arme, verletzte Socke, verteilte er die Pillen nicht bloß, sondern setzte ein paar Mal zu Sturmläufen an. Zählbar war davon nichts, aber vielversprechend.

Systeme ad absurdum geführt

Womit wir dann bei den beiden anderen Mittelfeldlern sind. Übrigens: Dass die F95-Coaches angeblich ein 4-5-1-System ausgerufen haben, führt das System der Kettenzählung annähernd ad absurdum. Die Frage ist ja eigentlich, ob und wann man die Außenspieler zum Mittelfeld zählt, wann zum Sturm. Also, einigen wir uns auf ein klassisches 4-3-3. Wobei das Mittelfeld eben aus den beiden erwähnten Herren Sobottka und Baker bestand, die um Alfredo Morales ergänzt wurden. Letzter fand die ganzen 90 Minuten über (Funkel & Co. verzichteten komplett auf Spielerwechsel!) nicht in irgendeine Rolle – welche ihm zugedacht war, blieb unerklärlich.

Das Glanzstück aber war der Dreiersturm, in dem Rouwen Hennings als klassischer Mittelstürmer endlich erkannt hat, dass er nicht immer mit dem Rücken zum gegnerischen Tor auf Lang-und-Weit hoffen muss, wenn es zwei Flügelspieler gibt, die ihn mustergültig bedienen. So war das 2:1 in der 53. Minute Material für ein Lehrvideo: Balleroberung, Ballbehauptung, Ballkontrolle, Pass und Tor. Wobei die Hauptrolle dieser Bernard Tekpetey spielte, von dem man sich fragt, warum – in drei Infantinos Namen – Schlacke 05 den abgegeben bzw. gegen Raman getauscht hat. Hennings blüht sichtbar auf, weil er Dinger serviert bekommt, die er in Buden ummünzen kann.

Nana und Tekpetey, die Wiedergänger

So wie Tekpetey der Wiedergänger von Raman ist, so ist Nana das für Dodi – mit allen Licht- und Schattenseiten. Aber, man kann ihm ebenso wie dem Schlaks, der jetzt bei Hertha zu kicken gezwungen wurde, nicht wirklich böse sein, wenn er dribbelte und trickst. Gestern war er allein schon wegen seiner beiden Tore der Held. Nein, wenn er sich am Sechzehnerrand freigespielt hat und draufschießt, netzt er nicht ein – es muss was besonders sein. So wie sein 1:0 in der 4. Minute. Da schoss er aus einem Winkel, der mit ca. 0° schon nicht mehr spitz zu nennen war, Richtung Eibar-Tormann, der einen Hauch neben dem kurzen Pfosten steht, mit einem Pass rechnet, sich ein paar Millimeter weg von der Linie bewegt, sodass Nana das Ei in den minimalen Zwischenraum tritt – und, schwupps, springt der Ball vom Torhüter ins Tor. Oder dieser Traumschuss zum 3:2 in der 81. Minute, bei dem er das Ding an der Strafraumgrenze volley mit dem Außenrist nimmt und reinzimmert.

Nein, ein Freundschaftsspiel war das nicht, denn einigen rot-blau gestreiften Eibansen kochte schnell das Blut. Da kam es dann ein paar Mal zu Rudeleien, wobei es einmal unglaublicherweise und ausgerechnet der heißblütige Herr Ayhan war, der schlichtend eingriff. Außerdem gingen die Jungs beider Teams doch mehr auf des Gegners Knochen als dies bei solchen Begegnungen Brauch ist. Macht aber auch Sinn, weil das Saisoneröffnungsspiel der letzte richtige Test vor dem unberechenbaren Pokalspiel in Villingen war. Zwischendurch geht es noch zum VfL Benrath, ein Termin, der nicht nur die Anhänger des Teilnehmers an den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft der Jahre 1930, 1932, 1933, 1934 und 1935 erfreut, sondern auch die Fans der Fortuna, weil es beim VfL immer so nett ist – es sei denn, es geht wie im vergangenen Jahrs das Bier aus. Überhaupt, so der Nörgler vom Anfang dieses Berichts, sollte F95 viel öfter Testspiele gegen Düsseldorfer Clubs spielen. Diese Idee unterstützt Ihr sehr ergebener Berichterstatter mit vollen Herzen!

Los, jetzt, optimistisch sein!

Und, was lernen wir aus diesem Spiel im wunderschönen PJS am Broich bei bestem Wetter vor gut 3.500 Zuschauer? Der Kader 2019/20 ist um keinen Deut schwächer als der von 2018/19 – eher im Gegenteil. Wenn man überlegt, welche tollen Spieler (Zimmermann, Suttner, Kownacki, Thommy, Pledl, Bühler, Karaman) und alten Haudegen (Bodzek und Fink) sowie verlässliche Stützen der Vorsaison (Bormuth und Barkok) gestern nicht mitgetan haben, kann man als Fortune schon ein bisschen mehr Optimismus an den Tag legen, als dass die Offiziellen derzeit tun. Natürlich kann eine Saison auch mit einem verbesserten Kader in die Hose gehen – gerade, wenn die ersten Partien schiefgehen -, aber potenziell kann das Team von Funkel & Co. den Erfolg der vergangenen Spielzeit nicht nur wiederholen, sondern sogar noch steigern. Welchen Platz muss belegen, um an der Quali für die Europa-Liga teilnehmen zu dürfen?

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2 Kommentare

  1. Nee, Europa ist dann doch noch zu weit gegriffen, wäre für nächste Saison vielleicht auch nicht so gut und zu früh. Aber begeistert war ich gestern teilweise auch von den neuen Flügelspielern. Schnell, dribbelstark, ich glaube auch, dass wir Raman und Dodi sehr gut ersetzt haben. Raman habe ich quasi schon vergessen, was in der Hauptsache an seinem wiederlichen Abgang liegt (ohne den Anteil von Schei**e 04 zu vergessen).

    Realistisch und offiziell gehe ich von Abstiegskampf aus, was ja mindestens in der Hinrunde für alle Teams ab Platz 8 gilt. Insgeheim hoffe ich aber doch wieder auf eine geile Saison mit relativ früh (so um Spieltag 25 bis 28) erspieltem Klassenerhalt.

    Ach ja, ich habe mir auf YouTube noch mal das Video des Spiels gegen Eibar angesehen. Da ging es bei den Moderatoren Uwe Klein und Oliver Bendt darum, warum man den Baker auf der Alm ein paar Tage “versteckt” hat. Ist ja klar, solange der Wechsel noch nicht vertraglich abgesichert ist. Ich hatte dann aber auf ein paar Worte gewartet, warum Raman während der Verhandlungen zwischen Schei**e 04 und F95 schon öffentlich im Müllbeutel-blauen Trikot rumlaufen darf. Aber da bin ich schon wieder bei einem, der eigentlich schon vergessen ist (siehe oben) und den wir hoffentlich bald auf dem Platz noch schneller vergessen werden.

  2. “Welchen Platz muss belegen, um an der Quali für die Europa-Liga teilnehmen zu dürfen?”
    Ja nach Pokalsieger 6. oder 7.
    Das halte ich, bei aller positiver Stimmung, dann doch für etwas gewagt.
    Gut, bin ja auch nur Ostholländer, so vom Verein her.
    Man weiß nie, was bei einer Saison ohne größere Verletzungen und einer womöglich aufkommenden Euphorie möglich ist. Auch Mainz und Freiburg haben es so schon einmal in die EL-Quali geschafft.

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