F95 vs St. Pauli 2:1 – Mit Mut, Geduld und Spucke

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Manchmal ist Fußball selbst an einem Spieltag, selbst nach einem Heimsieg nicht so wichtig. Wichtiger war heute, dass die Ultras und weitere aktive Fans rasch eine Bechersammelaktion für den am Mittwoch bei einem schlimmen Unfall zu Tode gekommenen Micha B. organisiert hatten, und Hunderte, wenn nicht Tausende Besucher nach Spielende ihre Bierbecher und damit das Pfand für dessen Familie spendeten, die derzeit auf jede unterstützende Summe angewiesen ist. Diese Sache zusammen mit einer erfreulichen Zuschauerzahl von mehr als 37.000 und eine restlos gefüllte Südtribüne samt einer grandiosen Anfeuerung ließ jedem altgedienten Fortuna-Freund das Herz ganz weit aufgehen und sagte: Ja, wir stehen zusammen, wenn’s drauf ankommt. Genau wie unsere Mannschaft, die nach dem bösen 3:4 in Regensburg einen mutigen, kämpferisch starken Auftritt bot und am Ende nach einem überraschend guten Spiel verdient drei Punkte einheimste.

Glücklich und freudig

Als die Kurve die Gewinner nach dem Schusspfiff mit einem lauten „Spitzenreiter, Spitzenreiter!“ verabschiedete, sah man nicht nur die Torschützen Andre Hoffmann und Takeshi Usami freudig grinsen – in den Gesichtern der rotweißen Kicker lag Freude, aber auch ein gewisser Stolz. Denn die Partie gegen den FC St. Pauli war von vornherein kein Selbstläufer. Einerseits wegen der von vielen Anhängern vermuteten Formkrise der Fortunen, wegen des aktuellen Zwischenhochs der Paulianer und angesichts des, ähem, Rasens, der zumindest optisch noch deutlich unbespielbarer wirkte als vor zwei Wochen beim müden Unentschieden gegen Fürth. Nur hatte das Team dieses Mal die richtigen Schlüsse aus dem skandalös kaputten Spielfeld gezogen: Hundert Prozent Kampf statt dem Versuch, dauernd schön zu spielen.

Wobei den Jungs in Weiß tatsächlich sogar beides gelang. Vor allem in geradezu wahnwitzigen zwölf, fünfzehn Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit, als sie den FCSP mit sage-und-schreibe FÜNF satten Torchancen an die Wand spielten. Dabei waren die Herren in den unangenehm braunen Trikots in den ersten fünfundvierzig Minuten mindestens gleichwertig. Niemand hätte sich beschweren können, wenn die Gäste mit einem Unentschieden oder gar einer Führung zum isotonischen Pausengetränk marschiert wären. Zumal sie auch in den ersten knapp zehn Minuten der Partie die offensivere und aktivere Mannschaft waren. Der wesentliche Unterschied im Angriffsbemühen der beiden Teams: Während die Stadteilkicker aus Hamburg es vorwiegend durch die Mitte versuchten, zogen die weißen Düsseldorfer ein schnelles Flügelspiel auf – besonders vorangetrieben auf der rechten Seite von Julian Schauerte und dem bereits erwähnten Usami.

Bestnoten für Schauerte

Überhaupt: Schauerte verdiente sich heute Bestnoten und sollte diese ganzen ahnungslosen Hater, die ihm grundsätzlich alles ankreiden, was sich einem Spieler ankreiden lässt, damit für einige Zeit das Maul gestopft haben. Es scheint, als glänze der flinke Außenverteidiger nur dann, wenn er den passenden Partner vor oder hinter sich hat. Schlecht sieht Schauerte aus, wenn er sich – wie taktisch vorgesehen – in die Offensive einschaltet und darüber das Verteidigen vergisst. Dem hatte Trainer Funkel mit einer einfachen Maßnahme vorgebaut: Immer wenn Schauerte im Verbund mit Usami stürmte oder gar vor diesem agierte, sicherte Sobottka hinten ab. Problemlösungen können so einfach sein…

Weil es in Hälfte Eins auf rechts so gut klappte, verödete die linke Flanke stellenweise. Erst als auch das Duo aus Niko Gießelmann und dem atemberaubenden flinke Genki Haraguchi seine Spielanteile bekam, wurde auch diese Seite gefährlich. Wenn aber eine Flügelzange zu Werke geht, sieht Rouwen Hennings in der Mitte leider nicht besonders gut aus. Weil der bekanntermaßen die gegnerische Defensive durch aggressives Pressing, aber auch durch seine Wühlerei in Aufruhr versetzt, fehlt er als Empfänger möglicher Flanken in der Mitte. Hier liegt ein Dauerproblem, für das Funkel bislang noch keine überzeugende Lösung gefunden hat.

Die üblichen Pauli-Fan-Boys- und -Girls…

So fiel das erste Tor erfreulicherweise aus einer Standardsituation, genauer: aus einem Eckstoß. Die Pille kam halblang auf Höhe des Elferpunkts rein, wo ihn ein Fortune auf den völlig freistehenden Hoffmann verlängert, der die Bude mit der Hüfte machte. Der paulianische Tormann regte sich über dieses Versagen seiner Vorderleute tierisch und zurecht auf. Hatten die gut und gerne 6.000 Gästefans im Kuchenstück in der Nordostecke bis dahin mächtig Alarm gemacht, kaufte ihnen der frühe Gegentreffer in der achten Minute erst einmal den Schneid ab. Natürlich auch den üblichen Totenkopf-Fan-Girls und -Boys, die ja bei jedem Spiel des FCSP in der Arena auftauchen und sich einmal im Jahr als Fußballfans geben. Leider auch in braunem Fanzeug untergemischt unter Fortuna-Freunden, die das womöglich auch noch gut finden. Man wünscht sich manchmal, dass der FC St. Pauli bei Studenten, Hipstern und anderen nicht ganz so fußballaffinen Menschen irgendwann nicht mehr so hip und cool ist. Dann sind die eher proletarischen FCSP-Anhänger in der Straßenbahn auf der Hinfahrt, die sich so ein bisschen danebenbenehmen, am Ende schon wesentlich authentischer.

Dem Kapo der Ultras sah man vor Spielbeginn seiner Nervosität ein wenig an, war er doch zwei Wochen zuvor von irgendwelchen Idioten im Block dauerhaft beschimpft worden, was der ohnehin müden Stümmung seinerzeit den Rest gab. Tatsächlich aber präsentierte sich die Fankurve dieses Mal als das, was früher „Singing Area“ hieß – auch der Tatsache geschuldet, dass der Block der diversen Ultras und ihr Kapo die Kritik vieler Stehplätzler sehr ernstgenommen und ihr Repertoire entsprechend justiert hatte. Deshalb klappte es auch zum ersten Mal seit Langem wieder richtig gut mit dem Übernehmen von Gesängen und Anfeuerungen, die im Oberrangblock 160 oder in 42 und 42b darunter angestimmt wurden. Überhaupt tat es richtig gut, endlich einmal wieder in einer prall gefüllten Kurve zu stehen.

Wie die Feuerwehr

Wie gesagt: Nach der Rückkehr aus den Kabinen war es die glorreiche Fortuna, die loslegte wie die Feuerwehr und ein Chancenstakkato anzettelte. In diesen furiosen sieben, acht, zehn Minuten hätten die Herren in Weiß ohne Weiteres auch auf 2:0 oder 3:0 stellen können – als ähnlich wie in Regensburg in den Anfangsminuten. Dabei gehörten die beiden Schlussakkorde der ersten Spielhälfte den Gästen: einer verschoss praktisch freistehend vor Raphael Wolf, derselbe hätte dann beinahe eine ganz kuriose Bude gemacht. Wolfs Abschlag kam zu flach und kurz, der Gegner konnte den Ball mit der Brust nach vorne abprallen lassen, sodass er über den Fortuna-Keeper hinweg Richtung Kasten flog und … am rechten Pfosten landete. Leider war dies nicht der einzige misslungene Abschlag des Torwarts, der ansonsten erneut einige dicke Dinger abfing.

Reden wir von der Viererkette, die schon nach 25 Minuten gesprengt wurde. Kaan Ayhan war in einer eher harmlosen Situation mit einem Gegner zusammengeprallt, musste aber kurz auf dem Rasen Platz nehmen. Einige Minuten später ließ er sich ohne Feindberührung fallen und musste nach einer kurzen Behandlungspause leider den Platz verlassen. Seine Position nahm Adam Bodzek ein, in dem viele den eigentlichen Matchverlierer von Regensburg sahen. Heute aber füllte er die Ayhan-Lücke absolut sauber aus und harmonierte prächtig mit Hoffmann, der ohnehin langsam zum Abwehrchef reift. Das in dieser Saison nicht so häufig gespielte 4-3-3 wurde durch ein Mittelfeldtrio ergänzt, in dem Florian Neuhaus eine hochkreative Leistung präsentierte, die allerdings durch relativ viel Ballverluste und Fehlpässe getrübt wurde. Nur: Der junge Mann, der die Fortuna mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach der Saison in Richtung seines Gladbacher Leihgebers verlassen wird, erobert eben auch massig Bälle, hat unglaublich oft ein Bein dazwischen und immer eine gute Idee.

Folgerichtig übernahm sein Partner Sobottka eher defensive Aufgaben und glänzte dabei vor allem durch eine tolle Zweikampfquote und noch mehr Balleroberungen als Neuhaus. Käpt’n Oliver Fink spielt in dieser Konstellation eher hinter den Spitzen und eigentlich eher destruktiv nach dem Pressing-Prinzip. Ein Problem bei diesem System ist, dass sich seine und Hennings‘ Aufgaben nur minimal unterscheiden. Angesichts der vielen herrlichen Flanken von der Grundlinie würde man sich manchmal einen baumlangen Knipser in der Mitte wünschen – also etwa einen Emir Kujovic in gut…

Usami ist angekommen

Gar nicht genug kann man Usami loben, der anscheinend endlich in Düsseldorf angekommen ist. Auch wenn er nicht ganz so quick und trickreich ist wie sein japanischer Kollege Haraguchi: Er hat viel Übersicht, glänzt bei der Balleroberung und hat einen satten Torschuss. Den wandte er an, nachdem ein feiner Querpass von Sobottka bei ihm am Rande des Sechzehners landete, er den Pauli-Torwart ausguckte und das Ei präzise und scharf unten rechts versenkte. Man fragt sich langsam, was die Leute bei Bayern, in Hoffenheim und Augsburg mit dem wohl falschgemacht haben, dass er sich dort nicht durchsetzen konnte. Vielleicht genießt er einfach das besondere Japan-Feeling in Düsseldorf – und dass ihn seine Landsleute hier auf der Straße erkennen und feiern.

Klug zeigte sich Funkel, in dem er die in den vorherigen Spielen nicht so überzeugenden Benito Raman und Jean Zimmer einwechselte und ihnen so nicht nur Praxis bot, sondern einen Vertrauensbeweis. Beide hatten nicht genug, ihm dies zu danken, und bei Raman hatte man erneut das Gefühl, dass sein Wollen sein aktuelles Können bei Weitem überragt. Der Trainer tut gut daran, diesem extrem wertvollen Spieler alle Zeit zu gewähren, die er braucht, wieder der Spielgewinner zu sein, der er in dieser Saison schon mehrfach war.

Schlüsselspiel in Duisburg

Dass die Sache nach einem unnötigen Anschlusstreffer in der Nachspielzeit noch einmal spannend wurde, war absolut unnötig, zumal das Tor für Pauli durch eine Verkettung unglücklicher Handlungen seitens der Fortunen entstand und durchaus nicht herausgespielt war. Dass der absolut korrekt und souverän leitende Schiri Timo Gerach, der zu den jungen Vertretern seiner Zunft zählt, VIER Minuten draufgab, ließ manchen F95-Fan auf den Plätzen dann sehr nervös werden.

Aber am Ende ging’s gut, und die wunderschöne Fortuna nutzte die jämmerliche Niederlage der Nürnberger punktgenau aus, um a) wieder auf Platz Eins zu stehen und b) wieder ordentlich Vorsprung auf den ersten Nichtrelegationsplatz zu genießen. Sieht also so aus, als würde ausgerechnet die Partie gegen den MSV zum Schlüsselspiel in Richtung Aufstieg.

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2 Kommentare

  1. Mit den „ahnungslosen Hatern, die Schauerte alles ankreiden“ liegst du mit FF wundervoll auf einer Wellenlänge, der ihn ja in D. für „völlig verkannt“ hält. Natürlich hat der Bursche (zum zweiten Mal) ein prima Spiel gemacht, aber dass er in D. vermeintlich so bitterböse „verkannt“ wird, liegt nun mal daran, dass er in der Vergangenheit in der Regel ein hampeliger verhinderter „Rechtsaußen“ war, der seine Defensivaufgaben nur unzulänglich erfüllte und dessen Aufstellung jetzt nur durch die von dir gelobte „Sobottka-Rochade“ zu vertreten war. Die beschrieben Aktion war wirklich eine Augenweide – Respekt.
    Funkels Strategie, alle Skeptiker in solchen Situationen ständig des „Wahnsinns“ zu bezichtigen, stößt mir allerdings zunehmend sauer auf. Es ist ja löblich und nachvollziehbar, dass er sich der Erniedrigten und Beleidigten annimmt, aber wir sind uns doch darin wohl einig, dass der gute Schauerte bei der wundervollen Fortuna keine Zukunft haben darf, oder? Andererseits scheint FF mir in Sachen „Liebesentzug“ (Hennings, Zimmer, Usami, Raman, Bormuth etc.) nicht immer eine planvolle Hand zu besitzen.

    Gemerkt? Ganz ohne Bodzek-Bashing!

    • Rainer Bartel am

      Keine Ahnung, ob’s typisch für Fortuna-Fan ist, aber dass man sich auf einen Spieler einschießt und ihn zum allgemeinen Sündenbock macht, hat bei uns Tradition. Man denke nur an Tobi Levels… Ja, die Hater sind ahnungslos, weil sie Schauerte nicht kritisieren, sondern ihn regelmäßig und wüst beschimpfen. Natürlich ist der gute Lockenkopf kein Fußballgott, und er hat auch schon ziemlich schlechte Spiele abgeliefert, aber grundsätzlich ist er ein Typ Außenverteidiger, der prima ins aktuelle System passt. Und: NATÜRLICH stellt sich Funkel vor seine Spieler und haut den Hatern vor den Koffer – das ist eine seiner ureigensten Aufgaben als Trainer!

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