Fortuna-Fans empört über Vorstandsentscheidung zur BILD-Heuchelaktion „Wir helfen“

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Der Logistiker Hermes ist DFL-Premiumpartner, ihm steht der linke Ärmel am Trikot jeden Spielers der DFL-Ligen für Reklamezwecke zu. Am kommenden Spieltag verzichtet Hermes auf diesen Platz auf den Leibchen der 36 Mannschaften der ersten und zweiten Bundesliga. Und zwar zugunsten der BILD-Aktion „Wir helfen“, die angeblich im Sinne des Slogans „Refugees welcome“ läuft und für die sich sogar schon der Vizekanzlerdarsteller Gabriel hat einspannen lassen. Man muss es sich einfach mal reintun: Das Boulevardblatt, dass schon seit den Zeiten von Rostock-Lichtenhagen immer und immer wieder brandstiftende Stories über Asylanten und Flüchtlinge in die Hirne ihrer Leser gewaschen hat, tut so als sei es umgeschwenkt. Ganz im Sinne der populistischen Regel: Wenn du Volkes Stimme nicht ändern kannst, dann rede ihr nach dem Mund. Die Heuchelei ist so irrwitzig wie frech. Nun hat die DFL das Anbringen des bewussten Abzeichens den Vereinen angeblich anheimgestellt – offiziell ist von einer freiwilligen Teilnahme die Rede. Und ausgerechnet der FC St.Pauli wird freiwillig nicht mitmachen. Dies ließ Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig in kühlem Tonfall öffentlich bekanntmachen.

Die Reaktion des BILD-Vorturners Diekmann kam prompt und ist an rhetorischer Unverschämtheit kaum zu übertreffen. Der populistische Propagandaminister drehte das Ding mit einem „Darüber wird sich die @AfD_Bund freuen: Beim @fcstpauli sind #refugeesnotwelcome“ nach Art der üblichen Sinnverdrehungsmethode von Rechtsextremen um. Und zog sich einen erheblichen Scheißesturm aus Fußballfankreisen zu. Rettig konterte wieder kühl. Spätestens mit diesem perfiden Ausfalls des Diekmanns war klar: Bei der Aufnäher-Aktion geht es nur um Reklame für die BILD-Zeitung. In diesem Geiste verfasste die vereinte Fanszene von Fortuna Düsseldorf einen offenen Brief an den Vorstand des Vereins mit dem Appell, sich nicht an der BILD-Aktion zu beteiligen. Am gestrigen Abend und über den heutigen Tag hinweg bekannten sich alle großen und Dutzende kleiner Fanclubs zu diesem Schreiben und seinem Anliegen – zum ersten Mal seit einige Jahren war eine Fanszene, die lange in sich völlig zerstritten war, sich einig. Unter dem Brief finden sich Namen von Gruppen, deren Mitglieder sich vor nicht langer Zeit noch gegenseitig an die Köpfe gegangen sind.

Noch am Vormittag gab der Aufsichtsratsvorsitzende Marcel Kronenberg aus dem Urlaub heraus folgendes Statement auf Facebook ab:

Liebe Leute, vielen Dank für eure zahlreichen Nachrichten. Als Aufsichtsratsmitglied habe ich eine klare Meinung zur aktuellen Diskussion und Unterstütze das Vorgehen des FC St. Pauli. Fortuna Düsseldorf engagiert sich schon seit längeren in der Unterstützung von Flüchtlingen und geht in einigen Dingen auch voran, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich sehe daher nicht die Notwendigkeit, dass sich der Verein an dieser freiwilligen Aktion beteiligt. Insbesondere nach den Äußerungen eines der Beteiligten über einen Verein aus unserer DFL sollte sich die DFL solidarisch gegenüber dem FC St. Pauli zeigen. Das macht eine Gemeinschaft für mich aus. Letztendlich kann ich aber nur Empfehlungen aussprechen, operativ entscheiden muss der Vorstand, der diese Entscheidung dann auch verantworten muss.

Weniger öffentlich, aber im selben Sinne äußerten sich auch andere Aufsichtsräte. Und als sich viele Fans schon über die Haltung des Kontrollgremiums freuten, platzte die Bombe mit der folgenden Meldung auf der Fortuna-Homepage:

„Flüchtlingshilfe zählt mehr als ein Boykott“
Keine Schärfung des Vereinsprofils auf Kosten der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen

In diesen Tagen beschäftigen sich die Verantwortlichen von Fortuna Düsseldorf intensiv mit der vom DFL-Premiumpartner Hermes initiierten Aktion am kommenden Spieltag. Auch den offenen Brief von Teilen der aktiven Fanszene hat der Verein zur Kenntnis genommen und nimmt diesen sehr ernst. Der Vorstand von Fortuna Düsseldorf nimmt zu diesem Thema wie folgt Stellung:

„Schon seit vielen Jahren unterstützt die Fortuna zahlreiche soziale Projekte und dabei Menschen, die auf verschiedenste Art und Weise in Not geraten sind. Damit unterstreichen wir, dass wir uns unserer sozialen Verantwortung mehr als bewusst sind und dies in zahlreichen Projekten und Aktivitäten regelmäßig leben. In diesem Rahmen haben wir in den letzten Wochen und Monaten mehrfach gezeigt, dass es bei uns eine aufgeschlossene und nachhaltige Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen gibt. Das verdeutlichen zum einen unsere mehrfachen Einladungen von Schutzsuchenden zu unseren Heimspielen. Darüber hinaus bieten wir schon seit mehreren Wochen ein regelmäßiges Training für Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien in unserem Nachwuchsleistungszentrum an.

An diesem Spieltag steht für uns die erneute Unterstützung der Aktion ‚Düsseldorfer Kultur und Sport für Humanität, Respekt, Vielfalt‘ im Vordergrund. Wir verdeutlichen damit einmal mehr, dass bei Fortuna Düsseldorf Intoleranz, Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit keinen Millimeter Platz haben. Schon am heutigen Donnerstag wird ein Plakat mit dem Schriftzug ‚Düsseldorfer Kultur und Sport für Humanität, Respekt, Vielfalt‘ während des Abschlusstrainings der Fortuna im Arena-Sportpark zu sehen sein. Außerdem wird am Freitag der gesamte Kader vor dem Auswärtsspiel beim VfL Bochum während des Aufwärmens T-Shirts mit besagtem Slogan tragen.

Aktionen, bei denen die Willkommenskultur von Flüchtlingen im Vordergrund steht, heißen wir grundsätzlich gut. Der inhaltliche Aspekt der vom DFL-Premiumpartner Hermes initiierten Aktion am kommenden Spieltag ist daher in unserem Sinne – genauso ist die Solidarisierung der Profivereine aus der 1. und 2. Bundesliga in vielen Fragen ein wichtiges Gut, das auch im Rahmen einer solchen Aktion nicht gefährdet werden darf. Wir unterstützen das Statement ‚Refugees welcome‘, das bei aller verständlicher und auch von uns als Vorstand mitgetragener deutlicher Kritik am Verhalten des dritten Aktionspartners im Vordergrund stehen sollte. Wir möchten allerdings in dieser Frage nicht unser Profil als Verein auf Kosten der Flüchtlingshilfe schärfen.

Wir als Vorstand stehen bei aller berechtigter Kritik am Vorgehen einer Boulevard-Zeitung für die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen – Flüchtlingshilfe zählt mehr als ein Boykott.“

Garniert war die Meldung mit einem schon mehrfach kritisierten, äußerst voyeuristischen Foto von drei Menschen dunkler Hautfarbe, die in der Arena glücklich in die Kamera lächeln – Bildunterschrift: „In den letzten Monaten lud die Fortuna schon mehrfach Flüchtlinge zu Heimspielen in die ESPRIT arena ein.“

Sofort brach der Sturm der Empörung los. Dutzende Fans äußerten auf Facebook und im Fortuna-Forum ihre Enttäuschung und ließen ihrem Unmut freien Lauf. Tenor: „Vorstand raus!“ Anlass war meisten weniger die Entscheidung selbst, als vielmehr die Tatsache, dass sich der Vorstand einfach über die Position der vereinten Fanszene hinwegsetzt und sich zudem nicht – wie bislang in solchen Fragen üblich – mit dem Aufsichtsrat ins Benehmen gesetzt hat. Der Text der offiziellen Meldung spottet außerdem jeder Beschreibung. Ob die nicht den Tatsachen entsprechende Formulierung „vom DFL-Premiumpartner Hermes initiierten Aktion“ bewusst gewählt wurde, eine Nebelkerze ist, um das Boulevardblatt (das übrigens in der gesamten Meldung nicht einmal beim Namen genannt wird) aus der Schusslinie zu nehmen, oder es sich um eine der nicht seltenen Schlampereien der F95-Kommuniklationsabteilung handelt, bleibt offen.

Perfide ist aber nicht nur das erwähnte Foto, sondern auch der Satz „Wir möchten allerdings in dieser Frage nicht unser Profil als Verein auf Kosten der Flüchtlingshilfe schärfen.“ Als ob es das Anliegen der Fans sei, das „Profil des Vereins zu schärfen“. Weiter wird mit geringer Finesse versucht, einen Gegensatz zu konstruieren zwischen dem Ablehnen der BILD-Aktion und nicht stattfindender Flüchtlingshilfe – dies ist exakt dieselbe Strategie, die Diekmann gegen den FC St.Pauli angewandt hat. Dann heißt es „bei aller verständlicher und auch von uns als Vorstand mitgetragener deutlicher Kritik am Verhalten des dritten Aktionspartners“, ohne dass belegt würde, ob und wie der Vorstand seine deutliche Kritik irgendwo geäußert hätte. Schon fast zynisch ist dann auch noch der Hinweis auf die Aktion „Düsseldorfer Kultur und Sport für Humanität, Respekt, Vielfalt“, als ob das Zeigen des Banners und des Schriftzugs auf den Warmspielhemden der Spieler beim morgigen Spiel in Bochum Beleg für irgendeine Aktivität des Vorstands wäre. Überhaupt ist das Pochen auf „wir“ und „uns“ angesichts dessen, dass die entsprechenden Initiativen fast immer von außen an den Verein getragen wurden, zumindest unappetitlich.

Politik des Lavierens
Für viele Fans reiht sich diese Entscheidung ein in eine schon länger anhaltende Politik des Lavierens, das der Vorstand auch schon angesichts der aktuellen Spieltagsansetzungen gezeigt hatte: von den nächsten Spielen wurden fünf auf einem Freitagabend, zwei auf einem Montagabend und nur eins auf einem Sonntag platziert. Ein Schlag ins Gesicht aller Fans, die ihre Fortuna gern auch auswärts begleiten, denn dies ist für die meisten an Freitagen und Montagen nur unter Einsatz von mindestens einem Urlaubstag möglich. Auch hier erwarteten die Anhänger eine klare Stellungnahme des Vorstands. Stattdessen wurde folgendes verlautbart:

Aufgrund der zeitgenauen Spielansetzungen der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Mittwochvormittag wurde dieses Thema ebenfalls eifrig diskutiert. Kill: „Mein Vorstandskollege Sven Mühlenbeck und ich haben am Mittag beim Verantwortlichen der DFL angerufen und unseren Unmut klar geäußert. Wir gehen davon aus, dass wir bei der nächsten Terminierung deutlich mehr Spiele am Samstag und Sonntag bekommen.“ Jäger weiter: „Dass die DFL bei der Erstellung des Spielplans viele Dinge berücksichtigen muss und wir in der Solidaritätsgemeinschaft mit der 1. Liga als Zweitligist oft den Kürzeren ziehen, ist nachvollziehbar. Diese Häufung an Spielen unter der Woche ist aber extrem Fan-unfreundlich und kostet uns dadurch auch Support und Geld. Hier werden wir mit der DFL reden.“ [Quelle: F95-Website]

SCD kündigt Kooperation
Dies alles bei einem Verein, den es ohne das große Engagement seiner Fans gar nicht mehr gäbe. Es waren die Anhänger, die diese Fortuna mit ihren ehrenamtlichen Aktionen aus der dunklen Zeit der Beinahe pleite und Oberligazugehörigkeit wieder in die oberen Ligen gebracht haben. Ohne das Abriss-Spiel gegen RWE (2002), das Mythos-Spiel (2003), die Aktion 25.000+ (2008) und viele andere Aktionen hätte die Fortuna die große Akzeptanz in Düsseldorf nicht wiedererlangt. Ohne die Leute, die in der Montagsrunde und der Satzungskommission in den frühen Nuller-Jahren unermüdlich an der Erneuerung gearbeitet haben, ohne die Gründung und den ehrenamtlichen Betrieb von AKK. (Arbeitskreis Fanclubs) und SCD (Supporters Club Düsseldorf) säßen die Herren, die jetzt den Vorstand darstellen, nicht auf ihren Sesseln. Sich gegen eine Fanszene mit einer solchen Geschichte zu stellen, muss als feindlicher Akt verstanden werden, als Versuch, den Einfluss der aktiven Fans zurückzudrängen. Der SCD als Dachverband hat heute bereits reagiert:

Wie der Vorstand von Fortuna Düsseldorf heute verkündet hat, wird man entgegen des ausdrücklichen Wunsches eines großen Teiles der Anhängerschaft nicht auf die Teilnahme an der heuchlerischen Pro-Flüchtlings-Aktion der BILD-Zeitung verzichten.
Wir verstehen diese Entscheidung und vor allem das auf der Homepage verkündete Statement als Schlag ins Gesicht der gesamten Fanszene und Verrat an der Identität unseres Vereins.
Der Supporters Club wird sich daher mit sofortiger Wirkung nicht mehr an der Arbeitsgruppe zur Identitätsfindung des Vereins beteiligen. Dieser Vorstand sucht nicht die Identität von Fortuna Düsseldorf, sondern er hat sie heute endgültig verraten und lässt es erneut an Courage und dem Einstehen für die wahren Werte des Vereins vermissen.
Wir fordern alle Teilnehmer anderer Fangruppen auf, unserem Beispiel zu folgen. Was uns dieser Vorstand – so er seine Arbeit denn beenden darf – am Ende dieses Prozesses als Identität von Fortuna Düsseldorf vorlegen wird, werden wir nicht akzeptieren. Wir wissen, was Fortuna Düsseldorf ausmacht, Ihr leider nicht!
Vorstand und Beirat des SCD 2003 e. V. [Quelle: Facebook]

Eine weitere vertrauensvolle Kooperation zwischen dem aktuellen Vorstand und der Fanszene ist danach kaum noch vorstellbar. Und das nur 34 Tage vor der nächsten Jahresmitgliederversammlung am 21. Oktober. Nicht wenige Mitglieder haben jetzt schon ihren Widerstand angekündigt, der sich zumindest in der Nichtentlastung der Vorstände ausdrücken soll. Im Kreuzfeuer steht dabei besonders der Vorstandsvorsitzende Dirk Kall, der sich – dies als pikante Fußnote – kürzlich noch von der Düsseldorf-Redaktion der BILD belobhudeln lassen. Dessen Vertrag läuft im Frühjahr 2016 aus, und nicht wenige Mitglieder wünschen sich die Nichtverlängerung. Historisch betrachtet eine eher tragische Geschichte, denn Dr. Dirk Kall hat sich in seinen Jahren ab 2009 als Aufsichtsratsvorsitzender einige Verdienste um den Verein erworben. Als Vorstandsvorsitzender, so eine oft geäußerte Meinung, sei er aber eine Fehlbesetzung.

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3 Kommentare

  1. Stimme Dir zu, dass Dr. Knall als Vorstandsvorsitzender eine völlige Fehlbesetzung ist. Seine „Verdienste“ als AR-Vorsitzender sind mir allerdings schleierhaft. Da hat er doch hauptsächlich rumgeschleimt und den – tatsächlich um F95 verdienten – früheren AR-Vorsitzenden Dr. Reinhold Ernst weggemobbt. Zum Glück ist Ernst unlängst in den AR zurückgekehrt. Hoffentlich heißt es bald: Der große Knall des Dr. Kall – AR beschließt, sich von Dr. Kall zu trennen. Auf Nimmerwiedersehen …

  2. Eine Erklärung seitens der Fortuna-Totengräber, die an Ignoranz, Arroganz, Selbstbesoffenheit und Dummdreistigkeit kaum zu überbieten ist. Ich frage mich, welcher „Verfasser“ der Kommunikationsabteilung sich (aus Angst um seinen Job, aus Überzeugung?) für diesen Schund hergegeben hat. Ich habe den Eindruck, dass sich da der eine oder andere einige Türchen für seine Nachfortunakarriere offen halten will.

  3. In solchen Momenten schaue ich als F95-Anhänger neidisch nach Hamburg (FCSt.P) und Berlin (Union), wo der Vorstand als Vertretungsorgan der Mitglieder (und Anhänger) waltet.

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