Die Zahl der Menschen, die unsere Fortuna lieben und die FIFA-Winterveranstaltung in Qatar boykottieren wollen, ist groß. Wir zeigen, wie man konstruktiv boykottieren kann.

Meinung · Autokraten geben nicht so schnell auf. Der Emir von Qatar, Scheich Tamīm bin Hamad ath-Thānī, beklagt sich bei jeder Gelegenheit, wie ungerecht sein Land behandelt wird. Und weil Autokraten auf Propaganda setzen, zumal wenn sie so märchenhaft reich sind wie der gute Tamīm, hat er vier Wochen vor dem irrwitzig spannenden Eröffnungsspiel zwischen Qatar und Ecuador die PR-Maschinen anwerfen lassen. Plötzlich reisen Journalisten, von denen man bisher nichts Nennenswertes lesen konnte, ins Emirat, um sich selbst ein Bild zu machen. Andere preisen die Fortschritte in Sachen … ja, was genau? Und Kolumnist:innen, die gern mal für kleines Geld eine Meinung haben, prangern die Arroganz der boykottierenden Deutschen an. Viel zu retten ist da nicht mehr. [Lesezeit ca. 6 min]

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Und weil der Markt (wie Sascha Lobo dieser Tage feststellte) ja doch manches regelt und Unternehmen, die Konsumenten was verkaufen wollen, inzwischen ein feines Näschen für Stimmungen entwickelt haben, ist der ganz große Fußball-WM-Zirkus mit Verlosungen und Sonderaktionen weitestgehend ausgeblieben. Okay, wer möchte schon ein WM-Ticket gewinnen, wenn man bei der Einreise zwei Zwangs-Apps installieren muss, damit der Emir und die Seinen immer wissen, wo man ist. Kurz: Allgemeine Boykottaufrufe sind sinnlos geworden, der Boykott läuft nämlich schon.

"Der DFB ist nicht okay"- F95-Fandemo im August 2012

“Der DFB ist nicht okay”- F95-Fandemo im August 2012

Wobei man mal jenseits der sozialromantischen Moral fein auseinanderfieseln sollte, wer oder was da warum boykottiert wird. Der Hauptfeind des handelsüblichen Fußballfanatikers ist die FIFA, eine durch und durch korrupte Organisation, die sich spätestens mit dem unerträglichen Sblatter den Fußballsport fast ganz unter die Nägel gerissen hat. Die mafiosen Qualitäten seines Nachfolgers mit dem cosa-nostra-artigen Nachnamen scheinen noch größer. Denn Giovanni Infantini trägt die Hauptschuld daran, dass das ehemals so wundervolle Fußballfest nun gleich zweimal nacheinander autokratischen Regimen zugeschanzt wurde.

Fußballfest? Wundervoll? Halte mein Bier: Denken wir doch mal an die WM 1978 im Argentinien des Schlächters Videla. Oder an Mexiko 1970, einem Land, in dem die regierende Drogenmafia mit Todesschwadronen die Opposition kaltmachte. Denken wir daran, wie sie Vereinigten Staaten von Coca-Cola die WM 1994 in die USA holten. Oder wie Kaiser Franz diverse Linsengerichte an diverse Korruptis verteilte, die über die Vergabe des Turniers zu entscheiden hatten.

Denken wir auch daran, wie spätestens mit der WM 1990 in Italien die Durchkommerzialisierung des Fußballs der Verbandsauswahlen begann, die heute beinahe abgeschlossen erscheint. Denken wir darüber nach, dass der Fußball unter der FIFA eh am Arsch ist, egal wo die nächste Weltmeisterschaft stattfindet. Insofern zielt Boycott Qatar vor allem auch auf den Globalverband des Soccer Entertainments. Aus den genannten Überlegungen heraus boykottiert euer schwer ergebener Fußballfreund schon seit ungefähr 2008; er kann sich rühmen, nicht eine Partie der Turniere in Brasilien und Russland im TV gesehen zu haben.

Boycott Qatar 2022

Und jetzt Qatar, dieses winzige Land mit nur rund 2,7 Millionen Einwohnern (weniger als Berlin). Wobei mit “Einwohnern” die echten Qatari gemeint sind, also diejenigen, die Bürgerrechte genießen und keine Steuern zahlen müssen. Denen stehen nach Schätzungen von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen mindestens 3 Millionen “Gastarbeiter” gegenüber. Bei denen handelt es sich einerseits um europäische Steuerflüchtlinge (wobei sich die sogenannten “Influencer” ja lieber nach Dubai verkrümeln) und Handeltreibende aus aller Welt, andererseits aber über die Sorte Leih- und Wanderarbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen dort leben müssen und völlig rechtlos sind. Von vielen solchen Menschen – vor allem aus Bangladesch, Pakistan, Afghanistan und anderen Ländern dieser Region – ist mittlerweile bekannt, dass sie systematisch um ihren Lohn geprellt wurden.

Okay, das ist in den anderen Emiraten, in Kuwait und Saudi-Arabien auch nicht anders. Und jetzt kommt eines der Argumente, mit denen der Emir gerade Reklame für sein Ländchen machen lässt: Aber in Qatar hat sich in den letzten Jahren in diesem Punkt doch so viel verbessert! Qatar ist doch inzwischen viel fortschrittlicher als der Rest der arabischen Welt. Sicher ist es besser, den Wanderarbeitern werden ihre Pässe nicht gleich bei der Einreise abgenommen. Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn die Zahlung der Löhne von staatlichen Stellen überwacht werden. Aber über alles gerechnet befindet sich das Emirat Qatar, was die Rechte der Arbeiter angeht, ungefähr auf dem Stand wie in Europa so um 1870 herum. Da ist noch viel Luft nach oben.

Qatar 2022: Stadien wie UFOs

Qatar 2022: Stadien wie UFOs

Damit wird uns richtig verstehen: Der WM-Boykott richtet sich nicht generell gegen die Qataris, nicht einmal grundsätzlich gegen den Autokraten (oder nicht mehr als gegen jeden anderen demokratiefeindlichen Herrscher), sondern dagegen, dass die FIFA diesem Staat trotz des Wissen darum, mit welcher Massivkorruption Qatar sich die WM geholt hat, das Turnier zugeschanzt hat. Obwohl die Bewerbung nach Meinung von Kennern die schlechteste aller Zeiten und Länder war. Obwohl klar war, dass die Spiele nicht wie üblich zu Zeiten des europäischen Sommers stattfinden konnten. Obwohl sie gewusst haben, dass die Partien nur in klimatisierten Hallen würden stattfinden können, zu deren Kühlung pro Spiel mehr Energie verbraucht wird als ein Stadtteil Düsseldorfs im Jahr konsumiert.

Was aber heißt Boycott Qatar nun konkret? Für Fußballfans heißt das NATÜRLICH, dass man sich keine Tickets für den Scheiß holt und da nicht hinfährt. Es heißt aber auch, dass die mediale Präsenz der WM vollständig boykottiert wird, dass Boykotteur:innen sich als KEIN SPIEL im Fernsehen anschauen – weder zuhause noch irgendwo im öffentlichen Raum. Und, nein, auch die Spiele mit deutscher Beteiligung werden nicht geguckt! Damit Otto und Ilse Fußballfan nicht in Versuchung geraten, haben jede Menge Gastwirte die Aktion “Kein Katar in meiner Kneipe” begründet, die inzwischen mehrere Hundert Lokale bundesweit umfasst. Es handelt sich um Kneipen, die sonst mindestens die Spiele des jeweiligen Lokalvereins in ihren Räumen oder draußen zeigen.

EM-Gucken an der Retematäng

Weil denen durch den Boykott aber nennenswerte Umsätze flöten gehen, bemühen sich viele Wirte um ein Alternativprogramm. In Düsseldorf hat noch keine der gut zwei Dutzend Locations ein konkretes Programm vorgelegt, aber das kommt noch. So ist denkbar, dass anstelle von Partien aus der Wüste die schönsten WM-Spiele aller Zeiten gezeigt werden. Oder legendäre Begegnungen unserer glorreichen Fortuna. Auch ganz fußballfremde Veranstaltungen sind vorstellbar.

Zwote vs Lippstadt 0:0 - Gut gefülltes Paul-Janes-Stadion

Zwote vs Lippstadt 0:0 – Gut gefülltes Paul-Janes-Stadion (Foto: TD)

Für uns aufrechten Fortuna-Anhänger:innen heißt das wahre Alternativprogramm aber: Spiele unserer Nachwuchsmannschaften LIVE gucken! Das betrifft vor allem unsere Zwote, die in der Regionalliga West antritt und in der Zeit zwischen dem 20. November und dem 18. Dezember genau dreimal antritt: am 16. November in Wiedenbrück, am 3. Dezember zuhause gegen Bocholt und am 10 Dezember in Aachen. Unsere U19 tritt wieder in der A-Junioren-Bundesliga in der Staffel West an. Die Burschen von Jens Langeneke kann man in echt am 4. Dezember gegen Gladbach sehen, dann beginnt schon die Winterpause. Sinisa Sukers im Vorjahr so erfolgreiche U17 spielt in der B-Junioren-Bundesliga West, hat aber während der boykottierten WM auch schon Winterpause. Unsere U17innen kann man am 26. November in Hochdahl bei der Rhenania miterleben.

F95-U17-Juniorinnen: Historischer Moment am Flinger Broich - erstes Heimspiel (Foto: TD)

F95-U17-Juniorinnen: Historischer Moment am Flinger Broich – erstes Heimspiel (Foto: TD)

Aber auch die vielen anderen wundervollen Fußballvereine der Stadt pausieren in ihren Ligen nicht wegen dieser FIFA-Kacke. Der Boykott bietet eine wunderbare Gelegenheit, sich mal wieder Fußball anzuschauen, wie er sich gehört: auffem Platz – nicht im Stadion, nicht in einer Arena.

1 Kommentar

  1. Ok, mein Respect für jeden Fan der es schafft die WM zu boykottieren. Das ist konsequent und moralisch. Darf ich dann noch meine Jeans anziehen die in China produziert wurde? Hätte ich moralisch Strom verwenden dürfen der mit Hilfe von Russland produziert wurde. Wenn ich anfange beim Konsum moralisch zu denken darf das nicht nur den Bereich Fußball/Freizeit betreffen, sondern muß doch alle Bereiche des Lebens betreffen, also auch das Essen( Tierwohl), Strom(besser Strom durch Katar oder wieder produziert durch saubere Atomkraftwerke mit sauberer Entsorgung des Mülls..vielleicht im Meer oder auf dem Mond?), Kleidung Fortbewegung(Umweltverschmutzung) ect.
    Wir suchen uns da gerade ein Thema raus (Qatar) und sind da politisch voll korrekt aber alle anderen Bereiche interessieren uns dann mehr oder weniger. Das passt doch nicht.oder?

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