Fortuna-Punkte 16/17: Arthur Brown singt „Fire“…

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Mein Dad war ein großer Fan von Arthur Brown, diesem durchgeknallten Popmusiker, der nur einen Hit hatte: „Fire„. Wenn mein alter Herr kräftig getankt hatte, sang er das Ding gern selbst: laut, schrill und falsch. Einmal, es wird die Hochzeit von Tante Beth gewesen sein, hat er sich sogar ein Krönchen aufgesetzt, in dem ein paar Flammen flackerten. Ich persönlich fand das peinlich. Zumal ich – das ist ein Geständnis – Angst vorm Feuer habe. Nun saß ich am Freitagabend auf der Haupttribüne in Bochum, umgeben von gut einem Dutzend Fortuna-Freunde mittleren Alters. Eher Besserverdiener mit viel Markenkleidung und den teuersten F95-Kappen, die man für Geld kaufen kann. Als es schräg gegenüber in diesem Tortenstück für Auswärts-Fans anfing zu leuchten, sagte der eine: Oh je, das kostet wieder. Ein anderer meinte: Diese Idioten…

Das war’s dann auch schon mit der Pyro-Debatte. Ein solche Diskussion hier anzuzetteln, hat mir der Chefred übrigens verboten. Und mir erklärt, dass Fortuna-Leute schon seit fast zehn Jahren regelmäßig darüber streiten, ob das Abbrennen von Fackeln toll aussieht und man dafür auch Strafen in Kauf nehmen kann, oder ob Bengalos brandgefährlich sind und die Geldstrafen vom DFB dem Verein schaden. Zwischendurch, so der Chefred, gab’s die Aktion 12:12. In 2012 hatte nämlich der DFB mit vereinigten Ultras darüber gesprochen, dass man das kontrollierte Abbrennen von Fackeln durch geschulte Fans erlauben könnte. Irgendwann und grundlos hat der DFB die Gespräche abgebrochen. Es gab dann ein Protestschweigen bei vielen Spielen bis zum 12. Dezember. Ganz viele Fangruppierungen haben angekündigt, so lange illegal zu zündeln, bis der DFB wieder zu Gesprächen bereit ist.

Vor einigen Jahren war ich beruflich in Griechenland. Ein griechischer Kollege nahm mich mit zu Piräus ins Stadion. Es ging, glaube ich, gegen AEK Athen. Kaum waren die Spieler auf dem Rasen, brannte es rundherum auf den Tribünen. Es müssen Hunderte Bengalos gewesen sein. Dazu diverse Böller, Raketen und andere Feuerwerkskörper. Ein paar Stufen unter uns, ein wenig weiter in der Kurve, stand ein großer Typ mit schwarzem Bart, der ein Kind auf dem Arm hatte. Muss so drei oder vier Jahre alt gewesen sein. Plötzlich gab er den Jungen an einen Kollegen weiter, zog eine Fackel aus der Tasche und entzündete sie. Da steht dieser stolze Grieche und hält den Bengalo am ausgestreckten Arm wie ein Schwert. Werde das Bild nie vergessen… Der Chefred hat in diesem Zusammenhang das Foto gefunden, was oben zu sehen ist. Keine Ahnung, wer wann und wo…

Ehrlich gesagt: Im Stadion von Piräus hatte ich heftig Schiss. Ich dachte sofort an die Feuerkatastrophen in England. Wie 1985 das Stadion in Bradford abgebrannt ist und dabei 56 Menschen ums Leben kamen. Auch in Fulham und Millwall gab es damals Brände im Stadion; beide Male gab es keine Tote. Die Griechen nahmen die Fackeln aber mit großer Gelassenheit, und die Fans, die am Zündeln waren, schienen viel Erfahrung damit zu haben. Und nochmal ganz ehrlich: Im Fernsehen und auf Fotos sehen solche Pyro-Aktionen ja auch toll aus. Im Stadion finde ich es nicht so aufregend. Mir kommt es so vor, als ob die Jungs beim Zündeln nur davon erregt werden, dass sie was Verbotenes tun.

Natürlich ergibt es schöne Bilder, wenn rotes Feuer auf rotweiße Fahnen scheint. Und selbst die Nebelschwaden die danach durchs Stadion ziehen, haben optisch was. Aber vermutlich geht es den Ultras, die Fackeln entzünden, mehr darum zu beweisen, dass sie das Zeug ins Stadion kriegen, dass also niemand sie daran hindern kann, Pyro zu machen. Wenn das so ist, dienen Bengalos weniger dem Support, sondern vielmehr dem Zeigen der eigenen Stärke gegenüber Ordner, Polizei und DFB. Ganz schön symbolisch das… Richtig blöd wurde es nach dem ersten größeren Feuer im F95-Block. Immer wieder zog irgend ein Bursche was Brennbares aus der Tasche und leuchtete ganz allein vor sich hin. Von Choreo keine Spur.

Der eine Mann neben mir, ein Typ so um die 60 mit einem Dauerschmunzeln auf den Lippen und starkem Düsseldorfer Sound, sagte irgendwann: Dat sin dieselben Picos, die in der Kneipe ihren Dödel rausholen und rumzeijen, weil sie sons nix hant, worauf sie stolz sein können. Ja, man kann so einen Bengalo natürlich als Penis-Symbol verstehen. Ja, das macht Sinn…

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2 Kommentare

  1. Kleiner Hinweis zum Foto:
    Es stammt vermutlich aus Serbien, genauer aus Nis.
    Auf der Myspace-Seite von „Meraklije Nis“ findet es sich in einem anderen (Hochkant-) Format, verbunden mit dem Text „Vorbild für alle“. Da sich das Hochkant sonst nicht findet, könnte es sich dabei um das Original handeln.

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