Fortuna-Punkte 16/17: Das sportliche Konzept

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Als ich seinerzeit in Holland hängenblieb, fand ich einen Vertriebsjob. Lebensmitteltechnik, bin ja gelernter Klempner. Man brachte mir Niederländisch bei. Meine zweite Fortbildung ging dann über Konzepte. Man wusch uns in die Hirne, was ein Konzept ist und wie es funktioniert. Unabhängig vom Thema. Hab ich nie wieder vergessen. Kann man auch auf Fußball anwenden. Ich komme drauf, weil es ja immer noch eine Diskussion um den „Konzeptfußball“ gibt. Und weil ich mich beim Spiel der Fortuna auf dem Betzenberg fragte, ob Funkel und Hermann ein Konzept haben. Wer nicht so genau weiß, was ein Konzept ist, glaubt vielleicht, dass die Mischung aus Jung & Alt das spochtliche Konzept der Trainer ist. Ich sage euch: Das ist bestenfalls ein strategisches Element.

Am Montag habe ich das Spiel in einem ziemlich feinen Hotel in F. angeguckt. Auf dem Zimmer, weil ich auf Leute keinen Bock hatte. Die junge Frau mit dem straffen Gesicht an der Rezeption hat ziemlich irritiert geschaut als ich im DTH-Trikot mit zwei Plastiktüten an ihr vorbeischob. Weil es so geklirrt hat. Vom Bier in F. muss man ein bisschen mehr trinken, wenn’s wirken soll. Nachdem der Rensing den ersten Kracher entschärft hatte, dachte ich wieder über das Thema des Tages nach. Natürlich kann es ein Konzept für ein einzelnes Spiel geben. Wie jedes Konzept fängt das mit der Analyse der Ausgangssituation an. Die kann mehr oder weniger komplex ausfallen. Das Ziel kann sehr einfach beschrieben werden: Gewinnen, nicht verlieren. Steht ein anderes Ziel im Konzept (Verlieren!), spricht viel für eine Manipulation.

Das Ziel und der Weg

Aus Analyse und Zieldefinition ergibt sich eine Strategie. Die ist nämlich definiert als der Plan, mit dem die analysierte Ausgangssituation zur festgelegten Zielsituation verändert werden soll. Das Zauberwort heißt „Wie?“. Auch ohne Konzept reden Medienvertreter, Experten und Fans heute gern vom „Spielplan“, das passt ja. Das Trainerteam fragt sich also im Vorfeld: Wie können wir gewinnen? Sollen sie das formulieren – zum Beispiel hinterher im TV -, kommen oft Floskeln wie „den Gegner nicht zur Entfaltung kommen lassen“ oder „den Gegner müde spielen“ und so weiter. Prima, sind ja gute Antworten auf die Wie-Frage. Aber dann, was kommt dann? So wie ich das Konzeptmachen gelernt haben, folgen jetzt die Maßnahmen. Zu den gehört die Was-Frage: Was muss passieren, damit ich die beschriebene Strategie erfolgreich umsetze.

Da hatte Bebou schon seine Tausendprozentige verschenkt. Die ersten drei Flaschen vom F-Bier hatten immer noch nicht gewirkt. Und eine fortunistische Strategie konnte ich noch nicht so richtig erkennen. Irgendwann beging irgendwer ein sogenanntes „taktisches Foul“. Ich dachte über das Wort „Taktik“ nach und erinnerte mich: Eine Taktik ist eine Methode, die man anwendet, um im Rahmen der Strategie das Ziel zu erreichen. Heißt das Ziel „Nicht verlieren“, gehört zur Strategie „weniger Tore als der Gegner kassieren“, und eine Methode, das zu erreichen ist, einen Stürmer vor dem Entstehen einer Großchance umzusäbeln. Mir gefiel das Spiel ganz gut. Mir gefiel vor allem die F95-Innenverteidigung. Gut, so eine IV hat es konzeptionell aber auch am einfachsten. Ziel: keine Chancen zulassen. Strategie: niemanden in den Strafraum lassen. Taktik: Aufpassen, Balleroberung. So ungefähr.

Enttäuschte Liebe

Über die Woche hatte ich auch mal wieder im Fortuna-Diskussionsforum, dem legendären Difo, rumgestöbert und auch auf Facebook die entsprechenden Gruppen, Seiten und Leute gelesen. Da gab’s ja recht dramatische Rücktrittserklärungen. Also, von Fans. Verrückt: Fans, die von ihrem Fansein zurücktreten. Okay, ich bin ja auch von meiner Ehe mit Sheila zurückgetreten damals. Weil die Liebe vorbei war und ich nicht ständig mit einer übellaunigen Ollen konfrontiert sein wollte, die mich nicht liebt und ich sie auch nicht. Fans, die zurücktreten, müssen irgendwie sowas ähnliches fühlen. Keine Liebe mehr zur Fortuna. Nein, denn wenn man die Begründungen liest, dann lieben die Zurückgetretenen immer noch die Fortuna, aber nicht mehr den aktuell existierenden Verein. Ich kenne die alle nicht persönlich. Der eine ist mir schon lange aufgefallen, weil der total auf englischen Fußball steht und Fahrten nach Ipswich organisiert. Nach Ipswich! Da sag ich als Lad aus Leeds mal besser nichts zu…

Jedenfalls stellt sich nach ein paar Tagen raus, dass der Englandfreund zusammen mit ein paar anderen Fortuna-Lovers ein sportliches Konzept gemacht und das den Vorturnern im Verein gezeigt hat. Jetzt sind die Konzeptmacher sauer, weil der Vorstand und der Aufsichtsrat sie hingehalten haben. Also, die haben denen nicht gesagt: Bullshit, go home. Sondern, ja, ähem, wir gucken mal… Das muss sich über einen langen Zeitraum hingezogen haben.

Inzwischen gefiel mir Rouwen Hennings immer mehr. Und ich hatten nur noch zwei Flaschen. Okay, ne ganze Flasche Whisky vom Roomservice kann ich nicht auf die Spesenrechnung setzen, und so dicke hab ich’s auch nicht. Also half ich mit Schnaps (Ich liebe das Wort „Schnaps“!) aus der Minibar nach. Trotzdem wollten die Bilder auf dem TV nicht verschwimmen. Und ich konnte immer noch klare Gedanken fassen. Zum Beispiel, dass ich das sportliche Konzept der Fans gern mal gelesen hätte. Dann die Enttäuschung: Einer der Konzeptmitmacher beschrieb das Ding in Kurzform. Von Konzept keine Spur – statt dessen jede Menge Namen. Besonders von früheren Fortuna-Kickern. Das war vermutlich die Strategie im sportlichen Konzept: Wie wollen wir den sportlichen Erfolg erreichen? Indem wir ehemalige Fortunen in die sportliche Leitung holen.

Ziellos durch den Fan-Kosmos

Die enttäuschte Liebe der fleißigen Fans zeigte sich dann an starker Abneigung gegen die Vereinsleute, die ihr Konzept nicht gewürdigt haben. Dann wurde es ein bisschen ärmlich. Da war dann dauernd von der „Teppichetage“ die Rede. Bis ich dahinterkam… Gemeint sind die „besseren Leute“, die im VIP-Bereich auf Teppichen gehen, wenn sie sich ein Heimspiel angucken. Oh je, Sozialneid als Waffe. Geradezu albern die Argumentation, warum man das Konzept nicht öffentlich gemacht hat. Man hat so verhindern wollen, für eitel gehalten zu werden. Da wurden mir zwei Dinge klar: Erstens hatten diese gutwilligen Fans kein Konzept, und zweitens kein übergeordnetes Konzept, ihr Konzept durchzusetzen.

Vermutlich hatten sie nicht einmal ein definiertes Ziel. Was kann denn das Ziel in einem sportlichen Konzept sein? Da denken viele: Ist doch klar – aufsteigen, Meister werden, Champions League gewinnen. Und stellen dann fest, dass es kein sportliches Konzept ohne Gesamtkonzept für den Verein geben kann. Dieser ganze Fußball hat ja mindestens drei Aspekte: den sportlichen, den wirtschaftlichen und den sozio-kulturellen (hab ich irgendwo abgeschrieben, zugegeben…). Da müsste man ja als erstes das übergeordnete Ziel beschreiben, bevor man Konzepte für Sport, Wirtschaft und Kultur macht. Bei den enttäuschten Fans ging das wohl durcheinander, sonst hätten sie sich nicht so auf Namen konzentriert.

Die Null muss stehen

Langsam bekam ich Bettschwere. Selbst der Traumpass vom Schmitz auf Hennings konnte mich kaum noch wachhalten. Ich glaube ja, den Fans ging es in ihrem Konzept gar nicht um den sportlichen Aspekt, sondern um die Frage danach, wer oder was die Fortuna ist und sein soll. Mir fiel der Spruch „Wir sind der Verein“ ein – hab da noch ein T-Shirt mit diesem Spruch von ungefähr 2006. Damals ging das bei der Fortuna nicht anders. Da hieß das Ziel nur: Überleben. Für fast alle Fans, die damals aktiv waren und heute Konzepte machen, war das the time of their lifes. Da waren sie bedeutend – also in der fortunistischen Filterblase. Und jetzt regieren die „grauen Herren von der Teppichetage.“ Das tut weh. Vielleicht sollten sich diese Lads und Girls mal zusammensetzen und ein Gesamtkonzept für die Fortuna basteln. Beginnend mit der Antwort auf die Frage: Wer wie was und wo soll die Fortuna in zehn Jahren sein? Von da aus könnten sie dann Teilkonzepte machen, auch ein sportliches.

Die Partie war zuende. Funkel ist ein prima Typ, der es nicht mehr nötig hat, sich vor der Kamera aufzuplustern. Ob er ein Konzept hat? Keine Ahnung. Aber auf jeden Fall macht die Fortuna wieder Spaß – sportliche Konzepte hin und her.

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