Ralph war wieder da. Genau, mein alter – wie sagt man? – Kumpel Ralph aus besseren Tagen im 3-Lions-Hemd. Chimp hatte schlechte Laune und redete am Samstagabend nicht viel. Als ich später noch im English Pub an der Hunsrükenstraße einkehren wollte, winkte er ab: No f*cking soccer, please! Auf die Übertragung von Fußballspielen auf den zahlreichen Flachbildschirmen hatte er keine Lust. Und morgen, fragte ich, was machen wir morgen? Mir egal, gab Ralph zurück, alles, nur kein Fußball. Gut, dachte ich, dann können wir ja zur Fortuna gehen. Nach ein paar Handy-Gesprächen mit einem ebenfalls alten Lad in Berlin kam ich an zwei Karten für den Gästeblock. Wir waren also anwesend, aber mit ungewöhnlicher Perspektive. Über das Spiel möchte ich gar nichts sagen, das macht ja schon der Chefred. Aber über die Fans des FC Union Berlin…

Lester, unseren Freund aus Berlin, trafen wir am Flughafenbahnhof. Da bringt man ja die Gäste hin, die mit dem Zug nach Düsseldorf kommen. Wir waren gemütlich mit der S-Bahn dahin gegondelt, hatten aber Probleme, uns unter die Unioner zu mischen. Die Polizei achtet hier ziemlich streng darauf, dass nur Fans der Auswärtsmannschaft auf den Parkplatz mit den Shuttle-Bussen kommen. Aber wir umgingen die Situation und landeten mittendrin in der wartenden Meute. Les ist um einiges jünger als wir und ungefähr doppelt so groß wie Ralph. Man könnte ihn einen Traditionalisten nennen, denn er pflegt den Style der Firms in den Neunzigerjahren. Hat also einen rasierten Schädel (wie ich), trägt eine klassische Harrington-Jacke über dem Fan-T-Shirt, schnelle Sneaker und Jeans mit aufgekrempelten Aufschlägen. Wir begrüßten uns angemessen, und Ralph fiel der alte Nickname des Langen ein: Hey, Beanstalk, was machen die f*cking Spurs?

No politics, please

Bevor es zum Streit oder zur Schlägerei kommen konnte, beschwichtigte ich die beiden Jungs aus London. Er sei ja mit einer Firm der Unioner assoziiert, die sich Wuhle Syndikat nennt. Also, so richtige Hools seien die nicht, aber wenn’s drauf ankäme, dann wüssten die, was zu tun sei. Die seien damals ziemlich berüchtigt gewesen, weil die immer mal Normalos in Köpenick angegriffen hätten. Und richtig viel Nazis hat es bei denen auch gegeben, sagte ich. Beanstalk schnitt eine Grimasse, schob den Jackenärmel hoch und zeigte ein verblasstes Screwdriver-Tattoo. Damit war das Thema Politik für den Rest des Nachmittags erledigt. Der Chimp hatte sich ja sowieso immer aus diesen Skindhead- und Whitepower-Sachen rausgehalten. Mein Vater ist Kommunist, sein bester Freund ein Schwarzer, sagte er immer, wie soll ich das so’n Scheißnazi sein? Und weil die Lads alle ziemlich Respekt vor Ralph hatten, haben selbst die übelsten Rassisten unter denen nie gewagt, ihn anzugreifen.

Im Bus war die Stimmung groß. Die ganze Bande sang und hüpfte. Allerdings verstand ich kein Wort. Und du, fragte ich Les, kriegst du mit, was die da singen? Klar, sagte der Lange, kenn ich alles auswendig. Wie bist du ausgerechnet auf Union gekommen? Er dachte kurz nach: Weil mir West-Berlin schlimm auf die Nerven geht; alles Poser da, lauter Hippies und Yuppies – unerträglich! Hab’s mit Hertha gar nicht erst probiert als ich 2006 in die Stadt kam. Bin mal bei Dynamo gewesen, aber das sind dermaßen dumme Arschlöcher… In der Alten Försterei traf ich auf viele Jungs wie mich. Die haben nicht lang gefragt, wer ich bin, wo ich herkomme. Und nachdem ich mal mit zwei Dutzend von denen auf dem Acker war und mich gerade gemacht hab, war die Sache klar.

No football, please

Am Gästeeingang wurden wir intensiv gefilzt. Dann geht es durch einen schmalen Gittergang bis zur Nordostecke der Arena. Vorher wird man nochmal gefilzt. Wir entschieden uns für den Oberrang und hockten uns auf die kalten Betonstufen. Bier jemand? fragte der Chimp. Damit läutete er seine Hauptbeschäftigung des Nachmittags ein. In den 90 Minuten plus 15 Minuten Pause bewegte der sich genau neunzehnmal zum Bierstand oder zu den Toiletten. Wir tranken und tranken, aber nichts passierte. Vermutlich gab’s nur alkoholfreies Zeug. Weil Ralph aber keinen Bock auf Fußball hatte, ging das alles schon so in Ordnung. Aber auch Les und ich hatten kaum einen Blick für die Kicker auf dem Rasen. Es gab so viele gemeinsame Aktionen der Vergangenheit, die wir durchzukauen hatten.

Weißt du noch, Eindhoven? So gab einer das Stichwort, und der andere erzählte seine Sicht der Dinge – also über das, was sich während der EM 2000 so in Holland und Belgien abgespielt hatte. Oder noch weiter zurück. Heldenstories über Matches zwischen den Firms in London – oder alle gegen Leeds. Hätte nur noch gefehlt, dass er ein Fotoalbum rausgezogen hätte. In der Pause fragte ich ganz direkt: Musstest du weg aus England? Der Beanstalk dachte eine Weile nach, und ich sah, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. Ja, sagte er nach einiger Zeit, aber das ist eine Geschichte, über die ich nicht reden möchte. Das hatte ich zu respektieren.

More beer, please!

Lester war den Rest des Tages dann aber auch sehr schweigsam. Der Chimp wurde dagegen in der Kneipe in meinem Viertel, in der wir gestrandet waren, immer redseliger. Wir tranken Altbier und Killepitsch – mit dem hatten meine Kumpels anfangs Schwierigkeiten, aber nach dem zwölften mochten sie das Zeug. Weil Ralph nicht über Fußball und Les nicht über seine Flucht reden wollten, hatten wir nicht viel Gesprächsstoff. Also tranken wir schweigend, bestellten was zum Essen und tranken weiter. Wie wir den Beanstalk zum Hauptbahnhof und in den Zug nach Berlin kriegten, weiß ich aus heutiger Sicht nicht mehr so genau.

Ralph bleibt noch bis Ostern. Ob er nicht Lust hätte, ein bisschen Jugendfußball zu gucken, fragte ich. Beim BV 04 gäb’s ja das traditionelle U19-Turnier, und dieses Jahr sei der Liverpool FC zu Gast, da könnte man die doch mal ordentlich dissen, die Pudel. Außerdem hätten wir auch die Möglichkeit dieses Scheiß-Red-Bull-Team aus Österreich auszupfeifen. Nutzte nix: Der Chimp blieb bei seinem “no f*cking soccer”. Na ja, dachte ich, dann gehen wir eben wieder zur Fortuna.

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3 Kommentare

    • Rainer Bartel am

      Immerhin mit deutlich weniger grammatischen und orthografischen Fehlern als dieser schwachsinnige, nichtssagende Kommentar ;–)))

  1. Ich stehe auf Trash. Mich würde interessieren was Hooligans für Drogen nehmen( ausser Alk ) .

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