Nein, ich war gestern nicht in München. Ich hab das Spiel zuhause im Stream auf meinem Notebook geguckt. Tolle Sache. Fortuna wird immer besser. Aber ich komm momentan schlecht weg von meinem Computer. Ich forsche gerade. Unter den deutschen Fußballfans wird ja seit Langem über das Thema „Tradition vs Retorte“ diskutiert. Wollte wissen, woher das kommt und was dahintersteckt. Bevor von Retortenclubs gesprochen wurde, gab’s schonmal den Begriff „Werkself“. Damit war Bayer Leverkusen gemeint. Ich hab herausgefunden, dass Bayer 04 einer der ältesten Sportvereine Deutschlands ist und seine Gründung mit Hilfe der Bayer AG sowas wie ein Sozialprojekt war. Also, nix mit Werkself. Tatsächlich hat die große Chemiefirma die Leverkusener Fußballabteilung nur ein paar Jahre lang mit viel Kohle unterstützt. Das war in den Zeiten, als der dicke Calmund das gearbeitet und die Milliönchen nur so aus dem Fenster geschleudert hat. So ähnlich war das auch beim VfL Wolfsburg und dem VW-Konzern.

Gibt noch eine Sache, die bei den beiden Clubs so ähnlich ist (wusste ich vorher gar nicht): Beide Städte gibt es noch gar nicht so lange. Wolfsburg wurde 1936 von den Nazis gegründet als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. Ja, tatsächlich. Da hat also noch nicht mal das Kaff so etwas wie Tradition! Leverkusen gibt’s erst seit 1930, und der Name stammt vom Bayer-Gründer Carl Leverkus. Dann habe ich übrigens auch noch rausgefunden, dass es Wuppertal auch erst seit 1929 gibt. Bei uns in England gibt es sowas wie Wuppertal und Leverkusen nicht, dafür aber eine ganze Latte Wolfsburgs. Man nennt solche Orte bei uns „New Towns„. Die wurden nach dem Krieg überall im Land aus dem Boden gestampft – z.B. Basildon, Hatfield, Peterborough und Milton Keynes. Keine Tradition, nix…

MK Dons und AFC Wimbledon

Auf Milton Keynes haben vor ein paar Jahren die englischen Fußballromantiker so geflucht wie heute die deutschen Fans auf RB Leipzig. Haben die doch tatsächlich ein Traditionsteam aus London gekauft und in die Retortenstadt 60 Meilen nördlich verpflanzt! Der Wimbledon FC wurde 1889 gegründet und gehörte zur ersten Generation der Football Clubs. War aber nie bis in die 80er gar kein Profiverein. Verrückterweise gelang dem Underdog 1986 der Aufstieg in die erste Liga und 1988 der Gewinn des FA-Cups. Alle mochten irgendwie den FC Wimbledon, sogar die Lads der anderen Londoner Club. Der Wimbledon FC war niedlich und hatte keine Hools, die waren zum Liebhaben. Und dann kommen irgendwelche Arschgeigen und sagen: Milton Keynes, das hässliche Retortenkaff, braucht auch einen Premier-League-Verein. Schwupps, zieht das Team um, der FC Wimbledon wird aufgelöst und als Milton Keynes Dons in 2004 neu gegründet. Die dümpeln seit Jahren zwischen der Championship League und der League One hin und her, also der zweiten und dritten englischen Liga. 2005 entstand das mk:Stadium mit 22.000 Plätze. Letzte Woche bei der Heimniederlage gegen Port Vale froren sich das knapp 8.000 Leute den Hintern ab.

Die Dons sind aufgrund ihrer Geschichte auch 12 Jahre nach dem Umzug immer noch unbeliebt, und der Support durch Fans ist eher gering. Jetzt kommt’s. Nachdem klar war, dass der FC Wimbledon aufgelöst wird, waren Entsetzen und Wut bei den Supportern natürlich groß. Aber die jammerten nicht lange, sondern gründeten eben einen neuen Club: AFC Wimbledon, wobei das „A“ für „Association“ steht. Die Gründung ging nämlich aus von der Supporters Association der Dons. „Dons“ war der traditionelle Spitzname für das Team – dass die MK-Pisser diesen Namen einfach für den Verein übernommen haben, regt die Leute heute noch auf. Natürlich musst der AFC als Neugründung ganz unten anfangen. Aber man stieg mindestens alle zwei Jahre auf. Und nun sind sie in einer Liga: Während MK nämlich zur laufenden Saison abstieg, stiegen die echten Dons tatsächlich in die League One auf. Und am 21. Spieltag im Dezember treffen die beiden Mannschaften aufeinander. Ein Sieg der wahren Dons bei MK wäre die Vollendung einer Geschichte, die seit 2002 läuft.

RB Leipzig und SSV Markrandtstädt

Warum ich das aufschreibe? Weil es – das habe ich nachgelesen – einen SSV Markranstädt gibt, der in 2009 seine Mannschaften an den neugegründeten RB Leipzig abgegeben hat. Dieser „Verein“, der offiziell RasenBallsport Leipzig heißt, aber in Wirklichkeit das Kunstprodukt des Red-Bull-Konzerns ist, konnte also in der 5. Liga starten. Klares Ziel: Bundesliga, Meisterschaft, Champions League etc. Wie viele Millionen Red Bull in das Projekt gesteckt hat, ist kaum nachvollziehbar. Aber es hat gewirkt. Immerhin hat man den SSV Markranstädt nicht ausgelöscht, sondern 2010 die zweite, dritte und vierte Mannschaft „zurückgegeben“, sodass der Traditionsverein von 1912 wieder am Ligabetrieb teilnehmen kann.

Traditionsverein? Ist ein Club, der 1912 gegründet wurde und seit der Zeit auch eine Fußballabteilung hatte, ein Traditionsverein? Anders gefragt: Wie alt muss ein Football Club denn sein, damit er als Traditionsverein gilt? Oder hat das gar nichts damit zu tun, wie alt er ist? Können nur Vereine, die es seit ihrer Gründung unverändert gibt, Traditionsvereine sein? Dann gibt es in Deutschland im Vergleich zu England nicht wirklich viele davon. In England hat es nur sehr wenige Neugründungen nach 1920 gegeben und eigentlich kaum Fusionen. Der Fall „Wimbledon“ ist beinahe ein Einzelfall. Ja, natürlich, auch die Entstehung von RB Leipzig hat kein Vorbild in der deutschen Fußballgeschichte. Aber viele, viele große und bekannte Clubs sind durch Fusionen entstanden. Auch der TSV Fortuna Düsseldorf 1895 e.V. – ich zitiere mal aus der Wikipedia:

Am 5. Mai 1895 wurde der Turnverein Flingern 1895 gegründet und entwickelte sich zu einem der ganz großen deutschen Traditionsvereine. Zielsetzung des Vereins war die „Körperertüchtigung und Bewegung“. Im Mai 1911 wurde der Fußballklub Alemania 1911 gegründet. Anderthalb Jahre später, 1912, wurde dieser in Fußballklub Fortuna 1911 umbenannt, und Mitte 1913 schloss er sich mit dem am 1. Mai 1908 gegründeten Düsseldorfer Fußballklub Spielverein zum Düsseldorfer Fußballklub Fortuna 1911 zusammen. Dieser wiederum fusionierte am 15. November 1919 mit dem Turnverein Flingern 1895 zum Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895. [Quelle: Wikipedia]

Und die anderen Traditionsvereine? Eintracht Frankfurt: 1911 durch Fusion entstanden. Hamburger SV: 1919 durch Fusion entstanden. 1. FC Kaiserslautern: 1929 durch Fusion entstanden. 1. FC Köln: 1948 durch Fusion entstanden. Schalke 04: 1924 durch Abspaltung entstanden. SC Freiburg: ebenfalls 1924 durch Abspaltung entstanden. Und so weiter. Genau genommen sind Clubs wie Bayern München, Werder Bremen, Hertha BSC und die Borussias aus Dortmund und M’gladbach Ausnahmen und gehören zu den wenigen Vereinen mit einer durchgehenden Tradition. So betrachtet gibt es in den ersten beiden deutschen Ligen überhaupt nur zehn, zwölf Traditionsclubs.

Wann ist ein Club denn ein Traditionsverein?

Nach so viel Zahlen und Namen rauchte mir der Kopf. Und ich ging in die Kneipe um die Ecke, wo sich auch Fortuna-Fans treffen. Man kennt mich da, und ich kenne einige der rot-weiße Stammgäste. Z.B. den Klaus, der angeblich schon immer Fortuna-Fan war. Also ab seiner Geburt. Klaus ist ein kluger Kopf und denkt bevor er redet. Den fragte ich, was denn für ihn ein Traditionsverein ist. Es dauerte zwei Biere lang bis er zu einer Antwort ansetzte. Und die war kurz: „Kommt drauf an, wann du geboren bist.“ Ich hatte ein Riesenfragezeichen über dem Kopf. Klaus weiter: „Es gibt kein objektives Maß für Tradition. Man kann bestenfalls Kriterien definieren; die müssen dann aber nachprüfbar sein. Aber bei den Fußballvereinen, dann ist der Begriff Tradition rein emotional und völlig subjektiv.“ So langsam ging mir ein Licht auf. Aber Klaus war noch nicht fertig. Ich fass seinen Vortrag, der sich über vier Glas Alt erstreckte mal zusammen:

Viele Menschen beurteilen Sachen historisch, als habe die Weltgeschichte mit dem Tag ihrer Geburt begonnen. Alles was vorher war ist für die bloß alter Kram. Meistens setzt deren Verständnis von Geschichte sogar erst mit der Phase ein, in der sie Dinge persönlich und unmittelbar mitgekriegt haben. Wer in den 50ern geboren ist – sagt Klaus – versteht unter Fußballgeschichte vor allem Bundesliga und vielleicht noch WM 1954. Frag mal so einen alten Sack, wer Fußballweltmeister 1934 war… Also werden diese Jungs (und auch Mädels) denken, alle Clubs, die je in der ersten Liga gespielt haben, sind Traditionsvereine. Historiker grinsen darüber, weil die den Beginn des deutschen Ligafußballs ganz genau bestimmen können. Und für Wissenschaftler sind alle Clubs, die zu dem Zeitpunkt existierten und die es heute noch gibt, Traditionsvereine. Bei den Interessierten unter den Fußballfreunden gibt es wenigstens eine teilweise Rückschau. Und zwar durch das Mikroskop ihres Fand-Seins. Fußballgeschichte eines F95-Fans beginnt mit der Deutschen Meisterschaft von 1933. Und da spielt dann Schalke mit rein, weil die Gegner waren. Nimm Leute, die in den 60ern geboren wurde. Für die beginnt Fußball frühestens in den 70ern, und die haben nur selten auf dem Schirm, dass die Fortuna zwischen der Deutschen Meisterschaft und dem Aufstieg in die Bundesliga 1966 keine wirklich bedeutende Rolle im deutschen Fußball gespielt hat.

Ich hatte verstanden: Das Gerede von den Traditionsvereinen ist subjektiver Bullshit. Das wollte ich testen und fragte in verschiedenen Foren verschiedener Vereine die Leute, sie sollten mal eine Liste von Traditionsvereinen aus ihrer Sicht zusammenstellen. Und mir ihr Geburtsjahr nennen. Das Ergebnis – immer haben mehr als 30 Leute geantwortet – war verblüffend. Je nachdem, wann sie geboren sind, sah die Liste ungefähr so aus wie die Tabelle der ersten Bundesliga zu dem Zeitpunkt als sie ca. 12 bis 15 Jahre alt waren. Müsste man genauer untersuchen. Aber meine Vermutung ist jetzt, dass es um pure und ganz egoistische Nostalgie geht – die Lads wollen, dass der Ligafußball für den Rest ihres Lebens so aussieht wie damals als sie jung und wild waren.

Das ist der Grund, warum ich persönlich auf den Begriff „Traditionsverein“ scheiße und es mir völlig egal ist, wie viel Prozent Tradition in meinem Lieblingsverein, der Fortuna aus Düsseldorf steckt.

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