Fortuna-Punkte: Der Mythos vom Geld-in-die-Hand-nehmen

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Dass wir alle den Fußball so lieben, liegt vermutlich nicht daran, dass dabei zweiundzwanzig halbwegs erwachsene Männer in kurzen, bunten Hosen hinter einem Ball auf grünem Gras herrennen. Sondern dass dieser Mannschaftssport vor kaum einhundert Jahren eher zufällig Teil unserer Kultur wurde. Seit etwa sechzig Jahren können wir uns also mit unserem jeweiligen Verein des Herzens identifizieren, bei seinen Spielen mitfiebern und auf diese Weise Teil einer sozialen Gemeinschaft werden. Dass wir Anhänger, die man meistens Fans nennt, uns aber bemüßigt fühlen, über die sportliche Seite dieses Fußballs hinaus Meinungen zu den Methoden der Vereinsführung und Mannschaftsleistung zu äußern, ist ein noch recht junges Phänomen, das damit zusammenhängt, dass uns die diversen Kommentatoren und -experten seit einem guten Vierteljahrhundert einbläuen, Fußball sei ein Geschäft. Leider verfügen nur wenige Fans über das Wissen und die Erfahrung, ein Unternehmen zu leiten. Die anderen plappern deshalb eben nach, was sie so in den Medien aufschnappen. Dabei kommt es zu solch absurden Forderungen wie die folgende: „Da muss der Vorstand aber mal Geld in die Hand nehmen, um den Kadern zu verstärken, sonst steigen wir ab.“

Das sagt sich so leicht – ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, ob es tatsächlich einen Eins-zu-eins-Zusammenhang zwischen Investitionen in Spieler und sportlichen Erfolg gibt. Wenn nun der gescheiterte HSV-Mann Bruchhagen meint, vielleicht hätte ja eine 15-Millionen-Investition in der Winterpause einen 50-Millionen-Schaden durch Abstieg verhindert, dann nicken die Fans begeistert im Takt. Man stelle sich aber nun einmal vor, es sei dem HSV so ergangen wie dem Äff-Zeh Köln in Sachen Cordoba vs Modeste. Dass sich also ein 17-Millionen-Kauf, den man von einem 29-Millionen-Erlös bezahlt hat, als Rohrkrepierer erweist. Ja, da hat der olle Schmadtke tatsächlich viel Geld in die Hand genommen…

Handwerk und Kunst

Fußball ist Handwerk und Kunst. Und wie in jeder Kunstform gibt es nur wenige Meister, so wie es im Handwerk auch immer viel mehr Gesellen als Meister gibt. Die Intensität der Meisterschaft einzelner Spieler ist aber eine flüchtige Sache. Der zukünftige Fußballstar beginnt mit einem Talent, dessen Stärke erst einmal einem klugen Ausbilder auffallen muss. Dann sind Trainer und Betreuer nötig, die dieses Talent fördern und den Talentierten dazu bringen, sein Talent durch fleißige Arbeit und Ehrgeiz in Richtung Meisterschaft auszubauen. Dies heutzutage meistens im Alter zwischen zwölf und achtzehn Jahren. Wir wissen, dass es ungezählte Supertalente gibt, die es nie zum Star gebracht haben. Denn es gibt eine Fülle an Bedingungen, die Einfluss auf diesen Weg nehmen.

Nun ist der sogenannten „Marktwert“ (Was für ein übles Wort für die Beurteilung eines Menschen!) ja nichts anderes als das Produkt aus bekannten (Spiel)Daten und Erwartung. Wenn PSG für Neymar weit über 100 Millionen Euro zahlt, dann in der Annahme, dass dessen statistisch nachweisbarer Erfolg in Zukunft wächst und das Team davon profitiert. Man hat also Geld in die Hand genommen nach dem Prinzip Hoffnung. Wie im wirklichen Leben können superreiche Clubs superviel Geld in die Hand nehmen, wohlhabende Vereine viel und arme nur sehr wenig. Wenn also beispielsweise die megareiche Adidas-Audi-Telekom-AG, die unter dem Spitznamen Bayern München in der ersten Bundesliga antritt, für Antoine Griezmann 80, 90 oder 100 Millionen Euro ausgibt, dann ist das vergleichbar damit, dass der Vorstand von Fortuna Düsseldorf für einen Florian Neuhaus (Ja, ja, ein unrealistisches Beispiel, weil der gute Neuhaus mit hoher Sicherheit nach Leihende zu BMG zurückkehren wird) 1,5 Millionen Euro ausgibt.

Eine Frage der Dimension

„Geld in die Hand nehmen“ fängt also bei uns bei, sagen wir, einer Mio an, bei den Bayern aber erst bei ungefähr zehn, zwölf Milliönchen. Nun ist es aber – wie bereits ausgeführt – so, dass es nicht so arg viele Meister des Fußballs gibt. Und die landen natürlich fast durchweg bei den Clubs, die eben problemlos 10, 20, 30, 40 und mehr Millionen Euro in die Hand nehmen können. Und trotzdem ist auch bei denen das Risiko groß, eine sehr teure Niete zu ziehen – siehe Fälle wie den des möglicherweise langfristig verletzten Dembele bei Barca oder den chronisch formschwachen, bereits erwähnten Cordoba beim Äff-Zeh. Je mehr Geld in Relation zum Budget ein Vorstand in die Hand nimmt, desto größer ist folgerichtig das Risiko.

Zum Glück gibt es eine erheblich risikoärmere Alternative zum Geld-in-die-Hand-nehmen. Nämlich die hauseigene Aufzucht von Talenten. Diese Variante ist nicht nur risikoärmer, sondern beinahe risikofrei. Erweist sich das Talent unterwegs als nicht superstar-fähig, gehen schlimmstenfalls sehr überschaubare Kosten flöten. Geht solch ein talentierter Bursche aber seinen Weg bis in die erste Mannschaft, wo er schnell reüssiert, steigt – aus Sicht der wohlhabenden und reichen Clubs – sein Wert rasch und in angenehme Höhen, sodass der Ausbildungsverein einen ordentlichen Transfererlös realisieren kann. Auch nicht schlecht: Das Anheuern von Kickern mit Potenzial, die woanders aussortiert werden – möglichst ablösefrei. Und schließlich das geschickte Ausleihen von Spielern, die in ihren Teams (noch) nicht (so richtig) zum Zug gekommen sind.

Nicht realitätstauglich

Die Phrase vom „Verstärken durch Geld-in-die-Hand-nehmen“ erweist sich über alles betrachtet als nicht realitätstauglich. Zumal sich die Verpflichtung eines Spielers, für den außergewöhnlich viel Geld in die Hand genommen wurde, als Bumerang erweisen kann, der ein gefestigtes Team, so erschüttern kann, dass eine erfolgreiche Mannschaft zum psychologischen Problemfall werden kann – denn nicht alle Gesellen akzeptieren jeden Meister. Deshalb gibt es – bei der Fortuna zur Saison 2017/18 eine überaus erfolgreiche – Instanz namens „Kaderplanung“, deren Aufgabe es eben nicht ist, dem Vorstand eine Liste von Profis vorzulegen, für die es sich lohnt, Geld in die Hand zu nehmen, sondern in engem Kontakt mit dem Trainer- und Betreuerstab dafür zu sorgen, dass im Rahmen des Budgets eine erfolgreiche Truppe geformt wird.

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4 Kommentare

  1. Den einzigen Meister den Düsseldorf je hatte hieß Klaus Allofs. Der wurde verkauft an Köln. Damals gab es Spendenaufrufe um Allofs zu halten. Spenden für einen Fußballprofi ? Fortuna braucht gute Gesellen wie Haraguchi.

  2. Allofs ging für vergleichsweise billige Peanuts in Höhe von 600.000 DM oder 660.000 DM. Ähnlich war seinerzeit die Ablöse für Hrubesch. Scheiterte auch an der Knete. Präsident wat damals ein Holzhändler, dessen Namen ich jetzt nicht parat hatte. Ich glaube, da hatte man dann die Weichen falsch gestellt.

    • Rainer Bartel am

      Der Holzhändler hieß Bruno Recht und war ein Diktator. Und hinter den Verkäufen der Allofs-Brüder stehen sehr, sehr komplizierte Geschichten, die wir hier irgendwann mal aufblättern werden.

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