Fortuna-Punkte: Die wichtigsten Spiele der F95-Historie (2) – Vogelwilder Fußball in Braunschweig (10. Mai 2009)

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[Michael Bolten, der F95-Historiker, präsentiert in unserer Serie die wichtigsten Fortuna-Spiele aller Zeiten.] Vorgeschichte (nicht ganz unpolitisch): Die Saison 2008/09 war nicht nur die Premiere der neuen DFB-Premiumschöpfung namens 3. Liga. 17 Teams, zuzüglich 3 nicht aufstiegsberechtigte, aber trotzdem umstrittene U23-Mannschaften, kämpften um den Aufstieg in die zweite Bundesliga. Keine Aufstiegsrunde war mehr zu absolvieren. Die ersten beiden Teams stiegen direkt auf, der Tabellendritte traf in der Relegation auf den Drittletzten von Liga 2. Es war auch die erste komplette Spielzeit des während der letzten Winterpause verpflichteten Fortunatrainers Norbert Meier. Viel Geld hatte er nicht zur Verfügung, um sein Team zu verstärken. Der wertvollste Zugang war der erst kurz vor Schluss der Transferperiode verpflichtete Ranisav Jovanovic.

Noch bevor es richtig losging, konnte die Fortuna einen Erfolg jenseits des grünen Rasens verkünden. Neun Jahre nach dem umstrittenen Einstieg von Dr. Michael Kölmels „Sportwelt“ bei der damals nahezu bankrotten Fortuna, schloss der Klub aus Flingern mit dem Investor einen Zahlungsplan ab, um seine Schulden zu tilgen. Im Gegenzug erhielt der Verein die Rechte an der Marke „Fortuna Düsseldorf“ wieder zurück – uneingeschränkt. Der Fanszene, vertreten durch den Supporters Club 2003, gelang ein ebenfalls vielbeachteter Deal. Für mehrere Fanblöcke im Stadion wurde die Selbstverwaltung dem Verein abgetrotzt.

Trotz all der guten Vorboten, der Saisonstart ging zu Hause gleich mit 1:4 gegen Paderborn in die Hose, und die Hinserie beendeten die Rot-Weißen mit einem unterirdischen 0:2 bei Bremen II auf dem sagenumwobenen Nebenplatz 11 des Weserstadions. Lichtblick der Hinrunde war ein famos herausgespieltes 4:0 gegen die U23 des VfB Stuttgart, das bei bestem Wetter im Kickersstadion auf der Waldau ausgetragen wurde (Torschützen übrigens Lawarée, Jovanovic, Langeneke, Cebe). Zum Jahreswechsel lag die Fortuna auf dem vierten Rang, konnte aber nur selten die Fans überzeugen.

In der Rückrunde hielt Fortuna Kontakt zum zweiten Tabellenplatz, denn die führenden Unioner aus Berlin waren nicht zu stoppen. Mit der Aktion 25.000+ versuchte eine Faninitiative die Menschen zum Spitzenspiel gegen die Köpenicker ins Stadion zu locken. Das gelang, denn insgesamt kamen 27.400 Zuschauer zum Spiel, die allerdings ein aus Düsseldorfer Sicht enttäuschendes 0:1 sahen. Es hätten sogar noch einige Zuschauer mehr sein können, wenn sich die Düsseldorfer Ordnungshüter nicht von ihrer schlechtesten Seite gezeigt hätten. Denn sie sorgten für einen Kessel rund um die „Kastanie“ und hielten somit rund 150 Fans über Stunden fest und vom Stadion fern. Ein konkreter Anlass für die Polizeifestspiele an der Kastanie war nicht zu ermitteln. Düsseldorfs Polizeisprecher Wolfgang Rodax erklärte lapidar dazu: „Wer sich an einem solchen Tag in so ein Lokal begibt, muss im schlimmsten Fall davon ausgehen, dass er Opfer von Maßnahmen wird, die ihm nicht passen“. Ist doch logisch, oder? Wer sich am Spieltag an der Kastanie aufhält, kann leider nicht ins Stadion.

Doch nicht nur die Düsseldorfer Ordnungshüter zeigten sich in jenen Wochen nicht ganz ihren Aufgaben gewachsen, auch mit den Kickern war nicht viel anzufangen. Es folgten ein gruseliges 0:0 in Wuppertal und ein knapper 1:0-Erfolg (Torschütze Lambertz) gegen Dresden. Damit war Fortuna Vierter hinter den so gut wie aufgestiegenen Unionern (12 Punkte Vorsprung auf die Rot-Weißen), Paderborn und Unterhaching mit jeweils 2 Punkten Vorsprung.

10. Mai 2009: Die Mannschaft

Michael Melka (1978, Torwart, Autoelektriker), seit 2007 bei den Rot-Weißen. Der „Lange“ wurde mit dem BVB Deutscher A-Jugendmeister. Melka würde am liebsten Heidi Klum kennenlernen und mit ihr die lange Filmnacht mit „Fluch der Karibik I – III“ sehen (alle Angaben zu Berufen, Filmen und möglichen Begleitpersonen sind aus der FORTUNA AKTUELL bzw. von der Fortunawebsite).
Kai Schwertfeger (1988, Verteidiger) kam schon als Jugendlicher zur Fortuna und blieb dort 15 Jahre. Der gebürtige Düsseldorfer konnte 2012 den Aufstieg in die 1. Liga nicht wirklich genießen, denn er wechselte in jenem Sommer nach Aachen. Aktuell kickt er für den KFC Uerdingen.
Hamza Cakir (1985, Verteidiger, Werkzeugmechaniker) kam ebenfalls schon in der Jugend zur Fortuna. Allerdings von der falschen Rheinseite, nämlich aus *öln. Er würde gerne mit dem Weltfußballer des Jahres 2006 gemeinsam ins Kino gehen und sich „Scarface“ mit ihm ansehen.
Robert Palikuca (1978, Verteidiger, Student) wechselte 2006 vom FC St. Pauli zur Fortuna. „Pali“ ist auch nach seiner aktiven Karriere der Fortuna erhalten geblieben. Aktuell nennt er sich „Manager Lizenzmannschaft“ in der Abteilung „Scouting & Kaderplanung“. Zu seinem Lieblingsfilm „Braveheart“ (wenn der ausgeliehen sein sollte, tut es auch „Highlander“) würde er gerne alle Teilnehmer eines G8-Gipfeltreffens einladen.
Clement Halet (1984, Verteidiger) kam zur Saison 2008/09 von der Saar an den Rhein. Das Gehalt bezahlte ein Sponsor für die Fortuna. Er kam zwar auf 25 Einsätze in der 3. Liga, für zweitligatauglich wurde er allerdings nicht gehalten.
Fabian Hergesell (1985, Verteidiger, Abiturient) spielte zuvor in seiner Geburtsstadt Leverkusen. Er gehörte zu den Stammspielern der Aufstiegsmannschaft, blieb aber nur ein weiteres Jahr Fortune. „Fabi“ muss sich den „Fluch der Karibik“ alleine ansehen, denn er würde niemanden besonders gerne kennenlernen.
Andreas Lambertz (1984, Mittelfeld, Groß- und Einzelhandelskaufmann) führte die Elf als Kapitän zum Aufstieg. Er machte bereits den Aufstieg aus der Oberliga mit. Ein weiterer sollte 2012 folgen und „Lumpi“ war nach seinem Treffer gegen Manuel Neuer der erste Kicker, der in den ersten vier Ligen mindestens ein Tor erzielte. Muss ähnlich wie „Fabi“ alleine ins Kino. Vielleicht können die beiden sich ja auf einen Film einigen.
Claus Costa (1984, Mittelfeld, Student) hat laut FORTUNA AKTUELL angeblich keinen Spitznamen. War da nicht was mit „schöner Claus“? Wie dem auch sei, ob schön oder nicht schön, Costa kam in der Aufstiegssaison auf 25 Einsätze und immerhin 2 Tore. Er würde gerne Christoph Maria Herbst kennenlernen. Die beiden werden sich bestimmt darüber freuen, gemeinsam „Bang Boom Bang“ auf der Leinwand anzusehen.
Marco Christ (1980, Mittelfeld) galt als „Diva“ (Norbert Meier). Christ verpasste beinahe die letzten Spiele, weil er wegen extrem lustlos wirkender Vorstellungen negativ auffiel. Zur Strafe musste er gemeinsam mit Olivier Caillas an einem Fantreffen teilnehmen und den Fans Rede und Antwort stehen. Anscheinend wirkte das. So schoss er nicht zuletzt am 23. Mai 2009 die Fortuna in die 2. Liga. Sein Lieblingsfilm ist „Gladiator“. Wenn die „Diva“ nicht alleine gehen möchte, kann er ja mal bei „Fabi“ und „Lumpi“ nachfragen.
Sebastian Heidinger (1986, Mittelfeld/Angriff, mittlere Reife) war auch schon A-Jugendmeister, allerdings mit den Bayern. Für seinen Kinobesuch hat er sich Cristiano Ronaldo ausgesucht. Die beiden werden sich dann gemeinsam „An jedem verdammten Sonntag“ ansehen – wenn das nicht zu harter Stoff für den hypersensiblen Portugiesen ist.
Ahmet Cebe (1983, Angriff, Chemikant) spielt am liebsten auf der „offensiven Außenbahn“. Wechselte gleich nach dem Aufstieg in die Türkei. Gelegentlich wurde er von den Rängen gefeiert mit dem Spruch „Zidane, Ronaldo, Ahmet Cebe“. Der gebürtige Krefelder liebt Actionfilme und überlässt seine Kinobegleitung dem Schicksal.
Ranisav Jovanovic (1980, Angriff, Metallbauer) wurde erst kurz vor Abschluss der Transferperiode verpflichtet. Hätte 3 Jahre später eine gewisse „Halbangst“ verhindern können, wenn er im richtigen Moment abgespielt hätte. Hat er aber nicht. Ins Kino geht er mit Roger Federer. Das wird allerdings eine lange Filmnacht, weil er viele, viele Lieblingsfilme hat.
Axel Lawarée (1973, Angriff, Fußballer) war der Oldie der Aufstiegself. Bevor er an den Rhein wechselte, war der Belgier österreichischer Torschützenkönig und Meister. Er spielte seit 2007 bei den Rot-Weißen und machte bis 2010 in 68 Spielen 21 Tore. Lawarée hat keinen Lieblingsfilm und will auch niemanden kennenlernen.
Bekim Kastrati (1979, Angriff, Bürokaufmann) kam 2007 zur Fortuna, fiel aber lange Zeit aufgrund einer Verletzung aus. Es gelang ihm nie, sich in die Herzen der Fans zu spielen. Allerdings zeichnet ihn ein besonderer Filmgeschmack aus, denn er bezeichnet „Traffic“ von Steven Soderbergh als seinen Lieblingsfilm. Und den darf er sich ruhig mit Michelle Hunziker ansehen.
Trainer Norbert Meier (1958, früher: offensives Mittelfeld, Fachabitur) war umstritten, als er zur Fortuna kam. Stieg aber bis in die 1. Liga mit den Rot-Weißen auf. Leider auch gleich wieder ab, so dass er seinen Job in Düsseldorf 2013 los war. Meier will nicht ins Kino gehen, mit niemandem. Dem Fragenbogen der FORTUNA AKTUELL nach zu urteilen, handelt es sich um einen Mann ohne Eigenschaften.

Der Gegner: Eintracht Braunschweig

Eintracht Braunschweig, gegründet 1895, galt maximal als Geheimfavorit vor der Saison. Trainer Torsten Lieberknecht gab als Ziel aus, „schnell einen sicheren Platz (zu) erreichen“. Das klappte nicht so ganz, denn vor der Partie gegen die Fortuna stand die Traditionsmannschaft aus Niedersachsen kurz vor der Abstiegszone. Sie landete letztendlich auf Platz 13.

Das Spiel – unvergessen

Der Wahnsinn an diesem 35. Spieltag im Eintracht-Stadion fängt früh an, nämlich bereits in der 1. Minute. Die Fortunen sind noch völlig unsortiert und lassen den ersten Gegentreffer der Partie zu. Kurz darauf verhindert Melka mit einer starken Parade einen frühen Zwei-Tore-Rückstand. Fortuna wehrt sich. Heidinger erläuft einen schönen Pass von Schwertfeger im Braunschweiger Strafraum und wird von Boland unglücklich touchiert: Elfmeter für Düsseldorf. Christ lässt sich die Chance nicht entgehen und schiebt die Kugel links unten rein. Ausgleich. Nur wenig später. Dieses Mal Verwirrung vor dem Braunschweiger Sechzehner. Jovanovic nutzt die Gelegenheit, zieht aus ca. 20 Metern ab und die Kugel schlägt rechts unten im Tor ein. Die Fortuna meldet sich im Aufstiegskampf zurück. Keine zehn Minuten später foult Melka den Braunschweiger Onuegbu und verursacht einen Elfer gegen sich. Boland läuft an, doch Melka hält. Rund 20 Minuten später kann Bonand die zweite Strafstoßgelegenheit nicht nutzen, denn Melka hält auch diesen Elfer. Die Fortunafans, die direkt hinter dem Düsseldorfer Keeper stehen, feiern ihren Mann. Zur Halbzeit führt Fortuna in Braunschweig 2:1. Doch das war erst der Anfang.

Die zweite Halbzeit spielen die Rot-Weißen auf das Tor „ihrer“ Fans, doch der erste Treffer fällt auf der Gegenseite: Nach Foul von Halet verwandelt Lenze einen weiteren Strafstoß in der 49. Minute für die Braunschweiger zum Ausgleich. Nun fallen die Tore im Minutentakt: Lambertz staubt in der 51. ab zur erneuten Düsseldorfer Führung. 52.: Ausgleich Braunschweig durch Lenze. Nur zwei Minuten später: Costa verlängert einen von Christ geschlagenen Freistoß ins Braunschweiger Tor. Fortuna führt wieder mit einem Tor. Nun lassen es die Beteiligten etwas ruhiger angehen. Obwohl, hätte Lawarée kurz darauf den Ball etwas besser getroffen, wer weiß. So kommt es in der 62. Minute anders: Braunschweig gleicht schon wieder aus. Und hätte Kastrati nach einem Christ-Freistoß, der an die Latte ging, in der 76. Minute den Ball etwas besser getroffen, wer weiß. Doch Marco Christ macht es schließlich selber. In der 85. Minute zirkelt er einen Freistoß rechts oben in den Winkel. 5:4 für die Fortuna. Die rot-weißen Spieler laufen in die rot-weiße Kurve und lassen sich feiern.

War es das? Nein, leider nicht. Das Drama der Nachspielzeit: Ein weiter Einwurf der Braunschweiger segelt in den Strafraum und wer kommt an den Ball? Ein Blau-Gelber, nämlich Banser, der zum 5:5 Ausgleich einköpft. Das war dann aber wirklich das letzte Tor in diesem vogelwilden Spiel. Die Fortunen fallen nach dem Schlusspfiff frustriert auf den Rasen. Die Fans sind minutenlang mucksmäuschenstill. War es das nun mit dem Aufstieg? Union war nach diesem Spieltag sicher aufgestiegen, Paderborn Zweiter mit 62 Punkten, dann Unterhaching (61), dann Düsseldorf (60). Noch 9 Punkte waren zu vergeben.

Die Feier … verschoben

Die Feier musste erst einmal verschoben werden. Doch sie kam, denn Fortuna siegt zunächst mit 1:0 gegen Jena (Torschütze Christ) und dann mit 2:1 in Aalen (Lambertz und Kadah). Da sowohl Paderborn als auch Unterhaching patzten, stand Fortuna vor dem letzten Spieltag auf Platz 2, einem direkten Aufstiegsplatz. Zum Saisonfinale kam Werder Bremen II am 23. Mai von der Weser an den Rhein. Auch dieses Mal traf Marco „Diva“ Christ und schoss damit die Fortuna vor ausverkauftem Haus (offizielle Zuschauerzahl 50.095) nach 10 Jahren wieder zurück in die zweite Liga. Und dann wurde gefeiert: Auf dem Rasen, auf den Rängen, in ganz Düsseldorf – und natürlich überall dort, wo sich Fortunafans gerade oder eben dauerhaft aufhalten.

Der Mann des Tages

Michael Melka kassierte 5 Tore und war dennoch der Mann des Tages. Zwei gehaltene Elfmeter und noch einige andere gute Paraden hielten seine Jungs im Spiel und die Fortuna konnte weiterhin vom Aufstieg träumen.

Die Statistik

Eintracht Braunschweig – Fortuna Düsseldorf 5:5 (1:2)
10.5.2009, Sonntag, Braunschweig (Eintracht-Stadion)
Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin)
Zuschauer: 14.500
Aufstellung der Fortuna: Michael Melka; Kai Schwertfeger, Hamza Cakir, Robert Palikuca (46. Clement Halet), Fabian Hergesell; Andreas Lambertz, Klaus Costa, Marco Christ, Sebastian Heidinger (79. Ahmet Cebe); Ranisav Jovanovic, Axel Lawarée (69. Bekim Kastrati)
Tore: 1:0 Morabit (1.), 1:1 Christ (10., Foulelfmeter), 1:2 Jovanovic (12.), 2:2 Lenze (49. Foulelfmeter), 2:3 Lambertz (51.), 3:3 Lenze (52.), 3:4 Costa (54.), 4:4 Boland (62.), 4:5 Christ (85.), 5:5 Banser (90. +1)
Besondere Vorkommnisse: Melka hält Foulelfmeter (22.), Melka hält Foulelfmeter (42.)

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