Fortuna-Punkte: F95 wird das Island der ersten Bundesliga

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Wo steht eigentlich geschrieben, dass man als Freund des getretenen Rundballs bei einer Weltmeisterschaft „mitfiebern“ muss? Irgendwer will uns das einreden, vermutlich um uns so zu emotionalisieren, dass wir zu wehrlosen Konsumenten werden, die dann alles kaufen, das mit einem stilisierten Fußball oder Schwarz-Rot-Gold beklebt ist. Tatsächlich zählen Fußballinteressierte, die einst in der Mehrheit waren, zu einer bedrohten Spezies. Heute gilt jeder, der geradeaus auf einen Flachbildschirm gucken und den Ball erkennen kann, gleich als Fan. Und dann geht es nur noch um die Frage: Na, bist du auch für unsere Nationalmannschaft? Nun hat der DFB rund um seine Auswahl so viel Schaden angerichtet, dass es für jemanden, der den Fußball liebt, einigermaßen schwer wird, zu Schland zu halten. Außerdem haben die Auswüchse des ballorientierten Patriotismusses seit der WM-im-eigenen-Land bei kritischeren Geistern milden Widerwillen ausgelöst. Da aber nun jedermann und jede Frau in diesen Tagen irgendwie mit der WM in der lupenreinen Demokratie konfrontiert ist, sucht man/frau sich in der Regel eine Ausweichmannschaft zum Dafürsein.

Was eigentlich ein hochemotionales Verfahren sein sollte, wird so Ergebnis von diesem oder jenem Kalkül. Politisch korrekt ist es, zu einem „Kleinen“ zu halten, von wegen David und Goliath. Wichtig ist, dass die Anhänger des möglichen Lieblingsteams schön singen oder rhythmisch brüllen können. Oder auch bunt angezogen rumlaufen und zu exotischer Mucke tanzen. Allerdings sollte die adoptierte Mannschaft wenigstens einen Hauch Chance haben, die Vorrunde zu überstehen. Obwohl: Beliebt ist auch der Satz „Jetzt wo XXX ausgeschieden ist, interessiert mich die Veranstaltung nicht mehr.“ Seit der EM vor zwei Jahren hat der beschriebene Personenkreis sein wahrhaftes Dream Team gefunden: Island.

F95 als Underdog

Was das mit Fortuna zu tun hat? Sagen wir so: Der TSV Fortuna Düsseldorf 1895 wird das Island der Bundesligasaison 2018/19. Zwar dürfen im (Achtung: Spochrepochterfloskelalarm!) „Oberhaus“ nur 18 Teams mitspielen, aber ähnlich wie beim Turnier in Russland zerfällt das Teilnehmerfeld in drei Kategorien: Favoriten, Geheimtipps und Underdogs. Jedenfalls aus Sicht der Medien, die sich bei solchen Sportwettbewerben ja immer in Binsen, Phrasen und hinkenden Bildern suhlen. Zum Beispiel werden von Schreib- und Sprechfinken seit Jahrzehnten die immergleichen Nationalmannschaften zu Favoriten ausgerufen: Deutschland, Brasilien, Spanien und Argentinien. Je nach Toleranzschwelle kommen dann meistens noch Frankreich, Portugal und England hinzu. So sie dabei sind, werden auch die Niederlande und Italien in den Favoritenkreis geschrieben. Geheimtipps sind immer a) Kroatien, b) ein Team aus Schwarzafrika, c) jemand aus Südamerika und d) irgendwelche Skandinavier. Der Rest sind die Außenseiter, also diejenigen, die nach Vorrunde wieder heimfahren dürfen bzw. müssen.

In der Bundesliga, wo der Meister ja bekanntlich feststeht, gelten als Favoriten die Mannschaften, die es in die Champions oder die Europe League schaffen könnten – also (fast) immer BVB, S04, Bayer Leverkusen. Als Geheimtipps fungieren seit einiger Zeit vor allem dieses Hoffenheim und das Projekt, manchmal aber auch Traditionsclubs wie Frankfurt, Stuttgart, die Hertha und Gladbach. Der Rest sind die Underdogs, die den Abstieg unter sich auskaspern; darunter immer die Aufsteiger, von denen es grundsätzlich heißt, sie würden um den Klassenerhalt ringen. Das Ziel nicht abzusteigen ähnelt dem der WM-Außenseiter, die gern mal die Vorrunde überstehen würden.

Das Erfolgsrezept

Der gnadenlose Hype um Island mag einem tierisch auf den Senkel gehen, aber in der Partie gegen den FC Messi haben die (Achtung: Spochrepochterfloskelalarm!) „Wikinger“ gezeigt, wie ein vermeintlicher David einem Goliath ein Unentschieden abtrotzen kann. Denn das 1:1 entspricht ja einem Remis der glorreichen Fortuna gegen beispielsweise Schalke in der kommenden Saison. Und das Rezept hinter diesem Erfolg ist nicht schwer zu entschlüsseln – hier die Faktoren:

1. Eine fest geschlossene Mannschaft, die wirkt, als seien die Spieler echte Freunde oder gar Kameraden.
2. Eine fröhlich-aggressive Fan-Schar mit einem eingängigen Schlachtruf.
3. Immer auf die Knochen am Rande der Legalität – besonders bei schnellen Stürmern.
4. Genau EINEN potenziellen Torschützen.
5. Einen furchtlosen Torhüter.

Ja, lieber F95-Fan, da staunst du. Könnten wir auch alles haben in der kommenden Saison. Teamgeist gab’s letztes Jahr schon, und es wird ihn auch 2018/19 geben. Außerdem muss es ja auch nur nach außen so wirken, als seien die Kicker Kumpels – Image ist ja bei Island auch fast alles. Die aktiven Fans der Fortuna können bekanntlich sehr fröhlich sein und bisweilen auch ein bisschen aggressiv, besonders bei Auswärtsspielen – passt also schon teilweise. An einem Schlachtruf, der sich allerdings deutlich vom isländischen „Hu!“ unterscheiden muss, wäre noch zu arbeiten. Vielleicht sind unsere derzeitigen Verteidiger einen Hauch zu brav, daran könnte die Sache scheitern – ein oder zwei Klopper täten der Mannschaft gut. Und während wir sogar gleich drei furchtlose Keeper haben, muss sich erst noch herausstellen, ob Fortuna 18/19 einen echten Knipser hat. Alles in allem stehen die Chancen aber nicht schlecht, dass F95 das Island der kommenden Bundesligasaison wird. Hoffen wir nun auf das Weiterkommen der Hu!-Jungs, denn das wäre ein gutes Omen.

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