Fortuna-Punkte: Fans vs Eventies – jedes Jahr dasselbe Gelaber…

11

Man kann es nicht mehr hören: (Fast) jedes Jahr regen sich die Immerschon-Dauerkartenbesitzer und Allesfahrer über die Menschen auf, die einfach nur Fußball gucken wollen und sich die Fortuna-Spiele herauspicken, die ihnen besonders attraktiv erscheinen. Dies Sorte Zuschauer sitzt dann gern herum und tut, was Zuschauer so tun: zuschauen. Darüber können sich besonders aktive Fans tierisch echauffieren, denn man sei doch da, um die Mannschaft zu supporten.

Diese Saison ist das Gelaber, leider auch angeheizt durch Friedhelm Funkels „Appelle“, es mögen doch mehr Leute in die Arena kommen, um seine Jungs zu unterstützen, besonders breit und tief. Alles ist dazu schon gesagt, nur noch nicht von allen. Und kaum jemand ist sich nicht zu blöd, in der Phrasenkiste ganz unten zu wühlen. Düsseldorf sei einfach keine Fußballstadt, blubbert es aus einigen Hirnen, sondern eine Eventstadt. Vermutlich meint diese Klientel damit, dass „der Düsseldorfer“ sich aus dem reichhaltigen Angebot an Vergnügungen aussucht, was ihm am vergnüglichsten erscheint. Was ist dagegen einzuwenden?

Der Mythos von der Fußballstadt

Fußballstädte sind nach Ansicht dieser Floskelkauer Orte wie Gelsenkirchen oder Dortmund. Und outen sich damit entweder als Typen, die noch nie auf Schalke oder im Westfalenstadion waren oder als schlechte Beobachter. Hey, als wir 2012 beim BVB das sensationelle 1:1 holten, war der gelbschwarze Tempel zu 80 Prozent angefüllt mit dem, was ihr „Eventies“ nennt, also Menschen, die einfach Spaß daran haben, ein Fußballspiel zu gucken. Gerade auf den Sitztribünen bewegte sich vorwiegend nichts, und der Gang zum Bierstand hatte immer Priorität. Support kam ausschließlich von der sogenannten „gelben Wand“.

Es mag arrogant klingen, ist aber nachweisbar: Die Bürger der schönsten Stadt am Rhein und die Menschen in ihrem Einzugsgebiet haben halt wirklich eine extrem große Auswahl an Events zur Auswahl – besonders im Vergleich zu den angeblichen Fußballstädten. Wer also nicht poseteff bekloppter Fortuna-Fan ist, der kann an jedem Heimspieltag wählen, ob er in die Arena kommt oder sich irgendeinen Event (vor allem an der Rheinpromenade) antut. Gut, dass muss Herr Funkel als in der Wolle gefärbter Neusser nicht wissen oder aus lokalpatriotischen Gründen nicht wahrhaben wollen. Sein Genörgel ist so oder so sinnlos.

Legenden von schlimmen Zeiten

Die Anti-Eventie-Front plustert sich aktuell besonders auf. Denn da wagen es Konsumenten, unbedingt Karten fürs Heimspiel gegen Schalke erwerben zu wollen, die nicht bei der Partie gegen Augsburg dabei waren und nicht vorhaben, die Begegnung mit der SAP-Werkself über sich ergehen zu lassen. Als „Rosinenpicker“ werden sie beschimpft. Das ist so bescheuert, dass es quietscht. Man stelle sich eine Debatte unter Freunden der metallischen Rockmusik vor, in der die harte Fraktion aufbraust, wer sich die norwegische Totmetalltruppe Boarxatom im Pitcher nicht antue, habe kein Recht, sich Tickets für Judas Priest zu kaufen.

Von beiden Seiten wird gern mit der Vergangenheit argumentiert, mit Bundesligaspielen in den Neunzigern, bei denen sich deutlich weniger als 10.000 Leute im Rheinstadion verteilten. Oder dem legendären Spiel in der Oberliga anno 2003 gegen Ratingen 08/15, als sich knapp 2.000 Unermüdliche bei ungemütlichem Wetter ins PJS wagten. Oder die Pokalendspiele, oder Basel. Immer dieselbe Leier. Und die Mehrheit derer, die sich für Fans halten, bezieht sich bei ihren Legenden und Dönekes immer auf die Zeit, in der sie besonders aktiv waren, also meistens das Alter zwischen 16 und 30. Diese Phase, wann immer sie im Zeitstrahl angeordnet sein mag, war dann immer unbestritten die goldene Ära, die Phase der dollsten Erlebnisse und überhaupt, wer damals nicht dabei war, kann nicht mitreden.

Okay, für nicht wenige Leute beginnt die Geschichte der Menschheit ja auch mit dem Tag der eigenen Geburt. Und wer sagt, er gehe schon seit 1973 zu Fortuna, teilt eigentlich nur mit, dass er zwischen 1955 und 1967 geboren wurde. Tatsächlich gibt es nur ein paar Händevoll Fortuna-Anhänger, die „schon immer“ hingehen und zwischendurch nie nicht gegangen sind. Jeder Mensch hat biografische Lücken, auch in seinem Fan-Dasein. Normal ist also nicht, schon immer und durchgehend immer die Fortuna unterstützt zu haben, sondern Phasen massivster F95-Beklopptheit und Zeiten der Abstinenz durchlebt zu haben.

Manche Fans waren mal Eventies

Übrigens: Wer in fortgeschrittenem Alter zum Fan wird, hat meistens als Eventie begonnen. Kennen wir ja, solche Fälle: Bin nach Düsseldorf gezogen und wollte bloß mal Fußball gucken, aber dann hat mich der F95-Virus gepackt. Das ist doch schön! Oder die Stories von Jungs und Mädels, die vom Papa paar Mal in die Arena geschleift wurden, weil gerade nirgendwo ein Hüpfburgfestival stattfand, und sich dabei angesteckt haben. Die idealtypische Fan-Biografie, nach der man den Opa schon als WindelträgerIn ins Rheinstadion begleitet hat, dann mit dem Vater und/oder den Onkels hingegangen ist, um sich mit vierzehn einer erlebnishungrigen Fan-Bande anzuschließen und/oder Ultra zu werden, nach der Geburt des ersten Kindes nicht mehr zu jedem Auswärtsspiel gefahren zu sein und nun wegen körperlicher Beschwerden eine Sitzplatzdauerkarte gebucht zu haben, aber immer noch zu jedem Heimspiel renne (sofern es der Gesundheitszustand zulässt), ist extrem selten.

Weil aber die hochaktiven Fans, die jetzt wieder auf sogenannten „Eventies“ rumhacken, in der Regel ignorante Nabelgucker sind, können sie sich keine andere Fan-Biografie vorstellen als die eigene. Und sprechen würden sie mit einem Eventie nie, mit einem Klatschpappenhelden, einem Sitzplatzfurzer, einem Nicht-Fan, der den Verein nicht im Herzen trägt. Und damit nehmen sie sich wichtiger als sie sind.

Zu wenig echte Emotionen

Und was die Funkel’sche Enttäuschung über nur 35.000 verkaufte Karten für das Spiel gegen die TSG Dietmar angeht: Wenn sich neben den 24.000 Dauerkartenbesitzern, darunter die glühenden Fans, weitere gut 10.000 Düsseldorfer dafür entscheiden, eine Partie gegen ein Team zu besuchen, das ein fußballverrückter Milliardär mit massivem Kohleeinsatz und unter Mithilfe eines Totengräbers des Fußballs aus dem kurpfälzischen Boden gestampft hat, dann ist das überraschend viel. Denn der typische Eventie, der will nicht einfach nur ein schickes Soccer-Game betrachten, der will echte Emotionen erleben, also miterleben bzw. konsumieren. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei der Partie gegen Schalke einfach deutlich höher.

Download PDF

11 Kommentare

  1. Fred Ihben am

    Ich bin auch der Meinung das Friedhelm den Ball flach halten sollte statt immer nur zu klagen über schlechte Vorverkaufszahlen.
    Über 30000 Karten für gegen Hoffenheim ist doch kein Pappenstiel
    TROTZDEM DANKE FÜR DEN AUFSTIEG LIEBER FRIEDHELM..
    SAGT DER FUTHER FREDDY AUS NEUSS
    (glühender F95 Fan seit über 55 Jahren).

  2. Eventie-Semmel am

    Danke Herr Bartels für ihre überaus zutreffende Beschreibung der Situation die ich zu 1895% teile. Darüber hinaus sollte der „schon immer und ewig“ Fan nicht vergessen, dass der ständig gescholtene Eventie noch zusätzlich gutes Geld in die Kasse „seines“ Lieblingsvereins bringt welches er mit Sicherheit gut gebrauchen kann. Bliebe es also beim Exklusivrecht der „schon immer und ewig“ Fans die heimische Arena zu besuchen wenn die glorreiche Fortuna spielt, dürfte der Zuschauerschnitt wohl bedrohlich sinken und zusätzliche Einnahmen ausbleiben. Zum Wohle des Vereins kann dies doch kein Mensch wirklich wollen, oder? In dem Sinne 95 Olè.

    • Ja, sehe ich ebenso, auch als Fan seit der Rückrunde 70/71. Ohne die als Eventies beschimpften Zuschauer geht es auch nicht. Im übrigen hat jeder das Recht seine Freizeit zu gestalten, wie er/sie möchte. Was den Fußball betrifft, ist hier in NRW halt ziemliches Gedränge, da haben es z.B. die Bayern viel leichter.

      Wie der Autor des Artikels schon anmerket, auch ich hatte meine Auszeiten in den Jahrzehnten. Auch in der dritten und vierten Liga habe ich nicht alle Heimspiele geschaut (wohnte allerdings auch ca. 90 km weg zu der Zeit). Nach der Rückkehr in die zweite Liga 2009 gab es ähnliche Diskussionen. Im 95er Forum wurde fast alle, die nicht über die Dörfer tingelten, als Fans 2. Klasse benannt und teilweise auch beschimpft.

      Völlig überfdlüssig und bescheuert. Ich habe seit Jahren eine Dauerkarte und freue mich über jeden zusätzlichen Zuschauer in der Arena. Die Besucherzahlen gegen Augsburg und die bisher bekannte für Samstag finde völlig in Ordnung.

  3. Bilker Mädsche am

    Gibt es diese Diskussion tatsächlich wieder? Da kann man geflissentlich drüber weg lesen oder einfach nicht hin hören. Ich verstehe Herrn Funkel, dass er sich all diese Menschen, die vor, während und nach dem Aufstieg euphorisch im Trikot durch die Stadt gelaufen sind, auch als Unterstützer im Stadion wünscht. Und ihm ist da sicher nicht wichtig, ob es sich um einen Altgedienten und Langzeitverliebten oder um einen Neufan handelt. Er wünscht sich die maximale Unterstützung für seine Mannschaft, für den Verein, der von allen selbsternannten Fußballexperten schon vor dem ersten Anstoß als Direktabsteiger eingestuft wurde. M.E. heizt er damit keine Diskussion an, sondern artikuliert seine Wunschvorstellung.
    Ich kann die vornehme Zurückhaltung verstehen. Man ist jetzt nach all der Freude, all den harten Jahren in der Realität des Primiumprodukts Bundesliga angekommen. Mal ehrlich, wer hat Bock, diese Hoffenheim-Truppe zu sehen? In der Sportschau schalte ich da gedanklich ab, also wird es auch am Samstag schwer, sich in die Kurve zu stellen und dabei zuzusehen, wie unsere Jungs sich an Plastik reiben müssen.
    Das Einzige, was hilft: mehr Hass auf Produkte wie diese und sich trotz aller Unlust in die Unterstützungs-Schlacht schmeißen.
    Ich kann es auch irgendwie verstehen, wenn selbst Dauerkarten für umsonst wegen Verhinderung des Besitzers dankend abgelehnt werden. Hoffenheim? Ochneeeee, lass mal. Dann lieber Hüpfburg. ;-). Mir geht’s gerade leider, leider genauso. Trotzdem gehe ich hin, weil ich immer hin gehe, weil die Dauerverliebtheit eben noch lange nicht aufgebraucht ist.
    Leben und leben lassen. Wird schon werden im Laufe der Saison.

  4. Trotzdem sollten m.M.n. die ‚Sahnespiele‘ mit den ‚Gurkenspielen‘ aus Einnahmegründen als ‚Sahnegurken‘ gebündelt verkauft werden.

  5. Hoffenheim war einer der besten Teams in der Rückrunde der Bundesliga. Sie haben Mannschaften wie Dortmund und Leipzig besiegt. Sie spielen Angriffsfußball vom feinsten. Der Trainer ist nervig aber zur Zeit in meinen Augen der Beste aus Deutschland. Demirbay ist noch verletzt. Gute Besserung. Darum geht es doch,oder?
    Um attraktiven Sport.

  6. Buzz95 = Frank Schulte am

    Lieber Herr Bartels,
    liebe KommentatorInnen,
    sehr guter Artikel, dito Kommentare.
    Ja, wo sollen denn die Zuschauer herkommen, um jedes Heimspiel auf 50.000 aufzufüllen? Rein zahlenmäßig können nicht alle die „echten“ Fans sein. Jedenfalls nicht nach den letzten 40 Jahren.
    Und, F95 braucht auch die „Eventies“, die durch weitere Besuche vielleicht dann mal zu echten Fans werden und den „Grundstock“ dieser erhöhen.
    Apropos andere Stadien: wer einmal bei einem ausverkauften Spiel in der Allianz-Arena war, der weiß, dass eine volle Hütte noch lange keine Garantie für Stimmung ist. Dann lieber nur 30.000 und Stimmung.
    Viele Grüße,
    Buzz95

    PS: zum schwammigen Definitions-Übergang Eventie – echter Fan kurz meine Historie und Definition:
    Mit 11 (1971) erstes Mal im Paul-Janes, von 14 bis 17 fast jedes Heimspiel, dann 3 Jahre lang zusätzlich noch einige auswärts. Wegen Studium am anderen Ort nachlassende Stadionfrequenz. Seit den 90ern (bis heute) im Ausland lebend (NL), trotzdem durch in der eigenen Familie frei gewordene Prioritäten seit 2009 wieder Dauerkarte (Steher Block 36), aber auswärts selten und aus Gründen Entfernung und Zeit dann meist nur im Westen.
    Ich selbst übrigens kann die Frage, was ein echter Fan oder Eventie ist, klar beantworten, weil seit 1971 an eigener Seele erfahren. Seit dem ersten Spiel live mit 11 kann ich echte Emotionen nur für die Gloreiche entwickeln. Unabhängig von Spielklasse, live, am Fernseher oder Radio, oder am Liveticker. Mit vielen Freunden schon bei vielen anderen Spielen gewesen oder am Fernseher verfolgt, egal wie ich mich angestrengt habe, nie konnte ich auch nur im Entferntesten das spüren wie bei einem Spiel unseres Vereins.
    Der echte Fan hat diesen seelischen Bezug zum Verein, die Eventies vermissen diesen.

  7. RubensTuna1638 am

    Wie aus der Seele gesprochen, 100% Zustimmung, lieben Dank für diesen Beitrag! Für uns sind aber nur u.a. solche „Fans“ nicht wirklich willkommen, die, wie vor ein paar Wochen nach einem unglücklichen Spiel für ManU, mit den gegnerischen Spielern lachend Selfies machen…(selbst für LFC Tiefst-Verbundene ist schon irgendwie traurig, keine Schadenfreude)
    Nach einem unglücklichen Spiel geht ein normaler F95 Fan auch am nächsten Tag noch immer ziemlich schlecht gelaunt zur Arbeit (oder wie es der Zeigler meinen würde, der „VaderBeigeschmack“ ist auch am nächsten Tag noch zu Besuch da).
    Wer das Wohnzimmer der 1 Tuna Mannschaft meidet, wieso auch immer, muss selber schauen… Aber aber: ich würde allen empfehlen, die sich seit Jahren nach und nach in die Lieblings-Kneipen u.ä. zurückgezogen haben, bitte kommt zurück, es ist nicht mit Stadionluft zu vegleichen, es macht Spass, zusammen unter Gleichgesinnten zu sein, auch wenn es mal in den letzten Jahren nicht immer gut lief; Ihr, u.a. viele alte Tuna Fans, werdet im Stadion vermisst… Ihr habt in den letzten Jahren mindestens ein paar unglaubliche, schicksalhafte Momente in Tunas Leben verpasst, die man nur im Stadion hautnah wirklich erleben kann…Alle für unsere Tuna, stets positive Energie und Ereignisse in Tunas Leben bündeln und die BL halten, …, und nächstes Jahr Champions League

  8. Perfekt geschrieben. Ich warte bei FFs ständiger Kritik am Publikum nur noch auf den Vergleich zum Effzeh… Jeweils 40000 gegen diese beiden Retortenclubs ist grandios.

  9. Sehr vernünftiger Artikel, sehr verständige Kommentare!
    Wir sind gekommen, um zu bleiben.
    Die Basis wird immer tragfähiger.
    Das vermittelt sich peu à peu von selbst.
    Nur Geduld!
    (Anhänger seit 1963)

Antworten