Fortuna-Punkte: Ganz weit weg statt mittendrin. Oder: Nick ist wieder da

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Manchmal ist das Leben gerecht. Dann wird alles gut. Den guten, alten Nick hat es im Frühjahr nach Ganz-weit-weg verschlagen. Ein toller Job in Südostasien. Optimale Kohle für schwere Arbeit unter höllischen Bedingungen. Weil es aber wirklich richtig, richtig fette Bündel geben sollte, zögerte euer Nick nicht lange und machte den Abflug. Noch vor dem Spiel in Dresden. Das kriegte ich mit in einem schimmeligen und nicht ganz lokalen Wettschuppen in einem feuchtwarmen Kaff auf der ansonsten schönen, philippinischen Insel Mindanao. Da gab’s nicht nur Soccer live aus aller Welt, sondern auch Gratis-WLan. Das Bier war billig und kalt und kam im handlichen Kühler, die Einsätze waren hoch und die Quoten abenteuerlich. Nach dem völlig verrückten Tor von Hennings machte ich Bierdusche. Den Gewinn investierte ich in mehrere Lokalrunden. Aber in der Nacht habe ich geweint: Mir hat die Fortuna gefehlt und mein Kiez und meine Kumpels im Block 3. Karma ist nicht immer eine Bitch, denn jetzt am Samstag war ich zum ersten Mal wieder mittendrin. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet bei diesem Spiel…

Nun sind die Lads im Block keine Emotionsmonster. Also, mir ist keiner um den Hals gefallen oder so. Ingo meinte nur: Ah, auch mal wieder da? Ömme brachte mir kommentarlos ein Bier mit, und Ingo wollte nur wissen, was ich von der Aufstellung halte. Nur der Peter, der fragte mich aus, wo ich die ganze Zeit gewesen sei und was ich gemacht habe. Holger, der mitgehört hatte, sagte erstaunt: Dann hast du ja den Aufstieg nicht miterlebt! Da musste ich dann doch erzählen von Mindanao, vom Wettschuppen, vom billigen, kalten Bier, von den Tanzbars und den Girls. Ob’s denn auf den Philippinen keinen Fußball gäbe, fragte Ingo. Doch, sagte ich, da gibt’s die PFL, da spielen sechs Clubs von März bis August gegeneinander, also, immer wieder. Interessiert bloß keinen. Außer die Zocker im Wettschuppen. Im August wurde ein Verein namens Ceres Negros Meister. Bei denen spielt ein gewisser Stephan Schröck, den haben die Fürther dahin ausgeliehen. Die treten in einem Stadion mit 8.000 Plätzen an, das in der Saison nicht einmal ausverkauft war.

Okay, dachte ich mir, die Insel Negros ist ja quasi um die Ecke, und Bacolod soll ein hübsches Städtchen sein. Es war das letzte Saisonspiel gegen einen Club mit dem schönen Namen Stallion. Ich war positiv überrascht: Das Panaad Stadium, das mitten in einem grünen Park liegt, ist so ein richtig echter Fußballplatz, aber mit Laufbahn drumherum, und gleich nebenan ist ein Freibad. Auswärtsfans waren keine da – klar, einen Flug über 450 Kilometer kann sich da auch nicht jeder leisten – aber Heimfans auch nicht. Insgesamt war es mehr so wie Sonntagnachmittagausflug mit der ganzen Familie. Immerhin hatten viele ein gelbschwarzes Trikot an, und gefühlte 100 Filipinos klatschten manchmal im Takt und riefen was. Nun muss man wissen, dass Soccer in den Philippinen nicht besonders populär ist. Basketball zieht die Massen, Boxen auch, ja, sogar Baseball ist beliebter. Komisch, meinte Peter, kann man sich kaum vorstellen, dass sich die Leute irgendwo nicht so dolle für Fußball interessieren wie wir hier in Europa oder da in Südamerika.

Übrigens: In meinem angeranzten Wettschuppen hatte ich eine nicht ganz kleine Summe auf den Sieg der glorreichen Fortuna in Nürnberg gesetzt. Der Buchmacher war mit den Clubs und den Standings der ersten drei deutschen Ligen bestens vertraut und grinste mich an: Wie wäre es mit 4,6? Ich schlug wieder zu. Ihr wisst ja, wie’s ausgegangen ist. Und wieder gab ich mehrere Lokalrunden und gönnte mir eine Nacht in der Tanzbar. Als ich mir vorstellte, was in Düsseldorf bei der Aufstiegsfeier abgehen würde, war ich tagelang deprimiert. Ich beschloss, die Fortuna erstmal zu ignorieren. Die ersten Ergebnisse in der ersten Bundesliga nahm ich einfach so hin, Details interessierten mich nicht, und auf die Diva wetten tat ich schon gleich gar nicht. Es ging mir gut, während mein Konto so richtig fett wurde durch den Job.

Und dann war ich wieder in diesem Stadion, dieser Arena, die jetzt ja irgendeiner Zockerfirma gehört. Es fühlte sich an wie ein Zuhause. Als ich die Fans aus Berlin sah, juckte es mich kurz in den Fingern – Trauma aus dem Mai 2012, you know… Aber viel wichtiger war es, wieder die Leute zu sehen, die Jungs auf dem Platz, den Axel als Trainergehilfen und den Funkel und das alles. Mit meinen Kumpels im Block 3 zusammen zu sehen, dass die Fortuna immer noch Fußball spielen kann. Dann die vier Traumtore. Ich glaube, ich hatte nach dem Abpfiff ein paar Tränen in den Augen. Gut, dass du wieder da bist, meinte Ingo zum Abschied. Ja, dachte, ich jetzt bin ich wieder mittendrin, statt ganz weit weg.

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