Fortuna-Punkte: Jahreshauptmitgliederversammlung – wie in Nordkorea

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Folks, ihr werdet es nicht glauben: Ich bin jetzt Mitglied! Also, derselbe Nick, der noch nie Member von irgendwas war – außer seiner Firm in Leeds, aber da gab’s keine Mitgliedsausweise. Holger hat mich überredet, und meine Jungs aus Block 3 haben zusammengeschmissen und mir den Beitrag fürs erste Jahr geschenkt. Ich bin stolz und glücklich und bin natürlich auch gleich mit zur Jahresmitgliederhauptversammlung – ich liebe diese langen deutschen Wörter, weil man daraus Abkürzungen machen kann. Ömmes sagt JHV, Ingo JMV – ja, was denn nun? Dieses Event fand gestern mitten in der Arena statt. Komisch, wenn die Halle fast ganz leer ist und auf dem Rasen eine Bühne steht.

Ich hatte ja keine Idee, wie so eine Jahreshauptgliedermitversammlung aussieht und abgeht. Sah aber sehr professionell aus, alles schön in Rot und Weiß, ordentlich ausgeleuchtet, klasse Sound. Direkt davor, also da, wo wir sonst immer sitzen, saßen die Mitglieder. Waren aber nur knapp 500 da. Das verstehe ich nicht: Der Club hat über 25.000 Mitglieder, aber nur – Moment, muss ich nachrechnen – 2 Prozent nehmen sich an einem trüben Sonntag die Zeit, mitzubestimmen, was und wie. Na ja, sagt Ingo, viele werden ja nur Mitglied, damit sie Karten für die Spiele gegen Bayern und Dortmund ergattern. Nun, dachte ich, für die ist der Clubausweis also nur sowas wie eine Rabattkarte…

Um ganz ehrlich zu sein: Jahreshauptmitgliederversammlung ist laaangweilig. Da werden Namen vorgelesen, Reden gehalten und Reden gehalten. Dann kommt so’n Typ im Publikum ans Mikrofon und langweilt uns noch mehr. Muss so ein – wie heißt es? – Korinthenkacker sein. Wer sonst würde wegen drei Euro achtzig nachfragen? Außerdem leierte der seinen Text runter, dass man nach dem dritten Satz einschlafen mochte. Da ging ich mir dann Brötchen und Cola holen. Dann gab’s Entlastung. Keine Ahnung, was das bedeutet. Ingo wusste jedenfalls bei jedem Namen genau, welchen Knopf er auf seinem Jahresmitgliederhauptversammlungsabstimmungsgerät drücken musste. Ich durfte ja nicht, weil ich erst so kurz Mitglied bin, aber Ingo ließ mich auch mal drücken.

Als es um die Entlastung von einem gewissen Hunold ging, regte sich mein Kumpel ziemlich auf und drückte gegen den. Ich wollte wissen, warum. Der hat uns verarscht. Ich lernte, dass der mal Boss von Air Berlin war, dass er sich vor der Pleite noch die Taschen vollgemacht hat. Außerdem hat er der Fortuna vor seiner Wahl alles Mögliche versprochen, sich dann aber auf französisch verabschiedet. Jedenfalls war Ingo sauer und drückte die 2. Dann gab’s Wahlen für den Wahlausschuss. Komisch: Wahlen für den Wahlausschuss – hört sich doppelt gemoppelt an. Aber Ingo meint, das ist wichtig, weil die Leute im Wahlausschuss die Aufsichtsratsvollhauptversammlungsmitglieder bestimmen. Oder wenigstens die Kandidaten dafür.

Jeder von denen, die da rein wollten, durfte eine 3-Minuten-Rede halten und sich selbst belobhuldigen. Ich fand den mit der Mütze toll, der so schwer die Treppe hochkam – sah aus, als wär der früher auch mal hool-mäßig unterwegs gewesen, sehr sympathisch. Das ist doch der Onkel Jochen, sagte Ingo, der war Elektriker, der hat 20.000 Volt abgekriegt, hat ihn komplett die Gesundheit gekostet, war früher ein lustiger, starker Kerl… Den wähl ich, sagte ich, aber Ingo meinte, ich darf ja nicht wählen. Dann waren alle gewählt.

Jetzt gab’s Anträge. Das heißt, die Mitglieder dürfen was vorschlagen, und alle stimmen darüber ab. Boah, da gab es dann Stimmen wie in Nordkorea: alles über 90 Prozent. Ja, meinte Ingo, wenn es gegen Investoren geht und gegen Kommerz, dann sind wir uns im Verein aber doch ziemlich einig. Fand ich gut. Ich bin auch gegen Investoren und Kommerz im Fußball. Also war ich sehr zufrieden mit der Hauptmitgliederjahresversammlung. Gehe ich nächstes Jahr wieder hin. Dann darf ich auch wählen und abstimmen.

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