Als bekannt wurde, dass das wunderbare F95-Team während der Zeit im Trainingslager in Maria Alm ausgerechnet gegen den Erdogan-Club Başakşehir Istanbul antreten würde, fragten sich manche Fans, die sich für Politik interessieren, warum die Fortuna ausgerechnet für den Autokraten, der die Türkei (noch) im Griff hat, PR machen musste. Wer dagegen nur am Sportlichen Interesse hatte, fragte sich eher, was für einen Sinn es macht, gegen diese Altherrenmannschaft anzutreten. Immerhin wird Rayo Vallecano, der genau entgegengesetzt angeordnete Madrider Arbeiterverein, zweiter Gegner in der Vorbereitung in Österreich sein. So gleicht sich alles wieder aus. Die Sinnfrage greift aber weiter: Welche Aussagekraft haben diese Spiele und die Ergebnisse wirklich?

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Was wird eigentlich getestet?

Das fängt ja schon mit den Begrifflichkeiten an. Im inzwischen eingerissenen Fußballdeutsch heißt es ja gern „Die Fortuna testet gegen…“; ein grammatischer Blödsinn, denn das Verb „Testen“ verlangt nach einem Objekt. Es muss eigentlich gesagt werden, dass die Fortuna dieses oder jenes gegen XYZ testet. Das ist keine Wortklauberei, sondern die berechtigte Frage, was denn ein solches Testspiel an Erkenntnisgewinn bringen soll. Nun sind die Begegnungen rund um Maria Alm etwas Besonders. Seit acht Jahren zieht der Fortuna-Tross in den Skiort am Hochkönig, rund 50 Kilometer entfernt von Saalfelden am Steinernen Meer – immer begleitet von Hunderten Fans, die einen Teil ihres Jahresurlaubs in der Nähe der Mannschaft verbringen.

Das Wort „Nähe“ ist wörtlich zu nehmen, denn die Anhänger der glorreichen Diva kommen den Spielern, Trainern und Betreuern nicht nur beim legendären Fanfest nahe, sondern Tag für Tag. Viele Kicker zeigen sich mehr als volksnah, und auch Funkel & Co. haben nichts gegen den Kontakt mit den Freunden der Fortuna. Da sind die (meistens zwei) Testspiele gegen namhafte internationale Gegner eben Höhepunkte fürs Publikum. Je nach den technischen Gegebenheiten gibt es mittlerweile sogar Live-Übertragungen per Facebook. Bis zu 3.000 Menschen in der Heimat schauen sich das an. Bei der Partie gegen Başakşehir gab Stadionsprecher Andre Scheidt den Fernsehkommentator, und als Experte war zeitweise Sportdirektor Lutz Pfannenstiel dabei.

Wo bleibt der sportliche Wert?

Trotzdem bleibt die Frage offen, ob ein solches Unternehmen irgendeinen sportlichen Wert hat. Sagen wir ganz klar: Das jeweilige Ergebnis ist in aller Regel ohne jede Aussagekraft. Oft treffen da zwei Mannschaften in ganz unterschiedlichen Phasen der Saisonvorbereitung aufeinander, und oft wechseln die Trainer von Halbzeit zu Halbzeit die ganze Mannschaft aus, von dauernden Einwechslungen besonders in der zweiten Halbzeit ganz zu schweigen. So betrachtet sagt das 1:1 gegen FC Erdogan, immerhin türkischer Vizemeister, nichts aus. Ebenso wenig übrigens wie die 0:1-Niederlage gegen Utrecht beim Cup in Meppen neulich. Wer also erkennen will, ob und wie sich die Fortuna in der kommenden Bundesligasaison schlagen könnte, sollte auf etwas anderes achten.

Nämlich auf das Verhalten der Neuzugänge. Gerade bei neuen Offensivkräften kann man mit geübtem Auge erkennen, welche Fähigkeiten der jeweilige Bursche hat. Schon in Meppen zeigten sich die außergewöhnlichen Qualitäten des Bernard Tekpetey und des Erik Thommy. Gegen Istanbul war es dann Nana Ampomah, der begeistern konnte. Schnell sind sie alle, ballsicher und trickreich. Tekpetey wurde gelegentlich vom ebenfalls toll auftretenden Kenan Karaman darauf aufmerksam gemacht, dass ein Pass auf ihn die bessere Lösung gewesen wäre. Überraschend übrigens wie wertvoll sich Harvard Nielsen, mit dem ja angeblich nicht mehr geplant wird, in der zweiten Halbzeit als hängende Spitze präsentierte. Und trotzdem: Größere Erkenntnisse darüber, wer mit wem vorne besonders harmoniert oder welche Laufwege es geben wird, waren nicht zu gewinnen.

Wer versetzt die Liga in Aufruhr?

Im Mittelfeld, das aufgrund der Verletzung von Kevin Stöger akuter Notstand herrscht, waren von den Neuen bisher nur Thomas Pledl (gegen Sonsbeck und Utrecht) und Johannes Bühler (gegen Utrecht und Istanbul) zu sehen, wobei die Leistung beider Spieler in Richtung „solide“ tendierte. Ganz offensichtlich experimentiert das Trainerteam in diesem Mannschaftsteil am heftigsten, weil die Frage offen ist, wie Marcel Sobottka optimal zu platzieren ist und ob und welche Rolle Aymen Barkok und Alfredo Morales einnehmen können. Wobei erkenntnisreich auch bei diesen Partien ohne großen Wert sein kann, in welcher Form sich die Genesenen befinden. Während es bei Linksaußenverteidiger Diego Contento noch dauern kann, zeigte sich sein Gegenüber Jean Zimmer gegen Başakşehir schon ziemlich vielversprechend. Aus dem aktuellen Keeper-Quintett kamen bislang nur die Herren Rensing und Kastenmeier zum Einsatz, wobei Letzterer im Spiel gegen Başakşehir einen guten Eindruck als moderner, strafraumbeherrschender und mitspielender Tormann machte.

Und noch einmal: Über die Qualität der Mannschaft insgesamt gibt es aus den bisherigen Vorbereitungsspielen wenig zu lernen. Dass gerade die Neulinge – nehmen wir auf jeden Fall auch Dawid Kownacki hinzu! – in der Offensive das Zeug haben, die Liga in Aufruhr zu versetzen, dürfte aber schon jetzt klar sein.

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