Nein, wir sind nicht zur offiziellen Vorstellung des neuen Vorstandsvorsitzenden in die Arena gereist. Wozu auch, kann man sich solche durchritualisierte Pressetermine heute doch in Ruhe und Frieden auf Youtube anschauen. Da kann man dann vor- und zurückspulen, um sich Passagen noch einmal anzuhören und das Blabla zu überspringen. Oder auch anhalten, um sich das Gesicht des Neuen mal ein bisschen wirken zu lassen. Dass der Aufsichtsratsvorsitzende ständig von der „Aufstellung“ des Vorstandes gesprochen hat, irritierte ein bisschen. Gut, dass ist modernes Management-Gequatsche, das hat der Dr. Ernst so drin, dagegen kann er nichts machen. Aber sonst?

Wie es sich gehört, schmiert der Röttgermann dem Fan-Volk erst einmal Honig ums Maul und erwähnt natürlich, dass es sich bei der glorreichen Fortuna um einen Traditionsclub handelt, der Fans hat, „die diesen Namen wirklich verdienen“. Später gibt er dem Affen ordentlich Zucker und plaudert über seine Frau, die aus Neuss stammt und deshalb samt Verwandtschaft F95-Fans sei; sein Sohn habe sogar beim 4:0 bei S04 aufs Maul bekommen. Ja, so belegt man heute Street Credibility.

Vieles vom Rest hat man ihm dann ins Drehbuch geschrieben, damit er sich wohltuend vom frisch geschassten Robert Schäfer abhebt. Da ist dann viel von Kommunikation die Rede und selbst die Floskel darüber, dass man die Menschen abholen müsse, fällt. Immerhin wird das Wort „Empathie“ nicht erwähnt, das ja derzeit im Zusammenhang mit der fortunistischen Vorstandsarbeit etwas überstrapaziert wird. Das alles eher im Habitus eines Intellektuellen als den eines Fußballmenschen.

Kein Konzept für die Fortuna

Natürlich hat der Neue noch kein schlüssiges Konzept anzubieten. Immerhin gibt er dann doch die Richtung an: Finanzen, Finanzen, Finanzen. Mal explizit so benannt, mal hinter dem Ausdruck „Rahmenbedingungen“ versteckt. Und ein kurzes, wenig überzeugendes Bekenntnis zur 50+1-Regel quetscht sich Röttgermann dann auch noch ab. Und da liegt der traditionsreiche Osterhase im rotweißen Pfeffer. Denn der Thomas, der von sich selbst sagt, er sei nüchtern, hat vor ziemlich genau einem Jahr einen Artikel in der Zeitschrift Sponsors abgesondert, der sich anders liest.

Man muss dazu sagen, dass sich dieses Medium immer nur um die Frage dreht, wie man Sport noch besser, noch doller, noch intensiver vermarkten kann – dabei ist grundsätzlich vom „Business“ die Rede. Röttgermanns relativ langer Erguss trägt die Überschrift „Das System Profifußball und seine Fehler“ und kritisiert vor allem den Beschluss der DFL-Mitgliederversammlung, dass die 50+1-Regel beizubehalten ist. Und zwar nicht grundsätzlich, sondern weil die aktuelle Regel a) Investoren am Investieren in deutsche Clubs hindert und b) darunter die „Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs“ leidet. Der neue VV argumentiert weiter, dass durch das Aussperren von Investoren die Dreigliederung der Vereine der oberen Ligen zementiert würde und plädiert für neue Regeln.

Was hat das mit Fortuna zu tun?

Nun ist mit der „Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs“ natürlich nicht das Abschneiden der DFB-Auswahl bei Turnieren oder der Geldsack-Clubs in der Champions League gemeint, sondern nichts anderes als der Zugriff auf den globalen Kuchen, der aus den Einnahmen aus TV-Geldern und dem Merchandising gespeist wird. Röttgermann betrachtet den Fußball, der eigentlich ein Sport ist und für Fans Kultur darstellt, ausschließlich als Business, das gefälligst auf Wachstum gerichtet sein müsse. Dabei verliert er Worte über Fans, die man mindestens zynisch nennen darf:

Einen Investor an der langfristigen Steigerung des Markenwertes zu beteiligen, ist nichts Verwerfliches, es stellt sicher, dass seine Unterstützung zielgerichtet und nachhaltig ist. Von der Wertsteigerung der Marke kann ein Investor aber nur profitieren, wenn seine Anteile beweglich (fungibel) sind. Diese Fungibilität muss mit einer knackigen Mindesthaltezeit der Anteile verbunden sein.
Und dennoch wird es immer Gruppierungen geben, die grundsätzlich, auch aus ideologischen Gründen, Investoren ablehnen. Und die im Übrigen in letzter Konsequenz auch den sportlichen Misserfolg in Kauf nehmen, um Kommerzialisierung zu vermeiden. Am Ende bleiben diese Fans aber eine Minderheit – eine sehr laute Minderheit, die ein Club aber auch wohl nie in Gänze überzeugen können wird. [Quelle: sponsors.de vom 19.04.2018]

Wird es Konflikte geben?

Den vorletzten Satz sollten unsere Ultras vielleicht mal auf ein fettes Banner malen, damit die restlichen Fans erkennen können, was sie von Thomas Röttgermann zu erwarten haben: „…wird es Gruppierungen geben, die grundsätzlich, auch aus ideologischen Gründen, Investoren ablehnen. Und die im Übrigen in letzter Konsequenz auch den sportlichen Misserfolg in Kauf nehmen, um Kommerzialisierung zu vermeiden.“ Mit dieser Aussage ist der Grundkonflikt zwischen dem neuen Fortuna-VV und den aktiven Fans, besonders denen, die in den vergangenen 20 Jahren an der Rettung des Vereins unermüdlich und ohne Investoren gearbeitet haben, schon angelegt.

Eigentlich müsste also die Eingangsfrage umgeschrieben werden: Vor wem muss Thomas Röttgermann Angst haben? Natürlich nicht von den begeisterten Kunden, die sich in diesen Wochen um Tickets für Spiele gegen Gladbach und Bayern kloppen. Denn wenn er denn den passenden Investor gefunden hat, kann die Fortuna auch mal ein bis zweieinhalb Superstars anschaffen, die die Massen begeistern. Und die Promispalten der Lokalgazetten können sich auf Spielerfrauen stürzen. Aber vielleicht doch vor den Fans mit ihren ideologischen Gründen für den Erhalt der Fußballkultur, die eben mehr ist als sportlicher und wirtschaftlicher Erfolg. Außerdem rudert er gegenüber diesem Artikel doch auf gewisse Weise zurück:

Die Fortuna hat zu diesem Thema eine ganz klare Position, die ich teile. Es ist eine funktionierende Regelung, die eine Alleinstellung des deutschen Fußballs darstellt. Man kann sie diskutieren, aber es gibt keinen Grund, hektisch Änderungen herbeizuführen. Ich sehe auch den Grund für die wirtschaftliche Schlechterstellung der Bundesliga nicht darin, dass Mitglieder in Vereinen mitbestimmen. Das ist für mich eher ein identitätsstiftendes Signal. Man sieht in der Bundesliga, dass sich auch Vereine, die sich so klar positioniert haben wie Fortuna Düsseldorf, zu einer erheblichen Größe entwickeln können. [Quelle: Fortuna Düsseldorf vom 16.04.2019]

Ja, also, die Mitglieder sollen doch tatsächlich weiter mitbestimmen dürfen – so steht es ja leider in der Satzung. Und immerhin konnte sich trotz dieser Behinderung der Verein TSV Fortuna Düsseldorf 1895 e.V. zu erheblicher Größe entwickeln. Aber, Soccer-Business-Evangelisten wie Thomas Röttgermann wollen natürlich weiter, immer weiter. Die erhebliche Größe wird ihm nicht reichen. Unermüdlich wird er also daran arbeiten to Make Fortuna Great Again. Man wird ihn daran möglicherweise hindern müssen.

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2 Kommentare

  1. RubensTuna1638 am

    …umso wichtiger ist es, dass wir
    – die treuen Tuna-Anhänger eines stolzen Arbeitervereins aus Flingern (immerhin mindestens ca. 24.000…), die letzten Fussball-Romantiker?:) –
    stets im gegenseitigen Respekt und Dialog(!) zusammenstehen, oder?

    Unser Ingolstadt Spiel, 31 Spieltag im Aufstiegsjahr:) – Gänsehautatmosphäre – alle gemeinsam für unsere liebe Tuna…

    Die Maxime des Il Principe Autors (nachzulesen auf dem Arm eines-noch?-Tuna Spielers) möge bei uns bitte nie einen Platz haben…

  2. Den Schäfer hatte man ja auch von Beginn an in Verdacht, unseren Verein zu kommerzialisieren und die 50+1 Regel hier zu kippen. Ist nicht passiert, wir sind immer noch ein von Mitgliedern geführter Verein, dessen Rahmenbedingungen sich in den letzten Jahren etwas verbessert haben. Durch den Aufstieg von ‚öln und vielleicht dem Schuldenclub aus Hamburg werden wir finanziell wieder letzter sein in der nächsten Saison.

    Das Herr Röttgermann da ansetzt und etwas verbessern möchte, ist für mich erst mal okay. Was er wirklich macht oder für die Zukunft plant hat werden wir sehen, da muss man ein Auge drauf haben. Ein Konstrukt wie in Leipzig will ich nicht. Schau‘ mer mal ……

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