Jetzt geht es wieder los mit den Gerüchten, mit dem Geraune und dem Gejammer: Oh, der Lukebakio muss wieder nach England; ah, den Raman werden wir nicht halten können; weh, die Römer wollen Stöger; jehmineh, der Ayhan wechselt bestimmt. Die auflagengeilen Schreibfinken hacken sich mit solchem Kram die Finger wund, der von interessierte Seite (das teuflische Trio aus transfermarkt.de, Spielerberatern und BILD) aus der Luft gegriffen und in die Welt gesetzt wird, während der im langjährigen Dasein als Fan gestählte Mensch einfach sagt: Tja, so ist nun mal das Geschäft. Das nimmt er hin, auch weil er es nicht ansatzweise versteht. Denn die Clubs in Europa, denen gewissenlose Investoren die Milliönchen hinten und vorne reinstopfen, kaufen nicht nach Qualität, sondern nach Renditeaussichten.

Ein 100-Millionen-Superstar bringt ja die investierte Kohle nicht zurück, weil er den Club an irgendeine Spitze spielt oder schießt, sondern weil man ihn in Märkten, deren Insassen nichts vom Fußball versteht, prima vermarkten kann. Und zwar über die TV-Rechte an den Spielen, bei denen er mittut, und an den Trikots, für die sich Minderjährigen in asiatischen Fabriken die Händchen wundnähen, die mit seinem Namen hinten drauf das Doppelte bringen. Keine Frage: CR7, Messi, Neymar, Mbappe sind hochbegabte Kicker, die auch mal eine Partie entscheiden, aber das sind – nur mal quer durch Europa geschätzt – gut hundert andere auch. Die aber eben nicht zu Superstars werden. Das Geschäft, das nun mal so ist, heißt nicht Fußball, sondern Soccer Entertainment.

Fortuna in einer anderen Liga

Gut, dass wir mit unserer geliebten Fortuna da nicht mithalten müssen. Wir spielen – im übertragenen Sinne – in einer Liga, in der überbezahlte Spochtvorstände, -direktoren, -manager und wie man diese Typen sonst noch so nennt, meinen, durch Hinzukaufen gewisser Spieler einen besseren Kader mit wachsenden Erfolgsaussichten formen zu können. Hineingeredet hat man sie seitens der gewissenlosesten aller Berufsgruppen im bezahlten Fußball: die Spielerberater. Wobei es den klassischen Spielerberater, der früher mal Kumpel vom Kicker war und denn dann irgendwann managed, so gut wie nicht mehr gibt. Neben den geldgeilen Vätern vielversprechender Talente trifft man nur noch auf Firmen, deren Geschäftsmodell es ist, Fußballspieler von einem zum anderen Verein zu transferieren, um an den Ablösesummen Schnitt zu machen.

Diese Parasiten müssen nun den von ihnen Betreuten weismachen, dass und was sie von einem Vereinswechsel haben. Da die heutige Generation Kicker samt und sonders im neoliberalen Turbokapitalismus aufgewachsen und durch das Medienmassaker auf “Jeder für sich und gegen alle” gehirngewaschen ist, kann man die Jungs natürlich schon mit der Aussicht auf mehr Kohle (= fettere Karre, schärfere Outfits, goldene Steaks) ganz gut locken. Die geschickteren unter diesen Leuten, die man nicht “Berater” nennen möchten, reden ihren Patienten ein, zum FC Superimage zu wechseln, wäre ein Karriereschritt, der schnurstracks in die Nationalmannschaft führt. Und die 19-, 20-, 21-jährigen tappen gern in die Falle, weil sie vom wirklichen Leben dank ihrer Kickerkarriere seit dem 12. Lebensjahr weitgehend ferngehalten wurden und sich die Realität da draußen vorstellen wie ein Game auf der Playstation.

Wie erfreulich ist es dann, wenn Fußballer, der bei seinem aktuellen Verein aus irgendeinem Grund nicht zufrieden ist, nicht das am besten dotierte Angebot annimmt, sondern sich den Club aussucht, der ihm in vieler Hinsicht gefällt. Da jault der Berater, weil er weniger Provision kassiert – anstatt seinem Schützling dabei zu helfen, die Mannschaft zu finden, in die er am besten passt. Nehmen wir unseren Dawid Kownacki, der sich nach reiflicher Überlegung bewusst für Fortuna Düsseldorf entschieden hat – der muss einen wirklich guten Berater haben.

Realistisch bleiben

Wir sind das Gegenteil gewohnt. Ein toller Fußballer kommt auf Leihbasis oder ablösefrei zur Fortuna, spielte eine Bombensaison und ist gleich wieder weg. Sprüche wie “Ich wollte unbedingt in der ersten Liga spielen” wenden sich nicht selten gegen den, der es gesagt hat – man denke an Benshop, Bebou und auch Haraguchi. Und wenn einer in der heutigen Zeit mit dem Brustton der Überzeugung verkündet, es sei sein Traum in der Premier League zu kicken, dann muss man angesichts der realen Quote derjenigen, die sich in England durchsetzen, Traumtänzer nennen. Das alles als Vorrede zu einer Betrachtung der fortunistischen Zukunft. Und an die verwirrten Seelen, die immer mal wieder fordern, der Vorstand solle mal ordentlich Geld in die Hand nehmen, oder gleich listenweise abgehalfterte Ex-Stars nennen, die man holen könnte.

Jetzt müssen wir alle ganz gefasst sein: Fortuna Düsseldorf wird auch in der Bundesligasaison 2019/20 der Verein mit dem geringsten Budget, also auch dem kleinsten Spielbetriebsetat sein. Woran das liegt? Weil unsere geliebte Diva bei fast allen Einnahmequellen auf einem Abstiegsrang liegt – Ausnahme: die Erlöse aus dem Verkauf von Heimspieleintrittskarten (die aber – der neuen Mieterregelung mit der Stadt sei undank – im kommenden Jahr niedriger ausfallen werden, selbst wenn der Schuppen noch öfter voll wäre). Was die Fernsehgelder angeht, rächt sich die lange Abwesenheit aus Liga 1 und die Tatsache, dass wir immer noch 15 Prozent davon an einen gewissen Herrn Kölmel abdrücken müssen. Die Einnahmen aus dem Merchandising entwickeln sich ganz gut, liegen aber etwa auf dem Niveau von Mainz 05. Ob demnächst deutlich mehr Sponsoren deutlich mehr Kohle ausgeben, um imagetechnisch mit diesem wundervollen Verein in Verbindung gebracht zu werden, ist offen bis fraglich. Blieben noch die Transfererlöse, also die Differenz zwischen dem, was F95 mal für einen Kicker gelatzt hat und dem, was mit einem Verkauf reinkam.

Zukunftshoffnung NLZ

Da sah es in den letzten 20(!!!) Jahren ausgesprochen mau aus, und das wird sich kurzfristig nur ändern, wenn man nach einer solch erfolgreichen Saison wie dieser die Jungs, die bei uns besser geworden sind, mit sattem Aufschlag wieder vertickt. Würde ein mit blutigem Öl reichgestoßener Club beispielsweise 20 Mio für Benito Raman bieten, MÜSSTEN die Verantwortlich diesen Deal abschließen. Gäbe es einen türkischen Verein, der rattenscharf auf Kaan Ayhan und bereit ist, sammerma 10 Mio rüberwachsen zu lassen, MUSS Fortuna verkaufen. Und weil die Einnahmen dann in neue Spieler investiert werden, die noch nicht sooo begehrt, aber gut sind (und prima ins Team passen), sind die Kaderplaner der Fortuna aktuell schon eminent wichtig und werden es in Zukunft noch mehr sein.

Ja, fragt der Lokalpatriot mit dem rotweißen Herzen, was ist mit unserem eigenen Nachwuchs? Sehr gute Frage. Denn die noch wesentlich profitablere Methode, fröhlich machende Transfererlöse zu realisieren, besteht darin, örtliche Talente sorgfältig auszubilden und aufzubauen, um sie mit Bedacht in der Kader der ersten Mannschaft zu bringen, wo sie ihr Talent dann entfalten, erfolgreich werden. Bald werden Spione der reichen Soccer-Entertainment-Franchises aufmerksam und bieten zig Millionen – dann lässt man sie gehen. Nun haben wir ja jetzt das brandneue Nachwuchsleistungszentrum am Flinger Broich, das jeder liebevoll “NLZ” nennt (und das dereinst vielleicht Sven-Mühlenbeck-Haus getauft werden wird, weil dieser langjährige Arbeiter im Fortuna-Weinberg und ruhige Vertreter den Bau mit klarer Hand und in Rekordzeit durchgezogen hat). Genau dieses NLZ wird quasi Brutstätte und Zuchtstall für lokale Talente bzw. ist es teilweise schon.

Jeden Spieler besser machen

Es ist allerdings ein Irrglaube, dass nur Clubs, die per NLZ gute Spieler generieren, wahre Ausbildungsvereine sind. Als Ausbildungsverein sollte man außerdem auch solche Clubs bezeichnen, deren Trainer-Teams der ersten Mannschaft jeden ihrer Spieler besser machen – ganz egal wie alt der ist. Denn jeder Sportwissenschaftler weiß, dass sich jeder Sportler verbessern kann bis er den Zenit seiner Karriere erreicht hat. Und genau das erleben wir in der Bundesligasaison 2018/19: Friedhelm Funkel im Verbund mit Thomas Kleine und Axel Bellinghausen hat jeden Mann im Kader (der sich darauf eingelassen hat … wir alle wissen, wer gemeint ist…) mindestens einen Schritt weiter in Richtung auf die maximale Nutzung des jeweiligen Talents gebracht.

Was bedeutet das alles für die kommende Saison? Möglicherweise sechs, vielleicht sogar acht aktuelle Leistungsträger werden nicht mehr den rotweißen Dress mit dem F95 auf dem Herzen tragen. Weitere drei, vier, fünf Kollegen werden mehr oder weniger freiwillig gehen. Kann also gut sein, dass von der jetzigen Erfolgsachtzehn nur ein dünnes Gerippe bleibt, an das wieder Frischfleisch zu kleben ist. Der Vorstand wird einerseits Einnahmen aus Transfers in die Verpflichtung von Spielern investieren, die passen könnten. Und der Sportvorstand wird im Verbund mit den NLZ-Leuten und besonders den Trainern der Zwote sowie der U19 und U17 schauen müssen, ob sich dort schon Spieler anbieten, denen man Profiverträge anbieten könnte. Kandidaten dafür gibt es.

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2 Kommentare

    • Auch von meiner Seite vielen Dank, ebenfalls Zustimmung.
      Ein Kommentar: den Autor sowieso, aber auch alle Leser – mich inklusive – zähle ich zu den Menschen, die seit ihrer vorpubertären Zeit mit Herz und Seele an F95 „kleben“ (bei mir schon ähnlich lange wie beim Chefredakteur). Mich nerven die seit einigen Tagen aus allen Ecken fabulierten Abwanderungsspekulationen genauso.
      Dabei wird mir wieder deutlich, dass wir doch alle total froh sein können, (echte) Fans von einem VEREIN zu sein, der weder sein Schicksal längst an einen dieser Grosskotz-Investoren à la RB oder Kind verkauft hat, noch als Produkt aus einer Marketingabteilung eines Großkonzern entstammt, oder gar einer ganzen Liga anzugehören, die insgesamt verkauft wurde (u.a. Premier League).
      In diesem Sinne freue ich mich, dass es den „Verantwortlichen“ seit einiger Zeit gelingt, neben langjährigen Identifikationsfiguren wie Olli, Bodze oder auch Rense (mittlerweile), Spieler zu finden und zu integrieren, die bei F95 aufblühen. Es wird wieder neue Spieler geben, die sich hier weiter entwickeln, bestimmt auch aus dem NLZ.

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