Meinung · Ihr/Euer Ergebener hasst Überschriften mit einem Fragezeichen am Ende. Fast noch mehr als diese bescheuerten Clickbaiting-Headline à la „Warum XY dies & das…“. Er verwendet das Fragezeichen nur, wenn er sich seiner Meinung nicht ganz sicher ist. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Sichtweise, dass das, was gemeinhin „Fankultur“ genannt wird, seit der Kommerz-WM im eigenen Land von 2006 auf dem absteigenden Ast ist. Das scheint angesichts der Tatsache, dass bei unserer geliebten Fortuna die Fankultur mit der Gründung der Ultra-Gruppierungen ab etwa 1998 und der Gründung des Supporters Club Düsseldorf (SCD) im Jahr 2003 erst eine breite Bewegung dieser Richtung entstanden ist, ein bisschen absurd. Natürlich gibt es F95-Fanclubs wie „Fortuna Treu“ – gegründet 1974 – schon sehr viel länger, aber die typischen Merkmale einer spezifischen Fankultur bildeten sich erst in den Neunzigern aus. Die These lautet nun: Gibt die Pandemie dieser ohnehin zerbröselnden Fankultur den Rest? Und was bedeutet das für den Fußball? [Lesezeit ca. 14 min]

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Zur Beantwortung der Eingangsfrage lohnt ein Ausflug in die Historie. Hierzulande – in Ländern wie Brasilien, Italien, England und auch Kroatien war es schon seit dem Ende des zweiten Weltkriegs anders – blieb der Fußball so wie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren bis in die Siebzigerjahre ein Sport, dessen Zuschauer sich eher aus klein- und mittelbürgerlichen Milieus rekrutierte. Die ersten „Fans“, die sich durch Mützchen und Fähnchen als Anhänger eines bestimmten Vereins zu erkennen gaben, sah man erst Ende der Sechzigerjahre in den Stadien. Auch war es so, dass sich bis in diese Epoche hinein jugendliche Zuschauer in der Minderheit waren.

Rheinstadion Düsseldorf ca. 1955

Rheinstadion Düsseldorf ca. 1955

Während im alten Rheinstadion der Rentnerblock rechts neben dem Marathontor immer gut gefüllt war, die Gutbetuchten auf der Tribüne hockten und die Männer, die sich schon immer für Fußball interessierten, sich im weiten Rund verteilten, waren besonders junge Arbeiter bei den Spielen der glorreichen Fortuna eher wenig vertreten. Das änderte sich mit dem Beginn der Siebzigerjahre rasant. Getrieben vermutlich durch die flächendeckende Übertragung der Bundesliga und der Weltmeisterschaften im Fernsehen wuchs das Interesse aller Gesellschaftsschichten explosionsartig. Man sollte nicht vergessen, dass die WM in England 1966 die erste mit Live-Übertragungen war und die Live-Übertragung des legendären Europapokalfinales 1960 zwischen Real Madrid und Eintracht Frankfurt bis ebenfalls 1966 eine Ausnahme blieb.

Spätestens mit der WM 1970 in Mexiko änderte sich das deutlich. Plötzlich war Fußball eines der führenden Themen auf den Schulhöfen und während der Mittagspausen in den Fabriken. Auch die Besucherzahlen bei den Bundesligapartien erreichten um den Jahrzehntwechsel einen ersten Höhepunkt. Mit „Superstars“ à la Beckenbauer und Netzer wurde der Fußball zudem Teil der Popkultur. In Düsseldorf bildete sich mit dem Aufstieg der Fortuna in die erste Bundesliga 1971 eine feste Achse zwischen dem Rheinstadion und der Altstadt. Viele Rituale rund um die Spiele, die noch heute bekannt und beliebt sind („Vorglühen“) entstanden damals.

November 2019: Fanmarsch zur Arena (Foto: TD)

Vor allem aber brachten Arbeiterjungs, die nun regelmäßig in größeren Gruppen ins Stadion strömten, eine ganz andere Atmosphäre. Lautstarke Anfeuerungen ersetzten das Gemurmel der Renter und das Stöhnen der Angestellten bei vergebenen Torchancen. Die Burschen aus den Fabrikhallen von Mannesmann, Rheinmetall, Klöckner und den anderen Betrieben der Schwerindustrie, aber auch junge Handwerker brachten die Emotion ins Rheinstadion, dass zur WM im eigenen Land von 1974 völlig neu gebaut worden war. Bald eroberten sich die jungen Leute den Block 36 und die angrenzenden Blöcke, weil es dafür die billigsten Karten gab.

Inspiriert von der unvergleichlichen Fanszene im Eisstadion an der Brehmstraße, wo DEG-Anhänger sich schon länger organsierten, schlossen sich nun Leute, die immer in diesen Blöcken standen, zu mehr oder weniger straffen Gruppen und Clubs zusammen. Der Ton wurde rauer, und es entstanden Rivalitäten zu den Fans anderer Clubs. Und so wie sich junge Arbeiter aus verschiedenen Stadtteilen schon immer auf der Kirmes zu Prügeleien getroffen hatten und es in der Altstadt regelmäßig zu Schlägereien kam, so zog die körperliche Gewalt auch in die frischgebackene Fankultur ein.

15.04.1989: Das Hillsborough-Desaster

15.04.1989: Das Hillsborough-Desaster

Befeuert wurden diese Verhaltensweisen durch die Vorbilder aus England. Dort hatte es in den frühen Sechzigern schon Massenschlägereien ohne Bezug auf den Fußball zwischen Mods und Rockern gegeben. Überhaupt gehörte Gewalt auf der Insel zum üblichen Sozialverhalten der Insassen der Arbeiterklasse. In Düsseldorf bekamen das Altstadtgänger zu spüren, wenn Angehörige der britischen Rheinarmee an Samstagen prügelnd durch die Ratinger Straße und überhaupt durchs Viertel zogen. Wesentlich weniger brutal trieben es in Düsseldorf in den Sechzigern übrigens die sogenannten „Rocker“, Jugendbanden, die nichts mit den Motorradrockern zu tun hatten, sondern von Spielplätzen – zum Beispiel auf dem Fürstenplatz und am Rochusmarkt – aus die Umgebung terrorisierten. Opfer der gewaltbereiten Jugendlichen waren damals vor allem die sogenannten „Oberschüler“ … aber das ist eine andere Geschichte.

Während aus dem beschriebenen Fanvolk auch in unserer Stadt die Hooligan-Szene nach englischem Vorbild entstand, kamen andere Teile der Jugendkultur erst ein bisschen später zur Fortuna. Vor allem die frühen Punker entdeckten den Fußball um die Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern für sich. Und während sich Teile der Hool-Gruppen (ähnlich wie in England) den rechten Bewegungen annäherten, standen die Freunde der Punk-Musik eher links. Zumal die fast durchgehend ausschließlich aus eher braven, bürgerlichen Familien standen, in denen man schlimmstenfalls konservativ, meist aber liberal dachte.

Düsseldorf Hooligans

Düsseldorf Hooligans (Foto: TD)

Die wirtschaftlichen Entwicklungen zwischen ungefähr 1978 und 1992 brachten zwei große Veränderungen in Bezug auf die Jugendkultur mit sich: Es gab immer weniger Arbeiter, und diese wenigen Arbeiter hatten einen höheren Bildungsstand sowie eine starke Affinität zur bürgerlich geprägten Popkultur. Die mittlerweile geradezu zu den Wahrzeichen Düsseldorfs zu zählende Band Die Toten Hosen stehen beinahe idealtypisch für diesen Übergang; die Mitglieder stammen aus bürgerlichen Kreisen, gegen deren Lebensweise sie mit ihrer Musik aufstanden, indem sie sich an den Verhaltensweisen der „Prolls“ orientieren und folgerichtig große Fußball- und noch größere Fortuna-Fans wurden.

Überhaupt war die Fußballkultur in den Neunzigerjahren dann weitgehend deckungsgleich mit der Popkultur, und die Klassenunterschiede hatten sich – so wie in der Gesamtgesellschaft – verwischt. Das führte im Verbund mit anderen Faktoren zu einem drastischen Umbruch der Fanszenen in Düsseldorf und auch in den anderen Städten mit starker Bindung an einen Fußballverein. Weil es so viele andere Möglichkeiten der Identifikation und Gruppenbildung gab, kam es bundesweit zu einem deutlichen Rückgang der Zuschauerzahlen. Der DFB führte diesen Rückgang auch darauf zurück, dass zahlungskräftige und konsumfreudige Zuschauer von der Gewalt in und um die Stadien herum abgeschreckt worden waren und erklärten allen, die sie für Hools hielten, den Krieg.

St. Pauli vs F95: Fortuna-Fans bekamen ihre eigene Tribüne

Fortuna-Ultras in Aktion (in St. Pauli 2015; Foto: TD)

Tatsächlich hatten ab Mitte der Achtzigerjahre – besonders in Italien und England – die Animositäten der Anhänger verschiedener Vereine zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt; es hatte Tote geben, und immer wieder waren Unbeteiligte in die Konflikte geraten. Auch hierzulande nahm die Gewalt ab etwa 1980 kontinuierlich zu. Nachdem Pokalsieg der glorreichen Fortuna gegen den Äff-Zeh 1980 im Gelsenkirchener Parkstadion war es auf dem angrenzenden Parkplatz zu schweren Schlägereien und auch Messerstechereien gekommen. Ein Imbisswagen war in Flammen aufgegangen, und zwischen den parkenden Autos jagten die Fans des einen Vereins die des anderen.

Eine entscheidende Rolle beim großen Austausch der Fußballfans gegen die Fußballkonsumenten spielte die Ankunft des Privatfernsehens im Jahr 1985 als Ergebnis der Kohl-Kirch-Machenschaften und insbesondere die Vergabe von Senderechten der Bundesliga an RTL und die Sendung „Anpfiff„. Von diesem Zeitpunkt an spielten die Interessen der Werbetreibenden eine starke Rolle bei der Haltung des DFB gegenüber der Fankultur. Gewünscht war nun zunehmend ein Fußball mit glatter, sauberer Oberfläche, eine TV-Sport für die ganze Familie – entweder vor der Glotze oder im „Familienblock“ im Stadion. Das Raue, Ungestüme, Wüste und auch Böse wurde dem Fußball – nicht nur in Deutschland – systematisch ausgetrieben.

November 2018: Fähnchen (Foto: TD)

In den Neunzigerjahren hatten sich also überall breite Schichten ehemaliger Anhänger vom Profifußball verabschiedeten. Aber ab etwa 1998/99 fand eine neue Generation zum Fußball. In Deutschland vor allem Jungmänner mit verklärtem Blick auf die Tradition der brasilianischen Torcida und der italienischen Ultras mit ihren kruden, männerbündischen Idealen. Besonders der in Norditalien bis auf den heutigen Tag stark verwurzelte Campanilismus, bei dem die Burschen eines Viertels rund um „ihren“ Kirchturm (Campanile) die „Ehre“ ihrer Nachbarschaft mit Zähnen und Klauen gegen andere Ultras anderer Kieze und Städte verteidigen.

In Düsseldorf gründeten sich 1999 beispielsweise die „Lostboyz Flingern“ (LBF), eine Formation, die man vielleicht als erste Ultra-Gruppierung der Stadt sehen kann. In den altgedienten Fanclubs gab es ebenfalls einen Generationswechsel, und mit dem Niedergang der Fortuna fanden plötzlich und unerwartet jede Menge Leute aus den kreativen Berufen und aus der Musikszene zu den Spielen. Natürlich waren die altgedienten Block-36-Steher nicht einfach verschwunden. Im Gegenteil: Eine bunte Mischung aus Kuttenträgern und Hools stand weiter zur Fortuna. Dies aber innerhalb einer Fanszene, die um 2000 herum auf kaum noch 1.500 Personen geschrumpft war.

Klare Meinungsäußerung aus gutem Grund

Den Verantwortlichen beim DFB und dann auch der DFL fielen die Ultras zunächst nicht besonders, vor allem nicht: besonders geschäftsschädigend auf. Dass deutsche Ultras nach italienischem und griechischem Vorbild auf Stümmung durch das Abbrennen von Rauchkerzen und bengalischen Fackeln setzten, wurde erst einmal toleriert. Dafür boten die Extremfans mit ihren Trommeln, Schlachtrufen und Gesängen ja auch die emotionale Kulisse, die sich das Fernsehen und die Werbeindustrie wünschten.

Gerade das TV hatte Mitte generell das Thema „Stars“ für sich entdeckt und stellte mit Vergnügen fest, dass man einem sehr breiten Publikum auch Profifußballer als „Superstars“ verkaufen konnte. Die hatten aber im Gegensatz zu den Originalen der früheren Jahre wie Ente Lippens und kantige F95-Typen wie Zewe und Köhnen jung, glatt und gefönt zu sein. Das passte gut zur massiven Veränderung der Business-Seite des Profifußballs nach der Bosman-Entscheidung aus dem Jahr 1995, das die Art und Weise wie Spielerwechsel ablaufen, bis auf den heutigen Tag prägte.

F95 vs ITFC - Endlich Fußball: Fanschal auf der Südtribüne im PJS

2015: F95 vs ITFC – Endlich Fußball: Fanschal auf der Südtribüne im PJS (Foto: TD)

Schon um 2002 herum riefen deshalb deutsche Ultra-Gruppierungen den Slogan „Gegen den modernen Fußball“ aus. Dies aus einer romantischen Sehnsucht nach dem urwüchsigen Treiben auf und abseits des Platzes wie es sie in den Siebzigern bis weit in die Achtziger tatsächlich gab, als beim MSV mit Joachim Hopp noch ein echter Malocher kickte, der nach dem Training noch auf Schicht musste. Manche Ultras der frühen Nullerjahre hatten noch selbst miterlebt, wie unschuldig der Fußball in den Stadien daherkam, wenn Sprecher Dieter Bierbaum im Rheinstadion ansagte: „Der Spielball wurde gestiftet von…“ und dass das nächste Musikstück auf Schallplatte beim Funkhaus Evers zu haben sei.

Eine große Rolle bei den Veränderungen spielte auch das, was wir heute hochtrabend „Merchandising“ nannte. Selbst bei den führenden Vereinen der Siebziger, also Bayern München und Borussia Mönchengladbach, gab es bis circa 1978 noch keine Fanartikel direkt vom Verein. Die ersten Fanshops – eröffnet vom HSV und dem Äff-Zeh – gab es erst ab ungefähr 1982. Und dann konnte man dort lediglich offizielle Mützen, Schals und Fahnen erwerben. Wer bis etwa 1980 mit einem Trikot in den Farben des Vereins ins Stadion ging, der besaß eines der Jerseys, die Fußballer manchmal nach dem Abpfiff an Fans verschenkten.

Juli 2011: F95 vs PAOK (Foto: TD)

Das Idealbild, das bis heute die Darstellung von Soccer in Reklamespots beherrscht, also Ränge, auf denen die Leute durchweg irgendwelche Fantasietrikots samt Mütze und Schal tragen und enthusiasmiert mit Fähnchen winken, hat es so nie gegeben. Denn während die Fußballkonsumenten die Fanartikel für sich entdeckten, wandten sich Ultras davon angewidert ab. Noch mehr Geld, und damit sind wir beim Wendejahr 2006, kam mit der Teil- und Pseudolegalisierung von Sportwetten ab 2002 ins Soccer-Entertainment-Business. Vielen Fußballzuschauern, die sich nie wirklich zu nur einem Club bekannt hatten, hielten nun nicht mehr zu dem Verein, der ihnen am sympathischsten war, sondern zu dem, auf den sie gewettet hatten.

Die Schere zwischen Fans und Konsumenten – von Ultras gern „Eventies“ genannt – ging immer weiter auf. Man muss Franz Beckenbauer bei all seiner Korruptheit attestieren, dass er in der Vorbereitung und Durchführung der Fußballweltmeisterschaft 2006 das richtige Näschen für die Tendenz im Berufsfußball hatte – oder von skrupellosen Typen umgeben war, die wussten, wie der Hase laufen würde und davon profitieren wollte. Ein ganz neuer Typ Fan entstand. Junge Männer und neuerdings auch Frauen in großer Zahl betrachteten „Fansein“ so wie sie das bei anderen Elementen der Popkultur trieben: Man bekannte sich schrill, bunt und laut zu seinen Stars, um eine möglichst lange und intensive Gelegenheit zu haben, das zu tun, was man seit rund 20 Jahren euphemistisch „feiern“ nennt.

EM 2016: Public Viewing auf dem Marktplatz - eine Farce

EM 2016: Public Viewing auf dem Marktplatz – eine Farce (Foto: TD)

Während der 2006er-WM äußerste sich dieses Phänomen vor allem bei Public-Viewing-Veranstaltung, bei denen teilweise Zehntausende Menschen sich unter freiem Himmel oder in Hallen zusammenfanden, um gemeinsam Übertragungen von Spielen der deutschen Nationalelf zu verfolgen … und um vorher massiv vorzuglühen, während der Partie ordentlich Alkohol zu tanken, um nach dem Abpfiff ordentlich Party zu machen. Selbst ein an Nationalismus grenzender Schwarzrotgold-Patriotismus wurde zu diesem Zweck verwurstet. Der ersten und zweiten Bundesliga brachte die WM enorme Umsatzzuwächse. Die DFL argumentierte gegenüber den Mitbietern um die Fernsehrechte, dass mit Soccer genau ihre Kernzielgruppen in genau der richtigen Gemütsverfassung erreichen könnten.

Und, getrieben durch den Bezahlversender Premiere (heute Sky) und sein Bemühen, schnell möglichst viele Abos zu generieren, explodierten die Summen für die Fernsehrechte. Weil die a) schon da als extrem ungerecht an die Clubs verteilt wurden und b) Fortuna ausgerechnet in der Zeit viert- und drittklassig spielte, haben wir die öde Gesamtsituation des deutschen Fußballs und die Tatsache, dass F95 finanziell immer noch – und vermutlich für immer – hinterherläuft.

F95 vs Bremen: Blick auf die Gegentribüne ca. eine Stunde vor Spielbeginn (Foto: TD)

F95 vs Bremen: Blick auf die Gegentribüne ca. eine Stunde vor Spielbeginn (Foto: TD)

Die fette Kohle sollte noch fetter werden, das war ab 2006 erklärtes Ziel der DFL, die ihre Ligen nicht mehr als Sportveranstaltungen, sondern als Entertainment-Events zur Maximierung von gewinnen betrieb. Dazu musste der Fußball noch stromlinienförmiger, noch familiengerechter werden. Inzwischen hatte der DFB gemerkt, dass die Fußballfankultur sich zu einer im wahrsten Wortsinne Subkultur entwickelt hatte, die sich vom offiziellen Sport teilweise abgekuppelt hatte. Für viele engagierte und aktive Fans – nicht nur aus dem Ultra-Umfeld – war nicht mehr nur das Spiel wichtig und die eigene Mannschaft, sondern das Sozialleben mit anderen Fans. Der Block war ihr Dorf, Auswärtsfahrten Familienausflüge und Butterfahrten zugleich.

Und niemand, der sich dieser Fankultur zugehörig fühlte, wollte mit den weicheirigen, wankelmütigen Eventies in einen Topf geworfen werden, die sich entweder Bayern-Fans nannten oder je nach Erfolg meinten, „Fans“ eines anderen Vereins zu sein und dies durch Anhäufen von Merchandising-Produkten nach außen kehrten. Und damit begann auch der Kampf der Fanszenen gegen die Kommerzialisierung, also gegen die DFL und den DFB, aber natürlich auch die Kräfte, in deren Interesse die Kommerzialisierung vorangetrieben wurde: die Privatfernsehsender. Legendär der Gesang „Eure Mütter ziehen LKW auf DSF…“ und Transparente wie „F*** dich DFB“.

März 2019: F95 vs SGE: Bisschen Pyro

Besonders am Thema „Bengalos“ eskalierte der Widerspruch zwischen den Organen und den Fans. Während noch 2010 das (kontrollierte) Zünden von Seenotrettungsfackeln in österreichischen (und natürlich in italienischen und griechischen) Stadien toleriert wurde, begann in Deutschland die gezielte Kriminalisierung der „Zündler“. Nach demselben Muster, mit dem die Staatsorgane im Auftrag des DFB einst die Hooligans kriminalisiert und aus den Stadien vertrieben hatten, versuchten die geldgeilen Institutionen nun, auch diese Elemente der Fankultur zu eliminieren.

Wie wesentlich der Support durch Ultras und aktive, engagierte Fans für das Produkt „Fußball“ war, demonstrierten die Anhänger in der Saison 2012/13 mit der Aktion 12:12. Man schwieg bei jedem Spiel in den ersten zwölf Minuten. Keine Trommel schlug, kein Kapo animierte seine Leute, keiner der gängigen Anfeuerungssongs wurde gesungen, nicht einmal die Wechselrufe bei der Durchsage der Aufstellungen fanden statt. Es war gespenstisch, beinahe noch gespenstischer als die Atmosphäre in den Arenen bei den corona-bedingten Geisterspielen.

Aufstieg 2009: Bisschen Pyrodampf auf dem Marktplatz (Aufstieg 2009)

Aufstieg 2009: Bisschen Pyrodampf auf dem Marktplatz (Aufstieg 2009 – Foto: TD)

Die DFL hatte zuvor Gespräche angeboten, bei denen über legales, kontrolliertes Zündeln gesprochen wurde, zog sich aber plötzlich, unerwartet und ohne Begründung zurück. Rund um das Relegationsrückspiel 2011/12, bei der die glorreiche Fortuna die doofe Hertha aus der Liga kickte, war es zu sehr viel bengalischem Feier gekommen, was gegen Ende eine längere Spielunterbrechung auslöste. Das gab den Medien genug Anlass, ein bespielloses Framing gegen den Gebrauch von pyrotechnischen Gegenständen in Stadien abzufeuern. Die ARD brachte tatsächlich eine Sondersendung wie bei einem ausbrechenden Bürgerkrieg und die Putenwurst Kerner entblödete sich nicht, eine Schaufensterpuppte im Polyester-Trainingsanzug durch Dranhalten eines Bengalos abzufackeln.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wiederholten vor allem sogenannten „Fußballkommentatoren“, die nie einen Fuß in irgendeinen Fanblock gesetzt hatten, gebetsmühlenartig, dass die Flamme eines Bengalos bis zu 1.600 Grad heiß werde, als sei das ein Argument für irgendwas. Weil nun die Vereine vom DFB mit empfindlichen Strafen belegt wurden, wenn ihre Anhänger „zündelten“, wendete sich die Stimmung der Normalfans und vor allem der Eventies rasch und radikal gegen die Ultras. Nicht die Legitimität solcher Geldstrafen wurde in Zweifel gestellt, sondern den Ultras vorgeworfen sie schadeten dem Verein.

Platzsturm: Nach der Relegation im Mai 2012 gegen die Hertha - Aufstieg!

Platzsturm: Nach der Relegation im Mai 2012 gegen die Hertha – Aufstieg! Foto: TD)

Dazu kam bei der Fortuna (wie bei anderen Vereinen auch), dass Rechtsradikale und Rechtsextreme eigene Gruppierungen gegründet oder sich in bestehende Fanclubs eingeschlichen hatten und aus ihrer Sicht „linke“ Ultras gewalttätig angriffen. Weil es der hiesigen Ultra-Szene um 2010 herum nicht gelang, die angegriffenen zu integrieren und sich mit ihnen solidarisch zu verhalten, spaltete sich die Fanszene. Jede Menge Stadionverbote und teilweise auch strafrechtliche Verfolgung schwächte die Szene in der Folge immer mehr. Und trotzdem: Dem Verbund von Ultra-Gruppen, der als UD bekannt ist, gelang es gegen jeden Widerstand den inneren Zusammenhalt wiederherzustellen und die Abwanderung von Leuten, die sich langsam für zu alt hielten, zu kompensieren. Ja, viele Anhänger anderer Clubs blickten über mehrere Jahre neidisch auf die Fanszene der Fortuna, die in der eigenen Arena lautstark und konzertiert für Support und Stümmung sorgte und bei manchem Auswärtsspiel die akustische Oberhand behielt.

Und nun? Der letzte große, sicht- und hörbare Höhepunkt, bei dem sich eine geschlossene und unerwartet große Fanszene öffentlich präsentierte, fand 2018 statt, in der Endphase jener Zweitligasaison, die mit dem Aufstieg endete. Den Tag, den Abend und die Nacht der Aufstiegsfeiern auf dem Marktplatz und in der ganzen Altstadt wird niemand vergessen, die:der dabei war. Dann kam der sportliche Misserfolg, dann kam die Entlassung von Friedhelm Funkel, dem F95-Trainer auf den sich bis dahin die gesamte Fanszene hatte einigen können, dann kam der Abstieg und dann kam Corona und damit die Geisterspiele.

Medienrummel um Funkel

2018: Medienrummel um Funkel (Foto: TD)

UD beschloss und verkündete, erst dann wieder als Gruppe zu den Spielen zu kommen, wenn Zuschauer ohne jede Einschränkung zugelassen wären … und steckten ihre Energie in wichtige soziale Projekte. Der SCD, dessen Fanladen an der Münsterstraße ein wichtiger Kommunikationsort und Shop für Tickets und Merchandising war, kochte seine Aktivitäten herunter; der Jahreshauptversammlung 2022 fanden sich gerade einmal knapp 30 Mitglieder:innen ein. Viele Fanclubs trafen sich gar nicht mehr. Gruppen, die seit Jahren auf der Süd zusammen gestanden hatten, zerfielen. Seit mindestens einem Jahr ist klar: Es wird nie wieder so sein wie früher.

Nünrberg vs F95: Experterunde zu Gast bei den Ultras in der Bar95 (Foto: M. Neugebauer)

Nünrberg vs F95: Experterunde zu Gast bei den Ultras in der Bar95 (Foto: M. Neugebauer)

Da jetzt aber ein Ende der Pandemie, der Übergang in eine Endemie und sogar das Ende der Einschränkungen in weiter Ferne erahnbar ist, stellt sich die Frage, auf welchem Stand sich die Fankultur unter „normalen“ Bedingungen wird restaurieren lassen. Und natürlich fragt sich auch, wie DFB, DFL und die Medien sich gegenüber den aktiven und engagierten Fans verhalten werden. Kann sein, dass man deren Wiedererscheinen im Sinne des Produkts Profifußball lauthals begrüßen wird – immerhin haben viele Kommentatoren den Mangel an Stümmung beklagt und sich über den Support bei den Partien mit nennenswerten Mengen an Zuschauenden tierisch gefreut. Die entscheidende Frage aber ist: Werden diese Menschen, deren Leben sich bisher entscheidend um „ihren“ Verein gedreht hat, die Energie aufbringen, die Fankultur wie sie sich um 2019 herum präsentierte, wiederaufleben lassen. Wenn nicht, hat Corona dieser besonderen Form Engagement doch den Rest gegeben.

1 Kommentar

  1. Ich persönlich habe mich schon vor Corona über einen längeren Zeitraum vom Fußball verabschiedet. Nicht im ganzen, sondern in Teilen. Zunächst fing ich an die CL und die EL zu ignorieren. Die Bundesliga, ausser die beiden Jahre, die Fortuna zuletzt dort spielte, schaute ich nur noch am Rand und nebenbei. DFB-Pokal nur die Spiele mit Beteiligung von Fortuna, also sehr wenige ;-). Und vor allem ging mir noch „Die Mannschaft“ am Heck vorbei.

    Die Gründe dafür waren die immer größer werdende Kommerzialisierung des Fußball mit der Verteilung der TV-Gelder. Bei deren letzten Anpassung wurde die Schere noch größer. Ein sportlicher Wettbewerb findet quasi nicht mehr statt. Eine Durchlässigkeit in die zweite Liga gibt es auch nicht mehr. Dazu der ganze VAR-Kram, von dem ich anfangs begeistert war, weil ich dachte, jetzt gibt es mehr Gerechtigkeit im Fußball. Pustekuchen, jetzt ist nicht nur ein Schiri für Fehlentscheidungen verantwortlich. Jetzt ist es ein ganzer Haufen von Personen, an der Spitze mit dem willkürlichen Kölner Keller. Bei dem man oft das Gefühl hat, die saufen zu viel Kölschpisse und sitzen öfter auf der Keramik, als vor dem Bildschirm.

    Und bevor jetzt wer an die tollen Vorbilder Freiburg, Mainz und Augsburg denkt. Der Hauptgrund für deren lange Zugehörigkeit zu Liga 1 ist, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Platz waren. Ähnliches gilt für Gladbach. Durch die Verteilung der TV-Gelder und der zugrunde liegenden Schlüssel sind deren Plätze in Liga 1 quasi in Stein gemeißelt. Denn jedes Jahr fließt eine reichlich große Summe in die Kasse. Da kann man sich auch mal mehr oder wenige Fehltritte auf dem Transfermarkt leisten (anders als bei der Fortuna). Natürlich leisten die auch hervorragende Arbeit mit gutem Personal auf der Funktionsebene. Aber auch das kostet Geld. Und das ist immer wieder neu vorhanden. Ähnliches gilt übrigens für Union Berlin, wird ja auch immer gerne als tolles Beispiel genannt. Auch da stecken diverse Investoren / Geldgeber dahinter (z.B. der hier verbrannte Kömel). Nur wird das nicht offen und gerne bei Union kommuniziert. Man will ja nicht sein Image als Arbeiterverein, der alles selbst macht mit Hilfe seiner Fans, ruinieren. Glaubt wirklich jemand ernsthaft, ein Aufsteiger aus Liga 2 kann sich direkt einen Spieler wie Kruse leisten? Mit der selbst erarbeiteten Knete? Inzwischen informiere ich mich jedenfalls schon gar nicht mehr über die Freitags- und Sonntagsspiele, ich vergesse es oft, dass da etwas stattfindet. Gleiches gilt für CL oder EL. Meist werde ich nur zufällig durch Nachrichten über Ergebnisse informiert.

    Corona hatte natürlich auch seinen Anteil daran. Besonders durch diverse Spielertypen, die sich völlig über die Pandemie hinwegsetzten. Auch der Alibi Gehaltsverzicht, teilweise nur gestundet, hat gezeigt, wie weit diese Typen vom normalen Leben entfernt sind. In dieser Saison habe ich wegen Corona trotz Supporterpass nur drei Heimspiele der Fortuna verfolgt.

    Aktuell also ist der Fußball für mich fast vollständig „gestorben“, ausser die Heimspiele der Fortuna in der Arena (sofern Corona das erlaubt) und die Auswärtsspiele im TV. Und die Fortuna macht wieder mal alles dafür, dass ich das auch wieder von Woche zu Woche emotionsloser verfolge. Seit ich als kleiner Knirps ab der Rückrunde 1970/71 zur Fortuna gehe, habe einige Höhen und viel mehr Tiefen erlebt. Irgendwann ist das Faß mit den Enttäuschungen zu voll. So viele Arschtritte würde man ja noch nicht mal seinem Lebenspartner zugestehen.

    Sollte der derzeitige traurige Weg weitergehen, wird der Fußball für mich bald völlig ohne Interesse sein. Fortuna kann ich in der dritten Liga auch im Free-TV gucken.

    Nein, ich glaube nicht, dass für uns Fans es mal wieder annähernd so wird, wie vor der Pandemie.

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