Gute Taube, böse Taube

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Mein Onkel Paul war ein Ofensetzer aus Ostpreussen. Der lebte mit Tante Ida und deren vier Söhnen aus der Ehe mit einem gefallenen Wehrmachtssoldaten und der gemeinsamen Tochter Roswitha auf der Mindener Straße am Oberbilker Markt. Onkel Paul hatte einen Taubenschlag unter dem Dach. Er hielt die Vögel aber nicht zu sportiven Zwecken, sondern zum Essen. Das ganze Gedöns mit den Brieftauben, den Rennpferden des kleinen Mannes, wie es damals oft hieß, war ihm zuwider. Er liebte sein Federvieh, besonders wenn es gut zubereitet auf den Tisch kam. Waren wir zu Gast, konnte es passieren, dass Onkel Paul sagte: „Nu jeh ich ma paar Täubchen holen, dass wer was ze Essen habn.“ Er kam dann zurück mit zwei, drei oder vier Vögeln mit umgedrehten Hälsen, die er in der Küche bratfertig machte. Das Zubereiten übernahm dann Ida. Ob die gebratenen Tauben lecker waren, daran erinnere ich mich nicht mehr. Und ob es dieselbe Sorte Tauben war, die wir Kinder in Begleitung von Eltern oder Tanten fütterten, weiß ich nicht. Tatsächlich waren die Fünfzigerjahre das Jahrzehnt des Taubenfütterns. Dutzende Fotos zeigen den kleinen Rainer in der Hocke am Klever Platz, umringt von gierigen Tauben, oder in Planten und Blomen in Hamburg oder in Brügge auf dem GrandPlace – immer als Freund und Förderer der Taube.

Wer bis weit in die Siebzigerjahre nach Venedig kam und den Markusplatz besuchte, für den war es beinahe Ehrensache, die Vögel auf den ausgestreckten Armen landen zu lassen und zu füttern – dokumentiert in buchstäblich Tausenden Fotos und auf zig Metern Schmalfilm. Aber dann kippte die Stimmung und wandte sich gegen die Taube. Plötzlich hieß es, die Viecher würden nicht nur alls vollscheißen, sondern ihre Kacke greife die Bausubstanz. Ja, sie würden schlimme Krankheiten übertragen und seien quasi Luftratten. So dachte ich auch sehr lange, aber ein scherzhafter, familieninterner Streit zum Thema brachte mich zum Nachdenken und Nachlesen. Auch befeuert dadurch, dass ich die zwei, drei Ringeltaubenpäärchen, die jeden Sommer bei uns in der Straße nisten und häufig auf unserer Terrasse vorbeischauen, sehr mag. So schöne, plumpe Vögel mit dümmlichen, kleinen Gesichtern, die immer versuchen, ernsthaft zu wirken. Und so kam ich auf den Gedanken, dass die Ringeltaube in der Stadt quasi die „gute Taube“ und die gemeine Stadttaube die „böse Taube“ repräsentiert.

Wo die Stadttaube herkommt
Unterstützt wird die These durch die Beiträge der Wikipedia zur Ringeltaube und zur Stadttaube. Wobei letztere Art noch gar nicht sehr lange existiert, vielleicht 150 Jahre, wenn überhaupt. Sie ist entstanden aus verwilderten Haus- und Brieftauben. Gerade von letzteren gab es über Jahrhunderte gewaltige Stückzahlen, weil es schon ab dem fünften Jahrhundert v.Chr. bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts die zuverlässigste, schnellste und am weitesten verbreitete Methode war, Post über größere Strecken zu transportieren. Relativ rasch wurde die Taubenpost durch die verschiedenen Formen der Telegrafie abgelöst, aber die Menschen konnte sich nicht von den Tauben trennen. Die Haustaube stammt – wie die Brieftaube – von der Felsentaube ab und wird seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden aus zwei Gründen gezüchtet: Zum Spaß, zur Freude am Aussehen und an den Flugkünsten, oder als Fleischlieferant. Aber auch der Bestand an Haustauben nahm mit dem Beginn der industriellen Revolution drastisch ab.

Weil aber die Nachfahren der Felsentaube bestens mit den Bedingungen in der Stadt zurechtkamen – übrigens aus ähnliche Gründen wie der Mauersegler – konnten sie sich an das verwilderte Leben in den urbanen Räumen prima anpassen. Im Verlauf von gut 150 Jahren haben sich die Überlebensfähigkeiten der Stadttauben extrem verbessert, sodass die Bestände erst stabil wurden und dann anwuchsen. Weil sich aber gerade zwischen 1930 und etwa 1970 die Greifvögel, die wichtigsten natürlichen Feinde der Taube, aus den Städten zurückzogen, explodierten die Populationen der sehr genügsamen Tiere so sehr, dass die Verwaltungen auf Abhilfe sannen. Bis heute setzen viele Städte insbesondere drei Methoden gegen die Überbevölkerung ein: Vergrätzen, Eier wegnehmen, Unfruchtbarkeitspillen. Beim Vergrätzen werden die Lebensräume methodisch verkleinert und die besonders beliebten Standorte mit allerlei Tricks unwirtlich gemacht. Vor einigen Jahren lernte ich einmal ein Paar kennen, das als professionelle Taubenvergrätzer tätig war und ein wenig aus der Praxis plauderte. In Düsseldorf hat man lange auf empfängnisverhütende Substanzen gesetzt, deren Nebenwirkungen auf Menschen aber immer umstritten waren. Die tierfreundlichste Methode – wird vor allem in der Schweiß praktiziert – besteht darin, den Stadttauben schöne Schläge anzubieten, um ihnen dann die Eier wegzunehmen und durch küsntliche Eier zu ersetzen, wenn sie sich zum Brüten eingenistet haben. Tauben umzubringen (siehe auch: Georg Kreisler „Taubenvergiften„) bringt wenig, denn die Stadttaube hat ohnehin eine Lebenserwartung von weniger als zwei Jahren. Nur die Geburtenkontrolle hilft, die Bestände im Griff zu halten.

Aber warum sollte man das überhaupt tun? Das Problem ist der sogenannte „Hungerkot“, den die Luftratten dann produzieren, wenn sie ständig mit Mangelernährung leben. Weil die Bestände aber so groß sind, reicht das Nahrungsangebot nicht für alle, sodass praktisch alle Tauben Hunger leiden und den extrem sauren, flüssigen Dreck produzieren, der tatsächlich Stein und Metall, auch Autolack angreift. Insofern liegen die hysterischen Tierschützerinnen, die nachts zu den Quartieren schleichen, um die armen Viecherln zu füttern, gar nicht so falsch. Bekommen Tauben das richtige Futter in den richtigen Mengen, produzieren sie einen Scheiß, der keinem was tut. Apropos: Tauben übertragen nur in äußerst geringem Maße Krankheiten, die für den Menschen gefährlich werden können. So befällt die berüchtigte Ornithose praktisch nur Züchter, die sehr engen Kontakt zu den Tieren haben. Nur die Geflügeltuberkolose wird tatsächlich durch Taubenkot übertragen, wenn dieser zu Staub eintrocknet und vom Wind umhergeweht wird. Allerdings ist diese Form der Tuberkolose vergleichsweise harmlos und stellt nur für Menschen mit Immunschwächekrankheiten ein nennenswertes Risiko dar.

Und was ist mit dem Ringeltäubchen?
Die größere, schwerere und deutlich plumpere Schwester der Stadttaube ist die Ringeltaube, die vor allem in den Wäldern Mitteleuropas lebt, aber in den vergangenen fünfzig Jahren auch in Parks und Grünanlagen heimisch geworden ist. Im Gegensatz zur Stadttaube handelt es sich bei der Ringeltaube nicht um eine verwilderte Art, sondern um eine ganz eigenständige, alte Sorte, die im Gesang und in der Dichtung schon zu Seiten des Mittelhochdeutschen besungen wurde. Noch heute versteht fast jeder etwas Positives, wenn von der „Ringeltaube“ die Rede ist, ja, in manchen Regionen Mitteleuropas gilt sie als Glücksbringer.

Wie ja die Taube an sich überall ein positives Image hat. Ob es sich um die Friedenstaube handelt – ein uraltes Symbol – oder um die weißen Tauben, die den Stoff für eines der meist gecoverten Songs namens „La Paloma„, aber auch den Schlager „Paloma Blanca„. Und Prince hat diesem schönen Federvieh mit dem Song „When Doves Cry“ ein besonders schönes Denkmal gesetzt.

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