Früher sprachen Spochtrepochter von einem nie gefährdeten Sieg…

Analyse · Natürlich kriegten wir Fans der glorreichen Diva ein mildes Muffensausen als den Heidenheimern in der 47. Minute der Anschlusstreffer gelang. Zumal die Gastgeber mit maximalem Druck und vier eingewechselten Leuten aus der Kabine auf den Rasen gekommen waren und es so aussah, als hätten Daniel Thiounes Mannen erhebliche Schwierigkeiten, sich auf die neue Situation einzulassen. Aber, der Sturm & Drang der Mannschaft von irgendwo da unten hielt gerade mal zehn Minuten. Dann hatten sich die Fortunen wieder sortiert, vorübergehend auf eine echte Fünferkette in der Abwehr umgestellt und nach und nach das Heft des Handelns wieder in die eigenen Hände genommen. So zu reagieren zeichnet ein souveränes Team aus. [Lesezeit ca. 8 min]

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Wohlgemerkt: Danke der diversen Rippenbrüche und -prellungen im Kader standen die Coaches schon vor ein paar Problemen bei der Aufstellung. Trainer Thioune hatte aber auch betont, dass die Systematik (um mal seinen Vorgänger zu zitieren) nicht wichtig sei in dieser Partie, sondern dass man flexibel auf die gegnerische Ballarbeit reagieren wolle. Und das taten sie dann auch: Anfangs sah es aus, als agiere Shinta Appelkamp als hängende zweite Spitze, dann war auf einmal Kuba der Zehner, Felix Klaus und Kris Peterson wechselten mal eben die Flügel, und gelegentlich ging Chris Klarer anstelle von Eddie Prib mit in den Spielaufbau. Alles sehr verwirrend das…

HDH vs F95: Schön in Schwarz beim Auflauf - die Fortunen (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Schön in Schwarz beim Auflauf – die Fortunen (Screenshot Sky)

Zumal in der erwähnten Druckphase der Heidenheimer noch einmal umgestellt wurde. Mit dem Wechsel von Tim Oberdorf für Kris Peterson in der 62. Minute gab es eine echte Dreierkette. Das alles im laufenden Betrieb. Dass die in Nummern ausgedrückte taktische Grundordnung nicht mehr so wichtig ist, zeigte sich vor allem an den Laufwegen und dem Verdichten der Räume. Das führte dazu, dass der 1. FCH in der ersten Halbzeit nicht den Hauch einer Schnitte bekam. Fortuna brachte es auf glänzende Werte bei der Balleroberung und zelebrierte über weite Strecken einen todschicken One-Touch-Fußball.

HDH vs F95: Die Fortunen zeigten die geforderte Intensität (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Die Fortunen zeigten die geforderte Intensität (Screenshot Sky)

Ärgerlich und irgendwie bedrohlich, dass von den überzeugenden Quoten nach der Pause nicht mehr viel zu sehen war. Plötzlich waren es die Heidenheimer, die serienweise Bälle eroberten und auch die zweiten Bälle kriegten. Die Passquote sank deutlich, und nur bei der Laufbereitschaft blieb Fortuna in der Vorhand. Für dieses Nachlassen kann es nur zwei Erklärungsebenen geben: mangelnde Kondition oder schwächelnde Konzentration. Viel spricht für Letzteres, und da müsste man nun nach den Erfahrungen der Saison mal die Wirksamkeit der Arbeit von Mentaltrainer Axel Zehle hinterfragen.

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Ja, es gab auch zwei Kastenmeier-Momente, aber zwei, die der Flo so behandeln musste. Da kam in der 13. Minute eine Bogenlampe rein, die immer länger wurde und sich senkte. Da musste er dann doch ran, obwohl die Pille wahrscheinlich ins Aus gegangen wäre. Und in der 64. Minute eine ganz ähnliche Sache, mit dem Unterschied, dass Kastenmeier im Blindflug klärte, weil das Ei direkt aus dem Licht der Platzscheinwerfer kam. Ob und wieviel Anteil unser Keeper am einzigen Gegentreffer der Hausherren hatte, ist schwer zu beurteilen. Eigentlich war der Schuss als Flanke gedacht und flog Richtung langer Pfosten; Flo steht aber näher am kurzen Pfosten und reagiert gar nicht als der Ball sich reindreht.

HDH vs F95: Der kleine, feine Auswärtsmob in Heidenheim (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Der kleine, feine Auswärtsmob in Heidenheim (Screenshot Sky)

Dass der 1. FCH in der zweiten Halbzeit so stark aufkam, hatte gar nicht mal so viel mit den Schwächen der Ausgewechselten und den Stärken der Einwechselspieler oder den systemischen Umstellungen zu tun, sondern mit dem Überraschungsmoment – wer wechselt schon VIER Spieler in der Halbzeit aus? Die Sache führte zu Dauerdiskussionen unter den F95-Coaches und einer Serie von Anweisungen von der Linie aus. Vermutlich war diese Verfahrensweise klüger als mögliche hektische Wechsel. Zumal es unter den Kickern mit dem F95 auf der Brust in Hälfte Eins keine leistungstechnischen Ausfälle gegeben hatte.

HDH vs F95: Toni Pledl gratuliert Felix Klaus zum Abstaubertor (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Toni Pledl gratuliert Felix Klaus zum Abstaubertor (Screenshot Sky)

Einzig Felix Klaus, dem aber das ganze Team sein Tor zum 2:0 von ganzem Herzen gönnte, fiel ein bisschen ab; besonders was die Ballbehauptung anging. Überhaupt handelt es sich inzwischen beinahe um den einzigen Mann im Kader, der unter Thioune nicht besser geworden ist und der immer, wenn er darf, deutlich unter den Möglichkeiten seines Talents spielt. Das Gegenstück bildet Eddie Prib, den die Coaches mit irgendeinem Wundermittel eingerieben haben müssen, denn der brachte wieder über weite Strecken eine klasse Leistung als defensiver Sechser. Auffällig bei ihm ist aber, dass er in der zweiten Hälfte immer wieder Konzentrationsmängel zeigt und die durch überhartes Einsteigen zu kompensieren trachtet.

HDH vs F95: Kubas präziser Schuss zum 1:0 (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Kubas präziser Schuss zum 1:0 (Screenshot Sky)

Eine gewisse Grundhektik ist ja beinahe Markenzeichen des jungen Kuba Piotrowski, der mit einem präzisen Schuss das 1:0 markierte und damit sein erstes Tor der Saison erzielte. Vorausgegangen war ein Doppelpass zwischen Zimmermann und Prib, der halblinks an der Strafraumkante beim Torschützen landete. Kuba ging noch zwei Schritte und schob das Leder dann durch die Abwehr exakt und flach ins rechte Toreck.

Nicht nur dieses Tor belegt die taktische Flexibilität, die über alles gerechnet den wahren Unterschied von Daniel Thioune und seinen Co-Trainern im Vergleich zum Vorgänger Preußer ausmacht. Unter Preußer wurde bis zum Erbrechen über die Flügel gespielt; zwischenzeitlich hatte Fortuna die meisten Flanken der Liga auf dem Zettel. Nun aber wird bei Bedarf wesentlich öfter durch die Mitte gespielt – und die Offensivordnung daraufhin abgestellt.

HDH vs F95: Massiver Druck der Heidenheimer zu Beginn der zweiten Halbzeit (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Massiver Druck der Heidenheimer zu Beginn der zweiten Halbzeit (Screenshot Sky)

Ein feines Mittel, die gegnerische Abwehr auseinanderzuziehen und so Räume in der Mitte zu schaffen, sind weite Diagonalpässe. Die werden jetzt von den Jungs in Rot (beziehungsweise gestern in Schwarz) viel öfter gespielt, und weil sie offensichtlich im Training intensiver geübt werden, kommen sie eben auch an. Von dieser Taktik profitiert übrigens Rouwen Hennings in seiner Eigenschaft als Knipser am wenigsten. Dafür kann er aber seine Qualitäten als Unruhestifter in voller Schönheit ausspielen. In der Summe verbreitert er – wie der gestrige Abend zeigte – die Bandbreite der möglichen Torschützen.

Das betrifft auch den Torschützen zum 3:1. Dass Chris Klarer als Ersatz für Jordy de Wijs den Vorzug vor dem spielerisch leicht überlegenen Tim Oberdorf erhielt, zahlte sich mehrfach aus. Der junge Mann ist einfach enorm robust und immer bereit seinen Körper einzusetzen. Das demonstrierte er bei seinem Kopfballtreffer eindrucksvoll, denn sein Gegenspieler hatte ihn liebevoll in den Arm genommen, um ihn am Treffer zu hindern, was dem kantigen Ösi scheints wenig ausmachte. Als dann später die Dreierkette mit ihm, Andre Hoffmann und Tim Oberdorf antrat, kam eurem strikt Ergebene der Gedanken, ob diese Konstellation in der kommenden Saison zum Standard werden könnte … wenn Jordy nicht bleibt, wofür momentan leider wenig spricht.

HDH vs F95: Voll umklammert köpft Klarer ins Tor (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Voll umklammert köpft Klarer ins Tor (Screenshot Sky)

Das Urteil über Nicolas Gavory fällt erneut zwiespältig aus. Freundlich ausgedrückt, spielte er wieder unauffällig, machte keine Fehler, hatte aber wieder relativ wenig Anteil am Offensivspiel. Das gilt so auch für Zimbo Zimmermann, dem Vorbereiter des 1:0. Aber: Wenn nicht so wie früher dauernd über die Flügel gespielt werden soll, sinkt der Anteil der Außenverteidiger am Angriff eben zwangsläufig. Dass taktisch so umgestellt wurde, war auch eine Konsequenz aus dem Ausfall von Khaled Narey. Wenn aber die Variabilität der Taktik so groß ist, dann wird die Mannschaft auch weniger abhängig von der Leistung einzelner Spieler.

HDH vs F95: Ao Tanaka ärgert sich nach seiner vergebenen Torchance (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Ao Tanaka ärgert sich nach seiner vergebenen Torchance (Screenshot Sky)

Selbst die Einwechslung von Ao Tanaka für den leicht ausgelaugt wirkenden Felix Klaus in der 62. Minute hatte etwas mit diesem Konzept zu tun, die Zentrale zu stärken. Der japanische A-Nationalspieler ist ja nun fest verpflichtet, und darüber kann man sich als Fan der glorreichen Fortuna nur freuen. Ao kommt immer mehr an in Düsseldorf und übernimmt immer mehr Verantwortung, wirkt deutlich selbstbewusster als noch vor ein paar Wochen. Und das Tor, das er in der 72. Minute nicht erzielte, hätte man ihm nun wirklich gegönnt. Wäre seine Flanke auf Rouwen Hennings in der 66. Minute einen Hauch weiter weg vom Tor angekommen, hätte er sich zumindest in die Liste der Vorbereiter eingetragen.

HDH vs F95: Vermutlich zum letzten Mal im Fortuna-Dress - Leo Koutris (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Vermutlich zum letzten Mal im Fortuna-Dress – Leo Koutris (Screenshot Sky)

In der 72. Minute kam Emma Iyoha für den nicht mehr ganz fitten Kuba Piotrowski und sortierte sich auf links ein. Euer Ergebener hat es ja nicht so mit dem Begriff „Körpersprache“, aber ihm fällt immer wieder auf, dass Emma in all seinen Bewegungen irgendwie einen Hauch zu lässig wirken und dass er null Aggressivität ausstrahlt. Wenn er dann auf einen robusten Gegenspieler trifft, wird er leicht entschärft. Und Qualitäten als Spielmacher wie Shinta Appelkamp hat er leider nicht. Der wiederum scheint, von der Bürde eines Hoffnungsträger entlastet, immer sicherer; man sieht ihm die Freude am Spiel jederzeit an. Shinta ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

In der 88. Minute kam wie angekündigt Daniel Ginzcek, der allein durch seine Anwesenheit Stabilität brachte. Und dann sahen wir vermutlich zum letzten Mal auch Leo Koutris, dieses große Missverständnis auf zwei Beinen. Es ist jammerschade, dass er nie eine dauerhafte Form gefunden hat und dass er es eben nie schaffte, sich durch besonderen Trainingseifer ins Herz des Cheftrainers zu spielen. Überhaupt war die Partie in Heidenheim in mancher Hinsicht schon ein Schlusspunkt der Saison. Mit 41 Punkten und mindestens acht Punkten Vorsprung auf Dresden ist der Klassenerhalt geschafft.

HDH vs F95: Sportdirektor Christian Weber freut sich wie ein Honigkuchenpferd (Screenshot Sky)

HDH vs F95: Sportdirektor Christian Weber freut sich wie ein Honigkuchenpferd (Screenshot Sky)

Jetzt kann Fortuna in den letzten beiden Spielen noch die Aufstiegsaspiranten Darmstadt und Pauli ärgern, während im Hintergrund Klaus Allofs, Christian Weber und die Scouts schon heftig am Kader 2022/23 basteln. Zwölf Verträge und Leihen laufen aus, mögliche Lücken im Spielerbestand werden sichtbar, sodass wesentlich gezielter nach Verstärkungen (die sich der Verein dann auch leisten kann) gesucht werden kann. Vieles spricht dafür, dass die Zahl der eigenen Nachwuchsleute, die in der kommenden Saison Profis werden, größer sein wird als die der Neuverpflichtung gestandener Kicker. Angesichts dessen wäre es klug, auf das Verkünden irgendwelcher Saisonziele endlich einmal zu verzichten und Trainer und Spieler erstmal machen zu lassen.

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