Unter dem anbiedernden Pseudo-Mundart-Slogan „Netz met Häzz“ will uns die alte Tante Rheinbahn die Veränderungen am Bus und Bahnnetz näherbringen, die ab übermorgen greifen, wenn die Wehrhahn-Linie in Betrieb genommen wurde. Der (hoffentlich) letzte Streich des Düsseldorfer U-Bahn-Schwachsinns verändert die Struktur des Netzes, die in den Fünfzigerjahren entstand, in weit höherem Maße als es zunächst den Anschein hat. Der hiesige ÖPNV wird damit innenstadt-zentriert, die großen durchgehenden (701 und 712) und die einzige Ringlinie (706) fallen weg. Stattdessen denken die Netzknüpfer in Zubringerfunktionen. Der Schienenverkehr dient nur noch dazu, Menschen von außen nach innen oder zur Uni zu schaufeln. Und das wird uns als modern und bürgerfreundlich verkauft. Modern und freundlich sind eigentlich nur die neuen U-Bahnhöfe, die z.B. vom britischen Guardian zu Recht und ausdrücklich gelobt werden. Ansonsten sind das Ende der 712 und der 701 traurige Begleitumstände einer weiteren Maßnahme, die Stadt autofreundlich zu machen.

Die 712 auf dem Weg in die Altstadt (Uhlandstraße)

Die 712 auf dem Weg in die Altstadt – hier an der Haltestelle „Uhlandstraße“

Besonders der Verlust der 712 beschäftigt die Menschen. Diese legendäre Linie durchquerte die Stadt bisher exakt auf dem Linienweg der neuen Wehrhahnlinie. Die Verbindung an sich bleibt erhalten, nur wird die Linie in Zukunft U72 heißen. Ob diese Abkürzung je so populär werden wird wie „die Zwölf“, ist unwahrscheinlich. In der Wahrnehmung der Bürger seit den frühen Sechzigerjahren hatte die 12 immer zwei Hauptaufgaben: das Ratinger Jungvolk in der Altstadt zu bringen und die Buureköppe in die Rheindörfer zurückzuschaufeln. Wer als junger Bursche die Düsseldorfer Altstadt zwischen etwa 1965 und 1985 frequentiert hat, wird sich daran erinner: Die 12 hieß bisweilen auch Ratinger Bräute-Bomber, und es soll Typen gegeben haben, die an der Heinrich-Heine-Allee aus Richtung Ratingen kommende Züge systematisch nach gutaussehenden jungen Damen abgesucht haben. Viel wichtiger für die jungen Leute aus dem stinklangweiligen Städtchen im Nordosten war es aber, nach einem vergnüglichen Altstadt-Abend die letzte 12 zu kriegen. Wer die verpasste – und das kam nicht selten vor – hatte bis zur Einführung der S-Bahn nur die Chance, zu Fuß nach Ratingen zu tippeln. Oder sich ein Taxi zu nehmen, was aber meist mangels Kohle ausblieb. Jedenfalls: Für diese feierfreudigen Menschen war die 12 die Nabelschnur.

Aber die 12 war immer auch ein Freitzeitzug, der die Bürger an den Rand des Waldes brachte, von wo aus man dann wanderte und zum Abschluss z.B. im Buschhausen in Oberrath einkehrte. Als das Rather Waldstadion noch regelmäßig Schauplatz bedeutender Sportereignisse war, diente die 12 ebenfalls als Haupttransportmittel. Genau wie sie viele Wohnungslose aus der Stadt zum Caritasheim am Rather Broich brachte, das im Volksmund „Honigheim“ heißt, weil es in der Nähe eine Gaststätte gleichen Namens gab. Nach dem Umzug des Arbeitsamtes an die Grafenberger Allee bekam die dann schon 712 genannte Linie wieder eine wichtige Bedeutung für Menschen, denen es beruflich nicht so gut ging.

Ratingen-Mitte: Ein öder Ort, der ohne 712 noch öder wäre

Endhaltestellen Ratingen-Mitte: Ein öder Ort, der ohne 712 noch öder wäre

In der anderen Richtung diente die 12 bis etwa Mitte der Sechzigerjahre auch als Zubringer zur Rheinfähre nach Grimmlinghausen. Von der Endhaltestelle Hellriegelstraße mitten in Volmerswerth sind es nur ein paar Meter bis zum Deich und damit zum ehemaligen Fähranleger. Die andere Rheinseite mit ihren Stränden diente als Ausflugsziel für die Städter. Nachdem es dort keine Fähre mehr gab, wurde die 12 zur wichtigen Verbindung in die Stadt für die Bewohner der Rheindörfer Hamm, Volmerswerth und Flehe, die ansonsten auch noch den 726er-Bus nehmen können. Auch die U72 wird wieder bis zur Hellriegelstraße fahren.

Auch die U72 wird wieder bis Volmerswerth fahren

Auch die U72 wird wieder bis Volmerswerth zur Endhaltestelle Hellriegelstraße fahren

So traurig es ist, dass die 712 stirbt und durch die U72 ersetzt wird, die in der Innenstadt unterirdisch verkehrt, so wenig erklärt es den Riesentrubel, den seit Wochen eine Facebook-Veranstaltung namens „Endstation: Wir nehmen die letzte 12“ auslöst. Immerhin gut 1.500 Personen aber ihre Teilnahme am morgigen Samstag zugesagt – ob dann wirklich so viele Leute am Busbahnhof Ratingen-Mitte vorbeischauen werden, wird sich zeigen. Wir von The Düsseldorfer haben jedenfalls schon heute Abschied von „der Zwölf“ genommen und ein kleines Video zu Ehren dieser Traditionslinie angefertigt:

Die letzte Fahrt mit der 712 – von Ratingen nach Bilk

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2 Kommentare

  1. Ronald Steinert am

    Uneingeschränkte Zustimmung. Der U-Bahnbau ist das Überflüssigste und Letzte.
    Und das die „Sechs“ jetzt weg ist, macht mich tieftraurig, isch sach‘ et Disch.

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