Kleine Psychologie der „Unpolitischen“

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Wenn man sich wie der Verfasser dieses Textes als bekennender Linker, der nie anders gedacht und gefühlt hat als antikapitalistisch, in Kreisen bewegt, die gern und falsch „rechts“ genannt werden, lernt man viel über die gegenseitigen Vorurteile. Dies gilt besonders für die Fußballfanszene. Und dort ganz besonders für übereifrige Jungmenschen, die sich mehr links fühlen als sie sind. Die nennen sich gern und stolz „Antifaschisten“ und halten sich für autonom. Ihr „Links“-sein beziehen sie vor allem darauf, dass sie gegen den Faschismus sind, den sie an allen Ecken und Kanten auflodern sehen. Als politischer Mensch sage ich diesen Leuten als erstes: Antifaschismus ist ein Nebenwiderspruch. Sich auf den Kampf gegen „den Faschismus“ und „die Faschisten“ zu konzentrieren, ist weder links, noch politisch, sondern in den meisten Fällen eine Art Folklore in der Tradition von Räuber-und-Gendarm-Spielen. Genauso präpubertär fühlen und agieren aber auch diejenigen, die sich hasserfüllt an Antifaschisten abarbeiten. Besonders dann, wenn sie sich selbst als „unpolitisch“ sehen und auf keinen Fall „Nazis“ genannt werden wollen. Mit irgendwelchen politischen Positionen oder gar Ideologien hat das meist wenig bis nichts zu tun. Das vorherrschende Motiv derjenigen, die nicht „rechts“ genannt werden wollen, ist der Hass auf „die Linken“.

Das haben etliche Gespräche im Echtleben und zahllose Diskussionen im Online-Kosmos in den letzten Monaten deutlich ergeben. Wenn aber einer alles Linke hasst, dann ist er natürlich nicht automatisch „rechts“ und möchte natürlich und nachvollziehbar nicht Nazi genannt werden. Was aber der gemeine Antifa-Mensch aus tiefster Überzeugung tut. Ganz in der Tradition revanchistischer Sprüche wie „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Gespeist aus einem hohen moralischen Selbstwertgefühl und beschleunigt durch eine maximale Paranoia. Und so stehen sich zwei Lager gegenüber, deren Gesamtverfassung jeweils mit neurotisch oder gar psychotisch am besten zu beschreiben ist.

Was ist rechts?
Die Frage ist: Welche Positionen und Meinungen muss man teilen, um als „rechts“ zu gelten? Wobei der Begriff zunächst ja harmlos ist. Rechte gehen davon aus, dass nicht alle Menschen gleich sind und befürworten hierarchische Gesellschaftsformen, in den Eliten über die Masse herrschen oder ein Führer die Geschicke des Volkes bestimmt. Am rechten Rand wird die Funktionsfähigkeit von Demokratie angezweifelt, und man findet autokratische Strukturen besser. Ebenfalls auf der anderen Seite des rechtskonservativen Tellerrands findet sich dann der Rassismus, der nicht nur davon ausgeht, dass nicht alle Menschen gleich sind, sondern dass Menschen verschiedener Ethnien verschieden viel wert sind. Was zur Folge haben soll, dass die Besseren (die Stärkeren) über die Schlechteren (die Schwächeren) zu herrschen haben. Dies wird erklärt über sogenannte „Rassenunterschiede“, denn der Rassismus geht davon aus, dass es menschliche Rassen mit rassespezifischen Merkmalen gibt. Der Hauptunterschied zwischen nur rechtskonservativen und rechtsextremen Leuten liegt im Begriff der Freiheit: Rechtsradikale lehnen eine generelle Freiheit des Individuums zugunsten der Einordnung in ein Gesellschaftssystem, meist „Volk“ genannt, ab. Diese Geschmacksrichtung heißt dann auch „völkisch“. Rechtsextreme und -radikale zeichnet vor allem aus, dass sie für sich annehmen, zu einer überlegenen Rasse und/oder einem überlegenen Volk – manchmal auch einem vom Aussterben bedrohten Volk bzw. einer vom Aussterben bedrohten Rasse – zu gehören und daraus einen übergeordneten Auftrag, besondere Privilegien und Recht ableiten. Unter anderem das Recht, sich über alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens hinwegzusetzen. Die Begriffe „Faschist“ und „Nazi“ haben in diesem Zusammenhang lediglich einen historischen Hintergrund und werden von Nicht-Rechten gern als Schimpfwörter benutzt.

Was ist links?
Um als links zu gelten, muss man sich mindestens dazu bekennen, dass alle Menschen gleich sind und deshalb Anspruch auf dieselben Rechte haben. In demokratisch verfassten Gesellschaften rund um den Erdball bekennen sich deutliche Mehrheiten zu diesem Gleichheitsgedanken, ohne dass deshalb „die Linke“ auch nur annähernd in der Mehrheit wäre. Also sind Menschen, die humanistische Positionen vertreten und sich zu den Werten der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bekennen, nicht im Mindesten links. Links ist jemand erst, wenn er den Kapitalismus für eine inhumane Wirtschaftsordnung hält und ihn beseitigt sehen will. Erst wenn über nicht-demokratische Wege zur Beseitigung des Kapitalismus nachgedacht wird, bewegt man sich auf linksextremem und/oder linksradikalem Gebiet. Man sieht: Antifaschismus ist kein inhärenter Wesenszug des Linksseins.

Was halten Unpolitische für links?
Ja, es gibt sie, die Unpolitischen. Das sind vor allem Leute, denen das alles zu kompliziert ist, die das nicht verstehen, die einfach nix mit Politik zu tun haben wollen. Auch wenn die von ihnen insgesamt abgelehnte Politik ihr Leben bestimmt. Das ist verrückt. Noch verrückter ist, dass die Unpolitischen vor allem linke Positionen ablehnen, obwohl diese Unpolitischen mehrheitlich zu den Unterprivilegierten zählen, deren Lebensumstände linke Politik ja verbessern will. Aber die Unpolitischen sind ja so unpolitisch nicht, sondern – als Folge jahrelanger konsumistischer Gehirnwäsche – glühende Gläubige der grenzenlosen Individualfreiheit. Sie glauben, sie hätten ein Naturrecht darauf, jederzeit das zu machen, was sie gerade machen möchten. Ohne Rücksicht auf Verluste. Der große Komiker Jerry Lewis hat einmal gesagt, die meisten Männer versuchen ihr Leben lang im Zustand eines neunjährigen Jungen zu verharren. Soll sagen: Sich einen Scheiß um das Morgen und um andere Leute zu kümmern, sondern immer ihr Ding zu machen. Wird ihnen das untersagt oder werden sie in ihrem Tun beschränkt, jammern und heulen sie.

Die Unpolitischen verhalten sich genauso. Regeln und Gesetze empfinden sie grundsätzlich als Einschränkung ihrer ganz persönlichen Freiheit. Und zwar immer in Bezug auf irgendetwas, was sie besonders gern machen, in Bezug auf ihre kleinen Partikularinteressen. Fahren sie Motorrad, wollen sie überall in beliebiger Geschwindigkeit Motorrad fahren dürfen. Sind sie Rennradler, wollen sie jederzeit auf jeder Fahrbahn rennradeln dürfen. Hauen sie sich gern Alkohol in den Kopp, wollen sie sich jederzeit jede beliebige Menge in die Birne schütten wollen und im Suff dann tun, was ihnen gerade so einfällt. Wollen sie sich mit anderen hauen, dann wollen sie sich jederzeit an jedem beliebigen Ort mit anderen kloppen. Hören sie gern laute Musik, dann wollen sie jederzeit an jedem Ort Mucke in jeder beliebigen Lautstärke hören dürfen. Rauchen sie gern, wollen sie immer und überall rauchen dürfen. Finden sie Sachen toll, wollen sie die Sachen immer haben, egal ob sie sich die leisten können. Und so weiter. Dass man für eigene Taten Verantwortung übernehmen wollen, lehnen sie ab. Dass der Staat Gesetze erlässt und sie die einhalten müssen, finden sie ungerecht. Überhaupt lehnen sie den Staat grundsätzlich ab, vor allem die Steuern und die Polizei, weil beides sie daran hindert, ihre präpubertäre Wunschwelt zu verwirklichen.
Im Wesen sind die Unpolitischen rücksichtslos und damit funktional asozial. Recht und Gesetz als Mittel, Schwächere vor Stärkeren zu schützen, lehnen sie ab und propagieren den Selbstschutz. Schwächere sind Opfer und haben – falls männlich – keine Eier. Diskutieren nennen sie Labern, sie plädieren fürs Faustrecht.

Und nun kommen diejenigen, die diese Unpolitischen für links halten, und machen sie auf die Regeln und Gesetze aufmerksam. Oder fordern und erreichen sogar weitere Verbote. Linke tun das, weil sie alle Menschen für gleich halten und den Staat für die Instanz, durch die Schwächere vor der Beherrschung durch Stärkere geschützt werden. Da sie annehmen, die Menschen in der kapitalistischen Wirtschafsordnung würden zwangsläufig immer rücksichtloser, fordern sie vom Staat Gesetze, die Rücksicht exekutiv und/oder judikativ durchsetzen. Das finden die Unpolitischen Scheiße: Die bösen Linken wollen, so meinen sie, den Spaß verbieten. Und der Spaß (im Gegensatz zum Ernst des Lebens) ist ja das Wichtigste. Arbeit wird nicht als schöpferisch betrachtet, sondern Methode zum Geldverdienen, wobei sie meist überlegen, wie sie an Geld kommen können, ohne arbeiten zu müssen. Weil die Arbeit sie ja vom Partymachen, vom Motorradfahren, Rennradeln, Musikhören, Saufen und Rauchen abhält – also ihre individuelle Wunsch- und Bedürfnisbefriedigung behindert.

Der böse Alt-68er
Popanz der Unpolitischen ist der Alt-68er in seiner Ausformung als Lehrer. Wie ja der Lehrer für den präpubertären Neunjährigen ja auch die große Verbotsinstanz ist. Zumal es ja die Schule an sich ist, die den Buben von seiner Bedürfnisbefriedigung abhält. Und die Schule ist nichts weiter als Repräsentant des Staates. Also lehnt der Unpolitische den Staat, die Schule, den Lehrer und vor allem den Alt-68er ab. Übrigens ungeachtet dessen, dass sich die Zahl echter Alt-68er im Lehrberuf – Willi Brandts Berufsverbotsaktionen sei Dank – in sehr engen Grenzen hält. Aber dieser Alt-68er hat sich ja dann auch als Grüner verkleidet. Und der Grüne an sich ist ja der Mega-Spaßverderber, weil der dafür sorgt, dass man wegen ein paar wandernder Kröten nicht einfach in der Pampa grillen (und saufen) darf. Überhaupt dieses ganze Öko-Zeug! Alles Spielverderberei- wo es doch dem Unpolitischen weit am Arsch vorbeigeht, was mit dem Ökosystem Erde nach seinem Ableben wird. So wie ihm ja auch die Vergangenheit, insbesondere die des deutschen Faschismus, am Arsch vorbeigeht. Da hat er alles nichts mit zu tun, der Unpolitische, der am liebsten „Carpe diem“ auf der Fußmatte zu stehen hat und damit meint, ich mach, was ich will. Immer und überall. Aber vor allem zuhause.

Das schlimmste am grünen Alt-68er-Lehrer (bisweilen auch Scheißhippie genannt) ist ja, dass er dem Unpolitischen immer mit Moral und Ethik kommt. Dass er also einfordert, der Unpolitische solle entlang eines moralischen Wertesystems leben und handeln. Und vor allem: Rücksicht nehmen! Das ganze Rücksichtnehmen ist aber verdammt anstrengend, weil man ja dauernd überlegen muss, wem das, was man sagt und tut schadet oder wehtut. Sagt der Unpolitische „Neger“, wedelt der Alt-68er-Lehrer mit dem Zeigefinger und sagt: Sagt man nicht. Sogar wenn gar kein Neger in der Nähe war, der das hätte hören können. Dass der grüne Scheißhippie Rücksicht nimmt, macht ihn aus Sicht des Unpolitischen zu einem Gutmenschen. So ein Gutmensch zeichnet sich dadurch aus, dass er allen anderen alles Mögliche verbietet, was er selbst nicht tut, und sich deshalb gut vorkommt, moralisch überlegen. Und dass irgendwer sich ihm überlegen fühlen könnte, das kann der Unpolitische nun gar nicht ab und findet deshalb den Gutmenschen scheiße.

Der Linkenhass der Unpolitischen
In der Regel ist der Unpolitische rechts, aber meistens nicht im mindesten rechtsradikal oder -extrem. Deswegen reagiert er (zu Recht) sehr erbost, wenn man ihn einen Nazi oder Fascho nennt. Der gemeine Antifa-Jünger aber nennt alle Rechten, die sich nicht permanent von irgendwelchen Rechtsradikalen distanzieren oder gar mit Rechtsextremen reden gern „rechtsoffen“. Auch das versteht der Unpolitische schon als Beleidigung. Und weil es ja tatsächlich immer nur Leute sind, die er für Linke hält, die ihn rechtsoffen nennen, also dieselbe Mischpoke, die ihm seinen Spaß verderben will, hasst er die Linken. Ohne auch nur im Ansatz zu wissen, was „links“ nun eigentlich ist. Wenn er wüsste, dass – würden Linke die Welt insgesamt verändern und bestimmen – es ihm persönlich in vieler Hinsicht besser ginge, wäre er vielleicht selbst links. Da er aber über den hohen Tellerrand seiner kleinen, unbedeutend und unpolitischen Existenz nicht hinausblicken kann, hasst er die Linken abgrundtief. So abgrundtief, dass er sich oft von Rechtsextremen und -radikalen, von Nazis und Faschos in ihrem Sinne instrumentalisieren lässt. Das ist das Schlimmste an den Unpolitischen.

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