Der Fußballsport entwickelt sich stetig weiter, aber in den Köpfen vieler Fans wabern noch die Mythen von vor 20 Jahren – besonders, was Spielertypen angeht.

Meinung · Jede Fußballära hat ihre mythische Figur. Nein, damit sind nicht die Uwe Seelers, Gerd Müllers, Franz Beckenbauers und Lothar Matthäus‘ dieser Welt gemeint, sondern gewisse Spielertypen, die in den jeweils angesagten System eine wichtige Rolle spielten. Besonders drei davon spuken immer noch durch die Köpfe vieler Fans, die meinen, ohne Flügelflitzer, Spielmacher und Knipser könne kein Team einen Blumentopf gewinnen. Aber, der Fußballsport entwickelt sich weiter, und die mystische Strahlkraft der Liberos früherer Jahre ist ja durch 25 Jahre Viererkette auch schon ganz schön verblasst. Und: Kann noch einer genau definieren, was ein Vorstopper war? [Lesezeit ca. 4 min]

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Der moderne Fußball kommt ohne diese Stereotypen aus. Kicker, die aus einer dieser alten Rollen nicht rauswachsen, sind nicht mehr erfolgreich. Ein Vollstrecker wie Terodde schon beinahe ein Dino. Früher war es gang und gäbe, dass es einen Mittelstürmer gab, dessen einziger Job es war, die Tore zu schießen. Zu diesem Zwecke lungerte er immer möglichst weit vorne herum und hielt sich aus der Defensive völlig raus. Geht heute in den Zeiten der flexiblen Ketten nicht mehr, da muss auch der Knipser ran.

F95 vs Heidenheim: Khaled Narey nach Abpfiff, traurig (Foto: TD)

F95 vs Heidenheim: Khaled Narey nach Abpfiff, traurig (Foto: TD)

Wie und was er tun kann und sollte, zeigt unser Rouwen Hennings in den letzten Jahren. Natürlich muss er möglichst oft im Sechzehner in Schussposition geraten und auch knipsen. Aber eine zweite wesentliche Aufgabe für eine solche Sturmspitze ist heute das hohe Pressing sowie das situationsbezogene Verstärken des Mittelfelds. Dies alles, das zeigen aktuell besonders die Frauen bei ihrer EM, bedingt keinen speziellen Spielertyp, sondern ein relativ unspezifisches Bündel an Talent, Fähigkeit, Athletik und Motivation. Kurz und gut: Der Knipser ist ein Auslaufmodell.

Bremen vs F95: Zurecht Rot für Peterson nach diesem Foul (Screenshot Sky)

Bremen vs F95: Zurecht Rot für Peterson nach diesem Foul (Screenshot Sky)

Schon in der Winterpause der Saison 2021/22 träumten Fortuna-Fans davon, dass der Verein wieder einen Spielmacher wie seinerzeit Kevin Stöger verpflichten könnte. Während der Knipser ein eher bodenständiges Image hat, umwabert den Spielmacher die Aura der Kreativität. Hinten machen die dumpfen Verteidiger den Laden zu, vorne lauert der Knipser, während die Flügelflitzer an den Außenlinien mit den Hufen scharren. Und der Spielmacher, ja, der hat alles im Blick und entwickelt Ideen wie ein Automat. Seine Spezialität sind die genialen Pässe, die manchmal so genial sind, dass kein Mitspieler sie versteht. Alt-mo-disch! Wer gestern das Viertelfinale zwischen den Engländerinnen und den Spanierinnen gesehen hatte, fand bei Letzteren mindestens drei, wenn nicht gar vier Spielmacherinnen, also „kreative Köpfe“, die im Offensivspiel die Bälle verteilten. Kurz und gut: Der alleinige Spielmacher ist ein Auslaufmodell.

F95 vs Hannover: Maximales Feiern nach Shintas Siegtor (Foto: TD)

F95 vs Hannover: Maximales Feiern nach Shintas Siegtor (Foto: TD / Februar 2021

Torhüter und Linksaußen: Alle bekloppt! Stan Libuda! Wie der Flügelflitzer immer die Linie rauf und runter rennt, bis an die Grundlinie, dann die Flanke in die Mitte … und so weiter. Der größte Mythos im Fußball dürfte der Spielertyp sein, der sich ständig am Rande des Platzes bewegt, schnell, dribbelstark, aber auch leicht von den Beinen zu holen. Wie alle fixierten Positionen ist auch der reine Flügelflitzer ein Auslaufmodell.

Erik Thommy hat sein F95-Trikot gestiftet (Foto: unitedcharity.de)

Erik Thommy hat sein F95-Trikot gestiftet (Foto: unitedcharity.de)

Allen diesen Stereotypen gemeinsam ist, dass sie viel zu eindimensional sind für das moderne Fußballspiel. In dem sind nämlich (Achtung! Absolutes Modewort!) polyvalente Spieler gefragt, also Kicker, die mehrere Rollen bekleiden können, die sowohl offensiv, als auch defensiv arbeiten und zudem den Spielaufbau betreiben können. Gefragt sind kreative Köpfe, die auf außen wertvoll sein können, aber eben auch knipsen. Der Idealtyp des Außenstürmers kann es auf beiden Flügeln, und überhaupt hat das Zeitalter der Tandems längst begonnen: Das IV-Duo, die beiden Sechser, die Doppelspitze, das Duo aus Außenverteidiger und Außenläufer auf einer Seite. Vertikales und horizontales Rochieren ist angesagt, und die Frage, ob jemand links-, rechts- oder beidfüßig schießen kann, wird immer wichtiger.

Und was hat das alles mit unserer geliebten Fortuna zu tun? Klar, wir brauchen keinen neuen Knipser, keinen reinen Spielmacher und auch keinen 1:1-Ersatz für Khaled Narey (der übrigens als rechter Außenverteidiger geholt wurde…).

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