Dass der aktuelle schwäbische Oberbürgermeister ein ziemlich schlecht integrierter Zugezogener ist, kann man in letzter Zeit beinahe täglich erfahren. Da kann er sich noch populistisch geben, sich als eingefleischter Hertha-BSC-Fan einen Fortuna-Schal umwickeln oder das Rheinstadion radschlagend durchqueren, er ist bloß ein evangelikaler Schwabe und Ex-Manager, die sich irgendwie in die hiesige Sozenschaft gebohrt hat. Sein einziges Verdienst in der bisherigen Amtszeit war es, Miriam Koch, seine Gegenkandidatin zur Flüchtlingsbeauftragten zu machen. Das macht sie so gut, dass sich Tausende Düsseldorfer noch heute ins Gesäß beißen, nicht sie, sondern den Technokraten gewählt zu haben. Der weiß von dieser Stadt gar nichts. Wie sonst könnte er auf das schmale Brett kommen, das Mannesmann-Hochhaus am Mannesmann-Ufer, ein Bauwerk, das auf maximale Weise den Mannesmann-Konzern verkörpert, der für Zigtausende Düsseldorfer immer mehr war als nur eine Firma. Viele Hiesige haben gejubelt, als 2013 das verhasste “Vodafone”-Zeichen abmontiert wurde, weil der Laden seine eigene Cheops-Pyramide, ein Maximalbeispiel für Gewaltarchitektur, mitten uns Herz des beschaulichen Stadtteils Heerdt gepflanzt hatte. Und jetzt will der Geissel allen Ernstes, dass dieses symbolträchtige Gebäude nach Ritchie von Weizsäcker benannt wird. Das ist mindestens gedankenlos, wenn nicht ein Affront gegen die Düsseldorfer Bürger.

Nichts gegen den Ritchie Von, der sicher zu den am wenigsten peinlichen Bundespräsidenten zählt, aber als Grund für die Benennung des markanten Bauwerks an der Rheinpromenade heranzuzerren, er sei ja auch mal Mannesmann-Angestellter gewesen, ist so hirnrissig, dass es quietscht. Tatsächlich hockte er, erst als Praktikant, später als Prokurist, von 1950 bis 1958 in der MM-Rechtsabteilung. Das war’s. Gewohnt hat er nie in Düsseldorf, und auch sonst fällt dem gutwilligsten Ritchie-Fan keine erwähnenswerte Verbindung zwischen ihm in der schönsten Stadt am Rhein ein.

Dass der Geisel aber mit dieser Umbenennung einen emminent wichtigen und schmerzhaften Teil der Düsseldorfer Nachkriegsgeschichte einfach so wegwischen will, ist ein Skandal. Man erinnere sich: 1990 erwarb das Unternehmen die Lizenz zum Aufbau eines privaten Mobilfunknetzes, das als D2 in kürzester Zeit der mit Abstand größte und profitabelste Bereich des Konzerns wurde. 1999 hatte man sich quer durch Europa in die Netze eingekauft, und die Konzernleitung beschloss – natürlich einzig und allein im Sinne der Profitmaximierung und auf Kosten der treuen Mitarbeiter der anderen Bereiche – ganz auf Telekommunikation zu konzentrieren und den ganzen schäbigen Rest (außer der Röhrenwerke) zusammenzuklatschen, um damit an die Börse zu gehen. Die überaus erfolgreiche und in der Stadt tief verankerte Mannesmann Anlagenbau AG hatte man zu diesem Zweck an irgendeine französische Bude vertickt, die diese traditionreiche Tochter mit Sitz an der Kö und an der Kasernenstraße in Windeseile schluckte und plättete.

Schon zu dieser Zeit trieb ein gewisser Klaus Esser schon als Vorstandsmitglied sein Unwesen und war nicht unwesentlich an diesem ekelerregenden Konzernumbau beteiligt. Was er dann aber im Herbst 1999 mit voller Absicht anrichtete, beschreibt das manager-magazin im Jahr 2004 so:

22. Oktober 1999: Einen Tag, nachdem Mannesmann-Chef Klaus Esser den Kauf des britischen Mobilfunkanbieters Orange angekündigt hat, berichtet die Londoner “Times”, der (ebenfalls britische) Konzern Vodafone-Airtouch plane die Übernahme von Mannesmann. Vodafone Börsen-Chart zeigen, weltgrößter Mobilfunkbetreiber und bereits mit 34 Prozent an Mannesmann Mobilfunk beteiligt, ist ein Konkurrent von Orange. Die Mannesmann-Aktie notiert an diesem Tag bei 144 Euro.
7. November 1999: Zeitungen spekulieren, dass Vodafone und France Telecom eine “feindliche” Übernahme planen. Der Mannesmann-Kurs steigt steil an.
14. November 1999: Vodafone legt den Mannesmann-Aktionären ein erstes Übernahmeangebot vor. Es hat ein Volumen von umgerechnet rund 100 Milliarden Euro, für eine Mannesmann-Aktie werden 43,7 eigene Anteile geboten. Vodafone interessiert sich für das D2-Netz des Düsseldorfer Konzerns. Vorstandschef Klaus Esser lehnt die Offerte als “völlig unangemessen” ab. Vodafone-Chef Chris Gent bessert bis Dezember mehrfach nach. Er strebt jetzt eine feindliche Übernahme an. [Quelle: manager magazin vom 18.10.2004]

Das Ergebnis ist bekannt und gerichtsnotorisch. Esser und einige korrupte Betriebsräte machten sich die Taschen voll, Vodafone übernahm den Laden und hatte nichts Eiligeres zu tun, als den eigenen Schriftzug am Hochhaus anzubringen – quasi als Erniedrigung der Unterlegenen. 2004 wurde dann das Verhalten von Esser und den Gewerkschaftsfuzzis Gegenstand eines mehrinstanzlichen Prozesses, der mit der Einstellung der Verfahren gegen lächerlich geringe Geldbußen endete. Für jeden Düsseldorfer, der mitbekommen hatte, wie Esser den Konzern für ein Linsengericht vertickt hatte, konnte nicht anders, als dieses Ergebnis als Beispiel für Klassenjustiz zu sehen. Zumal eine wesentlichen Folge des Esser’schen Treibens seit 1994 war, dass insgesamt rund 16.000 Mannesmanner ihre Lebenstellungen verloren. Ob OB Geissel das weiß? Ob es ihn, der ja selbst auch den größten Teil seines Lebens als Manager auf der dunklen Seite der Macht verbracht hat, überhaupt interessiert? Ob er die ganze Übernahmegeschichte vielleicht sogar als völlig normal betrachtet? Man weiß es nicht.

Dass er aber mit Vorstößen wie diesem nie Düsseldorfer werden wird, ist sicher. Inzwischen regt sich Widerstand gegen die Umbenennung in verschiedensten Kreisen: Nicht nur Ex-Mannesmänner sind strikt dagegen, auch Jonges-Baas Rolshoven hält die Sache für keine gute Idee. Auch die örtlichen Wirtschaftsverbände lehnen den Vorschlag ab, den übrigens vermutlich der Sozen-Wirtschaftsminister Garrelt Duin ausgebrütet hat, dem man nachsagt, er möge das Rheinland und ganz besonders Düsseldorf nicht besonders. Dass der Konservativ-Soze aus dem Seeheimer Kreis so denkt, geht uns Düsseldorfer natürlich am Heck vorbei.

[Foto: Mannesmann]

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6 Kommentare

  1. Rainer Bartel am

    Es ist schon witzig zu sehen, welche Typen dem schwäbischen OB hier in den Kommentaren beispringen: Lauter kleine anonyme Arschlöcher, deren Ergüsse man erst mühsam aus dem Spam kratzen muss, weil sie deutlich unter den Begriff “Hate-Speech” fallen. Am allerwitzigsten das ewige kleine anonyme Arschloch, das hier seit Langem rumspukt: Der wirft dem Verfasser wörtlich “Xenophobie” vor. Diesem und allen anderen kleinen anonymen Arschlöcher widme ich dieses Lied:

    Wir schlafen nicht in Betten
    Wir schlafen nicht auf Stroh
    Wir schlafen auf Paletten
    Das ist in Flingern so

    Hei-di-hei-do-hei-da
    Es kann nicht jedes Arschloch
    ein Düsseldorfer sein

  2. Die Behauptung, Richard von Weizsäcker hat nie in Düsseldorf gewohnt, ist falsch. Richtig ist, er hatte in den 1950er Jahren seinen Hauptwohnsitz in der Heinrichstraße 28. Auch zu seiner Zeit in den 1960er Jahren, beim Düsseldorfer Bankhaus Waldthausen & Co., wohnte von Weizsäcker dort.

  3. Pingback: Geisel: Ein Unglücksrabe als Glückspilz | Post von Horn

  4. Günther A. Classen am

    Einmal unabhängig davon, dass der Mannesmann-Konzern für diesen Hochhausbau – typisch DödelDorf – das einmalige zusammenhängende Ensemble an Jugendstil-Architektur auf der Berger Allee seinerzeit gegen alle Proteste rücksichtslos abreißen ließ, gehören die beiden Architekten des Hochhauses, Egon Eiermann, der sich besonders als Möbeldesigner („Eiermann-Stuhl“) weltweit einen Namen machte und Paul Schneider-Esleben, der neben dem berühmten, 1992 abgerissenen Arag-Terrassenhaus an der Brehmstraße, in Düsseldorf auch die bekannte Haniel-Garage (1951, erstes Parkhaus in Deutschland, 500 Stellplätze) mit dem angeschlossenen Stelzen-Motel an der Grafenberger-Allee entworfen hat, zu den wichtigen Vertretern der „Nachkriegsmoderne“. Schneider-Eslebens Sohn Florian gehört zu Düsseldorfs bekanntesten ……
    ****… aber das wissen schließlich die LeserInnen des düsseldorfer eh längst

    • Rainer Bartel am

      Äh, von Protesten beim Bau des Mannesmann-Hochhauses zwischen 1956 und 1958 habe ich noch nie etwas gehört.
      Kann es sein, dass die die Proteste um den Abriss der schönen Häuser an der Berger Alle 1980 meinst? Da ging es um den Erweiterungsbau von Mannesmann.
      Auf dem Grundstück, auf dem seit 1958 das Hochhaus steht, stand nach meinem Wissen vorher ein eher schmuckloser Klotz der Fa. Mannesmann…

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