Mein 68 in Düsseldorf: Mehr Party als Protest

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Ja, natürlich waren wir auch gegen Numerus Clausus, Notstandsgesetze und vor allem gegen die NPD. Aber in diesem historisch so bedeutenden Jahr 1968 waren uns Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren andere Dinge wichtiger. Wir versuchten nach dem Motto zu leben „Party und Protest“, der Schwerpunkt lag jedoch mehr auf Flirten und Feiern. Schon nach dem Attentat auf Rudi Dutschke ein Jahr zuvor hatte bei uns Oberschülern eine gewisse Politisierung begonnen. Wir waren diese ganzen Honoratioren leid – Politiker, Unternehmer, Professoren, Lehrer -, weil wir die Schnauze voll hatten von Bevormundung und vor allem von Alt-Nazis. In der Schule wurden wir aufmüpfig, im wahren Leben strebten wir nach Freiheit – das alles mehr aus dem Bauch heraus, als auf der Grundlage politischer Lehren.

Im Herbst 1967 war ich nach mehreren Monaten als Austauschschüler in England nach Düsseldorf zurückgekehrt. Natürlich hatte ich einen Stapel Schallplatten mitgebracht, die sonst kaum jemand hatte: Frank Zappa, Lead Zeppelin, Canned Heat. Wer seltene Scheiben besaß, wurde auf jede Fete eingeladen. Die fanden in der Regel in den Partykellern der Einfamilienhäuser statt oder in den Wohnungen, wenn sturmfreie Bude herrschte. Aufgeklärtere Eltern förderten das und gönnten sich einen netten Abend im Kino oder in der Wirtschaft, damit die Jugend nach Herzenslust feiern konnten. Zum Beispiel die Erzeuger einer gewissen Ingrid, einem attraktiven Mädchen aus dem Viertel. Man hatte es gern dunkel, und man knutschte gern. Die Wahl hatten die Damen. Ingrid hatte einen wilden Kerl, der ein paar Jahre älter war als wir, eingeladen, einen Arbeiter wie es hieß. Und der hatte Drogen mitgebracht – damit meinte man 1968 in erster Linie Haschisch.

Party bei Kaechele

Wir Teenager hatten es nicht leicht, unter uns zu sein; es fehlten Jugendzentren, und in die Kneipen in der Altstadt, wo das wilde Leben tobte, ließ man uns nicht hinein. Wie neidisch waren wir, als Christoph, Sohn sehr wohlhabender Eltern mit eigener Wohnung auf der Elisabethstraße, von seinen Besuchen im Creamcheese berichtete – wie auch immer er als Sechzehnjähriger da hineingekommen war. Wir hatten allerdings die Tanzschule Kaechele auf der Sternstraße, und der Inhaber, Gerd Kaechele, hatte ein großes Herz für unsere Generation. Jeden Samstag fand offiziell ein Tanznachmittag statt, der in Wahrheit eine Party war, bei der wir selbst unsere Musik auflegen durften. Hauptsache, es wurde getanzt – bei „La Bamba“ machte der Chef gern mit. In der Garderobe im Untergeschoss konnten sich Pärchen hinter die Samtvorhänge zurückziehen, um sich besser kennenzulernen.

So sahen wir damals aus: Klassenfahrt 1969 nach Hermeskeil

So sahen wir damals aus: Klassenfahrt 1969 nach Hermeskeil

Vom beginnenden Studentenaufstand in Berlin bekamen wir wenig mit, außerdem erschien uns diese kaputte Metropole wie eine andere Welt. Aber im März 1968 kam es dann doch zu einer ersten großen Demonstration. Wir hatten in unserer Schülerzeitung am Leibniz-Gymnasium – die den schönen Namen „DenkMal“ trug – zur Beteiligung und zum Schulschwänzen am Demotag aufgerufen und mussten uns vor dem Direx dafür rechtfertigen. Andererseits war der jüngere Teil der Lehrerschaft durchaus auf unserer Seite. Schließlich ging es um den soeben eingeführten Numerus Clausus und eben auch um die Mängel am Bildungswesen. Einer der Slogans, die auf den Transparenten zu lesen waren, lautete: „In der Rüstung sind sie fix, für die Bildung tun sie nix.“

Arbeiter gegen Oberschüler

Wichtig waren die Schulfeste der Gymnasien, denn dies waren die gesellschaftlichen Höhepunkte für Leute unseres Alters. Wobei sich an diesen Partys die damals noch geltende, strenge Trennung zwischen Oberschülern (so nannten uns die anderen) und Arbeitern ablesen lässt. Letztere wurden nicht eingeladen, waren nicht erwünscht und wussten meist auch gar nicht, an welcher Penne etwas abging. Man blieb unter sich, und nur die eine oder andere Kirmes in den Vierteln führte zur Vermischung der Klassen. Dafür, dass wir diese Feten hatten, hassten uns die Lehrlinge und Jungarbeiter, und man bekam nicht selten Kloppe von den rauen Kerlen.

Das Ehepaar Fern von der Tanzschule von Kaiser im Fernsehen in den 60ernZentrum der Unruhe in Düsseldorf war die Kunstakademie – ausgelöst durch Joseph Beuys und seine Politisierung der Kunst. Er hatte die Deutsche Studentenpartei gegründet, und an der Akademie gab es für jede linke Ideologie eine eigene Gruppe. 1968 wurde außerdem das Republikanische Centrum (RC) an der Klosterstraße gegründet; dort sollten sich diese divergierenden Grüppchen finden, miteinander diskutieren und sich gemeinsam organisieren. Angeregt durch einen Schulfreund, der aus freien Stücken Marx las, besuchte ich das RC ein paar Mal. Aber ich verstand nichts von dem, worüber die ernsthaften Mittzwanziger dort sprachen. Meine Zentrale für politische Bildung war das berühmte Kabarett „Kom(m)ödchen“. Über einen anderen Schulfreund, die für Kay und Lore Lorentz arbeitete, kam ich an einen Schülerjob dort, und man nahm uns jungen Leute in die „Familie“ auf.

Fixpunkte: Kunstakademie und Kom(m)ödchen

1968 machten sich moderate Linke wie die Lorentzens große Sorgen um die Demokratie in Deutschland. Die große Koalition aus CDU/CSU und SPD schien jede Opposition zu ersticken, die FDP war schwach und die sogenannten „außerparlamentarische Opposition“ (APO) zu radikal. Die wachsenden Wählerstimmen für die NPD, die von der bürgerlichen Mitte als Neonazis betrachtet wurden, beunruhigten alle im Umfeld des Kom(m)ödchens. Es wurde vieldiskutiert, und die Stimmung fand ihren Niederschlag im vielleicht besten Programm des Kabaretts im Herbst 1969: „Es geht um den Kopf“.

Kom(m)ödchen (M.Neugebauer)

Es gab dann irgendwann auch eine Demonstration gegen die Notstandsgesetze; mit ein paar Freunden führten wir am Dreieck eine Passantenbefragung durch und mussten zu unserem Entsetzen feststellen, dass die Mehrheit der Befragten keine Ahnung hatte, was diese Gesetze bedeuteten. Auch gegen die Preiserhöhungen bei der Rheinbahn wurde protestiert, die Forderung lautete: Nulltarif. Um die ÖPNV-Betriebe unter Druck zu setzen, startete der Kabarettist Dietrich Kittner die Aktion „Roter Punkt“, die später auch in Düsseldorf ein bisschen Echo fand. Wer bereit war, fremde Leute im eigenen Pkw mitzunehmen, klebte einen roten Punkt auf die Windschutzscheibe; sah man ein so gekennzeichnetes Auto, konnte man es durch Winken anhalten. Vielleicht das radikalste Ereignis des Jahres war wohl die Sitzblockade auf dem Jan-Wellem-Platz, mit der die Protestierenden den Straßenbahnverkehr behindern wollten.

„68er-Generation“? Pustekuchen…

Mit dem, was Konservative, Ultrakonservative, Rechtsextreme, Rechtsradikale und Leute, die denen nachplappern, unter dem Stichwort „68er“ verstehen, hatte das Leben in Düsseldorf in jenem Jahr nichts zu tun. Komisch, denn aus deren Sicht gehören ja Menschen wie ich zur „68er-Generation“, die Hetzer gern „linksgrünversifft“ nennen. Wir waren zwar aufmüpfig und frech, aber nur in geringem Maße politisiert – das kam viel später. Und längst nicht bei allen. Dass heute rechtsdrehende Ignoranten unserer Generation, die später die grüne Bewegung gründete, so etwas wie „Verbotskultur“ vorwerfen, ist angesichts des unbändigen Freiheitsdrangs, dieser Lust am Abenteuer und am Experiment, die wir hatten, nur ein übelriechender Treppenwitz der Geschichte der letzten fünfzig Jahre.

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