Renate und Siggi haben jetzt auch die gefährliche Hildebrandtstraße hinter sich, und langsam wird’s langweilig. Wahrscheinlich haben die anderen Kinder die Wette längst vergessen. Vermutlich sind sie längst unterwegs in den Volksgarten, um auf der Ballonwiese oder am Weiher zu spielen und Unfug zu treiben. Aber Siggi nimmt die Sache immer noch ernst; schließlich geht es um die Ehre. Sein Vater sagt immer: „Was man angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen.“ Hat sowieso viele solcher Sprüche auf Lager: „Ehrlich währt am längsten.“, „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er mal die Wahrheit spricht.“ und natürlich auch „Lügen haben kurze Beine.“ Überhaupt: Lügen hasst der Vater mehr als alle anderen Fehler, die Leute so machen.
Das hat Siggis Bruder im vergangenen Sommer hart zu spüren gekriegt. Da war er eines Tages nachhause gekommen und hatte zwei tolle Siku-Autos mit. So richtig aus Metall, ganz naturgetreu: einen 300 SL und einen ziemlich großen Lastwagen. Siggi hatte seine Autos dazu geholt, und dann hatten sie auf dem Boden in ihrem Zimmer gespielt. Natürlich hatte Siggi keine echten Siku-Modell, bloß so billige Dinger aus Kunststoff, bei denen man kaum erkennen konnte, welche Wagen sie darstellen sollten. Dann kam der Vater rein, warf einen Blick auf unser Verkehrschaos, zeigte auf den Mercedes und fragte meinen Bruder: „Wo hast du den her?“

Siggi wusste es schon, dass sein Bruder die Autos von Gerhard geschenkt bekommen hatte, einem der acht Schulz-Brüder aus dem Erdgeschoss. Die Schulzens bewohnten nicht nur die Parterrewohnung zur Straße hin, sondern auch den Teil im Anbau auf dieser Höhe. Denn zwei der Jungs waren schon erwachsen, brachten Geld mit nachhause und manchmal auch ihre jeweilige Verlobte und hatten natürlich eigene Zimmer. Die drei mittleren, so zwischen vierzehn und siebzehn Jahre alt, waren ziemlich böse Buben. „Kriminelle“ nannte der Vater die und sagte immer: „Die werden alle später Verbrecher und kommen dann ins Kittchen.“ Gerhard, den alle nur Gerd nannten, war der schlimmste von denen, denn der klaute wie ein Rabe.

Besonders gern und erfolgreich im Spielwarengeschäft Lütgenau auf der Graf-Adolf-Straße und bei Ziem in der Altstadt, wo es nicht nur Märklin-Eisenbahnen gab, sondern auch die schönsten Automodelle von Wiking und Siku und sogar von dieser Marke aus England. Matchbox. Immer hatte Gerd die Taschen voll mit Spielsachen: eben Automodelle, aber auch Cowboy- und Indianer-Figuren, Jojos und was sonst noch klein genug war, um es unauffällig stehlen zu können. „Klemmen“ nannte er diese Tätigkeit. „Hier, schenk ich dir“, sagte er dann zu den anderen Jungs in seinem Alter, „hab ich beim Horten geklemmt“. Durch die Geschenke war er natürlich zum Helden des Hauses und der Straße geworden.

Frau Schulz hatte vier Söhne mit in die Ehe gebracht, die sie von ihrem Mann hatte, der aber in Stalingrad geblieben war. Dann hatte sie Herrn Schulz kennengelernt, einen großen, schweren Mann mit tiefschwarzen Haaren, der nie viel sprach und angeblich über gewaltige Körperkräfte verfügte. „Der schmeißt das Dreirad vom Neger mit einer Hand um“, hatte Uwe, der sechstälteste, der mit Siggi, Ebse und Horsti in dieselbe Klasse ging, mal gesagt. Herr Schulz hatte ebenfalls vier Söhne. Die Mutter dieser Jungs, so munkelte man im Haus, sei auf der Flucht vor dem Russen angeschossen worden, habe sich dabei so ein Fieber geholt und sei dran gestorben. Witzigerweise waren beide Parteien ungefähr im gleichen Alter, sodass es immer zwei Schulz-Jungs einer Größe gab. Aber man konnte leicht unterscheiden, wer von wem war, weil die Söhne von Frau Schulz alle ziemlich blond waren und die anderen schwarze Haare hatten.

Mutti und Vati waren auf diese Bande nicht gut zu sprechen und hatten Siggi und seinem Bruder praktisch verboten, mit denen zu spielen, ja, auch nur zu reden. Aber ein solches Verbot ließ sich kaum kontrollieren. Besonders wenn alle Corneliuskinder sich im Hof trafen. Wenn die ältesten Schulz-Söhne zuhause waren, dann öffneten sie die Fenster zum Hof und machten Quatsch, um die Pänz zu unterhalten. Und Hartmut, der Älteste, hatte immer Süßigkeiten zur Hand, die er großzügig verteilte.

Und jetzt stand Vati vor dem Bruder und schaute ihn böse an. Der stotterte „Hab ich gefunden…“ und fing sich, zack, eine mächtige Ohrfeige. „ Ich weiß genau, wo du die Dinger her hast. Vom Gerhard Schulz. Stimmt’s?“ Siggis großer Bruder konnte gerade noch vermeiden loszuheulen und schüttelte den Kopf. Und, wumms, hatte er eine auf der anderen Backe kleben. „Du weißt, warum du dir die Maulschellen fängst, oder?“ Jetzt nickte der Delinquent. „Weil du mich anlügst. Weil du mir frech die Unwahrheit erzählst. Ich frage nochmal: Woher hast du die Spielsachen?“ Siggis Bruder war in die Hocke gegangen, schniefte ein paar Mal und sagte dann ganz leise: „Vom Gerd.“ – „Von wem?“ brüllte der Familienvorstand. „Vom Gerhard Schulz, der hat allen was geschenkt, weil er Geburtstag hatte.“ Was ihm eine Kopfnuss eintrug: „Und warum hat Siggi dann keines von diesen teuren Modellen, wenn alle was gekriegt haben?“ Jetzt flennte der Bruder und stammelte was davon, dass der Gerd so viele Autos gehabt hätte, dass er die gar nicht alle hätte unterbringen können, und der Peter, der Wolfram, der Hans-Josef und der Klaus hätten auch welche gekriegt.

Tja, und dann musste Siggis großer Bruder auf der Stelle mit den Modellen runter gehen zu den Schulzens und sie zurückgeben und sagen, dass er keine geklauten Sachen annehmen dürfe. Die Botschaft und die Autos nahm Herr Schulz schweigend an der Wohnungstür entgegen, wartete ein paar Sekunden und sagte dann zum Bruder: „Erzähl deinem Vater, dass er sich um seinen eigenen Scheiß kümmern soll. Sonst rummst’s.“ Und knallte Siggis Bruder die Tür vor der Nase zu. Oben kassierte das Häufchen Elend dann noch eine lange Predigt, und tatsächlich nahm er nie wieder was von Gerd Schulz an. Inzwischen waren die Schulzens auch weggezogen. Nach Erkrath, hieß es, in ein Hochhaus. Und die beiden Ältesten, die seien ganz weggezogen aus der Stadt. Hermann fahre zur See, erzählte man sich, und Manfred sei zur Bundeswehr gegangen und habe sich auf zwölf Jahre verpflichtet.

Sie waren jetzt an der Einmündung zur Corneliusstraße angekommen, am neuen Haus mit der runden Ecke und den winzigen Balkons mit Blick auf die Bahngleise, wo Willi, Jörg und Reinhild wohnten, die gleich nachdem sie hergezogen waren, Teil der Corneliuskinder geworden waren. „Ich mach mal Schellemännchen“, krähte Renate und schellte bei den Familien der Spielkameraden. „Nix wie weg!“ rief sie dann, und beide nahmen Tempo auf. Gegenüber stand seit Tagen ein riesiger, dunkelblauer Bagger, an dessen Ausleger eine gewaltige Eisenkugel befestigt war. Damit riss der Baggerführer den Rest der Wand eines Hauses ein, dass innen nur noch eine intakte Etagendecke hatte. Der Fahrer hatte zwei Kollegen, von denen der eine mit einem Schlauch Wasser auf die Trümmer spritzte, um den Staub zu binden. Der andere hatte eine Schubkarre und sammelte die Brocken ein, die bis auf die Fahrbahn oder gar die Schienen der Straßenbahn flogen.

„Pünktlich wie die Maurer“, sagte Siggis Mutter immer, weil die drei Arbeiter dreimal am Tag auf die Minute genau Pause machten. Offensichtlich war er Mann im Bagger der Vorarbeiter, denn der zog ungefähr um drei Minuten vor zehn eine Taschenuhr raus und schaute so lange aufs Zifferblatt bis es zehn war. Dann stellte er die Maschine ab, rief „Pause!“ und kletterte aus dem Führerstand. Dann hockten die Arbeiter genau zwanzig Minuten lang auf Sägeböcken am Rand der Abrissstelle, aßen Butterbrote und tranken Kaffee aus Thermoskannen. Mittags dann Bier, und Siggi hatten denen schon mal Flaschen aus Dieters Lager gebracht und dafür von jedem einen Groschen gekriegt.

Die großen Jungs fanden schade, dass die beschädigten Häuser jetzt alle abgerissen wurden, weil die Trümmer so viele Möglichkeiten zum spielen und Blödsinnmachen boten. Jetzt hatten sie sich im großen, grauen Kasten eingenistet, der im Krieg keinen Treffer abbekommen hatte, aber trotzdem abgerissen werden sollte, um Platz für die Verbreiterung der Corneliusstraße zu machen. Nur der Kolonialwarenhändler Lutter war noch drin, weil er mit seinem Laden erst im Winter in einen Neubau am Karolinger Platz würde umziehen können. Die Jungs hatten die Türen der Wohnungen aufgebrochen und Matratzen und kaputte Möbel rein geschleppt, um es sich gemütlich zu machen. Ganz oben hatte sich der Älteste der Familie Niersbach eingenistet. Der hatte einen Plattenspieler in seiner illegalen Wohnung. Und weil Ingo, der Elektriker, für Strom im Haus gesorgt hatte, hörte man nachts oft laute Rock’n’Roll-Musik aus dem Fenster im Dachgeschoss.

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