Mit nem Ei im Mund (2)

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Zwei Runden um den Block, das ist eine ganz schöne Strecke. Das Ei kullert in seinem Mund. Es schmeckt eigentlich nach nichts. Aber der Gegenstand im Mund regt Siggis Spucke an. Er schluckt alle paar Schritte. Und langsam bildet sich ein leichter Geschmack wie eine sehr dünne, fade Hühnersuppe. Ob wohl ein Küken im Ei ist? Fragt sich Siggi. Ob dem Küken jetzt schlecht wird von der Schaukelei? Da ist er auch schon am Werkstor der Bonbonfabrik in der Hildebrandtstraße. Ein starke Wolke Lakritzgeruch weht auf den Bürgersteig. Genau. Denkt Siggi. Von meinem Wettgewinn hol ich mir nachher beim Pförtner ne Tüte Waffelbruch für nen Groschen. Oder für fünf Pfennig gemischte Lakritzreste. Oder beides. Oder dazu noch einen Beutel mißlungene Gummibärchen. Auch für nen Groschen. Bleiben immer noch fünfunddreißig Pfennig übrig. Da krieg ich bei Oma Müsch auch noch ein Sigurd-Heftchen.

Der Unimog hat seine Wagen im Hof der Lakritzfabrik abgestellt und kommt aus der Einfahrt. Als der Trecker an Siggi vorbeifährt, schaut er, ob vielleicht Erwin Schönerstedt am Steuer sitzt. Der ist nämlich Bahnbeamter im Güterverkehr und wohnt bei seinen Eltern. Im Haus neben dem von Siggi. Erwin hatte ihn schon ein paar Mal mitgenommen zum Bahnhof. Er saß dann im Stellwerk des Derendorfer Güterbahnhofs, schaute auf das Gewirr der Gleise, beobachtete die Männer, die mit den Bremsklötzten hantierten, versuchte bei jedem Waggon, der den Ablaufberg herunterrollte, vorherzusagen, welchen Gleisweg er nehmen würde, und aß ansonsten Butterbrote, die ihm Erwins Kollegen schenkten.

Auch mit Edgar, Erwins Bruder, war er schon mitgefahren. Der arbeitet als Fahrer für die Keksfabrik Xox. Ware ausliefern, nannte er seine Tätigkeit. Siggi saß auf dem Beifahrersitz im VW Transporter, der genauso lackiert war wie die berühmten Xox-Keksdosen, von denen eine auch bei Frau Jäger stand, die alte Dame, die er manchmal mit seinen Eltern besuchen musste. Leider bewahrte die dicke Frau, von der seine Mutter manchmal geheimnisvoll sagte, dass es bei der reichlich zu erben gäbe, darin selbstgebackene Plätzchen auf, die es mit den wunderbar knackigen Xox-Waffeln mit Kakao-Füllung nun wirklich nicht aufnehmen konnten. Edgars Keksdosen-Bulli strahlte in kräftigem Rot, auf das mit lebensecht wirkenden Keksen, Waffeln und Käsegebäck gemalt war. Dazu natürlich der Xox-Schriftzug, dessen Buchstaben aussahen wie aus Salzstangen geformt.

Siggi hatte oft überlegt, ob er nicht auch Maler werden sollte. Aber dann einer, der die Sachen ganz so malen konnte wie sie in Wirklichkeit aussahen. Natürlich würde er dann nicht nur Autos bemalen. Sondern auch die Plakatwände an den Kinos. Er stellte sich vor, wie er auf einem Gerüst hoch über dem Eingang des Kristallpalastes das Plakat für seinen Lieblingsfilm malen würde. Wie er die verschiedenen Gelbs des Wüstensandes erfinden würde und das Gesicht des Lawrence von Arabien mit den strahlend blauen Augen so lebensecht gestalten, dass die Leute schon massenweise vor dem Kino stehen blieben, bevor auch nur das Plakat fertig wäre, geschweige denn der Vorverkauf begonnen hätte.

Als Beifahrer im Xox-Lieferwagen fühlte sich Siggi schon wichtig genug. Er spürte, daß auch das eine Aufgabe sein könnte, Waren aus Fabriken in die Läden zu bringen, wo jedermann sie kaufen könnte. Außerdem hatte Edgar immer reichlich Xox-Salzstangen im Handschuhfach.

Langsam geht ihm der Atem aus, mit dem Ei im Mund. Siggi beschließt, sich eine Pause zu gönnen. Davon war ja nicht die Rede gewesen, dass er keine Pause machen sollte. Aber, ob er das Ei dabei rausnehmen dürfte? Wahrscheinlich hätte er die Wette dann verloren. Also heimlich. Siggi bleibt vor dem dunklen Fenster des Geigenbauers stehen. Schaut sich um. Niemand ist ihm gefolgt. Nimmt das Ei aus dem Mund und atmet kräftig durch.

Das Haus, in dem der Geigenbauer Laden und Werkstatt eingerichtet hat, ist das schmalste auf der Hildebrandtstraße. Horsti hatte, in der Zeit als er alle Häuser, Einfahrten und Höfe vermessen wollte, die Breite abgeschritten und ein Maß von nur drei Meter zwanzig herausbekommen. Neben Schaufenster und Ladentür geht es gleich ins Treppenhaus. Das Haus ist zwar schmal, reicht aber bis fast an den Bahndamm heran. Die Treppe führt deshalb wie ein schmaler schräger Gang ohne Absatz bis in die erste Etage. Der Keller ist nur durch den Hof zu erreichen. Jedenfalls nimmt das Schaufenster gut zwei Drittel der Breite ein. Keines der Kinder hat je herausfinden können, ob das Fensterglas schmutzigbraun war oder ob die vielen holzfarbenen Sachen im Laden den Eindruck machten, man blicke in ein braunes Loch. Nur Marie. Sagte Renate, die es von Maries Bruder Micha hatte.

Der hatte erzählt, eines Tages wäre Marie am Geigenladen vorbeigegangen als der Geigenbauer auf die Straße getreten sei. Sie hätte sich ein bißchen erschrocken, weil sie, wie die anderen Kindern, den Geigenbauer zuvor noch nie gesehen hatte. Aber er wäre ihr ganz freundlich vorgekommen mit seinem runden Gesicht, mit den kleinen, dunklen Schweinsaugen hinter einer noch kleineren, randlosen Brille und der Stupsnase, die in seinem dichten Vollbart fast verschwand. Einen grauen Kittel habe er getragen, einen Seemannspullover mit Rollkragen darunter und nackte Füße in Holzpantinen.

Er habe sie gefragt, ob sie einmal den Laden sehen wolle. Und ob sie Durst hätte. Sie sei mit ihm hineingegangen und habe dort eine lauwarme Sinalco getrunken, während der Geigenbauer ununterbrochen von den Violinen (Micha sagte: Fiolinen, mit Betonung auf der ersten Silbe), Bratschen, Celli (Micha sagte: Schälli) und Kontrabässen erzählt und behauptet habe, früher sei er selbst ein Virtuose (Micha sagte: Fürtohose) gewesen, aber bei einem Autounfall habe er sich den linken Arm so schwer verletzt, dass er nicht mehr in der Lage wäre, ein Instrument (Micha sagte: Inschtrument, mit Betonung auf der ersten Silbe) zu halten.

Marie habe sich die Geigen angesehen und gefragt, ob er auch wirklich manchmal welche baue, weil alle Leute im Häuserblock behaupteten, niemals habe jemand bei ihm eine Geige bauen lassen. Worauf der Geigenbauer sagte, dass er Instrumente für die besten Orchester (Micha sagte: Orschester) der Welt baue und diese versende. Alle sechs Wochen brächte die Bahn einen Transportwagen, den er mit fertigen Instrumente fülle, und den dann der Unimog abholen käme. Und weil sich das alles im Hof abspiele, hätte noch kein Nachbar dies je beobachtet. Außerdem würden manchmal Kunden kommen, Saiten zu kaufen, und die eine oder andere Reparatur führe er auch aus. Aber am liebsten baue er Geigen und Celli. Er nähme sich viel Zeit mit den Entwürfen. Ob sie auch seine Werkstatt sehen wollen. Marie bejahte.

Siggi hat den Eindruck, die Pause müsste jetzt zuende sein, schiebt sich das Ei in die rechte Backentasche – er hat herausgefunden, dass er dann besser atmen kann als wenn das Ei auf seiner Zunge liegt – und läuft los. Und in diesem Moment bricht eine Hölle los. Um die Häuserecke bläst eine schwarze Wolke auf ihn zu. Begleitet von einem Lärm als ob Millionen Kieselsteine über ein gigantisches Waschbrett rollen. Siggi nimmt ein Nase voll Kohlenstaub und muss heftig husten. Rasch spuckt er das Ei in die Hand und hustet hemmungslos. Natürlich ist er stehengeblieben und beendet den Anfall mit vorgebeugtem Oberkörper. Um die Ecke kommt der Kohlenhändler.

Ein Mann von über zwei Metern Länge und dick wie der Elefant im Wuppertaler Zoo, vor dem sich Siggi bei einem Besuch vor Jahre so geängstigt hatte. Schwarz von oben bis unten. Schwere Stiefel mit Metallbeschlägen an der Spitze und an der Hacke. Eine Manchesterhose mit weitem Schlag. Aufgehängt an Hosenträger, die sich über ein pralles, dunkelgrau-schwarz-gestreiftes Hemd ohne Kragen spannen. Vom Kohlenstaub geschwärztes, kantiges Gesicht, schwarzes Kraushaar, das in dicken Koteletten ausläuft, die unter einer schwarzblauen Mütze hervorquellen. Der Kohlenhändler hat eine Flasche Bier in der Hand, blinzelt ein bißchen in Siggis Richtung und sagt: „Hasse disch verschrocke, wa?“ Lässt den Bierflaschenverschluß mit Plopp aufspringen und zischt den Inhalt in einem Zug in seinen dicken Hals. Rülpst. „Eene Schüttung, eene Flesch!“ Und verschwindet wieder um die Ecke.

Gut, dass ich das Ei noch ausgespukt hab, denkt Siggi. Sonst wärs mir rausgeflogen vor Husten. Schon mal hatte er sich furchtbar erschrocken als im Kohlenhof eine Ladung Koks aus dem ersten Stock des Lagers über die Rutsche auf die eisenbeschlagene Ladefläche des Pferdewagens gepoltert war. Auch damals war der Kohlenhändler aus dem Hof gekommen und hatte Bier getrunken. Siggi hatte sich damals zum ersten Mal getraut, in den Hof des Kohlenhändlers zu gucken.

Der dreieckige Kohlenhof wird begrenzt vom Haus des Kohlenhändlers, das von vorne strahlend saubergehalten, von hinten aber schwarz-braun gesprenkelt ist, dem Anbau des Hauses, in dem der Geigenbauer seinen Laden hat, und dem Bahndamm, der an dieser Stelle dem Kohlenhändler dazu dient, seine Halden aufzuschütten. Siggi war damals wirklich in den Hof geschlichen, aber der Kohlenhändler hatte ihn erwischt und ohne viel Federlesens seine Hand genommen und einmal rund um den Hof gezerrt. „Un dat sin Eierkohle. Und dat is Koks usse Hütte für zum Verfeure in Zentralhiezong. Un dat sin Briketts uss Eschweiler.“

Und jeden Haufen erklärt. Schließlich schob er Siggi wieder auf den Bürgersteig, drehte ihn so, dass sich die beiden in die Augen sehen konnte, zumal der Kohlenriese sich in die Hocke begeben hatte, und sagte: „Aber nit hier in minge Hof rumspijeniere. Klar?“ Siggi hatte heftig genickt, sich losgerissen und war weggelaufen.

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