Mit nem Ei im Mund (3)

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„Siegfried! Siegfried!“ Seine Mutter winkt von der anderen Straßenseite aus. „Komm mal rüber!“ Siggi wollte sowieso auf den anderen Bürgersteig. Das Ei hat er noch in der Hand. Seine Mutter steht mit der Einkaufstasche vor der Einfahrt zum Bierverlag Treukens. Siggi findet, sie guckt komisch. Außerdem sind ihre Haare zersaust. Na ja, wäre nicht das erste Mal, dass Mutti nach dem Einkaufen bei Dieter im Getränkelager vorbeischaut. „Was ist denn?“ – „Zum Essen bist du aber zuhause, Siegfried, dass das klar ist!“ – „Wann gibts denn Abendbrot?“ – „Wenn Vati zuhause ist. So um halb sieben.“ – „Und wann ist halb sieben? Ich hab doch keine Uhr.“ – „Dann fragst du eben jemand. Und wehe du kommst zu spät. Dann gibts Stubenarrest.“ „Tschö, Mutti. Ich muß los. Ne Wette!“ ruft Siggi und sprintet los. Unterwegs schiebt er sich das Ei wieder in den Mund.

Er biegt in die Corneliusstraße, wo gerade die 4 vorbeirumpelt. Siggi freut sich: Die alten Straßenbahnwaggons mit den offenen Perrons sieht er nur noch selten. Wo der Schaffner noch mit einem Geldbehälter vor dem Bauch herumläuft und „Hier noch jemand zugestiegen?“ ruft. Den Fahrschein von einem Block abreißt, der auf einem Holzbrett an der Geldtasche befestigt ist. Die Münzen mit einem Blick taxiert und sortiert in die Schächte des Behälters schiebt. Für jede Münze gibt es einen Schacht, der mit kleinen Schlitzen versehen ist, durch die man sehen kann, wieviel Münzen in der Röhre sind. Das Wechselgeld gibt der Schaffner durch den Druck auf einen am Hebel am unteren Ende der Röhre frei und läßt es in die Handfläche fallen. Das alles beherrscht der Schaffner mit großer Präzision und Geschwindigkeit.

Wenn Siggi und seine Freunde mit der Bahn ins Schwimmbad an der Kettwiger Straße fahren, warten sie manchmal an der Haltestelle bis ein Zug aus alten Waggons kommt. Sie mögen die neuen Wagen nicht, bei denen man nur durch die hinterste Tür einsteigen darf, weil dort der Schaffner erhöht hinter einem Schalter sitzt, an dem vorbei muss, wer mitfahren will. Im Sitzen sind die Schaffner viel strenger. Will Siggi mit fünf Fünfpfennig-Stücken bezahlen, wird er angeschnauzt. Das passiert bei den Schaffnern in den alten Waggons nie. Vielleicht, denkt Siggi, weil fünf Pfennige früher als die alten Waggons modern waren, noch einen Wert darstellten. Und die Schaffner in den neuen Waggons sich daran nicht mehr erinnern konnten. Waren auch meist die älteren Schaffner, die in den alten Waggons mitfuhren. Allerdings sorgten die dafür, daß Kinder wie Siggi und seine Freunde aufstanden, um älteren Damen oder Kriegsbeschädigten einen Sitzplatz freizugeben. Dabei waren sie auch ziemlich kaputt, wenn sie vom Schwimmen kamen und hatten einen Sitzplatz genauso nötig wie alte Frauen oder die Männer, die in dunkelgrauen langen Loden- oder Kleppermänteln mit grauen Käppis und dunklen Brillen zustiegen, und ein Recht auf den Sitzplatz hatten, weil sie im Krieg gewesen waren.

Siggis Vater war auch im Krieg gewesen. Aber deswegen trug er noch lange keinen Gummimantel oder eine blöde Mütze oder eine Sonnenbrille. Und ein Sitzplatz wurde Siggis Vater vom Schaffner auch nie freigemacht. Sicher, der einbeinige Mann von der Heresbachstraße, der sollte schon sitzen. Konnte ja auf dem Bürgersteig kaum stehen, wie dann erst in der wackeligen Straßenbahn? Für ihn standen alle Kinder auf. Auch, weil er ziemlich schlecht roch (Der hat immer ne Fahne, sagte Siggis Vater). Und weil er die Jungens immer anfassen wollte. Außerdem murmelte er fortwährend vor sich hin, und Ebse behauptete, der Mann wäre bei den Negern in Gefangenschaft gewesen und habe dort geheime Verhexungssprüche gelernt, mit den er Menschen zu seinen willenlosen Werkzeuge machen könne – zumindest auf längere Zeit gesehen. Als Preis dafür, dass die Neger ihm ihre Geheimnisse verraten hatten, habe er sein Bein geopfert, das die Neger ihm abgeschnitten, gekocht und verspeist hätten.
Während die Mädchen Ebse diese Geschichte schon glauben wollten, sagte Horsti nur, „Du spinnst. Wenn der so mächtig ist, warum ist er dann nicht reich? Warum muß er Straßenbahn fahrn? Warum hat er nur einen Mantel? Warum ist er überhaupt hier und nicht in Amerika?“ Ziemlich unwiderlegbare Einwände, fand Siggi.

Beide Waggons der Bahn, die nun an der Haltestelle zum Stehen kommt, sind leer. Der Schaffner lehnt sich aus der Plattform des vorderen Wagens, um zu prüfen, ob irgendwelche Fahrgäste zusteigen wollen und zieht schließlich an der Lederschnur über der Plattformöffnung. Es klingelt, der Fahrer dreht an der Kurbel, und die Straßenbahn setzt sich wieder in Bewegung.

Siggi trabt weiter. Ein Zweitaktmotor knattert. Das Torpedo-Dreirad des Negers fährt an ihm vorbei und biegt ein paar Meter weiter in eine Einfahrt, bleibt aber so stehen, dass der Lieferwagen den Gehweg versperrt. Der Neger steigt aus. Siggi sieht den schwarzen Kopf mit den krausen Haaren über dem Fahrerhäuschen. Ehe ihn der Neger noch bemerken kann, drückt sich Siggi in den nächsten Hauseingang. Der Neger ist ein alter Mann. Sagt Micha. Das habe ihm Dieter erzählt. Der hat ja schon graue Haare, habe Dieter gesagt. Wieso? Warste denn schon mal so dicht dran? habe dann Renate gefragt. Dieter habe nur gelacht und gesagt: Ich hab in Amerika mehr Neger gesehen als ihr jemals in eurem ganzen Leben sehen werdet. Ich kenne die Neger gut. War mit einem sogar befreundet. Sugar Ray (Micha sagt: Schugga Reh) habe der geheissen und sei später ein berühmter Boxer geworden. Ja, und mein Onkel ist Papst, habe Renate geantwortet. Siggi ist im letzten Sommer mal zu Dieter in den Getränkehandel gegangen, weil er mehr über den Neger wissen wollte.

Wenn man durch die Einfahrt des Bierverlages geht, kommt man am Ende auf einen winzigen quadratischen Hof, der so klein ist, dass man kaum ein Fahrrad darin wenden kann. An der rechten Seite ist eine Stahltor, das fast die ganze Wand einnimmt. Im Tor ist eine Tür eingelassen, durch die man in den Kühlraum des Bierverlags kommt. Hier stehen meterhoch die Bierkästen und Kästen mit Sinalco-Limonade und Afri-Cola. Auf einer Seite steht ein deckenhohes Metallregal, auf dem die Bierfässer gelagert werden. Eine Hälfte des Regals ist rotlackiert, die andere blau. In der roten Hälfte stehen die vollen Fässer, in der blauen die leeren. An der Decke des Raums ist eine Schiene befestigt, die parallel zum Regal verläuft. Daran ist ein Flaschenzug mit zwei Haken angebracht. Wenn Dieter eine Lieferung von der Brauerei bekommt, werden die Fässer auf der Straße vom Brauereilaster auf einen schweren Handwagen umgeladen. Dann macht Dieter das Tor zum Kühlraum auf, zieht den Handwagen rein und schließt das Tor schnell wieder, damit nicht zuviel Wärme eindringt. Der Wagen mit den Fässern wird dann vor das Regal bugsiert. Dann holt Dieter den Flaschenzug heran und läßt die Haken auf die Höhe der Ladefläche herunter. Er legt ein Fass auf die Seite, hakt die Greifer an den Rändern des Fasses ein und zieht den Flaschenzug an. Er bewegt den Kran so, daß das Fass am zukünftigen Lagerplatz am Regal auspendelt. Nun muß er die Leiter heranholen, zum Fass hochsteigen und es mit den Händen oder einem Metallhaken, den er am Gürtel trägt, ins Regal befördern und die Greifer lösen. Die Regalböden sind gewellt so daß die Fässer waagerecht liegenbleiben, ohne hin und her zu rollen. Auch die Sinalco- und Cola-Kästen und die Kästen mit Flaschenbier hievt Dieter mit einem Flaschenzug an ihren Platz. Der zweite Flaschenzug hängt an einem Kranausleger, der direkt neben dem Tor an der Wand befestigt ist. Damit baut Dieter Türme aus sieben, acht oder gar zehn übereinanderstehenden Kästen.

Nicht erst diese anstrengende Arbeit hat Dieter zu einem echten Muskelprotz, das findet Siggi jedenfalls, gemacht. Mutti sagt, Dieter war schon immer ein starker Mann. Dieter ist Muttis Schwager. Oder Schwippschwager. Oder so was. Er ist mit Muttis Schwester, der Tante Ingeborg, verheiratet gewesen. Und Mutti kennt Dieter schon so lange sie denken kann. Sie sind beide in einem Haus auf der Brunnenstraße groß geworden, zusammen in die Volksschule gegangen und haben als Kinder immer zusammen gespielt. Dieter hat sich mit knapp siebzehn freiwillig gemeldet und ist bei seinem ersten Einsatz am Monte Cassino in Italien direkt in amerikanische Gefangenschaft geraten. Drei Jahre war er in den Staaten – wie er immer sagt. Und wäre nach der Entlassung aus dem Lager in Oklahoma gerne dort geblieben. Aber das haben die Amis nicht erlaubt.

Dieser Sommertag war der heißeste Tag, an den sich Siggi erinnern konnte. „Heut springt das Quecksilber aussem Thermometer,“ hatte Vati schon morgens gesagt, ihr werdet sehen. Gegen Mittag hatte jeglicher Verkehr auf der Corneliusstraße aufgehört vor Hitze. Die Bande lungerte im Hof von Siggis Haus herum, denn der lag den ganzen Tag im Schatten, da konnte man es aushalten. Frau Knorrek aus Parterre, die ganz allein in der Zweieinhalbzimmerwohnung lebte, in die sie schon vor dreißig Jahren mit Mann und drei Kindern eingezogen war, hatte ein Kanne kühler Buttermilch vom Milchgeschäft Nassenstein geholt und bewirtete die Sieben durchs Küchenfenster, das auf den Hof hinausging.

Siggi mochte keine Buttermilch. Sicher würde er bei Dieter eine Flasche Sinalco abstauben können, denn was zu Trinken gabs beim Onkel immer. Also schlich Siggi matt durch den Hausflur auf die Straße. Als er die letzte Stufe, die noch im Schatten lag, verließ und den ersten Schritt auf den Gehsteig machte, schien es ihm, als stiege er in einen Teller Suppe. Warme Luft strich ihm um die nackten Beine, setzte sich zwischen den bloßen Zehen in den Sandalen ab, kroch ihm sogar durch den Latz der Lederhose. Ganz dicht an der Hauswand entlang stolperte er zur Straßenecke.

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