Mit nem Ei im Mund (8)

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Marie guckt ganz sauer. Wahrscheinlich weil Renate mit Siggi läuft. Vielleicht ist sie eifersüchtig, denkt Siggi unterwegs. Wenn die Mutter ihn zum Einholen schickt, dann klingelt er immer bei Schulzens, ob Marie da ist und mitkommen mag. Dann schlendern sie gemeinsam die Corneliusstraße entlang, überqueren die große Kreuzung auf der Seite, wo die Morsestraße abzweigt, und klappern die Geschäfte ab. Er kann sich gut mit ihr unterhalten, besser als mit Renate. Also ist Marie die bessere Freundin. Aber an Renate gefällt ihm was anderes, er weiß nicht so genau was.

„Erni, das heißt nicht Einholen,“ sagt Herr Hinz immer, wenn die Mutter ihn losschickt, „man kann etwas einkaufen oder holen, aber doch bitte nicht diese Wörter vermischen.“ – „Ach, Kurt,“ antwortet Mutti, „das ist doch egal.“ Und Vati meint, der Herr Hinz sei ein Klugscheißer. „Bitte, Männe,“ kriegt er dann von Mutter zu hören, „das sagt man nicht! Ein Besserwisser ist das.“ Die Familie Hinz besteht aus Herrn und Frau Hinz und dem Sohn Rainer, einem Einzelkind, wie Mutti und auch Tante Ingeborg nicht müde werden zu betonen. Freunde hat der nicht. Auch weil er früher so gut wie nie auf die Straße zum Spielen durfte. Jetzt ist er eh zu alt dafür, denn er ist im gleichen Jahr geboren wie Siggis großer Bruder, und der spielt auch nicht mehr draußen.

Herr Hinz ist Beamter. „Der schiebt Tag für Tag Akten von links nacht rechts und wieder zurück. Und poliert mit seinem Arsch den Bürostuhl,“ hat der Vater schon ein paar Mal gesagt. Die Stellung hatte er gleich nach dem Krieg bekommen, weil es so wenig Männer gab, die nicht „belastet“ waren – so nannte Vati das: „Der war bei den Evangelen. Das fanden die Nazis nicht so gut. Dafür haben sie ihn ins Gefägnis gesteckt.“ Eigentlich hatte Herr Hinz Lehrer werden wollen, aber damit war es wegen seiner Religion ab 1933 Essig. Immerhin musste er nicht zur Wehrmacht. Erst Ende 44 habe man ihn zum Volkssturm eingezogen, hieß es. Und dass er am zweiten Tag desertiert sei und sich zu Fuß bis zu den Amis durchgeschlagen habe. Traut man ihm eigentlich nicht zu, denkt Siggi. Denn der Herr Hinz ist ein eher kleiner, sehr schmaler Mann, der eine dicke Brille trägt. Die steckt in einem schweren, schwarzen Gestell, sodass er immer aussieht wie ein Schweißer. Im Sommer steckt er sehr dunkle Sonnenschutzgläser auf, weil seine Augen so lichtempfindlich sind. Nie hat er die Augen von Herrn Hinz gesehen, und das ist ihm irgendwie unheimlich.

Manchmal geht er mit seinem Bruder rüber zu Hinzens. Dann lernt er immer was, weil der Herr Hinz in seiner Freizeit Kreuzworträtsel löst und zu jedem gefundenen Wort gleich eine ganze Geschichte zu erzählen hat. Genau wie zu den Stücken in seiner Briefmarkensammlung. Er freut sich immer, wenn ihn Siggi was fragt. Wenn er weiß, dass sie zu Hinzens gehen, überlegt er sich vorher immer zwei, drei Fragen. Frau Hinz ist ein bisschen größer als ihr Mann, sehr viel dicker und hat einen breiten Mund, der immer lächelt. Zu Wort kommt sie kaum, und wenn, dann sagt sie sinnlose Sachen wie „Je, nun…“ oder „Wer weiß, wer weiß…“. Die Wohnung, in der die Familie Hinz lebt, ist winzig. Es gibt eine schmale Küche mit einem Sofa hinter dem Esstisch und ein Wohnzimmer mit einem Schrankbett. Rainer muss auf der Couch in der Küche schlafen. Immerhin gibt es einen Balkon, auf dem zwei Leute sitzen können. Das Klo ist eine halbe Treppe tiefer, und einmal in der Woche fahren die Hinzens in die Badenanstalt, um sich dort ordentlich zu reinigen. „Bald ist es so weit,“ sagt Herr Hinz manchmal, „dann ziehen wir endlich um.“ Schon seit Jahren hofft er auf eine Neubauwohnung, die ihm als Beamter der mittleren Laufbahn zusteht.

Da haben es Siggi, sein Bruder und die Eltern besser, denn deren Wohnung ist im Vergleich riesig. Das Haus haben Bauarbeiter wieder aufgebaut, die ein Unternehmen mit dem Versprechen in die Stadt gelockt hat, dass jeder für sich und seine Familie eine Wohnung in den ersten Häusern bekämen, die wieder bewohnbar gemacht würden. So landeten sie schon vor Siggis Geburt im Dachgeschoss der Nummer 118. Drei Zimmer gibt es, davon ist eines die Wohnküche, die freitags gleichzeitig als Badezimmer dient. Deshalb hat Vati auch den alten Kohlenherd dringelassen. Kochen tut die Mutter auf einem modernen Gasherd, aber auf dem alten Ofen kann man prima das Wasser für die Badewanne heiß machen. Siggi und sein Bruder haben ein eigenes Zimmer, während die Eltern im Wohnzimmer schlafen.

Aber lange werden sie hier auch nicht mehr wohnen, und Siggi hat große Angst vor dem Umzug, weil er dann ja woanders wohnt und seine Freunde nicht mehr jeden Tag treffen kann. Der Vater hat nämlich bald eine neue Stelle. Bei einer Brauerei. Dort soll er den Wiederaufbau der Gastwirtschaften organisieren, die Renovierung der Brauereigebäude und den Bau eines neuen Wohnhauses, in dem der Brauereiausschank entstehen wird. Das ist ganz in der Nähe vom Vinzenzkrankenhaus, da wo Tante Ingeborg und Onkel Hans wohnen. Da fährt er manchmal mit den Eltern hin und ziemlich oft mit dem Bruder. Die Haltestellen der Straßenbahnlinie 4 kann er auswendig: Morsestraße, Fürstenplatz, Helmholtzstraße, Mintropplatz, Hauptbahnhof, Worringer Platz, Wehrhahn, Adlerstraße, Rochusmarkt, Schlossstraße, Lennéstraße, Sankt-Vinzenkrankenhaus.

Jetzt sind Siggi und Renate gerade beim Schuster Voscht vorbei, der seinen Arbeitstisch ganz dicht am Schaufenster hat und bei der Arbeit ständig rausguckt. Peter heißt er und hat das Geschäft erst vor zwei Jahren von seinem Großvater übernommen, denn sein Vater ist im Krieg geblieben. Frau Schulz sagt, der Schuster sei eigentlich ein Halbstarker, man solle sich doch bloß mal seine Frisur angucken. Und was er anhat, wenn er nach Feierabend oder am Wochenende ausgeht. Außerdem fahre der so einen komischen Motorroller, das täten doch nur diese Halbstarken, diese Unruhestifter und Tunichtgute. Da brächte sie ihre Schuhe nicht hin. Da laufe sie lieber ein paar Minuten länger bis zur Hüttenstraße, da gäbe es auch einen Schuhmacher. Die Kinder mögen den Peter, weil der immer einen guten Spruch auf Lager hat und manchmal, wenn er in seiner Lederschürze und dem dunkelblauen Arbeitshemd vor der Tür steht und raucht, Lakritzschnecken an die Blagen verteilt. Dann sagt er immer „Tuttifrutti, oldelutti!“ und grinst. Oder kämmt sich die mit Brill-Creme befestigte Tolle über die Stirn.

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