Mit nem Ei im Mund (9)

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Und dann hören sie die Hildebande kommen. Man hört nämlich zuerst bösen Jungs auf ihren Rollschuhen mit den Stahlrädern über das Pflaster ihres Reviers poltern. Erst dann sieht man sie: vier, fünf große Burschen, die sich Einkaufsnetze als Masken über die Köpfe gezogen haben. Keiner weiß, wer sich darunter verbirgt. Ebse sagt immer: „Das sind dieselben, die ganz friedlich gegen die Cornelius-Truppe Fußball spielen.“ Siggi glaubt das nicht. Und hat großen Schiss vor den Kerlen, von denen jeder ein kurzes Vierkantholz in der Hand hält. Damit bedrohen sie alle Kinder und auch Jugendlichen, die es wagen, durch die Hildebrandtstraße zu gehen. Manchmal machen sie auch vor Erwachsenen nicht halt.

Allein schon wegen der Rollschuhe erscheinen sie größer als ihre Opfer. Außerdem machen sie merkwürdige dumpfe Geräusche, wie knurrende Rüden. So halten sie auf, wer ihnen in die Quere kommt und kassieren Zoll. Horsti haben sie vor ein paar Wochen sein ganzes Taschengeld abgenommen. „Fünf Mark! Futsch!“ hat Horsti gesagt und dann leise ein bisschen geheult. Wer von den Corneliuskindern sich was Süßes bei Oma Müsch holt, macht deshalb immer sicherheitshalber den Umweg über die Oberbilker Allee.

Auch wenn niemand jemals wirklich von den Mitgliedern der Band geschlagen wurde, haben doch alle Angst, weil es immer wieder Gerüchte gibt. „Denn Wolfgang,“ sagt dann wer, „den haben sie ins Krankenhaus geprügelt.“ Bald plappern alle das nach. Dabei ist der Wolfgang mit seiner Familie bloß weggezogen.

Jetzt stehen die Jungs auf den Rollschuhen vor Renate und Siggi. Eigentlich ist es mehr ein Grunzen, denkt sich Siggi und spuckt vorsichtshalber das Ei in die Hand. Im Halbkreis haben sie sich aufgebaut. Der größte von denen spricht ihn an: „Her damit!“ – „Mit was?“ stellt sich Siggi dumm. „In deiner Hand.“ – „Och, das ist bloß ein Ei.“ Die Kerle stecken die Köpfe zusammen. „Dann dein Süßkram!“ Siggi schüttelt den Kopf: „Hab nix, bin pleite.“ Einer mischt sich ein, der ein bisschen lispelt. Der spricht Renate an: „Dann deine Süßigkeiten!“ Die muss grinsen wie er das Wort Süßigkeiten ausspricht und sagt bloß: „Auch nichts.“ Ein dritter schaltet sich ein, der etwas kleiner ist als die anderen aber doppelt so breit. „Was machst du mit dem Ei?“

„Ist ne Wette,“ antwortet Siggi wahrheitsgemäß, „muss zweimal mit dem Ei im Mund um den Block laufen, dann hab ich gewonnen.“ Die Bande schweigt. So etwas Bescheuertes haben sie noch nicht gehört, die wilden Jungs. „Um was geht’s?“ Siggi guckt Renate an, Renate guckt Siggi an; sie wissen es nicht mehr. „Na, um die Ehre,“ antwortet Renate rasch. Der Typ ganz links macht den Scheibenwischer: „Ihr habt sie doch nicht alle.“ Da kommt Peter aus seiner Werkstatt, erkennt die Situation und kommt angerannt. „Haut bloß ab, ihr Arschgeigen!“ ruft er schon von Weitem. Die Band dreht auf den Rollschuhen um und macht sich davon.

„Na, alles im Lack, ihr zwei?“ Renate und Siggi nicken. „Wir hatten ja nichts für die.“ – „Und wenn,“ sagt Peter, zieht eine Zigarette hinterm Ohr hervor, zündet sie an und nimmt einen Zug, „und wenn die euch nochmal aufhalten, ruft ihr einfach nach mir. Werdet sehen, wie schnell die abhauen. Miese Bande.“ Siggi überlegt: „Peter, weißt du denn, wer die sind?“ Der Schuster schüttelt den Kopf: „Wohnen wohl im Hinterhof von der Fabrik, da wo die Asozialen hausen. Pack, sag ich, Pack ist das.“ Sie bedanken sich. Siggi legt das Ei wieder in den Mund, und sie rennen weiter.

Einmal waren Siggi, Horsti und Ebse nachmittags in Peters Werkstatt. Der hatte da einen Plattenspieler und hat Rock’n’Roll-Platten aufgelegt und von der Kirmes erzählt. Wie er mit seinen Kumpels auf den Rollern rüber nach Neuss gefahren sind. Gut dreißig Leute seien sie gewesen. Da sei noch eine Rechnung offen gewesen mit so einer Rocker-Bande, alles Motorradfahrer; „Ölschweine“ nannte Peter die. Die anderen hätten mit ihren Bräuten an der Raupe rumgelungert, und sie hätten Quartier beim Autoscooter bezogen. Erst nach Mitternach seien sie dann an der Raupe vorbeigezogen und hätten den Neussern Schimpfwörter rübergerufen. Peter hatte alle diese bösen Wörter für sie aufgezählt und so ihren Wortschatz bereichert. Horsti nannte seit dem Tag anderen Jungs im Zorn nicht mehr „Blödmann“ oder „Doofkopp“ oder so, sondern „Arschgeige“ oder „Arschgesicht“. Jedenfalls habe sich eine prima Klopperei entwickelt. Und natürlich seien die mit viel mehr Mann gewesen, die Rocker. Trotzdem hätten sie die ganz schön fertigemacht. Bis die Schmiere auftauchte. Blaulicht, Sirene, Trillerpfeifen, Gummiknüppel. Da seien sie aber geflitzt.

Siggi und seine Freunde wollten auch so werden. Auch Lambretta oder Vespa fahren und sich mit anderen Banden prügeln. Obwohl Siggi ja insgeheim Motorräder viel besser fand und diesen Kerl bewunderte, der fast jeden Tag mit seiner Vincent die Oberbilker Allee runtergedonnert kam. Ganz in schwarzem Leder, einen pechschwarzen Helm auf dem Kopf und eine Schutzbrille mit dunklen Gläsern an. Immer wenn er den sah, blieb Siggi stehen und schaute ihm nach. Bis der Kradfahrer einmal anhielt, die Brille auf den Helm schob und ihm zuwinkte: „Na, mal ne Runde drehen?“ Aber da hatte Siggi natürlich schnell den Kopf geschüttelt, denn Mutti hat ihm eingeschärft, auf keinen Fall mit einem fremden Mann mitzugehen oder mitzufahren. „Das sind Mitschnacker,“ hatte sie gesagt, „die sperren dich ein und machen fuchtbare Sachen mit dir.

Überhaupt sollte er im Straßenverkehr immer aufpassen. „Denk an Hildegard!“ sagte die Mutter bei solchen Gelegenheiten. Jedes Kind im Viertel kannte die schreckliche Geschichte von Hildegard. Die war eine Klasse über Siggi und hatte – wie sein Vater es ausdrückte – stinkreiche Eltern. Die fuhr nachmittags immer mit dem Bus zum Balletunterricht, und Frau Krämer, seine Lehrerin hatte mal gesagt, die Hilde, die würde mal Primaballerina. Jedenfalls wohnte die auf der Pionierstraße, wo sie mit den Eltern und ihren vier Geschwistern ein ganze Haus für sich hatte. Eines Tages ging sie also zur Bushaltestelle am Fürstenwall und wartete direkt vor der Apotheke da. Plötzlich, so erzählte man sich, sei ein Auto mit hoher Geschwindigkeit die Corneliusstraße hochgerast, der Fahrer habe nach links in den Fürstenwall abbiegen wollen, sei ins Schleudern gekommen und habe Hildegrad voll erwischt und gegen die Mauer gequetscht. Da seien ihr beide Beine gebrochen worden, und das linke habe man amputieren müssen. Da sei es mit der Tanzerei vorbei gewesen.

Siggi hat sich immer gefragt, ob es was geändert hätte, wenn Hilde auf die Autos geachtet hätte. Schließlich habe sie doch ganz ordentlich auf dem Bürgersteig gestanden und auf den Bus gewartet. Aber so sind Erwachsene eben: nie finden sie wirklich passende Beispiele, wenn sie einen warnen oder einem was verbieten. Wobei Marie kürzlich wirklich beinahe unters Auto gekommen wäre. Wie sie so ohne zu gucken aus der Hildebrandtstraße quer über die Corneliusstraße gerannt war. Genau in dem Moment kam so ein schwerer Wagen von der Erasmusstraße unter der neuen Unterführung durch. Und der musste so scharf bremsen, dass es quietschte und hinterher sogar Qualm aus den Radkästen kam. Siggi und Ebse hatte das genau beobachtet, weil sie auf der anderen Straßenseite bei den Trümmerhäusern standen und Marie zu sich gerufen hatten.

Der Fahrer war ausgestiegen. Ein schwerer Mann im schwarzen Mantel mit einem ungewöhnlich großen Hut. Marie stand ein paar Schritte entfernt auf der Fahrbahn, starr vor Schreck. Da ist der Fahrer zu ihr gegangen und hat sich ganz freundlich um sie gekümmert. Hat ihr sogar noch fünf Mark gegeben bevor er weitergefahren ist. Fünf Mark! Natürlich hat Marie davon allen was Süßes spendiert. So hatte sich der Schreck am Ende sogar gelohnt.

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