Mit nem Ei im Mund (Schluss)

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Langsam wird’s langweilig. Fast eine Stunde sind Siggi und Renate jetzt schon unterwegs. Wahrscheinlich hat Horsti längest vergessen, dass sie gewettet haben. Das Ei im Mund wird schwerer und schwerer, Siggis Zunge ist schon ganz lahm, und er hat einen Mordsdurst. „Pause“, signalisiert er seiner Begleiterin. Genau an der Ecke Corneliusstraße zur Oberbilker Allee, vor dem Eingang zu dem, was der Vater „Freudenhaus“ nennt, bleiben sie stehen. Siggi nimmt das Ei aus dem Mund und steckt es vorsichtig in die Hosentasch: „Boah, ich kann nicht mehr.“ Renate grinst: „Schlappschwanz. Die lachen dich aus, wenn ich denen erzähle, dass du aufgeben wolltest.“ – „Wer will aufgeben? Ich nicht! Hab bloß Durst.“ Wachtmeister Blümchen, der eigentlich Schumacher heißt, regelt den Verkehr auf der Kreuzung. Immer wenn die 4 von der Cornelius- in die Morsestraße fahren muss, hält er alle Autos und Fußgänger aus allen Richtungen an. Wer nicht sofort stoppt, wird mit der schrillen Trillerpfeife zur Ordnung gerufen.

Warum alle den Schutzmann Blümchen nennen, weiß eigentlich keiner. Angeblich hat ihm Oma Müsch diesen Spitznamen verpasst. Sie streitet das ab und sagt dann: „Wüsste nicht warum.“ Herrn Schumacher ist das egal, so lange ihn trotzdem alle im Viertel ernstnehmen. Und das tun die Leute, denn der Wachtmeister ist eine Respektsperson, auf den sogar die Rocker und die Halbstarken hören. Siggis Vater hat Herrn Fischer mal erzählt, Schumacher sei direkt nach dem Kriegsende zur Polizei gekommen, obwohl er eigentlich Schreiner gelernt hat. Er sei unter Rommel in Afrika gewesen und praktisch sofort nach der Ankunft beim allerersten Gefecht mit den Engländer (Der Vater sagt: „…mit dem Tommy“ so wie er auch „…gegen den Iwan“ sagt) in Gefangenschaft geraten. Von Oktober 1940 bis Herbst 1945 sei er in einem Lager in Amerika gewesen, in Oklahoma. Und weil er schon als junger Mann eine Respektsperson war, wurde er dort gleich Barackenältester, also Sprecher seiner Kameraden. Dann sei er Anfang 1946 mehr oder weniger aus Versehen in der Stadt gelandet und habe sich bei den Briten als Polizist beworben. Und die haben ihn genommen.

Beim Verkehrsregeln trägt Wachtmeister Blümchen im Winter einen weißen Mantel, jetzt hat er nur schneeweiße Stulpen und Handschuhe an, damit man seine Armbewegungen schon von Weitem erkennen kann. Die Ecke ist mit Pfählen und Ketten gesichert, damit keiner quer über die Krezung rennt. Und an einem Pfahl hat der Polizist immer seine Falsche Sprudelwasser stehen. Die stellen ihm die Leute aus dem Block immer hin, wenn es so warm ist, dass er Durst kriegen könnte. Heute steht eine halbvolle Flasche da. Siggi würde gern einen Schluck nehmen, aber kann doch keinen Schup beklauen! Genau in dem Augenblick macht Herr Schumacher Pause und kommt zu ihnen rüber. „Na, Siggi, alles im Lot.“ Der Junge nickt heftig, und Renate deutet zur Begrüßung einen Knicks an. Wachtmeister Blümchen nimmt einen Schluck aus der Wasserpulle. „Und, was macht ihr so?“ Da erzählen im die Kinder die Geschichte von der Wette. Siggi endet: „Und jetzt hab ich einen Mordsdurst.“ Da hält ihm der Wachtmeister die Flasche hin und sagt: „Hier, trink was.“

Zwei Häsuer weiter steht seit Kurzem einen Neubau, in dem noch gar nicht in allen Wohnungen Leute sind. Dafür hat der Laden im Souterrain schon eröffnet. Eigentlich ist das wohl so eine Reparaturwerkstatt für Nähmaschinen, aber Siggis Mutter hat gesagt, dass die wohl auch Gebrauchte für ziemlich wenig geld anbieten und dass sie da mal reinschnuppern wird, weil sie sich schon lange eine Nähmaschine wünscht. Der Vater hat kurz gegrunzt, und sie hat noch gesagt: „Denk mal, Menne, was wir sparen, wenn ich selbst die Sachen für die Kinder ändern kann.“ Einmal waren Siggi, Horsti und Ebse drin in der Werkstatt, die im Halbdunkeln liegt, weil das Schaufenster zur Hälfte unterhalb vom Bürgersteig liegt und zudem komplett mit Maschinen vollgestellt ist. Vorne war niemand, und ganz nach hinten hatten sie sich nicht getraut, denn es hieß, der Besitzer sei ein ziemlich böser Mann, der Kinder hasse.

Jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zum Laden von Oma Müsch. Dann hat Siggi es geschafft und die Wette gewonnen. Na ja, so lange Renate nicht petzt. Als sie an der Ecke ankommen, ist da niemand. Alle Kinder sind weg. Schnell springen sie ins Geschäft: „Oma Müsch, wo sind die anderen alle?“ Die beugt sich über die Theke und sagt: „Im Park, ihr Tungusen, spielen, was sonst?“ Siggi hält ihr das Ei hin: „Danke fürs Ausleihen.“ Die Ladenbesitzerin kratzt sich am Hinterkopf, guckt auf das Ei, dann auf Siggi: „Glaubst du , das nehm ich zurück? Das ist ja ganz besabbert. Das musst du jetzt kaufen.“ Und grinst dabei wie ein freches Kind. „Acht Pfennige, bitte.“ – „Aber ich hab doch kein Geld. Krieg ich doch erst von Horsti.“ Da lacht die alte Frau laut und ruft: „Reingefallen! Ne, ne, ne, kannste behalten, das Ei. Hab ich genug von.“

Schnell rennen sie jetzt die Oberbilker Allee runter, rechts in die Ringelsweide, links an der Düssel entlang, über den Hennekamp und rein in den Volksgarten. Zwischen der Ballonwiese und dem Niemandslang ist gerade ein spannendes Räuber-und-Gendarm-Spiel im Gange, und sie können sogar noch mitmachen. Von der Wette redet an diesem Tag niemand mehr. Nicht einmal als sie alle später am Büdchen an der Emmastraße stehen und sich zwei Flaschen Kugelwasser teilen.

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