Nach der Wahl: Irgendwie nicht mein Europa

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Dieses alte Dia – vermutlich aus dem Jahr 1958 – zeigt meine Mutter vor dem Familienauto an einem Grenzübergang nach Dänemark, wahrscheinlich zwischen Süderlügum in Nordfriesland und dem dänischen Tønder. Mein Vater hatte einen Dienstwagen zur freien privaten Nutzung, ein ungeheures Privileg in jenen Jahren. Und so hatten wir alle die Chance, unsere Nachbarländer kennenzulernen. Natürlich fuhr man samstags „nach Holland“, um billig Butter und Kaffee zu kaufen. Bis nach Venlo sind es ja keine 50 Kilometer von Düsseldorf. Waren wir bei der Oma oben „in Holstein“, machten wir eben auch Stippvisiten in Dänemark – auch dort waren Butter und Kaffee erheblich günstiger als in Deutschland. Aber das waren nicht die einzigen Gründe, warum unser Vater so gern ins Ausland fuhr: Er hatte seine Jugend im Krieg verschwendet, um es einmal so pathetisch auszudrücken, und war ein erklärter Kriegsgegner und Internationalist. Ich kann mich an etliche belauschte Debatten unter den Männern erinnern, in denen es um Politik, um Krieg und Frieden ging. Meist fanden die im Zigarren- und Zigarettendunst mit zahllosen Bierflaschen und Schnapsgläsern an den Abenden nach Familienfeiern statt. Oft endeten die Diskussionen im hitzigen Streit und meistens ging es um Adenauers Politik der Wiederbewaffnung.

Als Herr Fischer, ein Nachbar, mit dessen Familie wir sehr eng befreundet waren, eines Tages verkündete, er habe sich bei der soeben gegründeten Bundeswehr beworben, war mein Vater zutiefst erschrocken. „Das kann doch nicht wahr sein, Hans,“ sagte er, „jetzt haben wir den Krieg unbeschadet überstanden und jetzt willst du wieder den grauen Rock anziehen?“ Das Gespräch endete in einem Streit, aber die Freundschaft blieb. Später besuchten wir die Familie Fischer regelmäßig in Bad-Godesberg, wo sie in einer ziemlich komfortablen Dienstwohnung inmitten eines Villenviertels lebte. Einmal – vermutlich im Jahr 1960 – kam es noch einmal zu einer Diskussion. Mein Vater vertrat den Standpunkt, es sei widersinnig, mitten in einem friedlichen Europa, wo selbst Erzfeinde zu guten Freunden geworden waren, Millionen fürs Militär auszugeben. Von dieser Haltung bin ich zutiefst geprägt.

Aber eben auch von der großen Neugier meines Vaters auf andere Länder und Leute. Belgien, genauer: Flandern, war so eine Region, zu der es ihn hinzog. Ein Land mit einer Küste und Badestränden, so wie er es aus seiner Heimat Pommern kannte. Wundervolle Städte wie Brügge, Gent und Löwen. Brüssel als einzige wahre Metropole, die man mal eben schnell per Ausflug besuchen konnte. Fantastisches Essen und herrliches Bier. Das mochte mein Vater, der leider schon 1967 gestorben ist. Aber auch zu Klöstern und Kirchen zog es ihn, und Alpenpässe waren seine große Leidenschaft. Und auch wenn der Freistaat Bayern nominell zur Bundesrepublik zählte, nahm er das damals arme Agrarländchen als kulturell interessante Region Europas wahr. Ja, er war europa-begeistert, obwohl er gleichzeitig ein großer Amerika-Fan war.

Europäische Gemeinschaften

Aber bis Mitte der Sechzigerjahre wurde ja von einem vereinten Europa nur in Sonntagsreden gesprochen. Immer noch gab es Handelsschranken und Grenzübergänge mit teils strengen Kontrollen. Aber es gab bereits die „Montanunion“ (eigentlich: Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl kurz EGKS), die „Euratom“ und die legendäre EWG (= Europäische Wirtschaftsgemeinschaft). Aus der Verbindung dieser Gemeinschaften wurde zuerst die „EG“ (= Europäische Gemeinschaft) und dann die „EU“ (= Europäische Union). Und nur wenn man sich diesen Werdegang anschaut, wird man verstehen, was mit dieser Union schiefgelaufen ist. Die Montanunion, ein Verbund der Länder Belgien, Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und Niederlande, war noch ganz im Geiste des europäischen Friedens gestiftet worden; die Idee war, dass durch feste vertragliche Regeln über die Kohle- und Stahlwirtschaft ein altes Konfliktpotenzial zwischen Deutschland und Frankreich einerseits und auch den beiden großen Ländern gegenüber Benelux eliminiert werden könnte. Ähnliche Gedanken bestimmten auch die Gründung der Euratom.

Aber schon bei der Entstehung der EWG standen strunzkapitalistische Beweggründe im Vordergrund: Es ging um die Öffnung der Märkte mit dem Ziel, einen gesamteuropäischen Binnenmarkt zu schaffen, der europäischen Konzernen extreme Wachstumspotenziale eröffnen würde. Das wurde in jenen Jahren kaum kommuniziert, und nur die (dann verbotene) KPD klärte darüber auf. Ansonsten herrschte angesichts des kommenden ewigen Friedens in Europa eine durchgehende EWG-Besoffenheit, die unter anderem in der legendären Quizshow „Einer Wird Gewinnen“ ihren Ausdruck fand. So gab es nun eine europäische Gemeinschaft, deren Ziel es war, Konzernen höhere Profite zu ermöglichen. Da aber gleichzeitig noch keine allgemeine Freizügigkeit eingeführt worden war, hatten die Bürger der Gründungsstaaten (die Länder der Montanunion plus Italien; 1973 kamen Dänemark, Großbritannien und Irland hinzu, später dann Spanien, Portugal und Griechenland) zunächst mehr Nach- als Vorteile, weil die Preisgefälle zwischen den Ländern schrumpften und der Kaffee in Holland eben nicht mehr nur die Hälfte kostete.

Schüleraustauschprogramme

Und mit der EWG ging jeder Gedanke an ein „Europa der Regionen“, an eine Gemeinschaft verschiedener Ethnien und Kulturen fast völlig verloren. Wären da nicht die hochsubventionierten Schüleraustauschprogramme gewesen, wer weiß, ob heute die Ressentiments von Bundesdeutschen gegen die Frosch- und Spaghettifresser nicht ähnlich massiv wären, wie die zwischen den Ethnien im ehemaligen Jugoslawien. Während mein Bruder ganz untypisch ein paar Tauschwochen in Schweden verbrachte, konnte ich fast ein halbes Jahr Alltag in England erleben. Und in beiden Fällen erweiterten die Aktionen unseren Horizont, der schon durch die Eltern weit hinterm Tellerrand lag. Denn wenn wir in Holland oder Dänemark Kaffee und Butter kauften, dann griffen wir immer auch gern zu Produkten, die es bei uns nicht gab. Und wir Kinder beobachteten sehr genau, was gleichaltrige Niederländer oder Dänen so trieben, was sie anzogen und welche Fahrräder sie besaßen. In diesen Konsumdingen erkannten wir kulturelle Unterschiede, die sich mit zunehmenden Alter und wachsendem Kontakt zu anderen Europäer weiter ausdifferenzierten.

Den Sommer 1967 in Woking, einer Kleinstadt in Surrey, kaum 50 Kilometer südlich von Swinging London, zu verbringen, war ein Geschenk, denn genau in jenem Sommer war die britische Metropole Welthauptstadt der Popkultur. Und auch wenn wir als 14-jährige kein Teil der hippen, coolen Jugend waren, so bekamen wir doch mit, was angesagt war. Und das hatte mit dem Geist, der damals noch in Deutschland herrschte, wenig zu tun. Kaum zwei Jahres später war aber nicht mehr England das Traumziel, sondern Frankreich. Die Freundschaft zwischen De Gaulle und Adenauer hatte unter anderem dazu geführt, dass überall an den Gymnasien auch Französisch gelernt werden konnte und dass es praktisch jedem Französisch lernenden Schüler möglich war, für ein paar Wochen oder Monate nach Frankreich zu gehen. Während kaum eine bundesdeutsche Familie in Frankreich Urlaub machte, lernten Tausende junger Deutscher Paris kennen, die Cote d’Azur, das Elsass, die Bretagne und die vielen wundervollen Regionen der Grande Nation. Und kaum einer, der nicht vom französischen Lebensstil schwärmte, vom Laissez-faire, vom guten Essen und von den Insignien der dortigen Lebensart. Und so trampte man aber 1969 gern quer durchs Land ans Mittelmeer, ernährte sich von Baguette und Frommage, Rotwein und Gauloises.

Völkerverständigung

Das war die Hochzeit der innereuropäischen Völkerverständigung. Plötzlich war es keine Phrase mehr, wenn jemand sagte, er sei Europäer. Auch wenn nicht annähernd so viele junge Franzosen und Briten nach Deutschland kamen wie umgekehrt, lösten sich doch viele, viele Vorurteile in Wohlgefallen auf. Auch weil es eine gemeinsame europäische Popkultur gab, die keine Grenzen kannte. Das alles bezog – auch dank Interrail-Ticket! – bis Ende der Siebzigerjahre neben den Stammländern auch das franco-freie Spanien, Portugal, Österreich und die Schweiz mit ein, also das, was man gemeinhin Westeuropa nannte. Denn östlich davon flatterte der Eiserne Vorhang, und nach Russland oder Ungarn zu reisen, galt nur unter Kommunisten als cool. Da lagen Jugoslawien, ja, auch Israel, Marokko und die Türkei noch näher als solche Exoten wie Ungarn, Rumänien und Bulgarien, von der Sowjetunion ganz zu schweigen.

Zumal der europäische Austausch auch dank der Arbeitsmigranten in Deutschland zur täglichen Realität geworden war. Jedes Land, aus dem „Gastarbeiter“ kamen, wurde schnell zum potenziellen Urlaubsland, weil es immer einen Kollegen oder Nachbarn gab, der selbst „da unten“ ein Häuschen hatte oder jemanden kannte, der etwas mit Meerblick zu vermieten hatte. So herrschte Mitte der Achtzigerjahre de facto eine Form von Multikulti-Gesellschaft, von der man heute nur träumen kann.

Unvereintes Europa

Und immer und immer wieder schwafelten Politiker vom vereinten Europa, wenn sie in Wirklichkeit nur wirtschaftsfördernde Maßnahmen wie Zoll- und Währungsunion meinten. War die „Ode an die Freude“ anfangs noch ein Versprechen, wurde das Lied mit dem Text von Schiller auf der Musik von Beethoven spätestens nach dem Ende des Ostblocks zur puren Heuchelei. Denn nachdem die Sowjetunion sich in Wohlgefallen auflöste, nach dem Anschluss der DDR und mehr noch nach dem Zerfall Jugoslawiens ging es beim Thema „Europa“ nur noch um Märkte, und weder um Völkerverständigung und Frieden, noch um eine gemeinsame europäische Kultur. Alles wurde dem Primat der Wirtschaft untergeordnet. Und die so genannte „Osterweiterung“ (ein Begriff wie aus der nationalsozialistischen Propaganda!) hatte einzig und allein das Ziel, neue Märkte zu erschließen und Billiglohnländer zu schaffen, mit deren Bedingungen man die Arbeitskräfte in den wohlhabenden Ländern unter Druck setzen konnte.

So praktisch eine gemeinsame Währung wie der Euro auch für die Bürger, die oft in anderen Ländern etwas bezahlen müssen, sein mag, so sehr wurde er als politisches Instrument in den kapitalistischen Expansionskämpfen um die globalen Märkte geschaffen. Von dem, was die Europäische Union heute ist, haben bisher fast durchweg Banken und Konzerne profitiert. Und deshalb ist dieses Europa irgendwie nicht mein Europa. Wer zu ähnlichen Ergebnissen kommt, wird sich inzwischen oft als „Europagegner“ beschimpfen und mit irgendwelchen rechtspopulistischen „Euro-Kritikern“ in einen Topf werfen lassen. Dabei hat die Skepsis gegenüber dem Europa der Konzerne nun so gar nichts mit den nationalistischen Argumenten diverser rechtsdrehender Idioten contra Euro zu tun. Was diese Typen anstreben, ist eine Stärkung der bundesdeutschen Unternehmen zu Lasten anderer Firmen in Europa. Das ist Protektionismus auf dem Niveau des neunzehnten Jahrhunderts. Und blendet jede kulturelle Basis eines vereinten Europas völlig aus.

Vielleicht ist die hohe Beteiligung an der Europawahl 2019 ein guter Ausgangspunkt für einen Neustart. Vielleicht muss das Europa der Unternehmen durch ein Europa der Kultur ersetzt werden. Vielleicht ist nur ein solches Europa der Menschen in der Lage die richtigen Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen in den Bereich Soziales und Ökologie zu finden.

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