Bunt ist das Spektrum der OB-Kandidat*innen – abgesehen von den Schwarzweißfotos auf gewissen Plakaten – schon. Das Alter liegt zwischen 50 und 62, wobei zwei Kandidaten aus demselben Jahrgang (1970) stammen. Neben dem bekannt schwäbischen Amtsinhaber tritt eine waschechte Düsseldorferin an sowie ein Mann aus dem Aachener Raum und ein in Duisburg geborener Ratinger. Während der SPD-Kandidat den größten Teil seines Lebens als Manager verbracht hat, kann man den CDU-Bewerber als politischen Beamten bezeichnen, den Grünen dagegen sogar als Berufspolitiker. Die Dame von der FDP hat 20 Jahre lang als freie Verlagsvertreterin gewirkt. Auffällig ist, dass sich alle zwei der männlichen Kandidaten – geprägt durch ihr familiäres Umfeld – schon in sehr jungen Jahren für ihre jeweilige Partei entschieden haben; Marie-Agnes Strack-Zimmermann stieß dagegen erst mit 32 zur FDP, und bei Stefan Engstfeld entschied sich mit 26 für die Grünen.

Unterstützt TD! Dir gefällt unsere Berichterstattung zu lokalpolitischen Fragen? Und vielleicht auch die Artikel zu anderen Themen? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Unterstütze uns durch das Abschließen eines Abos oder durch den Kauf einer Lesebeteiligung – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

OB-Wahl ist eine Personenwahl

Da steht drin, was die*der OBin zu tun hat...

Da steht drin, was die*der OBin zu tun hat…

Wir haben von Thomas Geisel und Frau Strazi gelernt, dass eine Oberbürgermeisterwahl eine Personenwahl ist. Das bedeutet aber, dass der Lebenslauf und die daraus resultierende Persönlichkeit einer*s Kandidat*in bei unentschlossenen Wähler*innen durchaus einen großen Einfluss auf die Wahlentscheidung haben kann. Selbst wenn ein*e Bewerber*in vorwiegend Positionen vertritt, die man mitträgt, kann man ihr*ihm die Stimme verweigern, weil einem die Person einfach unsympathisch ist. Umgekehrt kommt es vor, dass jemand sich für den*die Kandidat*in einer Partei entscheidet, die sie*er sonst nie wählen würde, weil er die jeweilige Person einfach mag. Besonders pikant wird die Frage, ob ein*e Parteienvertreter*in oder eine Persönlichkeit bei der OB-Wahl gekürt wird, wenn man sich anschaut, welche Funktion die*der Oberbürgermeister*in einer kreisfreien Stadt laut der NRW-Gemeindeordnung übernimmt:

Aufgaben und Stellung des Bürgermeisters
(1) Der Bürgermeister ist kommunaler Wahlbeamter. Der Bürgermeister ist verantwortlich für die Leitung und Beaufsichtigung des Geschäftsgangs der gesamten Verwaltung. Er leitet und verteilt die Geschäfte. Dabei kann er sich bestimmte Aufgaben vorbehalten und die Bearbeitung einzelner Angelegenheiten selbst übernehmen.
(2) Der Bürgermeister bereitet die Beschlüsse des Rates, der Bezirksvertretungen und der Ausschüsse vor. Er führt diese Beschlüsse und Entscheidungen nach § 60 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 Satz 1 sowie Weisungen, die im Rahmen des § 3 Abs. 2 und des § 132 ergehen, unter der Kontrolle des Rates und in Verantwortung ihm gegenüber durch. Der Bürgermeister entscheidet ferner in Angelegenheiten, die ihm vom Rat oder von den Ausschüssen zur Entscheidung übertragen sind. [Quelle: NRW GO]

Die*der (Ober)Bürgermeister*in einer kreisfreien Stadt ist also Chef*in der gesamten Stadtverwaltung. Im Rahmen der Verordnungen und Gesetze sowie der Rahmenbedingungen, die der Rat der Stadt per Beschluss vorgibt, kann sie*er auf eigene Weise für das Bearbeiten von Aufgaben sorgen. Ja, sie*er kann sich sogar persönlich in die Arbeit der Dezernate und Ämter einmischen und anordnen, wie bestimmte Dinge zu erledigen sind. Ja, sie*er kann sogar ganze Arbeitsgebiete auslagern oder in seinen unmittelbaren Arbeitsbereich holen. Insofern ähnelt das OB-Amt in vieler Hinsicht dem des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Für die*den Wähler*in bedeutet dies: Reicht nicht, wenn die antretenden Personen sympathisch und nett sind, sie müssen ein Mindestmaß an Kompetenz für den Job mitbringen und ihr Wirken möglichst transparent machen, um dem Vorwurf des Machtmissbrauches zu entgehen. Deshalb sollten die Lebensläufe der Kandidat*innen eine solch große Rolle bei der Wahlentscheidung spielen.

Thomas Geisel, der ewige Manager

Thomas Geisel, der ewige Manager

Thomas Geisel, der typisch sozialdemokratische Managertyp

Man könnte auch sagen, Ellwangen liegt “in the middle of nowhere”, nämlich in der Ostalb auf halbem Weg zwischen Stuttgart und Nürnberg. Man muss sagen, dass es sich um ein ausgesprochen hübsches Kleinstädtchen handelt. Man sollte wissen, dass der Vater von Thomas Geisel starker Sozialdemokrat und 16 Jahre lang Vizepräsident des Landtags von Baden-Württemberg. Der alte Geisel wurde bundesweit bekannt, weil er aus Protest gegen die Politik der damaligen Landesregierung in Sachen Stuttgart 21 die Verdienstmedaille des Landes zurückgab. Sohn Thomas, 1963 geboren, wurde Jurist wie sein Vater, und eben auch SPD-Mitglied. Stärker als beim Vater vermischten sich beide Elemente, so dass der Thomas zunächst ein typisch sozialdemokratischer Jurist wurde, der nach dem Studium ganz selbstverständlich einen SPD-Job übernahm.

Und zwar 1990 bei der SPD-Fraktion der DDR-Volkskammer – also nach der Wende. Und weil die Westler damals nach allen Schaltstellen im Osten griffen, kam er 1994 zur Treuhand. Man sollte wissen, dass die sogenannte “Treuhandanstalt” die Institution war, die zugunsten westlicher Investoren die DDR-Wirtschaft abgewickelt und in den ersten Jahren für viel Not und Verzweiflung unter den Ostlern gesorgt hat. Offiziell war der Auftrag dieser Anstalt eigentlich, die VEBs zu privatisieren, aber in der Realität ging es ums Plattmachen. Thomas Geisel war zuständig dafür, die Großchemie im Dreieck Leuna-Buna-Bitterfeld abzuwickeln und ist heute noch stolz darauf, sich nie hat bestechen zu lassen.

Seine Studienzeit in den USA, seine guten Englischkenntnisse und Berliner Connections brachten ihn nach London zum Energieunternehmen Enron. Ja, genau, dieses Konzerns, der für seine massiven Bilanzfälschungen weltberühmt wurde. Geisel wirkte von 1998 bis 1999 bei Enron, im Sommer 2001 ging der Laden mit riesigem Krach pleite. Weil er sich aber nun mit Energie auskannte, kam er bei der Ruhrgas AG (heute ein Teil von E.on) unter, wo er in Rekordzeit Direktor für den Erdgaseinkauf zuständig war. Man muss dazu wissen, dass die Ruhrgas AG ungefähr so sozialdemokratisch war wie die Ruhrkohle AG, also dass ein SPD-Parteibuch bei der Stellensuche im Ruhrgebiet mehr als hilfreich war. Und jetzt kommt ein merkwürdiger Karriereschritt, denn Thomas Geisel haute bei E.on in den Sack und ließ sich 2013 als Rechtsanwalt in Düsseldorf nieder, um nur Monate später von der hiesigen SPD zum OB-Kandidaten ernannt zu werden. Man könnte vermuten, dass der spätere OB also seinen Job aufgegeben hat, nicht um in einer Kanzlei Paragraphen abzustauben, sondern um den sehr gut dotieren Wahlbeamtenjob als Oberhaupt der schönsten Stadt am Rhein zu übernehmen. Gewohnt haben die Geisels schon zu Ruhrgas-Zeiten hier, und als gläubiger Protestant ist Thomas Geisel Presbyter der Kreuzkirchengemeinde.

Ohne hier und jetzt eine Bilanz seines Wirkens in den vergangenen sechs Jahren zu ziehen (das kommt noch), in seiner Amtszeit ist Thomas Geisel immer wieder im Stile eines Managers an Aufgaben und Probleme herangegangen. Ja, die typischen Eigenschaften eines guten Managers hat er sich nun sogar im Rahmen seines Wahlkampfs angezogen, wo er sich als “treibende Kraft” und “Macher” darstellen lässt. Man muss also wissen, falls man beabsichtigt, dem Amtsinhaber seine Stimme zu schenken, dass man damit für einen typisch sozialdemokratischen Manager stimmt.

Dr. Stephan Keller, ein ausgesprochen typischer Verwaltungsbeamter

Dr. Stephan Keller, ein ausgesprochen typischer Verwaltungsbeamter

Dr. Stephan Keller, ein typischer Verwaltungsbeamter

Sehr böse Zungen behaupten, Stephan Keller sei nur deshalb OB-Kandidat geworden, weil sich die hiesige CDU nicht auf eine*n von allen gemochte*n Bewerber*in hat einigen können. Und wer gedacht oder gehofft hätte, Angela Erwin, Tochter des 2008 verstorbenen OBs Joachim Erwin, könnte sich für das Amt interessieren, sah sich getäuscht. Nun ist es also der Herr Keller geworden, der von 2011 bis 2015 Beigeordneter für Recht, Ordnung und Verkehr in der schönsten Stadt am Rhein war. Dass er sich nun – zumindest ein bisschen – als Law-&-Order-Politiker zeigt, ist das beinahe ein Treppenwitz. Tatsache aber ist, dass alle, die sich mit so etwas auskennen, ihm einen guten Job in seiner Düsseldorfer Zeit attestieren. Die Bilanz seiner gut vier Jahre in Köln auf einem ähnlichen Verwaltungsposten sehen die politischen Beobachter*innen nicht ganz so rosig.

Auch der Herr Doktor ist Jurist, kommt aber nicht aus einer Kleinstadt, sondern aus Aachen. Am Gymnasium Herzogenrath trat er als Mitglied der Jungen Union auf, um nach dem Abi im Jahr 1990 in Bayreuth und Birmingham Rechtswissenschaften zu studieren. Bayreuth und Birmingham? Welche Mischung! Einerseits das verpennte Wagner-Städtchen, andererseits die leicht brutale Stahl-und-Eisen-Metropole, wobei es natürlich verwundert, dass es in Bayreuth eine Uni (seit 1975) gibt und man dort Jura studieren kann. In den beiden B-Cities absolvierte er das 1. Staatsexamen bzw. dessen britisches Pendant, das 2. juristischen Staatsexamen legte er dann 1999 am Oberlandesgericht Düsseldorf ab. Die Parallelen zum Amtsinhaber sind aber nicht nur in punkto Jura und Großbritannien auffällig. Keller gibt an, dass er vom Elternhaus auf die CDU geprägt wurde, dass man in der Familie politisch sehr interessiert war.

Ob es nun ein Traumjob war oder die Wahl auf seine erste Stelle zufällig fiel, ist nicht bekannt. Jedenfalls hat Dr. Stephan seit Beginn seiner Berufslaufbahn immer mit kommunaler Verwaltung zu tun. Er begann 1999 als Referent beim Deutschen Städtetag, wechselte 2006 zum Städte- und Gemeindebund NRW, um schließlich Beigeordneter der Stadt Düsseldorf zu werden – eine ausgesprochen gradlinige Karriere in einem Milieu, in dem man sich nicht mit den Untiefen des kapitalistischen Wirtschaftssystems auseinandersetzen muss und indem die Parteizugehörigkeit (ganz gleich zu welcher) notwendiges Schmiermittel ist.

Stefan Engstfeld, Grüner von Beruf (Quelle: Dominic Heidl // heidom.de)

Stefan Engstfeld, Grüner von Beruf (Quelle: Dominic Heidl // heidom.de)

Stefan Engstfeld, ein typischer grüner Berufspolitiker

Verschiedener könnten die Lebensläufe von zwei Jungs, die 1970 geboren wurden, nicht sein. Stephan Kellers Laufbahn war und ist gerade, Stefan Engstfelds Weg hatte Windungen. Ob der lange Stefan wie die beiden anderen Herren auch irgendwie im Elternhaus schon auf ökologisch eingenordet wurde, ist nicht bekannt. Bekannt ist, dass er nicht gleich SPD oder CDU wurde, sondern sich mit 26 Jahren aus eigenem Antrieb entschloss, Mitglied von Bündnis90/Die Grünen zu werden. Außerdem ergriff er keinen Beruf, bog also nicht nach dem Abi gleich auf den Karriere-Highway ab, sondern absolvierte erst einmal seinen Zivildienst an der Düsseldorfer Uni-Klinik. Ein sozialwissenschaftliches Studium an der Uni Duisburg-Essen brach er ab, um dann gleich persönlicher Mitarbeiter der grünen MdLin Ute Koczy zu werden. Ab 2007 wirkte er dann bei der grünen Bundestagsfraktion, und ab 2010 war er dann selbst Mitglied des NRW-Landtags.

Zusammenfassend kann man sagen: Der Stefan Engstfeld hat sein Berufsleben in Parlamentsgebäuden verbracht. Das kann man werten, wie man will, aber dass er mit Fug und Recht “Berufspolitiker” genannt werden kann, steht fest. Leider ist dieses Handwerk bei Otto und Else Normalwähler*in nicht so richtig dolle beleumundet. Vergessen wird beim zugehörigen Stirnrunzeln jedoch, dass jemand, der sich zwanzig Jahren in den Schlangengruben der Politik gewälzt hat, ganz schön abgehärtet sein muss. Oder aber ein grundfröhlicher und sturzkommunikativer Mensch. Alle, die den Stefan kennen, sagen: Letzteres trifft zu. Und weil das sogenannte “Socializing” bei einem Berufspolitiker quasi Teil des Jobs ist, nennt man ihn einen der am besten vernetzten Kerle in ganz Düsseldorf.

Natürlich ist er bei den Düsseldorfer Jonges, natürlich ist der Fortuna-Mitglied und Fan mit einem Stammplatz im Block 26, natürlich ist er Mitglied eines Karnevalsvereins (KG Regenbogen) und natürlich trifft man den langen, dünnen Typ immer da in der Stadt, wo sich interessante und einflussreiche Leute treffen. Und die mögen den Stefan, von dem Parteifreund*innen sagen, er habe keine Feinde und er werde wohl nie welche kriegen. Beruflich ist Stefan Engstfeld also ein erfahrener Hund in Sachen Parlamente, was bei den möglichen Konstellationen im Rat der Stadt nach der Wahl für den regierenden OB absolut von Vorteil sein kann.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Berufstätige (Foto: Michael Gstettenbauer)

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Berufstätige (Foto: Michael Gstettenbauer)

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, eine typische Berufstätige

Was die gute Strazi von den drei Mitbewerben unterscheidet (außer, dass sie eine Frau ist): Sie ist eine richtige Berufstätige, also eine Frau, die zwanzig Jahre lang mit ihrer eigenen Hände (und Füße) Arbeit ihr Geld verdient hat. Und zwar als Verlagsvertreterin. Das heißt konkret: Sie hat die wunderbaren Bände der “Was-ist-was?”-Reihe vom Nürnberger Tessloff-Verlag an die*den Buchhändler*in gebracht. Es handelt sich um eine reisende Tätigkeit und damit um einen Knochenjob, der aber in dieser Branche zu wundervollen Kontakt zu Menschen, die Bücher lieben, führt. Übrigens: Studiert hat Marie-Agnes auch, und auch promoviert. Sie könnte also den Doktor-Titel führen, hat das aber nicht nötig. Studiert hat sie Publizistik, Politikwissenschaft und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, 1986 wurde sie Frau Doktor, und kurz danach kam sie schon zum Tessloff-Verlag.

Jetzt könnte man denken, so was macht eine unverheiratete und kinderlose Frau. Weit gefehlt: Frau Strack-Zimmermann ist verheiratet und drei Kinder sowie inzwischen auch ein paar Enkel. Inwieweit dieses Leben aus andauernder Doppelbelastung bestand, können wir nur ahnen, denn darum macht die Marie-Agnes keinerlei Aufhebens. Wir wissen auch nicht, ob es irgendeine familiäre Prägung Richtung Freidemokraten gab. Tatsächlich ist sie aber erst 1990, also mit mehr als dreißig Jahren und schon als Berufstätige in die FDP eingetreten. Wer in diesen Wendejahren zur den Liberalen stieß, wird Hans-Dietrich Genscher vielleicht als Vorbild gesehen haben – oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, eher nicht die aufkommenden neuen Wilden aus dem Labor von Möllemann.

Ihre Parteikarriere begann in der Lokalpolitik und hatte mit der Wahl zur Bürgermeisterin im Jahr 2008 einen ersten Höhepunkt. Kommunales bleibt eines ihrer Themen, sowohl im FDP-Vorstand, als dann auch ab 2017 als Mitglied des Bundestages. Ein bisschen verrückt ist Strazi auch, würde sie sonst in ihren biografischen Angaben schon in der Überschrift “Motorradfahrerin” angeben? Und auch wenn sie bisweilen ein bisschen streng rüberkommt, ist sie bei denen, die sie kennen, ausgesprochen beliebt. Und in Düsseldorf vernetzt ist sie natürlich sowieso.

Download PDF

Antworten