Sandhausen vs F95 1:2 – Von Konzentration, Wille, Freude und Ironie

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Nein, nicht alle Fortuna-Fans jenseits der Fünfzig waren in Basel. Und, nein, nicht alle Intensivanhänger sind Allesfahrer. Deshalb finden sich überall in der Stadt kleine Nester, in den Fortunen beieinanderhocken und sich die Auswärtsspiele der glorreichen Fortuna anschauen. Und nicht nur in Düsseldorf: Wer sich ein bisschen auf Facebook umschaut, lernt, dass es in beinahe allen gängigen Ferienregionen – teils altgediente – Fortuna-Kneipen gibt, in denen sich Spiel für Spiel urlaubende F95-Freunde im Trikot und mit Fahne zusammenfinden, um auch so das Team anzufeuern. Da können einem die Kollegen leidtun, die einsam auf der heimischen Couch lümmeln und so das Spiel im Bezahl-TV anschauen. Ihr sehr ergebener Berichterstatter ist seit Eröffnung Teil der sogenannten „Expertenrunde“, die sich bei Auswärtspartien gern im Bilker Häzz trifft. Wirt ist der Ur-Fan Micha Nord, der aber nie da ist, weil er nämlich einer dieser bekloppten Allesfahrer ist. Und so verfolgten wir im fast ausverkauften Häzz die Partie der Rotweißen im beschaulichen Sandhausen, dass die Fortuna mit 2:1 gewann.

Knapp über sechseinhalb Tausend Zuschauer waren vor Ort, davon fast ein Viertel Freunde des TSV Fortuna Düsseldorf 1895. Dass dies ein Spitzenspiel zwischen dem Zweiten und dem Dritten der Zweitligatabelle war, sorgte eine Woche zuvor noch für Belustigung. Aber der Spaß verging den F95-Anhängern nach Anpfiff ziemlich schnell. Denn der SVS präsentierte sich als ballsichere, schnelle und angriffslustige, Mannschaft, die es den Schützlingen unserer Oldie-Trainer nicht leichtmachten. Im Gegenteil: Die erste halbe Stunde gehörte ganz der Heimmannschaft. Auch weil es den Fortunen an Konzentration mangelte. Da spielte man noch mit Dreierkette und (Was?!?) mit Ihlas Bebou und Emir Kujovic als Doppelspitze. Wo ist Hennings? war die Frage der Expertenrunde.

Bebou und Zimmer

Der saß auf der Bank, während Kujovic zwar gelegentlich durch rein physische Präsenz die SVSler durcheinanderwirbelte. Wirbeln tat auch Bebou, aber so brotlos, dass man sich einig war: Das ist nicht sein Tag. Leider wird ja inzwischen jede misslungene Aktion des Burschen mit Bemerkungen zu seinem Wechselwillen begleitet. Klappt was nicht, heißt es gleich: nicht erstligatauglich. Spielt er göttlich, werden die Transfersummen erhöht. Über die gesamten neunzig Minuten gesehen war unser lieber Ihlas einfach nur wertvoll; das nicht nur wegen seines schönen Tores zum Ausgleich. Besonders erfreulich das Zusammenspiel mit Jean Zimmer auf rechts; schon beim Heimspiel gegen Lautern zelebrierten die Beiden ein paar atemberaubende Kombinationen – da wächst ein Duo heran, das es weit bringen könnte.

Bei Kujovic sind sich die Experten uneins. Mancher hält den für eine Lusche, der alles verstolpert, was nach Hütte riecht. Andere glauben, dass aus dem Schweden noch was werden kann; spätestens nach seinem ersten Tor, so die Meinung, könnte bei ihm der Knoten platzen. Versorgt wurde er praktisch nur von rechts oder durch lange zentrale Pässe. Das lag daran, dass Lukas Schmitz tatsächlich einen gebrauchten Tag hatte, sich zu Beginn von den Sandhäusern auf seiner Seite defensiv binden ließ und so nach vorne nichts zustande brachte. Folgerichtig kam nach der Pause der junge Davor Lovren, der spürbar mehr Wirbel erzeugte.

Eingespieltes Trio

Und die Dreierkette? Die wirkt inzwischen so eingespielt wie ein Trio, dass seit Jahren zusammenkickt. Zwischen Andre Hoffmann, Kaan Ayhan und Niko Gießelmann herrscht fast blindes Verständnis. Und so nervös den geneigten F95-Fan Kurzpassspiel im und am eigenen Strafraum macht: bei den Dreien muss man wenig Sorgen haben, dass ihnen das danebengeht. Allerdings war gestern Gießelmann der einzige, der so etwas wie offensive Impulse gab. Immerhin führte sein öffnender Pass zur wunderbaren Kombination, die Bebou zum 1:1 abstaubte. Ayhans Versuche blieben dagegen eher stecken, und Andre Hoffmann hält sich traditionell aus dem Angriffsspiel heraus. Wieder einmal stellte sich angesichts dieser Konstellation die Frage: Und was spielt Adam Bodzek (den ja viele nicht mehr so gern in der Startelf sehen)? Der spielt erstens den Käpt’n und zweitens den defensivsten Zacken der Mittelfeldgabel – und das sehr solide.

Betrachten wir also die Kombi der Dreierkette mit Bodzek und den beiden Außen, dann muss man sagen: Der Führungstreffer für den SVS in der 22. Minute ging voll und ganz auf deren Kappe. Alle sechs standen falsch oder waren nicht vor Ort als eine Superflanke reinkam, die ein Sandhäuser optimal mit dem Kopf in die Bude drückte. Da konnte auch Raphael Wolf nichts dagegen tun. Apropos: Wolf ist ein toller Torwart! Nicht nur, dass er mit zwei glänzenden Paraden dafür sorgte, dass sein Team nicht unterging, er ist ein ruhiger und sicherer Rückhalt und absolut mehr als nur ein Rensing-Ersatz. Darüber hatte sich die Experten nämlich Sorgen gemacht, dass Michael Rensing dank einer angeknacksten Rippe fehlte und dass Oliver Fink aus familiären Gründen nicht mitreiste.

Hohe Konzentration und starker Wille

Natürlich übernahm niemand Finks spielerische Rolle, dafür ist sie zu sehr auf den Dauerläufer abgestimmt. Den offensiven Part im Mittelfeld teilten sich – wie inzwischen fast gewohnt – der aufmerksame Marcel Sobottka und Neuzugang Florian Neuhaus. Vielleicht lag es auch an deren leichter Lethargie, dass die erste Halbzeit in die Hose ging. Vielleicht aber lag es auch an denen, dass zumindest die letzte Viertelstunde dieser Hälfte ermutigend aussah. Und nach der Pause wurde alles anders: Funkel und Hermann stellten auf die Viererkette um und die Sandhäuser damit vor deutliche Verständnisprobleme. Wie Funkel in der Pressekonferenz zugab, hatte man die Jungs in der Kabine mit sehr klaren Worten eingenordet. Dass die das Verdikt aber gleich umzusetzen verstanden, spricht für die Qualität und den Geist der Mannschaft.

Jedenfalls gingen die Roten nun mit hoher Konzentration und starkem Willen zur Sache und zeigten dem SVS, wo genau der Hammer hängt. Plötzlich sank die Fehlpassquote, plötzlich gelangen Kombinationen und plötzlich setzte die Fortuna den Gegner unter erheblichen Druck. Das bereits mehrfach erwähnte 1:1 durch Bebou kam beinahe zwangsläufig, obwohl es „nur“ das Ergebnis eines Konters war. Und dann ging es los – und zwar von beiden Mannschaften. Das Tempo stieg, der Druck erhöhte sich, und in der 59. Minute kam es zu dieser irrwitzigen Rettungstat von Wolf, der so das Unentschieden festhielt. Als dann in der 75. Minute Rouwen Hennings für Neuhaus kam, war klar: Hier wird auf Sieg gespielt! Und jetzt roch es nur noch nach einem Treffer für die Roten.

Riesige Freude und gesunde Ironie

Übrigens wirkte es auch beim SVS – ähnlich wie bei Lautern und Bielefeld in den Vorwochen – so, als sei die F95-Mannschaft den Gegner konditionell überlegen. Jedenfalls hatten die Sandhäuser ab etwa der 80. Minute kaum noch Körner, während die Fortunen tobten wie die Duracell-Häschen, allen voran Hennings, der brannte wie eine bengalische Fackel. Dass der Siegtreffer dann erst in der 90. Minute fiel, hatte nur die Spannung der F95-Fans vor Ort und in den Kneipen der Stadt erhöht. Und plötzlich kam im Häzz die Parole auf „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ Zum Glück erwies sich die Stimmung dahinter als Mischung aus riesiger Freude und gesunder Ironie, denn wie heißt es immer? Der Tabellenstand ist nur eine Momentaufnahme.

Wie es zu dem Titelbild (Foto: Mattias Neugebauer) kam? Der Düsseldorfer Musiker und Sänger Achim Schütz hat einen Song über diese schönste Stadt am Rhein geschrieben und aufgenommen. Zurzeit produziert er das Video dazu. Darin werden Düsseldorferinnen und Düsseldorfer an unterschiedlichen Stellen durch angemessenen Jubel ihre Liebe zur Stadt ausdrücken – unter anderem die Fortuna-Freunde, die gestern im Bilker Häzz ihren Spaß am Auswärtsspiel der Jungs in Sandhausen hatten.

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