Für jeden aufrechten Fortuna-Fan ist der Pokal eine ganz besondere Sache – und das hat Gründe…

Lesestück · So langsam begreift Euer zutiefst Ergebener, was es mit diesem unscharfen Begriff „Traditionsverein“ wirklich auf sich hat. Traditionsvereine haben eine GEMEINSAME Geschichte, das ist es. Kann man schon am DFB-Pokal sehen, also an den Partien, die der Club deines Herzens über die Jahrzehnte gegen andere Teilnehmer ausgetragen hat. Manche wurden gewonnen, manche verloren, aber fast jede Begegnung hat sich mehr oder weniger stark ins Kollektivgedächtnis der Anhänger eingegraben. Weißt du noch? heißt es unter Langzeitfans dann, damals in Koblenz? [Lesezeit ca. 6 min]

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Die Gemeinschaft der Fans eines Traditionsvereins manifestiert sich genau in diesem Kollektivgedächtnis. Wer nicht selbst dabei war, kennt mindestens eine:n, der persönlich anwesend war, eine:n Augenzeug:in, also. Es geht um das GEMEINSAME Erleben und um die Storys rund um einzelne Spiele. Okay, dazu zählen auch die Partien mit Aufstiegs-, Abstiegs- oder Relegationsdramatik, ganz besonders aber die Pokalspiele.

Bei den Retortenfranchises gibt es dergleichen nicht, und es ist zweifelhaft, ob eine solche kollektive Historie je entstehen wird. Das hat auch was damit zu tun, dass die Geschichte eines Traditionsvereins eine mit Highlights und Tiefpunkten ist, eine, die sich manchmal folgerichtig, manchmal antizyklisch und manchmal beschissen entwickelt hat. Ein Konstrukt wie Redbull Leipzig aber wurde mit – Stand heute und über alles gerechnet – annähernd einer Milliarde von Stunde Null an auf Erfolg gebürstet. Genau wie die TSG Hoppsheim. Und, wenn man den Blick ein wenig zurück richtet, auch der VfL VW-Burg – das sind keine Traditionsvereine und das werden auch nie welche werden.

Das gilt übrigens ausdrücklich nicht für Bayer Leverkusen, die ihr Erstligateam selbstironisch „Werkself“ nennen, denn a) hat der Verein eine mehr als 100-jährige Tradition und b) hielten sich die Investitionen des Konzerns in die Herrenfußballmannschaft in der Aufstiegsphase in relativ engen Grenzen. Wobei die 30 Millionen DM, die Reiner Calmund 1988 nachweislich ins spielende Personal stecken durfte, für damalige Zeiten ein ganz schönes Pfund auf FCB-Niveau darstellte. Aber, da war Leverkusen eben schon eingeführtes Mitglied der ersten Bundesliga, und in den Übergang von den unteren Ligen dorthin investierte Bayer Leverkusen nie sonderlich viel Geld.

04.08.2014: Die Kurve bei der Pokalniederlage gegen Wiedenbrück (Foto: TD)

04.08.2014: Die Kurve bei der Pokalniederlage gegen Wiedenbrück (Foto: TD)

Sport hat ursprünglich beziehungsweise spätestens seit des Baron de Coubertins olympischer Initiative immer etwas mit Fairness zu tun. Sportliche Wettkämpfe sollten im fairen Wettstreit und respektvollen Umgang der Kontrahenten miteinander ausgetragen werden. Wobei „fair“ hieß und heißt, dass die Gegner sich freiwillig und durchgehend an die Regeln halten und nicht versuchen, diese zu ihrem Vorteil zu umgehen.

Das gilt übrigens nicht nur für das einzelne Match (in jeder Sportart), sondern auch für Saisonwettbewerbe, also das, was sich in Ligen und Landespokalen abspielt. Redbull Leipzig hat diese Regeln schon mit der nichtswürdigen Übernahme des Startrechts des SSV Markranstädt in der fünftklassigen Oberliga Nordost gebrochen. Und in jeder folgenden Saison in jeder folgenden Liga weiter gebrochen. Fair ist es definitiv nicht, wenn das Budget eines Team in der dritten Liga so hoch ist wie die aller anderen Clubs zusammengerechnet. Fair sind die Spielerschiebereien zwischen Salzburg, Leipzig und jetzt auch New York nicht. Unfair ist der Versuch, das Entstehen einer „Fanszene“ durch hohe Subventionen erkaufen zu wollen.

31.07.2011: Mehr F95-Fans im Stadion als Heimzuschauer beim Pokalspiel in Kassel (Foto: TD)

31.07.2011: Mehr F95-Fans im Stadion als Heimzuschauer beim Pokalspiel in Kassel (Foto: TD)

Bei der TSG von Hopps Gnaden liegt der Fall ähnlich, wenn auch die Unfairness nie so groß war wie bei RBL. Hier ist am schärfsten zu kritisieren, mit welchen rüden Methoden der SAP-Mann als Großmäzen in bestehende Traditionsvereine in der Region versucht hat, einzukaufen. Wie er dabei ebendiese Traditionen ver- und missachtet hat. Und wie die TSG gerade in der Ära Rangnik durch übelste Spielerabwerbereien nicht nur sich nach vorne bringen, sondern Gegner bewusst schaden wollte.

Die Tradition von Traditionsvereinen ist kein Wert an sich. Es ist das Verdienst von all diesen Fußballclubs, die sich seit dem ersten Endspiel zwischen dem VfB Leipzig (sic!) und dem Deutschen FC Prag am 31. Mai 1903 in Altona Jahr für Jahr miteinander messen, dass sie es immer und immer wieder versuchen. Natürlich sind dabei auch Clubs hintenüber gefallen und von der Bildfläche verschwunden. Es gab Fusionen (wie die erzwungene, die 1948 zur Gründung des Äff-Zeh K*** führte), es gab Pleiten, und mancher altehrwürdige Verein musste irgendwann aufgeben – alles wie im richtigen Leben. Wobei die Niederlage, auch die finale, eben Teil des sportlich-fairen Wettbewerbs sind.

03.08.2009: Choreo in der Kurve bei der Heimniederlage im Pokal gegen den HSV (Foto: TD)

03.08.2009: Choreo in der Kurve bei der Heimniederlage im Pokal gegen den HSV (Foto: TD)

Das als Vorrede zum eigentlichen Thema. In keinem anderen fußballerischen Wettbewerb in Deutschland manifestiert sich die Sache mit der Tradition so sehr wie im Pokal, der ja angeblich eigene Gesetze hat. Eines dieser eigenen Gesetze lautet: Jeder kann jeden schlagen; ein TSV Vestenbergsgreuth zum Beispiel die Bayern (1994 mit 1:0 durch Roland Stein – bleibe sein Name auf ewig unvergessen). Auch Teutonia Ottensen könnte noch in diesem Jahr in der ersten Runde das RB-Konstrukt rausschmeißen. Und damit eine Scharte auswetzen: Der Tag, an dem dieses RBL den DFB-Pokal gewann, ist aus den oben genannten Gründen (Fairness und so…) ein schwarzer Tag für den deutschen Fußball.

Und was hat das alles mit Fortuna Düsseldorf zu tun? Nun, unsere wunderhübsche Diva gehört zu den Traditionsvereinen, die im Pokal bis heute eine besondere Rolle spielen. Man erinnere sich: 1978, 1979 und 1980 erreichte F95 das jeweilige Endspiel und holte sich 1979 und 1980 in denkwürdigen Spielen gegen diese Hertha und diesen Äff-Zeh den Pokal! Und wie es sich für einen Traditionsverein gehört, ist die Pokalgeschichte der Fortuna eine mit Höhen und mit unterirdischen Tiefen. Zu einer davon zählt auch die 0:2-Niederlage gegen die Offenbacher Kickers am 18. Dezember 2012. Damals enthielten sich weite Teil der mitgereisten F95-Fans im Rahmen der Aktion „12:12“ des üblichen Supports, und Paul Jäger beschuldigte diese Anhänger mit äußerst drastischen Worten, die Schuld an der Niederlage zu tragen.

19.12.2012: F95-Fans beim Pokalspiel gegen Kickers Offenbach (Foto: TD)

19.12.2012: F95-Fans beim Pokalspiel gegen Kickers Offenbach (Foto: TD)

Es gab Jahre in der dunklen Zeit zu Beginn der 2000er, da erreichte F95 nicht einmal die erste Hauptrunde. Und dann die Begegnung mit renommierten Erstligisten als Underdogs – gegen Bochum, den HSV oder Borussia Dortmund. Schmähliche Niederlagen wie die beim TuS Koblenz, Siege gegen Hessen Kassel vor zigtausend Mitgereiste. Seit 1996 kam die Diva über das Viertelfinale nicht mehr hinaus, seitdem war entweder in der 1. Hauptrunde oder im Achtelfinale Sense. Und die Sehnsucht der altgedienten Anhänger:innen nach einer Finalteilnahme wächst und wächst. Die ist auch die wesentliche Motivation, das mehr Fortunen zu den Auswärtsspielen im Pokal reisen als von den meisten anderen Vereinen. Ist ja auch klar: Die Ligasaison umfasst bis zu 19 Spiele, der Pokalwettbewerb – Finale eingerechnet – nur sechs Partien. Jede Begegnung ist besonders, jedes Mal heißt es hopp oder top, eine Niederlage kann nicht mehr ausgebügelt werden.

Euer aber so was von ergebener Fortuna-Berichterstatter hat es schon öfter geschrieben: Sein ganz großer, ja, letzter F95-Wunsch ist es, einmal zu einem Finale nach Berlin zu reisen, an dem die erste Herrenfußballmannschaft des Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895 teilnimmt. Jedes Jahr hofft er darauf, und schon zum Spiel der ersten Hauptrunde steigt bei ihm die Erregung, die nach dem Aus dann in Frust und auch Wut umschlägt. Tatsächlich hatten in der jüngeren Vergangenheit sowohl Friedhelm Funkel, als auch Uwe Rösler und Christian Preußer bei ihm vor allem deshalb verschissen, weil die Fortuna unter ihrer Ägide jeweils frühzeitig aus dem Pokal flog. Sollte es Cheftrainer Daniel Thioune schaffen, sein Team in das Finale zu motivieren, wäre er von Stunde an einer der ewigen Fortuna-Helden des Ergebenen.

Dazu muss zunächst auf dem Bieberer Berg bei den Offenbacher Kickers (einem Traditionsverein, mit dem F95 einiges an gemeinsamer Geschichte teilt) ein Sieg her. Keine Frage, dass der Ergebene höchsselbst dort anwesend sein wird, um die Jungs in Rot (oder welche Farbe das neue Auswärtstrikot auch immer haben wird) siegen zu sehen.

 

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