Stadtgeschichte: Das Tanzschulenmassaker 1969 (2)

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Danach wurde der Kontakt dünner. Was auch daran lag, dass ich nun fest mit Susanne ging, was ich Gisela in einem dramatischen Brief mitteilte. Wir wollten Freunde bleiben, aber in ihrer letzten Mitteilung aus dem Frühjahr 1970 teilte sie mir mit, dass sie als Austauschülerin in die USA gehen wolle und sie nicht wisse, ob es da noch sinnvoll sei, sich zu schreiben. Ich habe nie wieder von Gisela gehört, besitze aber noch ein paar der Brief, ein unscharfes Gruppenfoto und vor allem ein Bild, darauf ist sie sechs oder sieben und hält eine verletzte Möwe im Arm. Da war meine Begegnung mit den Rockern vom Rochusmarkt auch schon eine Weile vorbei. Die fand ungefähr eine Woche nach der ersten Mondlandung statt. Unsere Mutter war den Sommer über in Kur, und mein Bruder und ich hatte sturmfreie Bude. Zum Essen gingen wir wechselweise zu einer beiden Tanten in der Nähe, und nachts war er ohnehin immer bei seiner damaligen Freundin. Über seine Vermittlung war ich an einen merkwürdigen Ferienjob im Klöckner-Werk an der Erkrather Straße gekommen. Zusammen mit einem Hilfsarbeiter mittleren Alters gab ich den Handlanger im Tafellager. Dort lagen die Stahlplatten in verschiedenen Größen, Stärken und Sorten herum und wurden vom Laufkran quer durch die staubige Halle zu den Tiefladern gebracht, die das Material abtransportieren. In einer Ecke lagerten zudem Drahtballen – auch Maschen- und Stacheldrahtrollen. Damals lernte ich, dass man auf solchen Rollen aus Maschen- oder Hühnerdraht ganz bequem liegen und ein Nickerchen machen kann.

Eigentlich war mir als Schüler streng verboten, beim Anhängen der Tafelstapel an den Kran zu helfen. Dafür waren zwei erfahrene Arbeiter zuständig, die wirklich Jupp und Tünn hießen. Die hatten aber – genau wie der Kranfahrer, der in meiner Erinnerung Hennes hieß – ein kleines Alkoholproblem, das sie mit Doppelkorn zum Frühstück zu bekämpfen versuchten. Besonders die Frühschicht verlief so, dass zwei der drei festen Mitarbeiter ab etwa zehn Uhr besoffen auf dem Draht lagen und dem Feierabend entgegen schliefen. War Hennes darunter, wurde ein Defekt am Kran ausgerufen und der Hallentechniker einbestellt. Der war eingeweiht und bastelte pro forma an der Maschine herum, um seine alten Kollegen zu decken. Blieb der Kranführer nüchtern, waren Tünn und Jupp am späten Vormittag knülle, und Herbert, der Hilfsarbeiter, und ich übernahmen deren Aufgaben. An den wenigen Tagen, an denen die drei Stammkräfte allesamt nicht volltrunken waren, ließen sie uns in Ruhe, und wir konnten auf den Rollen pennen oder draußen schön in der Sonne sitzen.

Mondlandungstage
Schlimm war der Tag nachdem Armstrong den Mond betreten hatte. Denn mein Bruder und ich hatten uns nicht nur bis morgens um sechs die Übertragung angesehen, sondern dabei auch viel geraucht und getrunken. Ich hatte jedenfalls einen mächtigen Kater und litt unter Schlafmangel. Und ausgerechnet in der Situation tauchte der Meister auf, der seine Arbeitstage normalerweise im Casino verbrachte, das er nur verließ, um in der Mittagspause eine Gastwirtschaft in der Nähe aufzusuchen. Der Meister galt als harter Hund und fand mich in jämmerlichem Zustand im Draht. Er baute sich vor mir auf, stemmte die Hände in die Hüften und – lachte laut. Ja, ja, sagte er, wenn man das Saufen nicht verträgt, sollte man es lassen. Mehr hatte er dazu nicht zu sagen. Aber dieser Sommer war heiß und der Durst immer groß. Am besten ließ er sich mit Bier vom Fass bekämpfen, aber Flaschenbier war auch in Ordnung. Als Mensch, der in einer Brauerei aufgewachsen ist, war ich damals äußerst trinkfest. Aber nur so lange ich beim Bier blieb. Das war aber in der Tanzschule Kaechele aufs Äußerste verpönt.

In der Bar direkt rechts neben dem Eingang wurden nur zwei Sorten alkoholische Getränke verkauft: Weißwein und Martini. Während der Wein einigermaßen kühl im Glas stand, wurde der Wermut lauwarm serviert. So wirkte er dann auch. Schon seit Beginn des Jahres arbeiteten Udo und ich regelmäßig als Diskjockeys in der Tanzschule. Unsere Vergütung bestand aus Getränkegutscheinen. Die man auch sammeln konnte. Es war ein Samstagabend im August, der irgendwie schief lief. Ich hatte Zoff mit Susanne, die mir vorwarf, ich habe heimlich mit Uschi geknutscht. Nun knutsche Uschi war mit fast jedem Bengel, aber da ich versorgt war, lag mir nichts ferner als mit diesem vielseitigen Mädchen rumzumachen. Auch Uschi arbeitete, und zwar an der Garderobe. Obwohl die im Sommer nicht wirklich gebraucht wurde, herrschte da Hochbetrieb, weil Kaechele dort das Rauchen tolerierte. Und man mit Uschi gut rumflachsen konnte. Wir mochten sie. Als eines Tage einer der Typen, die nicht zu unserem Kreis zählte, Nacktfotos von Uschi rumzeigte, Bilder, die heute als Pornos bezeichnet würden, waren wir empört und drohten dem Kerl Prügel an, wer das Zeug noch einmal präsentieren würde. Jedenfalls nahm ich den Streit mit Susanne, die schon so gegen acht abgerauscht war, zum Anlass, meinen Vorrat an Gutscheinen in Martini anzulegen.

Der Fahrradketten-Vorfall
Kurz nach Mitternacht war ich sturzbetrunken. Während die anderen aufräumten, stolperte ich aus dem Haus. Wankte die Sternstraße runter bis zum Marienhospital, dann links in die Blücherstraße. Am Plätzchen an der Gneisenaustraße haben sie mich erwischt. Ich erinnere mich nicht an Einzelheiten. Es werden nur zwei oder drei von ihnen gewesen sein. Ich wachte auf, den Kopf auf dem Gehweg, den Körper auf der Fahrbahn. Mir lief es warm am Hals herab. Kroch ein paar Meter, schaffte es, auf die Beine zu kommen. Bis zur Ambulanz im Marienhospital waren es nur ein paar Meter. Bei der Nachuntersuchung der mit acht Stichen genähten Platzwurden am Hinterkopf sagte der junge Arzt, das sähe aber nach Fahrradkette aus. Immerhin, die Kette eines Motorrads würde deutlich schlimmere Verletzungen bewirken. Danach umging ich den Rochusmarkt weiträumig, und weil mir die Altstadt seit den legendären Karnevalstagen des Jahres 1970, die ich fast durchgehend in Pinte und Pille verbracht hatte, erschien mir das bisschen brave Party bei Kaechele spießig und unattraktiv, und ich ging nicht mehr hin. Meine Beziehung zu Susanne renkte sich wieder ein, zwei Jahre später heirateten wir.

Rund dreißig Jahre später lernte ich bei einer Geburtstagsfeier den neuen Lebenspartner der Schwester kennen, nennen wir ihn Luc. Der war Sohn eines Franzosen und einer deutschen Mutter, zwei Jahre älter als ich und auch schon seit seinem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr in Düsseldorf. Wir mochten uns und leerten mit geringer Unterstützung meiner Schwester, meiner damaligen Gattin und einiger Gäste eine Literflasche Killepitsch. Tauschten alte Geschichten aus. Als ich vom Tanzschulenmassaker von 1969 erzählte, grinste Luc mich an. Weiß isch, sagte er, war isch dabei. Es stellte sich heraus, dass er damals Mitglied des FC Rochus war und am Überfall auf Kaechele teilgenommen hatte. Er sei Lehrling als Dreher bei Rheinmetall gewesen. Und, ja, auch er sei unheimlich sauer gewesen, dass wir blöden Oberschüler den braven Arbeitern die tollsten Bräute wegschnappten. Bis heute hat er nicht dazu Stellung genommen, ob er auch am Fahrradketten-Vorfall beteiligt war. Ich will es aber auch gar nicht wissen.

[Hinweis: Dies ist eine Geschichte, keine Dokumentation. Sie basiert auf Situationen, die tatsächlich stattgefunden haben, beschreibt aber auch Szenen, die es nie gegeben hat. Die Namen sind teilweise verändert, die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen aber unvermeidlich.]

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