Stadtgeschichte: Wie wir mal eine Nato-Raketenstation blockierten

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Die Nacht war eisig, und der Tag war auch nicht wärmer. Ein scharfer, kalter Wind pfiff über das flache Land auf den Hügel zu, auf dem die Nato den Wachturm der Raketenstellung bei Kapellen errichtet hatte. Nach einem genau abgestuften Zeitplan waren gut drei Dutzend Mitglieder sogenannter „gewaltfreier Bezugsgruppen“ am Abend auf den Buscherhof bei Röckrath gekommen. In einer halb ausgeräumten Halle konnten die Friedensbewegten ihre Luftmatratzen aufblasen oder Yoga-Matten ausrollen, denn hier würde man bei Temperaturen um den Gefrierpunkt übernachten. „Unauffällig sei“ hieß die Parole, denn die Aktion sollte nicht vorzeitig auffliegen. Also blieben die Tore zu, und kein Lichtschein drang nach außen. Gegen drei Uhr morgens brachen die Blockierer auf und marschierten in kleinen Gruppen die knapp anderthalb Kilometer über die Autobahn A46 hinweg zur Nato-Raketenstation. Dort vermutete man Cruise Missiles und Pershing-II-Raketen als Teil der Aufrüstung im Rahmen des Nato-Doppelbeschlusses.

Bunte Friedensbewegung in Düsseldorf

Die Friedensbewegung war um 1981, 1982 herum in Düsseldorf so heterogen wie überall. Über viele Jahre hatten sich nur die unermüdlichen Ostermarschierer und verschiedene protestantische Vereinigungen für das Thema interessiert. Aber dann hatten sich die Nato-Mitglieder Ende 1979 auf den sogenannten Doppelbeschluss verständigt. Der beinhaltete gleichzeitig massive Aufrüstungspläne (die mit dem Stichwort „Modernisierung“ beschönigt wurden) und Verhandlungsangebote an den Warschauer Pakt. Dass die Sowjetunion ab 1958 regelmäßig Gespräche über die atomare Abrüstung vorgeschlagen und die Nato die immer wieder abgelehnt hatte, wurde geflissentlich ignoriert. Auch der damalige Bundeskanzler Schmidt, ein Mann mit viel Sympathie für alles Militärische, stand zum Nato-Doppelbeschluss, der auch die Stationierung von Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles mit atomaren Sprengköpfen auf bundesdeutschem Boden vorsah. Damit war klar, dass die DDR und die BRD im Fall eines Atomkriegs als erstes und vollständig ausgelöscht würden.

Innerhalb weniger Monate entstand in Deutschland eine massive, breite und hochaktive Friedensbewegung, der sich nicht nur alle oppositionellen Kräfte, sondern unterschiedlichste religiöse, kulturelle und politische Organisationen anschlossen – unter anderem auch die DKP, die für sich in Anspruch nahm, schon immer für den Frieden gewesen zu sein, tatsächlich aber vor allem als Propagandaarm von DDR und UdSSR fungiert hatte. In Düsseldorf, wo die Deutsche Kommunistische Partei nicht nur ihre Zentrale hatte, sondern ihren Medienstandort mit der „Unsere Zeit“ (UZ) und der „Deutschen Volkszeitung “ (DVZ) sowie dem Brücken-Verlag, waren es aber eher die Alternativen und Grünen, die den Kern der Friedensbewegung bildeten. In diesem Milieu gedieh auch die Philosophie des „Gewaltfreien Widerstandes„, der in der Bundesrepublik schon in der Anti-AKW-Bewegung Fuß gefasst hatte.

Gewaltfreier Widerstand

Der Gedanke geht zurück auf Mahatma Ghandi und wurde von der sogenannten „Graswurzel“-Bewegung in den USA im Umfeld des Protestes gegen den Vietnam-Krieg vorangetrieben. In der Bundesrepublik waren es vor allem die verschiedenen Organisationen von und für Kriegsverweigerer sowie anarchistische Gruppen, die sich mit der Anwendung gewaltfreien Widerstands befassten. So entstanden im Laufe des Jahres 1981 und später zahllose gewaltfreie Bezugsgruppen (BG). Dabei handelte es sich um freie Zusammenschlüsse von maximal einem Dutzend Leute, die gemeinsam gewaltfreie Aktionen auszuführen bereit waren. Jede Gruppe diente gleichzeitig als Schutz und Regulativ. Die verschiedenen friedlichen Methoden wurden regelrecht eingeübt – also nicht nur das Verhalten beim Abgeräumtwerden, sondern auch die praktische Organisation vor Ort und die Kommunikation im Fall von Übergriffen der Ordnungskräfte. Manche dieser BGs entstanden in den Kreisen Gleichgesinnter oder ParteifreundInnen oder Angehörigen einer Kirchengemeinde, andere einfach dadurch, dass sich Menschen bei irgendwelchen Veranstaltungen kennenlernten.

So war ich an eine besonders bunte BG geraten, die sich in den Räumen einer Gerresheimer Kirchengemeinde traf. Von den zehn Mitgliedern kannte ich zuvor nur zwei über Zusammenhänge der Grünen in der Stadt. Die Treffen war mühselig, weil – wie in den meisten alternativen Organisationen – alles bis zum Konsens diskutiert wurde und zudem galt, dass jedes Mitglied zu jeder Frage etwas sagen sollte bevor es zu Beschlüssen kam. Die ganze gewaltfreie Bewegung war zudem so dezentral, dass manche BG von geplanten Aktionen nie etwas erfuhr. Zumal die Kommunikation in den Zeiten vor dem Internet und der Mobiltelefonie nicht einfach war. Hauptmittel, sich untereinander zu informieren, waren Telefonketten: Jede/r AktivistIn bekam eine Liste mit drei bis fünf Telefonnummern. Wurde man per Telefon über eine Aktion oder ein Treffen informiert, galt es, die Nummern auf der Liste anzurufen, um die Info weiterzugeben. Das klappte ganz gut, war aber langsam. Außerdem wurden – das weiß man heute sicher – Telefone besonders aktiver und/oder bekannter Leute systematisch abgehört, sodass die staatlichen Organe eigentlich immer auf dem Laufenden waren.

Auf nach Kapellen

Weil die Anzahl Teilnehmer an der geplanten Blockade der Raketenstellung aber so klein war und auch keine prominenten Friedensbewegten dran teilnehmen, blieb unser Plan tatsächlich unentdeckt. Heute ist gesichert, dass sich auf dem Gelände der Nato-Stellung – heute existiert dort die „Raketenstation Kapellen“ mit der Langen Foundation – nie Geschosse der neuesten Generation befunden haben und wohl auch nie atomare Sprengköpfe. War vielleicht auch besser so, denn die Station wurde von der Belgischen Armee betrieben, die als einigermaßen lässig bekannt ist. Mit der Sicherheit der Anlage nahm man es nicht so genau; es gab Löcher im Zaun, und in den Erftauen hinter Absperrung konnte man im Sommer Angler sehen. Dass sich die US-Armee 1980 eingemischt hatte, verstärkte den Verdacht, hier sollten neue Raketen mit Atomsprengköpfen kommen. Die Amis hatten einen zweiten Zaun nach Nato-Standards errichtet und die Patrouillenpläne nach ihren Maßstäben optimiert. Obwohl immer noch nur belgische Soldaten in der Station Dienst taten, gab es wohl US-amerikanische Aufpasser, die regelmäßig „Qualitätskontrollen“ durchführten.

Google-Map: Raketenstation Kapellen

Google-Map: Raketenstation Kapellen

An diesem klaren Morgen mit sibirischen Temperaturen kamen wir noch im Dunklen an der Haupteinfahrt der Raketenstellung an. Wir wussten, dass es eine zweite Zufahrt gab, die aber sehr viel umständlicher zu erreichen war, hatten aber darauf verzichtet, an zwei Stellen zu agieren. Schließlich sollte die Blockade eher symbolischen Charakter haben, den wir wussten, dass wir paar Personen den Betrieb dort nicht ernsthaft würden behindern können. Also lagerten die Mitglieder der ersten Schicht direkt am Gittertor, und die besonders aktiven AktivistInnen ketteten sich dort an. Wer an eine warme Unterlage, Mütze, Schal und Handschuhe gedacht hatte, war klar im Vorteil. Die Widerständler, die gerade nicht dran waren, standen herum, redeten und rauchten und tranken Tee und Kaffee aus Thermoskannen. Einige gingen auf Erkundungsgänge.

Niemand hat’s gemerkt

Nichts tat sich. Man hatte erzählt, um sechs Uhr morgens sein Schichtwechseln. Da würde die Besatzung der Nachtwache durch Kollegen ersetzt. Aber auch um diese Zeit tat sich nichts. Als ganz langsam die Dämmerung über den Horizont kam, näherte sich ein militärischer Kleinbus – aber nur auf knapp zweihundert Meter. Blieb stehen, die Scheinwerfer ausgeschaltet. Drehte nach ein paar Minuten um und fuhr davon. Zwischen dem Tor und den Wachbaracken fand sich jede Menge Gebüsch, sodass wir nicht sehen konnten, ob sich dort etwas bewegte. Natürlich drehten sich die Gespräche auch um die persönlichen Befindlichkeiten. Auch wenn wir gut geschult waren, hatten doch zwei Drittel von uns noch an keiner Sitzblockade teilgenommen. Die Unerfahrenen waren ein wenig besorgt darüber, wie die Räumung ablaufen würden. Aber je weniger geschah, desto lockerer wurde die Stimmung.

Die Sonne schien, wir fühlten uns erfolgreich und der Ernst der Lage schwand dahin. Erst recht, als ein bekannt fröhlicher Typ aus der grünen Szene plötzlich mit seinem Klein-Jeep auftauchte, an Bord ein kleines Fässchen Altbier. Die Veranstaltung nahm Züge einer Open-Air-Party an. Man sag und lachte und fror gar nicht mehr so sehr. Dann gab es eine Gruppensitzung, und gegen zehn beschloss man einstimmig, die Blockade zu beenden. Natürlich hatten wir die Presse informiert, aber keines der Lokalblätter hatte einen Reporter geschickt und außer dem RP-Ableger NGZ hat kein einziges Medium über die Blockade der Nato-Raketenstellung Neuss-Kapellen berichtet.

Und so weiter…

Es hat danach nur noch eine Aktion meiner BG gegeben, an der ich aber unmittelbar nicht teilnahm. Eine Woche vor der berühmten Friedensdemo in Bonn, an dessen Ende sich mehr als 500.000 Menschen im Hofgarten versammelten, hatte der Versuch stattgefunden, das Bundesverteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe zu blockieren. Über zweihundert Bezugsgruppen nahmen teil – allerdings mit geringem Erfolg. Weil ich mit meinem damals knapp zweijährigen Sohn unterwegs war, übernahm ich die Rolle eines Kuriers und fuhr mit meinem Opel Kadett von Blockadepunkt zu Blockadepunkt, um Informationen weiterzugeben – in meinem Spießerauto ohne Friedenstaube und mit Kleinkind an Bord, kam ich überall durch.

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