Union vs F95 0:1 – Vollste Konzentration

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Auch wenn beide Teams unter der Woche im DFB-Pokal ausschieden – unterschiedlicher hätte die Ausgangslage nicht sein können. Während die Fortuna in Hannover heftig unter die Räder kam, ohne sich in der zweiten Halbzeit noch großartig in den Kampf zu werfen, lieferten die „Eisernen“ dem BVB unter den Augen von 12.000 begeisterten Fans einen großen Kampf, der erst im Elfmeterschießen entschieden wurde. Union-Trainer Keller musste deshalb gestern nicht nur Verletzte ersetzen, sondern Ausgelaugte schonen. Ganz anders die Situation für das kongeniale Trainergespann Funkel-Hermann: Zwar schlagen auch diese beiden Coaches mit Verletzungssorgen herum, aber dafür konnten geschonte Spieler wieder eingesetzt werden. Wobei die beiden Resultate von Mittwoch und Samstag den Verdacht nähren, Funkel und Hermann hätten beim Pokalspiel gegen 96 bewusst mit der Aufstellung experimentiert und dabei das Risiko des Scheiterns in Kauf genommen. Wäre dem so, hätten sie damit Tausenden Fans, denen der DFB-Pokal – immerhin der Wettbewerb der größten Fortuna-Erfolge – besonders wichtig ist, vor den Kopf geschlagen. Tatsächlich machte sich der Unterschied nur an zwei Spielern fest: Robin Bormuth und Rouwen Hennings.

Nein, man muss jetzt nicht dauernd Lobeshymnen auf den jungen Bormuth singen. Der Typ ist für sein Alter einfach ungeheuer abgeklärt und jetzt schon ein Meister seiner Position. Dass er das jedes Mal belegt, wenn er in der Startelf steht, sollte die Trainer doch bald auf die Idee bringen, dass Alexander Madlung eben nicht die Nummer 1 neben Kevin Akpoguma ist. Ohne jetzt noch einmal auf die glatte 6 am Mittwoch einzugehen: Der einzige Vorteil, den Madlung gegenüber Bormuth hat, ist seine Körpergröße und seine Kopfballstärke. Jedenfalls war das Innenverteidigergespann erneut das Kraftzentrum des Fortuna-Spiels. Verrückt genug, dass sich das in den einschlägigen und offiziellen Statistiken nicht niederschlägt. Dort hat Adam Bodzek mit 20 gewonnenen Zweikämpfen die Defensivkrone auf. Die er sich allerdings mit Kaan Ayhan teilt, dieser phänomenalen Mischung aus defensiver Cleverness und offensiven Kreativität. Dass der Ex-Schalker zusätzlich mit seinem wirklich sinnlosen taktischen Foul maximale Blödheit bewies und eine gelb-rote Karte kassierte, dürfte seinem jugendlichen Überschwang geschuldet sein. Egal wie lange er dafür gesperrt sein wird: Er wird dem Team schmerzlich fehlen.

Die Überkonzentration

Ein ehemaliger Fußballprofi erzählte einmal, dass es so etwas geben kann wie „Überkonzentration“. Sei maximale Defensive ausgerufen und habe sich die Mannschaft komplett darauf fokussiert, könne daraus eine tolle Abwehrleistung bei gleichzeitiger hoher Fehlerquote im Offensivbereich entstehen. Die Konzentration der Spieler führe quasi zu einem Tunnelblick, der öffnende Pässe und dergleichen ausblendet. Kann gut sein, dass dieser Effekt auf das Fortuna-Team im Stadion an der Alten Försterei zutraf; besonders in der ersten Spielhälfte, in der allein Ihlas Bebou versuchte, mit Rouwen Hennings ein Angriffsspiel aufzuziehen. Dass dabei bis zur 45. Minute gefühlte anderthalb Torchancen entstanden, zeigt die Wirkungslosigkeit dieser Versuche.

Aber auch die Männer vom FC Union brachten offensiv nicht viel mehr zustande als Zweidrittel Ballbesitz und einen Haufen Flanken, von den kaum eine je wirkliche Gefahr für Keeper Michael Rensing auslöste. Wirklich überlegen wurden die Köpenicker erst viel später – als es eigentlich schon fast zu spät war. Nach dem Wiederanpfiff änderte sich zunächst wenig. Bis Union in der 53. Minute zum ersten Mal beinahe scorte. Der Gegenschlag folgte auf dem Fuß: Wieder einmal war es Lukas Schmitz, der den genauen Pass schlug. Der erreichte Rouwen Hennings, dessen Schuss der Torwart gerade noch abwehren konnte. Zum 0:1 traf dann Ihlas Bebou, der damit wieder eine gute Leistung krönte. Kaum fünf Minuten später kam die Vorlage dann von Jerome Kiesewetter, der eine ordentliche Vorstellung bot. Wieder landete der Ball bei Hennings, der einen unabsichtlichen Aufsetzer fabrizierte, der übers Tor hinweg flog.

Ungenaue Unioner

Ähnliche Situationen entstanden bis etwa zur 70. Minute. Die Unioner agierten nach dem Treffer der Fortunen lange äußerst ungenau und erarbeiteten sich kaum Chancen. So richtig änderte sich das erst nach der Herausstellung von Kann Ayhan in der 86. Minute. Leider versuchten es die Berliner zunehmend mit unfairen Mitteln, indem sie ein ums andere Mal simulierten, im Strafraum gefoult worden zu sein, um einen Elfer herauszuholen. Das war unschön und warf ein schlechtes Licht auf die Bemühungen der Mannschaft in Rot. Dass die Kicker um Trainer Keller nicht verlieren wollten, hatte eine Menge mit dem Thema „Serie“ zu tun, das ja von Medienmachern genauso gehypt wird wie das Gegenstück, der „Fluch“. Immerhin hatte der FC Union bis gestern ein Jahr lang nicht auf eigenem Platz verloren.

Bleiben noch ein paar Blicke auf die Düsseldorfer Akteure, von denen bisher nicht die Rede war. Zum Beispiel von Julian Schauerte, der im Offensivspiel perfekt mit Jerome Kiesewetter harmonierte und dabei seine Verteidigungsaufgaben nicht vernachlässigte. Axel Bellinghausen ließ wieder den großen Kämpfer raushängen, war aber spielerisch an diesem Tag eher schwach. Die drei Einwechselspieler konnten wenig zeigen. Während Emma Iyoha und Özcan Yildirim bereits Zweitligapraxis haben, durfte der hochbegabte Anderson Lucoqui zum ersten Mal reinschnuppern. Erfreulich auch, dass das Fehlen des zuletzt hervorragend aufspielenden Marcel Sobottka so problemlos ersetzt werden konnte.

Täuschende Tabelle

Die Fortuna hat nun also die letzten drei Spiele gewonnen und dabei nur ein Tor kassiert. Das brachte die Mannschaft gestern auf den dritten Tabellenplatz der Zweiten Liga, den sie heute vermutlich wieder verlieren wird. Während die Siege gegen 1860 und gegen Bielefeld noch zu erwarten waren, sind die drei Punkte gegen den FC Union trotz der geschilderten Ausgangslage deutlich höher zu bewerten, denn die Köpenicker sind in der laufenden Saison ein Spitzenteam. So wurde gestern der Beweis angetreten, dass das junge Team von Funkel und Hermann die „Großen“ nicht nur ärgern, sondern in deren Regionen mitspielen kann. Was dabei am Ende herauskommt, steht in den Sternen. Den Fans der Fortuna kann nur geraten werden, sich einfach weiter am erfrischenden Auftreten der Mannschaft zu erfreuen.

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2 Kommentare

    • Rainer Bartel am

      Danke. Das ist natürlich richtig.
      Wobei: Einen gewissen Charme hätten „Sperren wegen Bödheit“ schon…

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