Die Wissenschaft rund um den Fußballsport hat in den vergangenen fünf, sechs Jahre mehrere Quantensprünge gemacht. Otto und Lisa Normalfan kommen da kaum noch mit.

Meinung · Euer zutiefst ergebene Fortuna-Beobachter ist erklärter Maßen Fan der Fußballwissenschaft – von der KI-gestützten Videoanalyse über die diversen In-Depth-Statistiken bis zu per Algorithmen entwickelten Taktiken und Systemen. Verrückterweise kann er das Spiel mit dem Ei auf dem grünen Rasen trotzdem noch genießen und im Block bei aufsteigenden Emotionen ganz schön abgehen. Dass man das Spiel aber wissenschaftlich betrachten kann, fasziniert ihn. Was ihn beunruhigt, ist das Tempo, in dem die Dinge sich entwickeln. [Lesezeit ca. 3 min]

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Da poppen ständig neue Begriffe im Fachjargon auf, da werden Spieler zu Figuren in virtuell simulierten Situationen, und da geraten Spielanalysen bisweilen zu kaum noch verständlichem Kauderwelsch. Kein Wunder, dass Otto und Lise Normalfan nicht mehr mitkommen und sich bei ihrer Beurteilung einer Partie ganz auf ihre individuelle Erfahrung und das Gefühl verlassen. Das zu akzeptieren, musste euer Ergebener in den vergangenen Wochen erst einmal lernen. Viel zu emotional und nicht durch nachprüfbare Fakten belegt erschien ihm die bisweilen sehr harte Kritik einiger Anhänger:innen.

Nun geht es ihm aber zunehmend auch so, dass er den Ausführungen von Trainer Daniel Thioune nicht immer so ganz folgen kann. Und überlegt, wie die Coaches eigentlich mit den Spielern sprechen und ob diese sie überhaupt vollumfänglich verstehen. Vermutlich ja, denn auch die Kaderinsassen sind inzwischen in die stundenlangen Videoanalysestunden und Taktik-Briefings eingebunden, da werden sie die Begrifflichkeiten schon gelernt haben.

Tatsächlich hat sich nach Aussagen mehrerer Erst- und Zweitligatrainer der Zeitaufwand für die Videoanalyse und das Studium der Statistiken in den vergangenen gut sechs Jahren mindestens verdreifacht. Denn der hauptamtliche Videoanalyst bringt zum Beispiel von einem Spiel mehrere Stunden Material mit, dass er dann zunächst sichtet und dann für die weitere Verwendung durch die Trainer aufbereitet. Aus dieser Version wird dann nach den Anforderungen der Coaches eine ganze Reihe von Clips für die Mannschaftssitzungen und auch für Einzelgespräche mit den Kickern.

Trend seit etwa zwei Jahre ist die Echtzeit-Videoanalyse. Zunehmend sieht man Mitglieder des Trainerstabs mit Tablets auf der Bank sitzen (Manchmal sind die Geräte an Stativen befestigt, sodass sie freihändig genutzt werden können), die fortwährend auf die Displays schauen, und ab und an Infos an den Cheftrainer weitergeben. Dass jeder Kicker des eigenen Teams über die ganze Zeit hinweg, die er auf dem Rasen verbringt, getrackt wird und diese Informationen in Echtzeit den Coaches bereitgestellt werden, ist im europäischen Spitzenfußball gang und gäbe.

Ein weiteres Element dieser Verwissenschaftlichung ist die Statistik. Damit ist nicht das bisschen Information gemeint, dass man im Kicker oder auf bundesliga.de findet, sondern eine unfassbar große Datenmasse pro Partie, die nahezu jeden denkbaren Aspekt erfasst und auswertet. Firmen wie Opta liefern Clubs beispielsweise maßgeschneiderte Pakete ihrer Stats-Perform-Plattform, mit denen teilweise sekundengenau erkannt werden kann, wie oft ein bestimmter ballführender Spieler den Kopf gehoben hat, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Kürzlich hat ein Kommentator hier das schöne Zitat des abgedankten Kaisers ins Feld geführt: „Und jetzt geht’s naus und spuit’s!“ Also die Aufforderung an die Kicker, auf dem Rasen ihren fußballerischen Instinkt walten zu lassen. Und zwar jenseits irgendwelcher taktischer Korsettstangen. Das hört sich zunächst schrecklich altmodisch an. Wenn man aber mitbekommt, dass ein aktueller Stammspieler der glorreichen Fortuna von seinen Vorgesetzten dafür kritisiert wird, dass er sich nicht strikt genug an die ihm übertragenen Aufgaben gehalten und sich „in Räumen, in denen er nichts zu suchen hat“ aufgehalten hat, wird einem Freund des getretenen Rundballs doch ein bisschen blümerant ums Herz.

„Wo bleibt denn da das Unberechenbare?“ fragt sich inzwischen auch Euer Ergebener immer öfter. Sind es nicht gerade diese Geistesblitze einzelner Spieler, die das Herzerwärmende am Fußball ausmachen? Sind es nicht die schönsten Tore, die aus unmöglichen Situationen fallen, weil der Schütze sich ein Herz gefasst hat? Ungefähr so wie Nicolas Gavorys Tor letzte Wochen in Braunschweig. Sind es nicht die genialen Pässe, die jenseits aller einstudierter Laufwege für Bewunderung durch das Publikum sorgen?

Dieser Tage dachte euer vom Kopf, Herz und auch Bauch her Ergebene, ob die – sagen wir – Probleme, die das F95-Team zuletzt hatte, nicht vielleicht sogar eine Folge der Verwissenschaftlichung waren, dass die vielen Analyse- und Briefing-Stunden eventuell die Spieler überfordern und ihre fußballerischen Instinkte beeinträchtigen. Heikle Frage, auf die Kicker nicht gern antworten und Trainer schon gleich gar nicht.

1 Kommentar

  1. Es besteht vielleicht auch die Gefahr, dass sich Spieler bei mehrstündigen Videoanalysen irgendwann überfordert fühlen und / oder geistig abschalten. Und wenn es dann im Spiel hoch hergeht, hat man dann noch diverse wichtige Punkte im Kopf? Ja, die Instinktfußballer fehlen mir auch, aber ich bin auch schon ein älteres Semester.

    Ich denke, es gibt sie noch. Und Thioune traue ich zu, dass er ihnen auch gewisse Freiheiten gibt. Sofern wie diesen Typ im Kader haben. Vielleicht Appelkamp, Tanaka oder Hendrix. Hennings ist sicher auch so einer.

    Hoffen wir mal, dass morgen der Instinkt zum Sieg bei vielen vorhanden ist. 😉

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