Lesestück · Vor fast zehn Jahren wurde die mächtige WestLB auf Anordnung der EU-Kommission zerschlagen. Damit endeten 180 Jahre Geschichte einer öffentlichen Institution, die in den Siebzigerjahren in falsche Hände fiel. Und die waren über 40 Jahre lang mehr oder weniger stark mit den Sozialdemokraten in NRW verbunden. Aus diversen Umstrukturierungen in Abhängigkeit von den Verwaltungseinheiten der jeweiligen deutschen Staatsgebilde sowie einigen Fusionen entstanden, wurde das Gebilde 1969 Westdeutsche Landesbank Girozentrale genannt. In ihrer Eigenschaft als Girozentrale wickelte die WestLB – wie sie später offiziell hieß – die Transaktionen der Sparkassen in NRW ab. Als Bank fungierte sie – wie die Landesbanken in den anderen Bundesländern auch – als Hausbank des Landes. [Lesezeit ca. 4 min]

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Bei den Landtagswahlen 1966 erreichte die SPD fast die absolute Mehrheit – getragen vor allem von den Stimmen der Arbeiter im Ruhrgebiet. Natürlich verstand sich die Partei deshalb als DIE Industriepartei und war bemüht, ihre Wähler durch eine entsprechende Politik bei der Stange zu halten – besonders durch offene oder versteckte Subventionen in die entsprechenden Branchen. Unter dem Ministerpräsidenten Heinz Kühn, der das Land von 1966 bis 1978 regierte, wurde die Westdeutsche Landesbank zum wichtigsten Werkzeug dieser Klientelpolitik.

2009: Ein ehemaliges Gebäude der WestLB an der Elisabethstraße wird kernsaniert und umgenutzt (Foto: TD)

2009: Ein ehemaliges Gebäude der WestLB an der Elisabethstraße wird kernsaniert und umgenutzt (Foto: TD)

Obwohl der legendäre WestLB-Chef Ludwig Poullain eher ein Gegner dieser Finanzierungspolitik war, führte er das Unternehmen doch ganz im Sinne der SPD-Regierung. Dafür ließ man ihm freie Hand bei der rasanten und riskanten Ausweitung der Geschäftsfelder. Tatsächlich expandierte die Landesbank in der Ära Poullain (1969 bis 1978) mit neuen Geschäftsgebiete wie der Vergabe von Industriekrediten, Kauf von Industriebeteiligungen und einem Auslandsgeschäft wie es Privatbanken betreiben. Besonders die Industriefinanzierung wurde von den regierenden Sozialdemokraten ganz im Sinne ihrer Politik benutzt, denn so konnten Unternehmen, die im Zuge der ersten Krisen der Ruhrwirtschaft in Schieflage geraten waren, gerettet werden. Die WestLB wurde zum Instrument des Strukturwandels.

Poullain stürzte über einen Skandal, der so richtig keiner war. Inzwischen hatte Johannes Rau den Posten des Ministerpräsidenten übernommen, ließ der Landesbank aber noch mehr freie Hand. Schon in den Siebzigerjahren hatte die WestLB viele Millionen DM mit ihren Beteiligungen und Krediten verloren, mit dem nun galoppierenden Wachstum häuften sich die Fehlinvestitionen. Aber inzwischen war die Landesbank fest in den Händen der Sozialdemokraten. Posten bis hinab auf Abteilungsleiterebene wurde nach Parteibuch besetzt, in den fürchterlich düstren Gebäuden rund um den Kirchplatz in Bilk traf man sich gern zu klandestinen Treffen.

WestLB-Gebäude an der Herzogstraße - ein Beispiel für Gewaltarchitektur (Foto: TD)

WestLB-Gebäude an der Herzogstraße – ein Beispiel für Gewaltarchitektur (Foto: TD)

Bis zum Beginn der Nullerjahre sah das Ganze von außen betrachtet allerdings recht erfolgreich aus. Das lag auch daran, dass das Treiben des Vorstandschefs Friedel Neuber (1981 bis 2001) immer voll und ganz von der jeweiligen Landesregierung gedeckt wurde, besonders in der Ära von Ministerpräsident Wolfgang Clement (1998 bis 2002), der mit seiner ganz eigenen Auffassung von sozialdemokratischer Industriepolitik gern mit Neuber mauschelte. Über Jahre hatte sich ein Streit mit der EU-Kommission über verdeckte Subventionen des Landes an die Bank hingezogen, der 2001 verlorenging. Die WestLB musste einerseits Landeshilfen zurückzahlen, durfte andererseits aber in einer Übergangsfrist bis 2015 günstigere Zinsen anbieten als die Privatbanken.

So floss enorm viel Kapital in die Bank, auf das besonders die in London ansässigen Investmentbanker der WestLB ein Auge geworfen hatten. Eine Phase hochriskanter Spekulationen begann, die mit der Finanzkrise von 2008 in einem Desaster endete. Am Ende fehlten 18 Milliarden Euro, und die WestLB musste mit den bekannten Mitteln (siehe auch Hype Real) gerettet werden. 2009 sagte der damalige NRW-Finanzminister Walter-Borjans, eine Abwicklung der Bank würde den Steuerzahler viele Milliarden kosten – und zwar über die geschätzten 50 Milliarden Landes- und Bundeshilfen, die ab Mitte der Siebzigerjahre geflossen waren hinaus. Also wurde die WestLB 2012 in drei Gesellschaften aufgespalten, von denen zwei über einen Zeitraum von 15 Jahren sanft abgewickelt werden sollen. Offiziell ist die Portigon AG Rechtsnachfolger. Von ehemals bis zu 11.000 Mitarbeiter:innen der WestLB sind inzwischen kaum mehr als 1.100 noch in Lohn und Brot.

Das Ende der WestLB löste die Krise der Friedrichstraße aus (Foto: TD)

Das Ende der WestLB löste die Krise der Friedrichstraße aus (Foto: TD)

Das Ende der WestLB, wie wir sie kannten, löste die Strukturkrise der Friedrichstraße aus. Denn viele Restaurants und Ladengeschäfte lebten von den Mitarbeiter:innen der Bank als Kunden. Die Zahl der potenziellen Käufer halbierte sich nach 2012 vor allem durch das Ende der Landesbank. Immerhin gelang es, vier der fünf WestLB-Gebäude im Umfeld von Kirchplatz, Friedrich- und Elisabethstraße zu verkaufen, so dass diese rasch neu genutzt werden konnte. Immer noch prägt aber die Gewaltarchitektur – vor allem des Komplexes an der Herzogstraße, der heute unter dem euphemistischen Namen „Herzogterrassen“ vermarktet wird – das ganze Viertel.

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